Immerhin fünf Jazzneuheiten stehen bei ECM im September zur Veröffentlichung an:
Nik Bärtsch’s Ronin offeriert mit Live ein kraftvolles und atmosphärisches Live-Doppelalbum mit Mitschnitten aus Auftritten in Deutschland, Österreich, Holland, England und Japan. Der 2-CD-Set enthält die letzten Aufnahmen von Ronin mit Björn Meyers elegantem Bassspiel als einer der prägenden Stimmen der Band. Der neue Bassist Thomy Jordi hat im Stück “Modul 55” einen eindrucksvollen Einstand.
„Small Places“ ist das Nachfolgewerk zu “The Rub and Spare Change”, Michael Formaneks ECM-Debüt als Leader aus dem Jahr 2010. Das neue Album präsentiert die gleiche Powerhouse-Band aus langjährigen Gleichgesinnten, dabei befindet sich Formanek in telepathischem Einverständnis mit Saxofonist Tim Berne, Pianist Craig Taborn und Drummer Gerald Cleaver.
Auch auf “Swept Away” kommuniziert ein Quartett aus Spitzenkönnern – Pianistin Eliane Elias, Bassist Marc Johnson, Drummer Joey Baron und Saxofonist Joe Lovano – durch Musik, die gleichermaßen einladend und sinnlich, lyrisch und voller Swing ist. Eliane Elias hatte mit den ECM-Veteranen Baron und Lovano schon auf Johnsons 2005er ECM-Album „Shades of Jade“ gespielt. “Swept Away” enthält eine Handvoll melodiensatter Elias-Kompositionen. Ein weiteres Highlight ist Marc Johnsons groovendes, östlich angehauchtes “When The Sun Comes Up”; mit Johnsons Solo-Fassung des amerikanischen Folksongs “Shenandoah” schließt das Album.
„Equilibrium“, das ECM-Debüt des Benedikt Jahnel Trios, bezieht viel Spannung aus den gegensätzlichen Spielweisen von Benedikt Jahnel (vielen auch als Pianist von Cyminology bekannt) und Drummer Owen Howard. Dabei findet sich Bassist Antonio Miguel nicht selten in der Rolle des musikalischen Vermittlers zwischen diesen Polen. Der Stil der Band integriert subtil Elemente aus der Klassik wie auch moderne Groove-Konzepte.
“Matanë Malit” (Hinter dem Berg), Elina Dunis ECM-Debüt, ist eine musikalische Hommage an Albanien. Ihre Jazz-Erfahrungen prägen ihre Forschungsreise durch Folksongs aus dem Balkan – mit wachem Bewusstsein für deren Atmosphäre, deren Klangwelt, ihre Strukturen, die Bedeutung hinter den Worten. Duni hatte Albanien 1992 als Zehnjährige verlassen.
Archives: Montag, 27. August 2012
2012 27 Aug.
Meldungen aus dem Hauptquartier von ECM
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2012 27 Aug.
