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Archives: Freitag, 20. September 2013

… also manche Leute haben Ideen. Alfred van Cleef, Journalist und freier Schriftsteller aus Amsterdam, wollte sich einen lang gehegten Traum erfüllen und unternahm eine Reise entlang des Nullmeridians. Fünf Monate war er unterwegs, 4800km führte die Reise von Tunstall in Yorkshire / England bis in die Hafenstadt Tema an der Küste Ghanas. Ein verrücktes, tolles, wunderbares und interessantes Projekt, an dem er uns teilhaben lässt, er hat nämlich ein Buch darüber geschrieben: Die verborgene Ordnung – Eine Reise entlang des Nullmeridians. Dieses Buch ist jedem zu lesen empfohlen, der Freude an solch außergewöhnlichen Ideen hat und dazuhin vielleicht auch noch etwas lernen will über die Verortung des Menschen, über Navigation und Zeitmessung.
 
 
 

 
 
 
Eine kleine Leseprobe: „Mein erstes Ziel war der magische und gleichzeitig ultimative Nullpunkt von Tunstall. Dort sollte meine Meridianreise in den Süden ihren Anfang nehmen. Tunstall war ein kleines Dorf ohne Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Am nächsten lag lag der Badeort Withernsea, …Die zwei Hotels des Städtchens machten einen heruntergekommenen Eindruck. Alle Zimmer waren von angeheuerten Vertragsarbeitern belegt, die vor der Küste eine neue Gaspipeline verlegen sollten. … In Withernsea standen Wohnwagen mit Urlaubern, und es gab Spielautomaten aus den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Es war ein Dorf mit einer Unmenge von Elektromobilen, Kinderwagen und Rollstühlen. Das war England an einem nassen Sommertag, ein Land mit altmodischen Fernsehantennen, dickbäuchigen, tätowierten Männern in kurzen Hosen, aber vor allem auch Hunden. Leise sang ich einen alten Hit der Kinks: `I like my football on a Suturday, Roast beef on Sundays, all right. I go to Blackpool for my Holidays, sit in the open sunlight.´ In einer Kneipe bestellte ich mangels Alternative Spiegelei auf weißem Toast, mit extra Tomaten. Aus der Jukebox schallte ein Song der Beach Boys, die Sonne brach durch …“
Unglaublich, trifft doch der Mann gleich zu Beginn seiner Reise in einem gottverlassenen Nest am Ende der Welt in einer Kneipe auf eine Jukebox, ich fass es ja nicht, und das im einundzwanzigsten Jahrhundert. Wenn ich doch einmal so etwas erleben könnte… Schade nur, dass uns der Autor nicht verrät, um was für einen Beach-Boys-Song es sich gehandelt hat. Okay, aber dafür erinnert er uns an einen sehr schönen Kinks-Song, der sich natürlich auch in meinem Plattenschrank befindet, es handelt sich um Autumn Almanac, ein Ray Davis-Song, der 1967 erschienen ist. In eben diesem Jahr veröffentlichten die Kinks bzw. Ray Davis (solo) noch folgende unglaublich gute Singles: Death of a clown, Mister Pleasent, Waterloo Sunset und Susannah’s Still Alive. Hat noch jemand Fragen?
 
 
 

 
 
 
Alle fünf Songs kann man übrigens auf der Platte The Kinks: Something Else (Deluxe Edition 2011) ohne Probleme käuflich erwerben.
Aber zurück zu dem Buch von Alfred van Cleef, auch die SZ hat sich mit seinem Buch Die verborgene Ordnung beschäftigt und sie schreibt treffend:
„Gerade das macht den Reiz von Alfred van Cleefs Buch aus, dass es ihn an Orte verschlägt, für deren Besuch es eigentlich keinen Anlass gibt, dass er Menschen trifft, denen normalerweise niemand zuhört, und dass er auf diese Weise Dinge erlebt, die in ihrer ungeheuerlichen Alltäglichkeit spektakulär sind.“ Süddeutsche Zeitung

2013 20 Sep.

David Sylvian: The Kilowatt Hour

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davidsylvian.com
the-kilowatt-hour.com

 

The Kilowatt Hour ft. Franz Wright

17.09.13

„Earlier this year I had the good fortune to meet and work with the American Pulitzer prize-winning poet Franz Wright. I’d been an enthusiastic admirer of Franz’s work for many years but with the publication of the volume Kindertotenwald I found I’d made a very personal connection with a uniquely intimate collection of prose poems. At the time of reading I’d no idea of the twists and turns my life was to take in the year to come, the ramifications of which chimed so profoundly with Franz’s work (having already written and recorded the title track for Died in the Wool and my interpretations of the poetry of Emily Dickinson), nor had I any notion that approximately one year later I’d be sitting in a studio in his home town in Massachusetts, recording his readings from that same volume.

