Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2019 27 Mrz

Black Electric Cat touches the Hyperuranion

von: Uli Koch Abgelegt unter: Blog | TB | Tags:  Keine Kommentare

Das klassische Piano-Bass-Schlagzeug Trio bietet eine ungeheure Bandbreite musikalischen Ausdrucks. Allein die Reduktion auf das Essentielle kann zu ungeheuer spannenden Ergebnissen führen und lässt sehr viel Raum für den individuellen Ausdruck jedes einzelnen Musikers. So finden sich hier sowohl äußerst innovative Gruppen aber auch jede Menge Stammhalter gepflegter Langeweile. Bei der Innovation stehen die frei improvisierenden Trios ganz vorne und auf der anderen Seite finden sich die ewig redundanten Interpreten des/der Standarts, die gut geeignet sind eine Absackerbar hintergründig zu beschallen und sich beim ausschließlichen Hinhören aber auch gut zur Schlafinduktion eignen.

Platon’s Hyperuranion ist das Reich der Urideen, die allen Phänomenen und Erfahrungen in idealer Form zugrunde liegen. Es ist ein Bereich im Überirdischen, wo sich alle Ideen gesammelt finden, die sich dann in Schönheit und Wahrheit in der phänomenalen Welt manifestieren. Es ist die ewige Quelle der Inspiration für die Seelen, die dann versuchen nach ihrer Inkarnation hier auf der Welt ein Abbild der Erfahrungen und Ideen des Hyperuranions nachzubilden. Sokrates stellte dieses Reich sogar über die Götter, deren Göttlichkeit sich aus dem unmittelbaren Wissen dieser idealen Urformen ergeben sollte.

In der Dunkelheit sind alle Katzen grau. Alle? Nein, denn die Nacht schluckt die schwarzen, die unsichtbar werden und sich lautlos bewegen: auf den Dächern, in finsteren Winkeln, in lichtlosen Konzertkellern und dann plötzlich zuschlagen, um dann wieder so schnell mit der Dunkelheit verschmelzen, wie sie in Erscheinung getreten sind. Hier beginnt diesesmal alles mit einem heftigen Schlag: ein synthetischer Technopulse, der Katapultwirkung hat und mit einem bizarren „I’ve got Blisters on my feet“ durchwoben wird. Aber halt: was ist das eigentlich? Techno? Math Rock? Jazz? Wave? Zu diesem Zeitpunkt ist kein Urteil möglich, denn Chat Noir startet auf ihrem neuen Album Hyperuranion eher als Black Panther (wenn der Begriff nicht schon so besetzt wäre…) als als Katze. Vor mehr als einem Jahrzehnt von Michele Cavallari und Luca Fogagnolo als Jazztrio gegründet, bewegte sich die Band alsbald weg vom konventionellen Repertoire und begann, auch unter Hinzunehme von Gastmusikern, sich in experimentelle Gefilde zu bewegen. So half auf ihrem letzten Album Nine Thoughts For One Word bereits J Peter Schwalm den experimentellen Boden zu bereiten, der sich aber auf Hyperuranion viel intensiver neue Wege sucht. Dieses mal sind der schweizer Schlagzeuger Moritz Baumgartner und Daniel Calvi an der Gitarre mit von der Partie. Und auf vier Stücken Nils Petter Molvaer, der sich grossartig und unglaublich dezent in das Konzept dieses faszinierenden Klangreichs einfügt, aber nicht ohne die sphärische und jazzige Seite tiefer in das Gewebe dieser Musik einzufügen. Ein Großteil dieses Albums entstand im technoiden Gegenstück des Hyperuranions: in der Cloud. Hier wurden Ideen und Klangfarben gesammelt, um sie dann als Improvisationsgrundlage im Studio einzusetzen und den Ideen so eine subtile, wie kraftvolle Vitalität im Reich manifestierter musikalischer Formen zu geben. Längst hat Chat Noir hier das Piano gegen Synthesizer ausgetauscht und mit Samples und Entfremdungsmöglichkeiten gespielt.

Humanity klingt nach dem wavig-funkigen Opener ganz ruhig und fast ambienthaft sanft, von Molvaers Trompete getragen. Immediate Ecstasy zieht dann schon wieder an und lässt offen, ob die Schönheit der Klänge oder der Drang des Rhythmus den grossen Ideenreich entlehnt ist und geht dann fast nahtlos in das treibende Overcome, das überraschende und skurrile Wendungen bereit hält über. Quasar schwebt dann wieder im unendlichen Raum, Glimpse schaut verschwurbelt in bislang unbekannte Welten, denen beiden Molvaer warmen Atem einhaucht. Aus diesem Schweben bricht dann bei Ten Elephants eine Elefantenhorde hervor, brachial und bebend und wird von Matador Insects gefolgt, das ein unentwirrbares Labyrinth exotischer Klänge und Wendungen entfaltet, an dem ich mich nicht satt hören kann, um dann wieder in den primordialen Raum zu entschwinden, aus dem sich dieses musikalische Vexierstück manifestiert hat. Kraut-Jazz für die Götter, der mit einer unglaublichen Fülle an Ideen und Klängen spielt, tanzt, stampft, röhrt und sich ganz unsenitimental träumend wieder im Reich der ewigen Ideen verliert.

Chat Noir haben sich zum musikalischen Pendant von Schrödinger’s Katze entwickelt, bei der man nicht weiß, ob sie tot ist oder lebt, solange man die Kiste nicht geöffnet hat: Solange sie im Hyperuranion verweilen bleibt völlig offen in welcher Ecke des idealen Ideenreiches sie gerade Verstecken spielen bis das letzte Stück zu Ende ist. Ich bin dann mal weg …

 
 
 

 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Mittwoch, 27. März 2019 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

Noch keine Kommentare.

Kommentar hinterlassen

XHTML erlaubte Tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Mit dem Absenden akzeptiere ich die Übermittlung und Speicherung der Angaben, wie unter Datenschutz erläutert.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz