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Archives: Sylvie Courvoisier

 
 

Ein jeder solle nach seiner Fasson selig werden, meinte der Alte Fritz. Gestern wieder so ein seliger Hörmoment, ganz nach meiner Fasson. Ein Album zum Sich Wundern, Genießen und Wegdriften. Eine schwebend nebulöse Grundstimmung herrscht vor, sozusagen als Grundierung, in die dann „allerhögscht (Jogi Löw) erdige, verdichtete Klangcluster hineindrängen. Der Gitarrist Christian Fennesz sorgt für beides. Im Zusammenklang seiner fuzzytones mit den klaren, kräftigen Piano-Tinkturen von Sylvie Courvoisier ergeben sich erstaunliche Effekte. Wieder so eine Musik, die Lust macht, selbst zu spielen. Das mag auch daran liegen, dass es hier weniger um Virtuosität geht (die vielzitierte „Athletik des Bebob“) als vielmehr um das Erzeugen von Atmosphären. Aber auch afrikanisch angehauchte, obercoole und, sorry: richtig geile Groove-Ansätze schleichen sich ein. Chimaera heisst das Album und um sicher zu gehen, dass ich hier nichts Falsches sage, googele ich vorsichtshalber mal „Chimäre“. Aha, also doch etwas ganz anderes als das gedachte „schemenhaft“. Beides passt, denn gemeint ist ein Organismus, der aus unterschiedlichen Geweben aufgebaut ist. Zwei Trompeten sind dabei, wunderlich genug, doch es macht Sinn. Eine davon spielt Wadada Leo Smith. Die rhythmsection kommt aus dem Umfeld von John Zorn: die erstklassigen Drew Gress am Bass und Kenny Wollesen am Schlagzeug. Eine klare Hörempfehlung! In meiner schemenhaft visualisierten Jahresbestenliste jetzt schon auf den vorderen Plätzen angesiedelt.

 

 


 
 
 

Looking back on this year this album is clearly my favourite. I followed Sylvie Courvoisier from the beginnings of her musical career through many years and musical constellations. She is maybe the musician i wrote about most. I should collect and review my texts one of these days. This new album is again a big leap in her development. At this moment she already has formed another new group, called POPPY SEEDS, that is as bold as CHIMAERA. It comprises Patricia Brennan (vibraphone), Thomas Morgan (bass) and Dan Weiss (drums). 

 

 
Birdies For Lulu, das erste Werk des neuen Sylvie Courvoisier/Mark Feldman Quartet mit Bassist Scott Colley und Schlagzeuger Billy Mintz.
 
 
 


 
 
 
Wie ein munteres Uhrwerk nahenden Unheils klingt der Anfang dieses Albums, ein einprägsames Klangmotiv voller Reminiszenzen halbdunkler Welten. Scheinbar unaufhaltsam läuft es, aber dann beginnt es drumherum zu schaben und zu knarzen. Solcherart aufgeladene Klangmotive gehen einher mit verblüffenden Übergangsqualitäten und Umschwüngen, die aufhorchen und aufschauen lassen. Es treffen erstaunliche klangliche Kernmotive aufeinander, verzahnen sich miteinander, umspielen sich frech oder ehrbietig, dreist oder behutsam, flüsternd oder krachend.

Der Kontext stiftet Lesarten, lässt Stimmigkeit entstehen. Dadurch, dass solche freien Kerne zu Kontexten füreinander werden, können ganz neue, erstaunliche Valenzen entstehen, die sich in einer Klangdramaturgie von erstaunlicher Direktheit, Dynamik und Enigmatik entfalten. Fixierschrauben gelöst oder gänzlich ohne. Hier wird nicht in grossen Linie geschwelgt oder Fertiges vorgegaukelt. Vielmehr ist es ist ein grossartiges Spiel in vielen Varianten mit der Unbestimmtheit der Form, das von einem ausgeprägten Formgefühl getragen wird. Und so wird der eine wunderbare Schuh nach dem anderen daraus. Im Gegensatz zum Ideal der Nahtlosigkeit wird hier der Prozess der Entstehung von Sinnfälligkeit und Sinngebung im Spiel selbst gefeiert – eine befreiende Wohltat. Ach, und so macht’s wohl keiner. Vergleichsverrenkungen erübrigen sich!
 
 
 


 
 
 
Nun braucht man all das beim Zuhören nicht zu wissen oder (mit)zu denken. Die Elemente, Übergänge und Bewegungsarten sind so reich und anregend, dass sie einem als solche zum Vergnügen reichlich genügen. Und wie dabei ein bestechendes Ganzes entsteht, das ist schon verblüffend wunderbar. Vom Kartenspiel des Capitaine zum krönenden Shmear und über verklanglichte Körper-Kontext-Figurationen zu den Birdies für die Katze Lulu und den Travesuras, was für ein Wort, den Possen der Klangverwandlung. Und zu guter Letzt noch eine Coda für einen Freund, den Capitaine.

Dies alles verdankt sich einem ganz eigenen Zusammenwirken von Colley und Mintz mit dem Zweigespann Feldman Couvoisier. Es überrascht, wie Colley dies, das Ganze in voller Fülle hüllend, trägt. Auch seine solistischen Interventionen sind erstaunlich, von grosser Klasse, enorm bereichernd. Mintz ist der Mann, der aus dem Hintergrund agiert, nicht so sehr ausbauend, sondern eher injektierend. Schönes Beispiel: sein evokatives, suggestives Besenfegen im Eröffnungsstück. Wie ein munteres Uhrwerk … scheinbar …
 
 
©FoBo_HenningBolte


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