Manafonistas

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Archives: Montag, 21. Januar 2013

 

„Wandermüde“ by Stephan Mathieu and David Sylvian. David Sylvian’s experimental breakthrough „Blemish“ (sound-cd ss001) sees a new interpretation in the album „Wandermüde“, by the remarkable electro-acoustic musician Stephan Mathieu. Working from the instrumental source material, Mathieu brings us a new experience of the most stirring textures and darkest thoughts from this pivotal album. (source: samadhisound)

 
 

 
Mathieu/Sylvian: „Saffron Laudanum“  (from Wandermüde)
 
David Sylvian: „The Only Daughter“ (from Blemish)
 
 
„Eine Parallelwelt zu BLEMISH. Niemand, kein Mensch auf Erden, käme, wenn er es nicht wüsste, beim Hören von WANDERMÜDE auf die Idee, hier würden die Masterbänder von Sylvians Wendepunktmusik bearbeitet.“

„Liegt hier vielleicht Sylvians Mitwirkung in homöophatischer Dosis vor?“

„Nun, er spielt hier schon einige Instrumente. Ob er etliche allerdings neu einspielte, oder ob sie auf BLEMISH ein eher verborgenes Leben führen, weiss ich nicht einzuschätzen. Ein sehr dunkles Album, das einen eher an ON LAND von Brian Eno denken lässt als an ein Songalbum von Sylvian.“

„Ursprünglich war Mathieus Bearbeitung als Begleitmusik gedacht – für ein iphone-App, das Sylvians Digitalfotografie präsentieren soll. Entstanden ist dabei etwas Eigenständiges. Man hört tatsächlich das originäre Blemishalbum, allerdings bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Mir gefällts: ja, es wirkt dunkel und ernst. Saturn ist im Spiel.“

„Bei „Wandermüde“ fällt mir auch gleich das Wort „lebensmüde“ ein. Etwas Dunkles, Resignatives, ist den letzten Werken Sylvians zueigen. Dieser neuen Musik hört man das grosse Gelingen an, sich aus Erstarrungen zu befreien. Und das war auch zu hören auf Blemish oder Manafon. Aber noch einmal: nichts Klangliches vom Original schimmert hier durch. Als hätte man durch Löschen und Übermalen etwas vollkommen Neuartiges schaffen wollen.“

„Der Anfang des Songs „Saffron Laudanum“ ist deutlich als Motiv aus „The Only Daughter“ zu erkennen.“

„S p u r e n e l e m e n t e. Wie im Mineralwasser. Selten so klar wie hier. Übers Ganze gesehen, betreibt das neue Werk Auslöschung. Und der Vergleich mit ON LAND hinkte insofern, als dass Eno im Unheimlichen Sehnsuchtsräume öffnete. Hier werden konsequent Unheimlichkeiten produziert, die Musik verharrt zu sehr im Schaurigen. Knapp oberhalb der Erstarrungsgrenze. Die Musik meistert dabei einen besonderen Balanceakt: sie ist gleichermassen faszinierend und schwer erträglich.“

„Blemish bedeutet ja: mit Fehlern behaftet – insofern ist diese kühle Mineralwasserfassung ein Kontrast zum Ursprungswerk. Als man Sylvians Wendepunktmusik erstmals hörte, im Jahre 2005, hielt man es für eine mutige Gegennullreduzierung von Musik bzw Songs. Im Vergleich zu Wandermüde war das aber das blühende Leben …“

„Erstaunlich, wie sich Extreme fortschreiben können! Immerhin: das letzte Stück des Albums, zu dem Fennesz, wenn ich mich nicht täusche, neue Sounds beigesteuert hat, funktioniert fast als Hoffnungsschimmer. Übrigens ist das Dunkle kaum eingebildet, man lasse sich nur die Titel der Kompositionen auf der Zunge zergehen.“

Nein, ich bin keine Poolleiche, normalerweise nicht, aber heute, trotz Wolken und mässigen 20 Grad Celsius, überkommt mich das Verlangen, mir eine Liege am Pool zu greifen. Die Poolbar hat auch schon geöffnet, warum also nicht auch noch einen Caipirinha!? Als ich hier vor einer knappen Woche in der Hotelanlage ankam, in der Abenddämmerung, sass ich auf meinem Balkon umd liess über iTunes und Lautsprecher ein ganz feines altes ECM-Gitarrensoloalbum laufen, Bill Connors‘ Swimming With A Hole In My Body. Es wurde Nacht, und ich fotographierte die tanzenden Lichter.

Und dann, einen Abend später, hörte ich „Tusk“. Als das Doppelalbum von Fleetwood Mac damals erschien, Ende der Siebziger, mochte ich auf Anhieb das Cover, aber flüchtig gehörte Songs liessen mich unbeeindruckt. Dabei hätte mich aufhorchen lassen sollen, dass hier die Dämonen von Lust und Liebesleid ähnlich drastisch ausgetrieben wurden, wie ABBA es einst taten, kurz vorm Ende. The winner takes it all … Und? Ja! Beeindruckend, wirklich beeindruckend sind die Stimmungsumschwünge, das ganze Theater seelischer Fassungsverluste. Klingt Stevie Nicks auf dem ersten Song ausgebrannt und abgründig, macht sich auf dem letzten Song ein gelassener Frohsinn breit, der diese Rosskur in Liebeshändeln nahezu friedfertig ausklingen lässt. Dazwischen wird aber so viel Achterbahn gefahren und Geschirr geschmissen, tief unentspannte Ruhe geübt und Sex als Betäubung erprobt, Todtraurigkeit in Schönheit verwandelt, dass das Ende vom Lied, das Ende aller Lieder, mit einem Seufzer der Erleichterung zur Kenntnis genommen wird.

 
 

Lanzarote Abendstimmung - Foto © M.Engelbrecht

 
 

Jetzt liege ich hier entspannt (with a hole in my soul), mittlerweile ist der letzte braune Zucker aus meinem Longdrink geschlürft, fehlt nur noch, dass Joeys Version von „The Girl From Ipanema“ mir den sanften Rest gibt! Ich glaube, diesen Evergreen habe ich zum ersten Mal gehört, als ich, lang ist’s her, mit meinen Eltern im Sommerurlaub auf Mallorca war. Man kam zu jenem Hotel nur auf ganz verschlungenen Wegen, es war ein versteckter Ort – ich las damals, was für eine Verschmelzung von behüteter Kindheit, wilden Träumen und Urängsten, Albert Camus‘ „Die Pest“, trank Schokolade, sass auf kleinen Felsvorsprüngen am Meer, fotographierte, wie Mario Adorf und Lex Barker (Old Shatterhand!) sich ihren Salat in den Mund schoben, und hörte, fast jeden Tag, aus kleinen Boxen an der Bar, Astrud Gilbertos traumverlorenen Gesang. Meine Mutter zeigte mir auch einen bekannten englischen Schauspieler, einen aus dem Charakterfach, der nur wenige Jahre später Selbstmord beging. As time goes by …


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