Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

You are currently browsing the blog archives for the day Samstag, 10. Dezember 2022.

Archives: Samstag, 10. Dezember 2022

Zuweilen wirkt das Wort „Noir“, wenn man von alten Filmen spricht, wie ein Artefakt. Aber „Noir“ ist nicht historisch, und bleibt in keiner Zeit hängen wie ein Relikt. Man kann „Noir“ nicht goutieren, nicht mit Nostalgie überziehen, und es so besänftigen. Man kann das natürlich tun, aber es ist absurd. Lege Bruce Springsteens „Nebraska“ auf, und  halte es aus. Von Anfang bis Ende. Schwerer, schwarzer Stoff. Fuck the Erinnerungsseligkeit. Jeder Song ist nachtschwarz. Zum Beispiel „Atlantic City“.  (m.e.)

 

In den frühen 1980er Jahren sah Springsteen überall die gleiche Leere. In der Verehrung der Habgier und den schwindenden wirtschaftlichen Aussichten für die Arbeiterklasse. In der gezielten Ausfransung von Amerikas sozialem Sicherheitsnetz durch die Reagan-Regierung. In der Art und Weise, wie die Gesellschaft zu zerbröckeln schien und so viele Menschen isoliert und wütend zurückließ. Springsteen las bis spät in die Nacht hinein und fühlte sich zu den Kriminalromanen von James M. Cain und den Südstaatengeschichten von Flannery O’Connor hingezogen. „Gothic“ und „Noir“, Hand in Hand. Er identifizierte sich mit den Helden der klassischen Noir-Geschichten, mit Figuren, die von Kräften bedrängt wurden, die sie weder sehen noch verstehen konnten. Im Kino begeisterte er sich für Charles Laughtons Film Die Nacht des Jägers aus dem Jahr 1955 und vor allem für „Badlands“, die fiktionalisierte Nacherzählung von Charles Starkweathers Mordserie in den Jahren 1957 und 1958 in Nebraska und Wyoming. Bei letzterem griff Springsteen zur Gitarre, wo sich der Film von Terrence Malick und die realen Verbrechen von Starkweather mit den Erinnerungen des Musikers an seine Großeltern vermischten. Zunächst betitelte er den Song „Starkweather (Nebraska)“. „Ich habe versucht, die Stimmung einzufangen, die in diesem Haus herrschte, als ich ein Kind war“, sagte er mir. „Öde und heimgesucht. Dieser unglaubliche innere Aufruhr.“

(Peter Ames Carlin)

Yes, the Band. From Brisbane, Australia. Once upon a time. You remember? „Cattle and Cane“. Grant dying so young, Robert finishing Grant’s last three songs for „The Evangelist“. Heartbreaking. They had never been interested in noise or feedback drones. They were looking for pure songs and melodies. With a twist. With undercurrents. Melancolia, sunbathed. Or rain. They wrote the best song about rain since Creedence Clearwater Revival. „Spring Rain“. Passion and understatement. Great lyrics all over the place. And, oh, that striped sunlight sound!

 

1 – Es sind intuitive, oft auch gut begründbare Entscheidungen, die einem keine Wahl lassen, wenn man die Wahl hat. In der SZ entbrannte vor vielen Jahren eine streitlustige Diskussion, vielleicht sogar in der Form eines Briefwechsels – es ging, u.a. um das prinzipielle Qualitätsgefälle von Klassischer Musik und Popmusik. Meine schlichte Antwort dazu: es gibt keins. Eine Qualität des „Un-Fass-Baren“ kann sich hier wie dort ereignen, sie ist nicht genreabhängig. Das sehen natürlich manche Zeitgenossen anders, besonders solche, die zuviel Weihrauch geschnüffelt haben,  und ihre Bretter vor dem Kopf für heilige Tafeln halten.

