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Archives: Freitag, 4. September 2015

In dem Roman von Lutz Seiler `KRUSO´ (Frankfurt 2014) spielt nicht nur ein altes Röhrenradio eine wichtige Rolle, sondern auch der Deutschlandfunk. Der Protagonist des Romans, Ed, der im Sommer 1989 auf Hiddensee in einem Hotel/Restaurant an den Spültischen arbeitet, erzählt, dass es in der Küche ein altes Röhrenradio der Marke Viola gegeben hätte, sein Besitzer wäre im Sommer 1985 beim Nachtbaden ertrunken. Das Radio läuft noch immer Tag für Tag, immerhin, inzwischen schreiben wir den Sommer 1989.

 

„Die Drehregler fehlten, und die elfenbeinfarbenen Tasten, die an eine Art Überbiss erinnerten, waren zertrümmert. Derart verstümmelt, empfing Viola nur noch Deutschlandfunk, diesen aber mit einer Unnachgiebigkeit, wie sie Kriegsversehrten nachgesagt wird, die trotz schwerer Verletzung weiter und weiter kämpfen. Was Viola dabei aus den Sendungen machte mit ihrem schwankenden Empfang, ihrem schlagartigem Verstummen oder störrischen Brummton, ihrem Kratzen, Gurgeln und Husten, gerann zu einem Grundton (in der Spülküche).“

 
 
 

 
 
 

„Ed beschäftigte der Gedanke, dass das Radio seinen Besitzer überlebt hatte – ohne zu verstummen.“

Eine berührende Stelle in dem Roman. Natürlich habe ich mir die Sendungen von Michael in diesem Zusammenhang vorgestellt, keine Frage – kommt doch auch das Deutschlandfunk-Nachtradio, z.B. die Rockzeit, in diesem Roman vor, freilich weiß ich, Michael moderierte damals noch nicht die Klanghorizonte (oder doch schon?) – aber mich erinnert diese kurze Anmerkung auch an meine Zeit als jugendliche Spülkraft in der elterlichen Pension im Harz. Jeden Abend war ich für das Geschirrspülen zuständig. Zwei Profi-Spülmaschinen standen mir zur Verfügung. Ich versuchte immer bis spätestens 19:30Uhr mit dem Abwasch von manchmal bis zu fünfzig Gedecken fertig zu werden. Ende des Abendessens war etwa 19:00 Uhr. Ab 19:30 Uhr liefen die tollen Sendungen auf dem Hessischen Rundfunk und da wollte ich schon mit meinem Grundig TK 14 aufnahmebereit sein. Manche Sendungen liefen aber schon ab 19:05 Uhr, da musste dann mein Kofferradio (Küchenradio) Schaub Lorenz Modell: Weekend 70 Automatik eingeschaltet werden, und zwar auf kräftige Lautstärke, denn die fliegenden Teller, das klirrende Geschirr, das klappernde Besteck, die surrenden Maschinen verursachten ja selbst einen Höllenlärm. Dennoch, mein Küchenradio war mein Rettung, auch, wenn ich mich natürlich schrecklich ärgern musste, wenn gerade Titel gespielt wurden, die ich gerne aufgenommen hätte. Allerdings: Katastrophe war natürlich angesagt, wenn der gestrenge Herr Vater die Küchenräume betrat: „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass dieser Krach hier nicht gehört wird!?“, sprachs und drehte das Radio ab.
Und dabei lief zum Beispiel gerade die englische Hitparade über BFBS, nein, die wurde am Sonntagnachmittag ausgestrahlt, aber vielleicht wurde sie gerade auf Radio Nordsee oder Radio Caroline gesendet, etwa die vom 18.09.1968 …

 
 

1. The Beatles: HEY JUDE
2. Mary Hopkin: THOSE WERE THE DAYS
3. The Bee Gees: I’VE GOTTA GET A MESSAGE TO YOU
4. Aretha Franklin: I SAY A LITTLE PRAYER
5. Beach Boys: DO IT AGAIN
6. Casuals: JESAMINE
7. Johnny Cash: HOLD ME TIGHT
8. Canned Heat: ON THE ROAD AGAIN
9. Union Gap: LADY WILLPOWER
10. Herb Alpert: THIS GUY’S IN LOVE WITH YOU
11. Amen Corner: HIGH IN THE SKY
12. Mama Cass: DREAM A LITTLE DREAM OF ME
13. Leapy Lee: LITTLE ARROWS
14. Tom Jones: HELP YOURSELF
15. Otis Redding: HARD TO HANDLE
16. Mason Williams: CLASSICAL GAS
17. Status Quo: ICE IN THE SUN
18. Des O´Connor: I PRETEND
19. The Doors: HELLO I LOVE YOU
20. Herman´s Hermits: SUNSHINE GIRL

 

 
 

 
 

2015 4 Sep.

Vier Neun Fuenfzehn

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Am Sonntag weckte dich in aller Fruehe das Quadrat, das gelb aufleuchtete. Man hatte Dir einen Brief geschrieben, Du solltest Dich kuemmern: um Dir Ueberlassenes, den bemaengelten Zustand verbessern.

Eine gute Stunde hattest Du zu tun: dann war wieder alles hergerichtet. – Auf dem Fussweg nach Hause sahst Du dann, dass es der Absender selbst offenbar nicht ganz so genau nimmt mit seinen Regeln, die er fuer andere aufstellt: „nachlaessig“ war ein Wort, dass Dir einfiel. Aber Du hattest nichts anderes erwartet. Mittlerweile nicht mehr. Und Du nahmst Dir fuer das eine, noch verbleibende Jahr etwas vor. Aber Du erzaehltest es im Stillen nur Dir selbst.