In the early months of 2013 I’d written to Franz in the hope of piquing his interest in a possible project, which I could only describe in the most nebulous of terms. As fortune would have it, he was familiar enough with my work to embrace the idea from the outset. Unfortunately, he was in very poor health having been diagnosed with terminal cancer. Cancer is no stranger to Franz, he’d stared down its barrels once before, it was a fight he’d won against the odds, but here it was back again, lying in wait, biding its time, time Franz can’t afford to waste as he continues to write with formidable determination, honesty, courage, and a devotion to his craft, his muse, documenting his fluctuating moods, insights, intellect, sorrows, loves and bloody rage in these, his last volumes, the latest being ‚F‘.

At the same time as I’d been speaking with Franz I’d also been discussing a spate of concerts with Stephan Mathieu and Christian Fennesz. It now seems inevitable perhaps that these two projects should’ve come together in what is currently a brief series of performances based on an outline for a composition I put together as recently as August 2013. The piece is constructed so as to allow for freely improvised input from Christian and Stephan anchored by Franz’s readings and my own compositional constructs. As I write this we’re still exploring the possibilities of the piece following on from our debut performance at the Punkt Festival, Kristiansand, Norway, September 2013 and Franz remains on the other end of the line talking to me of Jacob and the angel and a thousand other things that have, in truth, helped sustain me, as has his magnificent voice as it resounds around the venues and theatres of Europe.

The trio is known as The Kilowatt Hour.“

David Sylvian, September 2013

 


 
 

Also, von allen Ausgaben der JazzFacts, die ich bislang gemacht habe, war dies mein Favorit. Dachte nun, ich hätte eine kleine Glückssträhne erwischt. Leider nicht. Borussia Dortmund hatte in Neapel einen gebrauchten Tag und verlor in wenigen Minuten Hummels, Klopp und Weidenfeller. Dass ein Grossteil von Fussballdeutschland nun mal wieder Moralapostel spielt, und sich über Klopps Ausraster aufregt, quittiere ich mit einem Lächeln. Und dass Der Spiegel als Wahlhelfer der CDU fungiert durch sein Steinbrück-Bashing, gefällt mir auch nicht, obwohl mir selbst der schwer zu gehiessende Peer ungefähr so unsympathisch ist wie der einstige Moralkeulenschwinger Hoeness, dem man in „Amigoland“ gewiss zur Seite stehen wird. Und dass so eine Partei wie die FDP, mit einer Figur wie Brüderle an der Spitze, die 5 % knacken wird, ist übel genug. Brüderle könnte als Realsatiriker mit seinen Reden kleine Bierzelte füllen. Und gestern: Janelle Monnae. Erst liess sie uns, die werte Kundschaft, 70 Minuten in der stickigen unbelüfteten Räumlichkeit des Stadtgartens hocken wie Sardinen in warmem Olivenöl: fucking organisation! Dann startete sie mit einer perfekt durchgestylten Show durch: grossartige Stimme, gute Band, gute Inszenierung – aber mich liess das, ähmmmmm, völlig kalt. Das ging einigen so, war aber ein klares Minderheitenvotum. Die guten Nachrichten (wen’s betrifft:)) am Schluss. Heute erscheint Bill Callahans Klassealbum DREAM RIVER, und es ist sogar im „Musikexpress“ Album des Monats geworden. Frank Sawatzki hat den Text verfasst und beweist Musikverständnis, wenn er schreibt, das hätte auch Callahans Bossa Nova-Platte werden können, aber wer wolle das schon?! Gut geschrieben, Frankie Boy, wir kennen uns von früher, und es ist immer etwas Besonderes, wenn wie die gleiche Platte mögen. A propos: der Postbote brachte gerade den TRAUMFLUSS, in der Vinylausgabe. Zusammen mit der Schallplatte, die Stephan Mathieu, Mitglied von David Sylvians „Kilowatt Hour“, und Urheber des exzellenten Doppelalbums „The Falling Rocket“, mir als „Anlagen-Test“ (und wegen ihrer puren musikalischen Zauberkraft) ans Herz legte, EL CORAZON von Don Cherry und Ed Blackwell, und damit wären wir wieder, nach der gestrigen JazzFacts-Ausgabe, bei aussergewöhnlichen Werken des Münchner Labels angelangt, und dem unermüdbaren Produzenten. Meine Empfehlung, lieber Manfred: lade Tigran Hamasyan , Jan Bang, Eivind Aarset und Erik Honore, ein Wochenende nach Oslo ein, ins Rainbow Studio, und dann wissen wir schon, wer das Album des Jahres 2014 raushauen wird.


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