Der launige Diskurs fand zwischen Karl Bruckmaier und Helmut Krausser statt, der in jener Zeit einen historischen Roman über das Leben, Wirken und Leiden des Komponisten Gesualdo verfasst hatte, aus dem HBO leicht eine dreistaffelige Serie schöpfen könnte. So eine Art Phil Spector seiner Zeit, ein Wahnsinniger, ein Killer. Eine damalige Bekannte schenkte mir diesen Roman, den ich nach fünfzig Seiten in die Tonne warf, weil ich ihn unendlich hölzern und bieder geschrieben fand. In dem angesprochenen „Briefwechsel“ gab Krausser sich als gönnerhafter Teilzeitliebhaber des Pop zu erkennen, vermerkte aber, in Bezug auf Bruckmaiers Wertschätzung der Go-Betweens, dass ja Gesualdo wohl ein anderes, grossartigeres, erhebenderes Kaliber sei. Uuuaaahhhh – eine Leuchtturm-Existenz!

Beim Entschlüsseln der Struktur von „Magie“ zählen nun, wenn man nicht gerade der Riege der Weihrauchschnüffler angehört, die Parameter des Bahnbrechenden und Innovativen allein ganz und gar nicht (den Satz erst mal setzen lassen)! Lieder wie „Spring Rain“ oder „Cattle and Cane“ (von den Go-Betweens), ach, ganze Platten dieser Band aus Brisbane, können, auf einer feinstofflichen – und keinesfalls esoterischen – Ebene der ihnen innewohnenden Eigenheiten soviel „Mikromagie“ (all das, was durch die Raster akademischer Analyse fällt) verströmen wie irgendein alter ehrwürdiger Liederstoff aus fernen Jahrhunderten. 

 

 

2 – Ich fliege derzeit durch Robert Forsters Buch „Grant & Ich – The Go-Betweens und die Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft“ (Heyne Encore). Und was stellt sich bei dieser bewegenden Lektüre heraus: Robert Forster ist diesem gesualdoanischen Anhänger einer Wertehierarchie aus der Mottenkiste, allein schon  an schriftstellerischem „élan vital“, um einiges  überlegen, und da muss man nicht einmal die Ebene der „Mikromagie“ bemühen. Genie, oder kein Genie, das ist nicht die Frage. Das, was Seelennahrung ausmacht, entscheidet zum Glück jeder für sich, es sei denn, lieber Leser, Sie lassen sich etwas vom Pferd erzählen.

 

3 – Ich will und kann dieses Buch gar nicht distanziert beurteilen, ich war zufällig zur ungefähr gleichen Zeit in London, Paris und Regensburg, als die Go-Betweens bzw. einzelne „Botengänger“ dort weilten. Synchronizitäten. In London hätten sie mir im Dezembe 1982 über den Weg laufen können, im Rough Trade Shop war ich oft, eine Single von Aztec Camera hing an der Wand. Ich habe oft die gleichen Platten wie die Drei gehört (beim Lesen permanentes Verblüfftsein), war von „Send Me A Lullaby“ an dabei, habe keine Band öfter in meinem Leben live erlebt, und einmal in Köln (ich könnte das genaue Datum auf der Erinnerungsseite der Band nachschlagen) habe ich mit der vor Vitalität sprühenden Drummerin im Luxor getanzt, ohne mich zu trauen, sie zu einem Drink einzuladen. Eine Viertelstunde lang war ich zu verliebt, um einen klaren Gedanken oder einen Plan zu entwickeln.

 


4
–
Some might find moody shots of Forster walking across an empty field or staring at a bonfire cliched or even trite. But they are people who hold more value in technique than soul. And the Go-Betweens have always been about soul, not technique. As Lindy Morrison says, “We didn’t look the part, we didn’t sound the part, we were too intelligent.”

Stenders has made an emotional, rolling thunder of a film, one this extraordinary band deserves. Those for whom the Go-Betweens are part of the architecture of their lives will love it. For casual watchers, it might introduce them to something special.