Zu Hause angekommen, nach dem Fruehstueck — nicht gerade zur Affenstunde — fluechtetest Du fuer mehrere Stunden in die Gaerten des Pharao; Du dachtest an Anuschka und auch daran, dass Menschen sich wiedersehen, solange noch Zuege gehen.

Am naechsten Tag, der Wetterbericht hatte es angekuendigt, ging der lang ersehnte Regen nieder. Eine neue Woche begann.

Der Duft der Waffeln ganz am Ende. Zuerst das Wort zum Sonntag. Alles hat seine Zeit, und das Leben steckt voller Rituale. Stets geht es um zwei Prozesse, „saming“ und „changing“. Oft sind Wiederholungen reich an Verwandlungen, feinen Differenzierungen – statt endlos Oberflächen abzugrasen, führen manche Muster dazu, tiefer und tiefer in Materien einzudringen. Noch öfter aber tragen Wiederholungen den Makel der Sterilität: man hält an Vertrautem fest, und grenzt sich von allem Unvertrauten ab. Da tut dann Veränderung Not, nur merkt man das oft gar nicht und folgt den Schwungrädern alter Gewohnheiten. Nach zehn Jahren „Punktfestival“ hält die Erinnerungslust Einzug. Dass das Kombinieren vertrauter Namen zu verblüffenden Resultaten führen kann, das belegt „Punkt“ immer wieder („saming,& changing“) mit Live-Remixen und  all den  üblichen Verdächtigen, von Jan Bang bis Erik Honore, von Sidsel Endresen bis Eivind Aarset, von Arve Henriksen bis Supersilent, auch  mit Gastkuratoren wie Brian Eno und David Sylvian. Natürlich ändert sich das Programm immer noch von Jahr zu Jahr, aber es kommt  ein „Geschmäckle“ hinzu. Zu sehr wird die eigene Geschichte Fokus: symptomatisch, dass in diesem Jahr Sylvians Live-Präsentation seines Ambient-Werkes „Plight and Premonition“ auf der Leinwand zu erleben ist (mehr was für den Kopfhörer als ein besonderer „Hingucker“). So zieht  schleichend, aber stetig, ein neuer nordischer Festival-Mainstream herauf, der manchmal fasziniert, manchmal ernüchtert. Wie Garbarek seit den Neunzigern. Ikonisierungen und Kultivierungen lösen halt Betriebsgeheimnisse auf. Manchmal grüsst das Murmeltier eben jährlich. Oder bin ich das Murmeltier? Natürlich gibt es nach wie vor  Entdeckungen, wer hätte schon mit dem Schwerpunkt „Vietnam“ gerechnet, aber das Retrospektive gewinnt an Raum. Alte Filme. Was ich in diesem Jahr zu gerne erlebt hätte: Hilde Marie Holsen. Saskia Langhoorn (remixed).  „Strange worlds, still.“ Wie herbei gerufen, ein sizilianischer Traum. Grosse Stille, weites Meer, Musik eines armenischen Chors, und ein Hotel, das ein umgebautes Gefängnis ist. „A totally deserted landscape is sometimes all you need.“ Einmal erzählte mir mein Hausarzt, dass sie in den Bergen Siziliens wandern waren, und dann sahen sie den Ätna, und dann brach er aus. Einfach so. Sie hatten es nicht kommen sehen. Es verschlug ihnen die Sprache. So etwas passiert zuweilen in der Musik.  Man darf es nur nicht kommen hören. P.S.: eine Nacht später der Bumerang-Traum. Statt in Sizilien landete ich in Kristiansand und wollte als heimlicher Gast das Festival erleben, mit Sonnenbrille huschte ich auf mein Zimmer. An lauter bekannten Gesichtern vorbei. Wie sollte ich aus der Nummer nur rauskommen, ich war im Hotel Norge, und die Frühstückszeit hatte begonnen. Der Duft der  Waffeln. Manchmal ist man halt „auf einem ganz anderen Dampfer“. Isle of Barra calling. Remix over.

2015 4 Sep.

„Disaster in motion“

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Population 80
Nothing much here

Things just drift
Year to year

Once there was scandal
Once there was a flood

Golfballs found
In the mud

Then one year it all went bad
Disaster in Motion is what we had, what we had

Good things happened
Good things too

Cathy got married
To Emmylou

All was quiet
All was calm

Nickel found
Near Bradley’s farm

Then one year it all went bad
Disaster in motion is what we had, what we had

Then one year it all burst forth
Disaster in motion south and north, is what we had

What we had.

„I still do that. It’s one of my favourite things. The only rival is sitting by the sea. There’s Morse, Lewis, George Gently, Wallander, Broadchurch – nobody does them better than the British. I watch them all. First, it’s their minds. They are detectives who are ultimately flawed, but they have obsessive genius, starting with Sherlock Holmes, and Vera (Brenda Blethyn’s Vera Stanhope, based on booky by Ann Cleaves) too, unexepectedly. They see things just like artists, things other people don’t see, and therefore they’re able to unravel stuff. Everytime I see Kenneth Branagh’s Wallander, it’s like a new movie.“ (Patti Smith)

 

((Though I prefer the American way of noir, Patti nails it down on the other side of the ocean. High Quality stuff most of it, for sure. Broadchurch: killer, Hinterland, too.  Nice she didn’t mention the lovely sleeping pill Barnaby. But that quote from a long cover story in the October edition of MOJO put a big, big smile on my face. May I add another great British crime series, just released on DVD: „No Offence“; M.E.))


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