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Archives: Mittwoch, 29. April 2020

 


Wahrscheinlich wird die Radiostunde über die entlegenen Räume von „Sylt im Lockdown“ kein Theater der Stimmen versammeln, und einfach auf das setzen, was, neben allem anderem, in der Nacherzählung übrigbleibt.

Gestern etwa die drei lebensfrohen Insulaner-Paare, die von ihrer Art berichteten, die (so nie vernommenen) stillen Räume der Natur zu geniessen. Immer wieder der Tenor, wie freundlich selbst Wildfremde oder nur flüchtige Bekannte einander begegnen neuerdings, am Meer, in diversen Einsamkeiten – wo sonst eher freundliche Zurückhaltung angesagt war. Eines der Paare schien, Corona-bedingt, eine schnelle Hochzeit zu planen – oder war es herzlicher Ostfriesen-Schnack? Die Heiratswillige erzählte davon, dass ihr immer wieder das Wort „surreal“ durch die Sinne ging.

Es gilt, wenn man so oft im „Nachtjournalismus“ unterwegs ist, der Mehrwert der Atmosphäre. In der Erinnerung „verdampfen“ die Stimmen zu Fragmenten – zu dem, was „hängen bleibt“, sich flüchtig festsetzt. Lucille Carras Verfilmung von Donald Ritchies Buch The Inland Sea von 1991 mag als Inspiration herhalten – sie nimmt die narrative Freiheit der literarischen Quelle auf, indem sie die Inseln des japanischen Binnenmeeres durchwandert und sich auf verschiedene Qualitäten von Land, Luft, Wasser und Shinto-Schreinen einlässt. Natürlich eine andere Welt, aber trainieren wir derzeit nicht mehr denn je, zwischen Welten zu wechseln?!

Als ich mich heute, bis ich gut durchnässt war vom Inselregen, in der Brederuper Heide umtat, treppauf, treppab, treppauf, zu ablandigen Winden, hatte ich fast mit der Überschrift gerechnet „Zwei Stunden, kein Mensch“, aber bald stiess ich auch zwei Arbeiter, ihre Ausbesserungen an den Stegen – und aus ihrem Radio tönte tatsächlich der Song „California Dreaming“, was dann kein Stören der Erwartung war, sondern leise Freude, flashbacks inklusive.

Im Hier, im Jetzt dann angekommen, als ich auf Anraten von Hans Rollman, in einer überraschend im „Rosenhaus“ vorgefundenen Infrarotkabine, ein wunderbares neues Lied hörte, staunend – und wenn gesungen wird, dann anscheinend deutsch – „Himmelfahrten“, aus dem Album Haut von Die wilde Jagd. Garantiertes airplay in den nächsten „Klanghorizonten“!

 

Am Ufer zu stehen und den Fluss mit seinen wechselnden Stimmungen zu bestaunen ist eine meiner frühesten Erfahrungen. Wir wohnten nur ein paar hundert Meter vom Rhein entfernt, und alle Erinnerungen, die ich an diese Zeit hatte, bevor wir woandershin zogen, haben mit dem Fluss zu tun, der aus meiner Perspektive so unendlich und unberechenbar war wie ein Meer. Was wäre das für ein Gefühl, mitten auf diesem Gewässer zu sein, und auf keiner Seite Land zu sehen? Und genau da holt Steve Erickson mich ab: „There was always a moment, sailing between the boathouse on shore and Davenhill Island, when neither was in sight. There was nothing in this moment but his boat in the fog on the water; there might as well have been no sun in the sky or anything that called itself a country.“ So beginnt der Roman Tours of the Black Clock. Bei Erickson ist die Zeit nie eine gerade Linie, sie verläuft in kunstvollen Schleifen und rätselhaften Loops und scheut sich auch nicht davor, den Rückwärtsgang einzulegen, über das gesamte zwanzigste Jahrhundert hinweg, ins Zentrum eines verlorenen erotischen Traums. Das Buch hat 164 Kapitel, die oft nur eine Seite lang sind. Dies sind die kürzesten:

 
 

133
I can: Im´sure of it.

134
I cannot.

135
(…) I´m miserable in my failures.

 

2020 29 Apr.

„What Lies Ahead“

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