(Padrâig Collins, The Guardian)

 

5 – Ich habe nie Devotionalien gesammelt, ein paar Eintrittskarten, ein Tshirt von den Go-Betweens, lang verschlissen,  aber ich wäre für jede Narretei zu haben, wenn es um das White Album ginge. Ein englischer Schriftsteller, William Shaw, veröffentlichte einige historische Kriminalromane, in denen das London der „Beatlemania“ Schauplatz ist, quite good novels, by the way, und was gäbe ich dafür, eine klassische Zeitmaschine besteigen zu können, und mit meinem dreizehnjährigen Ich (besser sweet sixteen) zwei, drei Wochen ein Zimmer in Soho zu beziehen (okay, sweet eighteen). Aber natürlich mit meinem Bewusstsein von heute, haha. So bleibt mir nichts anderes übrig, als weiterhin in die „Big Box“ des White Album abzutauchen, mit all den neuen Abmischungen, „Esher Demos“, „Surroundings“, unveröffentlichten Sessions. Dieses Werk ist für mich eines, bei dem ich sagen würde: the mothership has landed“ – ich kehre stets eine Spur verwandelt zurück. Jungbrunnen, Sterben lernen, neue Anfänge, alles ist darin. Die Firma Pro-Ject hat einmal, in limitierter Auflage, einen „White Album Record Player“ auf den Markt gebracht, was natürlich schöner Blödsinn ist, und all meine Sympathien hat. Jeder Plattenspieler ist eine Zeitmaschine, und wenn ich je im Schneidersitz von meiner Petrolcouch abheben sollte, liegt es nicht an einer Erleuchtung, oder einem Mantra. Gestern lag es an der Schallplatte „The Following Morning“ von Eberhard Weber. Morgen könnte es „Spring Hill Fair“ sein.

 

 

 

Ich will ehrlich sein, Leute, mir ist gerade mehr als nur ein bisschen schwindlig… Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich mehr über die Tatsache freue, dass zwei meiner Lieblingsalben von Frank Zappa nicht nur die Remastering-Behandlung des 21. Jahrhunderts erhalten haben (einschließlich aller analogen Vinyls, gemastert von Bernie Grundman!) … Oder dass der Zappa-Nachlass seine Archive weiter öffnet, um einen tiefen Einblick in Studio-Outtakes und alternative Aufnahmen zu geben, die die meisten von uns noch nicht gehört haben … Oder dass die Produzenten sich die Zeit genommen haben, beide Alben in Surround-Sound zu mischen … Oder bin ich einfach nur aufgeregter, dass sie sich die Zeit genommen haben, sie in wirklich großartig klingendem Surround-Sound abzumischen?

(Mark Smotroff)

 

Das lernte ich als Teenager mit 16, 17, dass man, wenn man etwas zuviel getrunken hat (der einzige Filmriss meines Lebens im „Humpen“ ist immer wieder eine nette Story bei Klassentreffen), ganz viel Milch trinken soll vorm Schlafengehen. Und so kam es: ich hatte nie Probleme mit Alkohol, aber manchmal mit einem Kater, und so schüttete ich in jenem Sommer 72 oder so ein volles Glas eiskalte Milche in mich hinein. Dann schaltete ich den Kassettenrecorder ein und liess das C-9o-Teil laufen von einem brandneuen Frank Zappa Konzert auf der Isle Of Wight, und er spielte The Grand Wazoo live mit George Duke an seiner Seite. Und obwohl es grössere Zappa-Fans gibt als mich, konnte ich mich für das Konzert und einige seiner Platten im Laufe der Jahre (und zuletzt auch wieder) ziemlich begeistern, und The Grand Wazoo zählte zu meinen Favoriten. Und ich sehe das Bild vor mir: die leergetrunkene Milch, der Recorder auf dem Kühlschrank, und wie ich die Kassette einlege. Young ears hear everything. Zappas Gitarrenspiel. Seine Breaks. Sein Sarkasmus. Sein Witz. Seine Wucht.

(m.e.)

2022 10 Dez.

Robert and Karin (1)

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 11 Comments

From Robert Forster, 16th October 2022

 

Greetings from Brisbane

 

Dear friends, pull up chairs, this is a difficult and lengthy post. It is tough news that I wish to share with you and not for you to pick up second hand on the internet over the next months.