Wie man der Nostalgie den Garaus macht: „Tempest“, ein weiteres Spätwerk des Herrn Dylan
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 2 Comments
„Shine a light / Move it on / You burned so bright / Roll on, John“. Das letzte Lied des Albums ist eine Liebeserklärung für einen alten Freund, John Lennon. Was Wohltuendes, ja, so kommt es einem vor. Einzelne Stationen aus Lennons Lebens blitzen auf, auch Songzitate, etwa „A Day In The Life“. Dylans Blick scheint stets ein rückwärtsgewandter zu sein, Geschichte abzuarbeiten: ist er nun doch altersmilde geworden? Ist „Roll on, John“ eine besinnliche Nummer zum Ausklang? Falsch, liebe Rock’n’Roll-Nostalgiker! Die simple Wahrheit dieses Liedes ist hammerhart. Dylan fühlt sich ein in die letzten Momente des durch einen feigen Mordanschlag innerlich Verblutenden, und das ist kein heiterer Tanz ins beglückende Jenseits. Das ist Agonie, mit flüchtig flackernden, letzten Bildern. Dann könnte womöglich doch etwas schief gehen, denn Dylan widmet sich in epischer Songlänge dem Untergang der Titanic (und zitiert dabei mehr als einmal Leonardo DiCaprio, oder ist es Leo Zimmerman, eim Namensvetter von Robert Zimmerman, und damals wirklich an Bord gewesen): „Leo took his sketchbook / he was often so inclined / he closed his eyes and painted / the scenery of his mind.“ Der Film war ein Schmachtfetzen, ein Blockbuster, aber eben auch eine sehr kalkulierte, auf Massengeschmack und Taschentücherkonsum, zugeschnittene Version der Geschichte. Zum Glück: wenn dieser zentrale Song von „Tempest“ ein Film wäre, er wäre in Schwarzweiss gedreht. Dylan erzählt nämlich keine lineare Story, vielmehr folgt er einmal mehr eiskaltem Sterben und darwinistischem Überlebenskampf. „Jeder stirbt für sich allein“: Fallada hat recht (und Bob Dylan wäre, nebenbei bemerkt, ein grosser Fallada-Fan, hätte er diesen Roman gelesen.) Die Quellenforschungen Dylans reichen aber weit genug, wie wir es von seinen Bluesanklängen gewohnt sind, am liebsten ins Alte Amerika; die Ur-Country-Gruppe „The Carter Family“ hatte auch einst ein Lied zur Titanic angestimmt, und auch das verarbeitet Dylan (nur Dylan darf Muddy Waters-Riffs und alte Landmusik aufgreifen, ohne Quellen zu zitieren. Da hat er Narrenfreiheit, gut so). Tod, Untergang, Wirrungen, Horror, ja, und auch ein Serienkiller: Dylans gnadenloseste Platte seit „Modern Times“ ist ein Panoptikum des Unheils, und der rückwärts gewandte Blick holt all diese Stories aus historiscnen Absicherungen und nostalgisch abgemildertem „Es war einmal“ heraus, transportiert sie in einen unentwegten Strudel der Zeit, in eine nicht korrumpierbare Gegenwart. Alles beginnt, so scheint es, hoffnungsfroh, mit dem ersten Song, einer raffinierten „falschen Fährte“, beheimatet im guten alte Genre des „Train Songs“. Ein luftiges, burleskes Ding: „Duquesne Whistle“ wird von old time-Jazzklängen befeuert, der Grundton ist fast heiter, selbst die Vorboten des Unheils werden mit grossem Gleichmut vorgetragen: „Can’t you hear that Duquesne whistle blowin’/Blowin‘ like the sky’s gonna blow apart“. Und damit ist das Terrain eröffnet, in dem es in der Folge nur so wimmelt vor Lebenslügen, Katastrophen, und Todesfällen. Wer Dylans immer krächziger werdende Stimme auf seinen letzten Auftritten in Deutschland gehört hat, wird feststellen: da ist nichts geschminkt worden, aber keiner wird sich hinstellen und sich eine jüngere Ausgabe wünschen, einen retouchierten Dylan. Sie gehören einfach dazu, diese Bell- und Knurr- umd Zischlaute. Die Musik ist meilenweit entfernt von den entspannten Barbecue- und Partystimmungen seines letzten Studioalbums. Die alten Jungs an seiner Seite begleiten Dylan, wenn es sein muss, und hier muss es anscheinend sein, bis ans Ende der Nacht. Und hier werden keine Feuerzeuge in den schwarzen Himmel gereckt. Hier ist Schluss mit lustig. Die zweite Hälfte des Albums entwickelt einen solch dunklen Sog, das „Tempest“ fraglos zu seinen essentiellen vier „Spätwerken“ seit 1982 zu zählen sein wird, neben „Oh, Mercy“, „Time Out Of Mind“ und „Modern Times“. Die Schwärze verdichtet sich im gegrummelten, perfide kalt entworfenen Totentanz „Tin Angel“. „Tempest“ ist eine rohe, wütende Mixtur, in der sich alttestamentarische Glaubensreste und Endzeitahnungen durchdringen. Etwas ist ganz und gar aus den Fugen geraten. Aber was können wir tun? „Listen to that Duquesne whistle blow / Sounds like it’s on a final run.“ Gute Nacht, und viel Glück!
