Manafonistas

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Archives: Montag, 19. Mai 2014

2014 19 Mai

Dem Himmel so nah

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Im dritten Stock, ganz oben, hinter der schmiedeeisernen Ballustrade, starb im Juli 1971, elend, Jim Morrison. Rue Beautreillis Nr. 17. Er hatte seinen Tod vorhergesehen, war sich sicher, Janis Joplin bald zu folgen. Er konnte die Abwärtsspirale nicht stoppen. Es war nur traurig, und Nostalgie ist hier der völlig falsche Reflex, die Nähe zum Himmel eine Fata Morgana.

„Needle of Death“

Die gesammelten Verrisse  erinnern in gewisser Weise an die Häme, die Neil Young entgegenschlug, als er Mitte der Siebziger den Sanftmut von Harvest verliess und mit drei Nachfolgewerken einen Abgesang auf die Ideale der Hippieära inszenierte. Tonight’s The Night etwa war wohl auch alles andere als eine aufnahmetechnisch hochwertige Produktion, es wurde aber ein Klassiker der Rockgeschichte, eine unerhörte Auseinandersetzung mit dem Elend des Sterbens Nahestehender: der psychoakustische Fachbegriff für das Klangbild ist „audio verite“.

Wenn Young jetzt sozusagen eine Zeitmaschine betritt und alte, ans Herz gewachsene Lieder im Klangfeld alter Schellackplatten ansiedelt, dann ist das a) eine künstlerische Entscheidung und b) einmal mehr „audio verite“. Das Resultat geht mir bei vielen Liedern unter die Haut. Ein wenig schüttel ich den Kopf über sogenannte hard core-Fans, die auf diversen Foren ihren Frust rausposaunen, und irgendwie vergessen haben, dass Young immer wieder  Erwartungen von „Fans“ gegen den Strich bürstete. Ich weiss nicht, warum ich mich nach wie vor von alten, ebenso „bescheiden“ klingenden Bluesaufnahmen von Bessie Smith begeistern kann, und jetzt nicht minder Freude an dieser ganz besonderen Zeitreise von Neil Young empfinden sollte.

Archaische Platte, wenige trauen sich sowas, und diese lo-fi-Produktion tut der Intensität des Vortrags keinen Abbruch. Ganz allein stehe ich mit meiner Meinung nicht da, John Mulvey hat im Blog-Teil der Webseite des englischen Musikmagazins Uncut eine ähnliche Wahrnehmung beschrieben. Keine Frage, für eine kurze Zeit ist Neil Young zu Dr. Who mutiert und in seiner fliegenden Telefonzelle im Jahre 1949 gelandet. Und viele Bewohner des 21. Jahrhunderts schauen jetzt völlig irritiert auf diesen Verrückten, als wolle er bloss einen kleinen Schabernack treiben.

Ich kann jedem einzelnen Niedermacher dieser Platte eins versichern: wenn Bob Dylan dieses Album hört, wird er seinen Hut ziehen. Wenn Jim Morrison für ein paar Tage auf die Welt zurückkehren würde, würde er spätestens bei der Interpretation von Bert Janschs Needle of Death heulen vor Ergriffenheit. Wenn Daniel Lanois die Scheibe hört, wird er sagen: „Respekt!“ Wenn Leonard Cohen sich A Letter From Home anhört, könnte er gut Lust bekommen, seinem Tower Of Song eine neue Strophe anzufügen. Und Julio Cortazar wäre für eine Weile vom alten Jazz zu diesen Liedern konvertiert, die auf dem letzten Loch zu pfeifen scheinen.

Montaigne hat einmal, schon viel länger ist das her, geschrieben, leben heisse, sterben zu lernen. Wenn Neil Young sich jetzt in so eine sauerstoffarme „Telefonzelle“ begibt, dann ist das durchaus auch eine Auseinandersetzung mit dem Tod: viele der hier gecoverten Lieder stammen von Musikern, die alle schon im „Tower of Song“ ihren Platz gefunden haben. Da muss keine high resolution her, kein polierter Sound: da dringt etwas Altes, Fernes an unsere Ohren, das will ich wie einem alten Schwarzweissfilm erleben, in schlichtem Mono, brüchig. Und so schlägt dieses Werk eine Brücke zu einem seiner alten Meisterwerke, Tonight’s The Night.

„The result is his most freely-flowing album since the sparse and beats-light Is A Woman, although this is a very different sonic world to that one he created 19 years ago. If the title of Showtunes could be at first read as ironic, there are actual hints of George Gershwin’s or Hoagy Carmichael’s melodic sweep in these songs, as Wagner sails his voice over ambient jazz washes and subtle electronics. More often, though, it sounds like The Blue Nile recording for ECM.“

(Tom Doyle) 

 


„This is all I know / It’s nothing but the courage of a fool“, singt Wagner im letzten Song von „Showtunes“ (diesem unheimlich intimen Album), „The Last Benedict“, fasst damit alles Vorhergehende zusammen – und offenbart genau, was für den Zusammenbau einer so brillant gewagten Platte nötig ist. Drei Jahrzehnte später wäre es so einfach gewesen, auf Nummer sicher zu gehen; der experimentelle Triumph von „Showtunes“ macht deutlich, dass Lambchop zum Glück nicht wissen, wie. Und wenn sie es wissen, vergessen sie es nur allzu gern. Es lebe „der Geist des Anfängers“. Dieses Album hat auch einen Hauch von Zen. Deep listening recommended!