In early July last year, Karin Bäumler, my wife and musical companion for thirty-two years, was diagnosed with a confronting case of ovarian cancer. It was a time of shock and grief, and that same month, she embarked on a regime of chemotherapy treatment.

Ever since we met, Karin and I have sung and played music together in our home, and in these dark days we turned to music once again. I had a batch of new songs I’d written over the last years, and we started playing them together. Our son Louis often dropped in for a meal and a chat and soon he began joining us on guitar. One night, when sitting cross-legged on the couch, after we had played a song, Karin looked up from her xylophone and said, ‘When we play music, is the only time I forget I have cancer.’ That was a big moment.

In the meantime some of our very kind Brisbane friends had formed a cooking roster, leaving meals at our front door to support us through this time. One of them was Adele Pickvance, former Go-Betweens and Warm Nights bass player. On one of her meal delivery trips, I asked her to bring her bass and an amp along. She pulled up a chair in our lounge room and fell right in on the new songs.

In October, Karin was scheduled for surgery. We booked a studio, and on September 27th, the four of us sitting in a circle, recorded 10 songs live in 7 hours. Whatever would happen in the future, we would always have the tape.

Over the next months, when Karin was strong enough and Covid numbers were low, we booked odd days in the studio. Sometimes our daughter, Loretta, would come along and join us and we brought in friends to help us, too. Karin was driving the album and listening to what we’d done on each session, gave us weeks of enjoyment and a place we could retreat to, away from hospital visits and scans and blood tests. In early March, with her chemotherapy course just finished, we did our last day in the studio.

The songs we recorded formed an album that will come out early next year, and this Wednesday, the 19th, we will release a single. But we wanted you to know the story of the creation of the record first. Why it exists. Why these musicians are playing on it. Why there isn’t layers of production, instead a live, catch a moment feel to the sound. Two of the songs on the album are from that September 27 recording. We didn’t know we’d started an album but we had, in the shadow of Karin’s hospital visits.

With a challenging year behind her, Karin is feeling strong and positive now and she can’t wait for our music to go out of our house and into the world. It may seem strange making an album in these circumstances and looking back, we really don’t know how we did it, but we do know that it helped us just so much as a family. It was done in drops and gave us this other reality we could live in. Something that music is great in giving.

In the slow process of the album’s recording, we didn’t inform a wide range of family and friends of what we were doing, and we ask for their understanding in the delivery of this news.

The album is called “The Candle And The Flame”. We hope you will enjoy it!

Fondest Regards from Karin and myself,

 

Robert

2022 10 Dez.

Übergänge

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

 

 

Übergang – (c) FoBo_

 

Robert once found his love in Regensburg, so did I (at least I thought so) in a similar time, but mine was a disaster with a lot of heaven for starters, hell came later. Now we were all back, in good shape, on a cold late autumn evening, in Cologne, in that beautifully fucked-up place called „Gebäude 9“. I was surprised to see Robert and his wife Karin Bäumler alone on stage, not the ususal setting, (acoustic) guitar and violin only, the main voice, the backing voice, but it was, to put it simple, elevating. They had some songs to play. Not only from Robert Forster’s latest album, they also brought some „ancient“ Go-Betweens-stuff to new life: „Draining The Pool For You“, „Head Full of Steam“ from two of their classics. Later on Robert sang „The House That Jack Kerouac Built“, and I never liked it that much as I did yesterday.  Robert is a good entertainer, too, he knows about „furchtbaren Kaffee“ on long German train rides,  and now we all know why he has always loved putting  the word „rain“ in some of his song titles – thanks to the genius of John Fogerty. Karin added subtle beauties. When she sings „ba-ba-ba“, it sounds like part of an unforgettable breakfast conversation. The art of „en passant“, and one time, I swear, I heared her play a little counter melody from a song from Dylan’s „Desire“. If this was a bit hallucinatory, then you might get a feeling, how things were running wild. No eccentricity involved, just that great vibe from start to end. Passion and understatement. The venue was crammed full of people, I was dancing with the feet on the ground, and the head full of (good, very good) steam. Close to the end we were all humming along reading surfing magazines.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz