Manafonistas

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Archives: Mittwoch, 1. August 2012

Es war Bommel, der mir zuallererst was vorschwärmte von James Yorkston. Da ich jetzt gerade meine zweite Karaffe Merlot trinke (im RED, in Aachen), können sich Rechtschreibfehler und Erinnerungslücken einschleichen, doch eine von Yorkstons langlebigen Bands hatte was mit „Catholics“ im Namen, oder „Athletics“, oder mit beidem. Erst hatte ich keine Lust auf eine Band, die sich mit Testosteron oder dem Papst identifizierte. ODER WAR DAS REINE IRONIE? Bommel hatte Recht. Ich mochte diesen Feingeist. Ganz subtile Nuancen im Gesang, rabenschwarze Stories, aber auch Romantisches mit der drigend notwendigen Subversion, kredenzt mit Sanftmut und einem garstigen Lächeln. Was freue ich mich auf seine neue CD, I WAS A CAT FROM A BOOK! Etwas soll anders sein bei dieser Aufnahme. Bislang hat er extrem gefeilt am Detail, jetzt mit einer neuen „working band“, hat er die Energien freier fliessen lassen. Lese ich in der Rezension von Uncut. Themenwechsel: Bommel zieht es in die Ferne, Joey verschwindet im Korpus seiner neuen Gitarre und radelt zwischendurch am Maschsee, Gregs macht den Atlantik unsicher. Ian war schon in der Hitze der Provence! Und nach den wunderlichen Ballonfahrten über Kent geht es für mich in eine der exotischsten Gegenden der Welt, ins Sauerland. Thema des Abenteuerurlaubs: wie überlebt man in der Wildnis (einem riesengrossen Wald, kein Handy) mit einem Honigtopf und einem leeren Geldbeutel? Spass beiseite, nur eine lange, lange Wanderung „moving up country“, um es mit dem Titel des Debuts von James Yorkston zu sagen.

Gibt es etwas Schöneres als am Atlantik in den Dünen zu sitzen, auf das Meer zu schauen, vielleicht einen Sonnenuntergang mitzuerleben, dem Rauschen der riesigen Wellen zu lauschen und dann und wann die Ohrhörer aufzusetzen und Musik zu hören.

 

 

Bis vor 10 Jahren war mein treuer Begleiter für solche Fälle ausschließlich ein Panasonic S-XBS Auto Reverse Walkman für Kassetten. Das Gerät ist tadellos und wird natürlich nicht weggeschmissen (siehe SZ-Artikel vom 16.05.12: Geht’s noch? Die meisten weggeworfenen Elektrogeräte funktionieren), sondern für zahllose wunderbare Kassetten weiterhin gute Dienste tun. Dieses Jahr werde ich allerdings einen tragbaren CD-Player mitnehmen und speziell für den oben beschriebenen Anlass eine CD zusammenstellen. Ein paar Musikstücke, die – denke ich – besonders geeignet sind, am Atlantik in den Dünen gehört zu werden, möchte ich an dieser Stelle verraten:

 

 

Da ist zunächst die am 10. August erscheinende CD Just tell me that you want me: Tribute to Fleetwood Mac. Diese Platte kann man sich vorab auf npr.com anhören. Eine umwerfende Version von Oh Well, eingespielt von Billy Gibbsons & Co findet sich hier, allerdings ist dieses Stück nicht so sehr meer-geeignet, das ist eher ein Stück für die heimische Anlage, bei voller Lautstärke genossen, toll!!! Nein, hier findet sich auch Musik für das Meer: Kein geringerer als Antony Hegarty spielte Landslide ein. Dazu npr:  „The unimpeachable „Landslide,“ for example, is covered with maximum sensitivity by Antony and the Johnsons‘ Antony Hegarty, whose hyper-vulnerable warble proves a good match for the song.“

 

 

Und, da ich mich in letzter Zeit mit dem Dokumentarfilm George Harrison – Living in the Material World von Martin Scorsese beschäftigt habe, werde ich auch zwei Stück von Harrison mitnehmen, nämlich Run of the Mill und I live for You von der 2001 erschienenen Doppel-CD All things must past.