(Sam B., Michael E.)

2014 19 Mai

Cool Words

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I find Anja Utler’s poetry beautiful beyond words – almost literally, because when I listen to her reciting her poetry, I do so without paying conscious attention to her language, but rather, allow the rhythms and any surface or underlying meaning(s) to enter my mind – or rather my superconsciousness, on an intuitive level. Of course, even describing this process is challenging as at each moment of listening, and as I report the process, I’m not absolutely clear whether how I am engaging with the reading (in this case) is actually at a conscious level or not. However, even without  picking out the individual words, I know beyond question that this poetry is resonating strongly with me on an emotional and spiritual level. In many ways the relationship with this particular poet’s writing (and performance of it) is similar to the relationship that I might have with certain musicians and their work – where I don’t know what it is precisely about the music that is affecting me, but at the same time I know that, unquestionably, it is allowing me to tap in to a well of joy. In the UK there is a rather strange attitude towards the German language, with a common view being that the language is ‚harsh‘ or ‚guttural‘ – a view that is derived from exposure to a plethora of war movies and documentaries about a period of history 70 years ago. I always oppose these views – pointing out the beauty of the German language … perhaps this recording would be a first step in convincing those who do not already know it of the validity of such a view.

2014 19 Mai

Dayway Wayday

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HAPPY DAY, WE’RE ON OUR WAY … TO BERGEN
 
 
 


 

 
Birdies For Lulu, das erste Werk des neuen Sylvie Courvoisier/Mark Feldman Quartet mit Bassist Scott Colley und Schlagzeuger Billy Mintz.
 
 
 


 
 
 
Wie ein munteres Uhrwerk nahenden Unheils klingt der Anfang dieses Albums, ein einprägsames Klangmotiv voller Reminiszenzen halbdunkler Welten. Scheinbar unaufhaltsam läuft es, aber dann beginnt es drumherum zu schaben und zu knarzen. Solcherart aufgeladene Klangmotive gehen einher mit verblüffenden Übergangsqualitäten und Umschwüngen, die aufhorchen und aufschauen lassen. Es treffen erstaunliche klangliche Kernmotive aufeinander, verzahnen sich miteinander, umspielen sich frech oder ehrbietig, dreist oder behutsam, flüsternd oder krachend.

Der Kontext stiftet Lesarten, lässt Stimmigkeit entstehen. Dadurch, dass solche freien Kerne zu Kontexten füreinander werden, können ganz neue, erstaunliche Valenzen entstehen, die sich in einer Klangdramaturgie von erstaunlicher Direktheit, Dynamik und Enigmatik entfalten. Fixierschrauben gelöst oder gänzlich ohne. Hier wird nicht in grossen Linie geschwelgt oder Fertiges vorgegaukelt. Vielmehr ist es ist ein grossartiges Spiel in vielen Varianten mit der Unbestimmtheit der Form, das von einem ausgeprägten Formgefühl getragen wird. Und so wird der eine wunderbare Schuh nach dem anderen daraus. Im Gegensatz zum Ideal der Nahtlosigkeit wird hier der Prozess der Entstehung von Sinnfälligkeit und Sinngebung im Spiel selbst gefeiert – eine befreiende Wohltat. Ach, und so macht’s wohl keiner. Vergleichsverrenkungen erübrigen sich!
 
 
 


 
 
 
Nun braucht man all das beim Zuhören nicht zu wissen oder (mit)zu denken. Die Elemente, Übergänge und Bewegungsarten sind so reich und anregend, dass sie einem als solche zum Vergnügen reichlich genügen. Und wie dabei ein bestechendes Ganzes entsteht, das ist schon verblüffend wunderbar. Vom Kartenspiel des Capitaine zum krönenden Shmear und über verklanglichte Körper-Kontext-Figurationen zu den Birdies für die Katze Lulu und den Travesuras, was für ein Wort, den Possen der Klangverwandlung. Und zu guter Letzt noch eine Coda für einen Freund, den Capitaine.

Dies alles verdankt sich einem ganz eigenen Zusammenwirken von Colley und Mintz mit dem Zweigespann Feldman Couvoisier. Es überrascht, wie Colley dies, das Ganze in voller Fülle hüllend, trägt. Auch seine solistischen Interventionen sind erstaunlich, von grosser Klasse, enorm bereichernd. Mintz ist der Mann, der aus dem Hintergrund agiert, nicht so sehr ausbauend, sondern eher injektierend. Schönes Beispiel: sein evokatives, suggestives Besenfegen im Eröffnungsstück. Wie ein munteres Uhrwerk … scheinbar …
 
 
©FoBo_HenningBolte


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