Manafonistas

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Archives: Mittwoch, 15. April 2020

Liebe Gabi,

 

danke, dass ich deine Mail auf dem Blog veröffentlichen darf. In Absprache sind alle bis auf deinen Namen geändert, und ob deine Favoritin mit den Buckelwalen das liest, keine Ahnung. Schmunzeln würde sie bestimmt. Nein, die Aufzeichnungen behalte bitte als „akustische Postkarte“ bei dir, es reicht mir, wie lebendig sich das alles gerade in der Erinnerung anfühlt. Den „alten Meister“ kannst du Samstag in den Klanghorizonten hören, ich spiele mein vierzehn minütiges Lieblingsstück des Album, „Aus weiter Ferne“ – das passt doch, auch zu dem letzten Satz deiner Zeilen.

Also, du fragst nach Lieblingsalben dieser Tage. Nun, tatsächlich mag ich Roedelius „achtes“ Selbstportrait sehr. Auf Wunsch von Gunther Buskies, dem Chef von bureau-b, ging Roedelius an die Aufgabe, vorzugsweise mit dem „vintage“-Instrumentarium aus Forst, eine Art Zeitreise zu seinem jüngeren Ich anzutreten. Und das ist ihm rundum geglückt. Folgende Maschinen und Gerätschaften sind im Einsatz: Farfisa Fip345, Fender Rhodes Mark II, Roland CR78, Korg MS20, Boss RE-20, Echolette Aolis State Panorama Mixer. Was hier im Studio entstand, zusammen mit Wolf Rod Bock (Aufnahme) und Onnen Bock (Produktion), ist eine sehr hochwertige Aufnahme, und der Klassesound unterscheidet es von den alten Scheiben: was damals einen besonderen Reiz ausübte (und immer noch ausübt), wurde also nicht platt imitiert. Für mich hört sich das wie eine Sammlung von Essenzen an. Das Kindliche und Verträumte, das Skurrile und Weltenferne, und auch Dunkles, das sich immer wieder an die Ränder von Roedelius‘ Träumereien einschleusen kann. Und während ich diese Zeilen schreibe, läuft Wahre Liebe auf dem Kopfhörer. Das Album heisst wirklich so. Da hätte ich vielleicht was anderes vorgeschlagen. Haha.

Gestern und vorgestern war meine Lieblingsplatte die in Kürze erscheinende Arbeit von Lucinda Willliams. Good Souls Better Angels. Wie ich dich in Erinnerung habe, ist das sicher etwas, das dir gefallen könnte: rohe, ungeschliffene Energien, und dann die Power in der Stimme, selbst da, wo sie bricht. Mit ihrem Mann und Produzenten Tom ist sie erst kürzlich nach Nashville umgezogen, und sicher nicht aus Nostalgiegründen. Ich las ein langes Interview mit ihr in der Mai-Ausgabe von Uncut. Beeindruckend. Aber jetzt ist auch sie in dieser neuen befremdlichen Welt gelandet. 

Kontemplatives Leben kann ich gut. Ich versuche mich fit zu halten. Jeden Tag einmal über den Berg. Aussenwelt, Innenwelt, schön im Wechsel. In den letzten Tagen bin ich in folgenden Filme versunken, bei mir daheim auf grosser Leinwand: Steamboat Bill, Jr. ein grossartiger Buster Keaton. Die schöne Querulantin. Von Jacques Rivette. Einsame Klasse. The Man Between. Von Carol Reed. Nachkriegsberlin, kurz vor dem Mauerbau. Alles Zeitreisen. Was reale Reisen betrifft, würde ich ich gerne ratzfatz auf Sylt auftauchen und einen Tag lang an der Küste wandern. Von Kampen bis Hörnum. Und zurück. Die Inselpolizei bekäme meinen Unabkömmlichkeitsausweis vorgezeigt. Ich bin keine Schmuggelware. Ich muss einfach ans Meer gelangen können. Irgendwie und „sowiesoso“! Fisch, Aszendent Waage. Und da bin ich auf einmal, schaue mich um, gespenstische Leere. Ein Gefühl, wie zwischen „Lost“ und „The Leftovers“.

 

Herzlich, Michael

2020 15 Apr.

Kleine Mail wie aus fernen Zeiten

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Lieber Michael!

 

Ich habe nun endlich Zeit gefunden, meine Aufzeichnungen durchzugehen, aus den Tagen der Selbsterfahrungsgruppe im Weserbergland. In Erinnerungen bin ich oft dorthin zurück gekehrt, aber nur in der Art, dass ich Musik auflegte, die wir damals gespielt haben. Die Beziehung mit Heike war schon auf dem absteigenden Ast, aber es gab noch schöne Momente, und dieser letzte gemeinsame Urlaub hatte einiges davon zu bieten. Gutes altes Hippie-Feeling. (Heike ist gerade mitten in einem neuen Honeymoon, und ich fahre auf Hatha-Yoga ab, so ändern sich die Zeiten.) Ist ja noch gar nicht sooo lange her. Die Gelage mit Wein und Haschisch, nachts, während aus den Bäumen „Sowiesoso“ von Cluster lief. Deine Lagerfeuergeschichten haben mich genauso wegdriften lassen. Einmal spieltest du dazu eine der ersten Selbstportrait-Alben von Roedelius und erzähltest davon, wie diese vollkommen unperfekte Musik mit all ihren Einfachheiten oft tieferen Zauber entfachen kann als etwas irrsinnig Virtuoses. Du erzähltest, wie Musiker wie Eno oder Roedelius gerne beschädigte Kassettenrekorder, Tonbandgeräte, Instrumente benutzten.

Ich habe einiges mitgeschnitten, und das lief gestern Nacht in meiner Dachstube in Osnabrück. Gesichter wurden lebendig, als ich die Stimmen hörte, die Nachtgeräusche, und im Hintergrund diese „Selbstportraits“ des alten Österreichers. Karins Stimme ist einmal zu hören, und sie schwärmt da von der berühmten Platte mit dem Buckelwalen. Karin und Bernd, eines dieser scheinbar ewigen Paare, die über die Jahrzehnte beieinander geblieben sind. Ich stellte sie mir als Girl vor, und wie ich damals aussah, und ich  hätte gerne ein Zelt mit ihr geteilt und ihren Körper erkundet. Das mit der Lust hört nie auf, oder? Aber Karin sprang ihr Heterosein aus jedem Knopfloch, also steckte ich ihr zum Abschied nicht mal meine Mobilnummer zu. Vielleicht liest sie ja euren Blog. Egal, ich spinne nur etwas. Soll ich dir drei Stunden Klänge und Stimmen senden? Wie ist das neue Album von Roedelius? Was ist gerade deine Lieblingssscheibe? Hey, und das war ein ganz tolles „Seminar“! Pass gut auf dich auf, und vielleicht kommst du ja mal in Osnabrück vorbei? Seit diesem Virusirrsinn kommen mir schon Dinge, die nur Wochen, Monate zurück liegen, wie ein vergangenes Leben vor.

 

Herzlich, Gabi!


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