 

 

Und – Überraschung – auch Iggy Pop wird mit auf die Atlantikdüne kommen, seine gerade erst herausgekommene CD Après ist der Hammer. Iggy Pop interpretiert französischen Chansons, das ist umwerfend. Les Passantes von Georges Brassens hat es mir besonders angetan. Aber eigentlich könnte man gleich die ganze Platte mit zum Strand nehmen.

 

 

Von 1967 bis 1973 gab es eine interessante Rockformation um den Sänger Roger Chapman, sie nannte sich Family. Auf LP, inzwischen auch als CD erhältlich, findet sich die wunderschöne Ballade My Friend The Sun, auch ein Stück für den Abend am Atlantik.

„Villa Nova“  – the Jakob Bro Trio with

Jakob Bro on guitar,
Jakob Høyer on drums and
Anders AC Christensen on bass.

„Anders Christensen – better known as AC – has been one of a group of Danish bassists, who during the 90s gave up the purist approach to their instrument, and instead began playing with an attitude rather than concentrating on making the bass sound clean, tending towards a ‚classical‘ ideal. AC’s style is in this sense ‚physical‘ – he really dives into the music with his instrument – and at the same time highly dexterous, allowing him to adopt different genres easily and still maintaining his personal features. AC has toured and played with a great number of internationally renowned jazz artists, such as Paul Motian, Billy Hart, George Garzone and Kurt Rosenwinkel as well a being a regular member of Once Around the Park, The Raveonettes and countless other groups.“ (jakobbro.com)

Sam Lees Stimme ist für die britische Landschaft eine geradezu idealtypische Stimme, schlank, klar, mit traditionellen Gesangsweisen bestens vertraut. Eine Stärke dieses Organs liegt im Feinschliff der Phrasierung, in der Krümmung der Noten. Man mutmasst kaum, dass dahinter ein durchaus humorvoller Gentleman steckt, die Anekdoten und witzigen  Stories, die er auf der Bühne zum Besten gibt, fehlen auf dem Album A Ground Of Its Own, wer mag sich schon einen Scherz immer wieder anhören … Sam Lee verpasst alten Folksongs ein neues Kleid, indem er zusammen  mit dem Produzenten Gerry Diver, von dessen CD Speech Project bei den Manafonistas schon die Rede war, auf Gitarren komplett verzichtet, schliesslich gibt es Banjos, Hackbretter, Trompeten etc. Ein sehr schönes Folkalbum. Aber eins mit Fallböden. En passant erfahren wir einiges über das sexuelle Leben von Wassergeistern – alle alten Quellen sind bestens abgsichert. Man stösst beim Studieren des CD-Heftchens gar auf einen Spruch von Ovid, und ahnt bald, wieso der Blick hinter eine Grenze grosses Grauen nach sich ziehen kann. Ein Hauch von Twin Peaks in good old England!

Die Natur spielt eine Hauptrolle in der Musik der norwegisch-französischen Formation Dans Les Arbres, was schlicht heisst: „In den Bäumen“. Keine Melodien, keine Harmonien, kaum Rhythmik, schon gar keine konventionelle, vergessen sie Jazz, hier erwartet Sie eine geräuschige, mitunter naturgeräuschige Musik, in der Instrumente wie Klavier, Klarinette, Banjo und Trommeln ihrem vertrauten Klangfeld entfremdet werden. Resultat: ein neues Zuhause in der Wildnis. Würden solche Klänge nachts im Dschungel an Ihr Ohr dringen, eine leise Angst könnte sich bis zu den Haarspitzen ausbreiten. Wenn jedoch der menschliche Reflex überwunden ist, hinter allem Fremden eine Gefahr zu wittern, kann sich tiefe Ruhe ausbreiten, abseits aller seligen Naturromantik. Hier, „in den Bäumen“, stehen keine expressiven Soli auf dem Programm, vielmehr ein Hinhören auf kleinste Dinge. Da bewegt sich was, es zittert, und springt mitten hinein ins Nichts. Willkommen in der Musik der CD „Canopee“!


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