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Archives: Donnerstag, 20. Mai 2021

 


In der ersten Folge der sehenswerten Doku-Serie über das Jahr 1971 mit dem grosssprecherischen  Zusatz „the year that changed everything“ tauchen einige ikonische Alben auf, die – 1971 – Musikgeschichte geschrieben haben, und das mit guten Gründen. John Lennons „Imagine“ etwa, oder Marvin Gayes „What‘s Going On“. Wäre eine Serie über das Jahr 1968 gemacht worden, Van Morrison hätte grosse Chancen gehabt, mit seinem Klassiker „Astral Weeks“ gewürdigt zu werden. Aber man wäre schön blöd, wenn man den allgemeinen Konsens folgen würde und denkt, so könne man zielsicher die Meilensteine fürs eigene Leben abgreifen. Mir lag „Veedon Fleece“ lange Zeit viel mehr am Herzen, aber damals erhielt dieses bukolische Opus mit irischem Flair so manchen Verriss. Der amerikanische „Rolling Stone“ wartete geradezu mit einem vernichtenden Urteil auf. 
Jim Miller machte sich über die Platte lustig und warf mit unfreundlichen Begriffen wie „abortive“, „aberration“ und, am direktesten, „pompous tripe“ um sich.

 

Ich war dem Album von Anfang an verfallen, aus ganz und gar eigenen Motiven. Die Musik verzauberte mich. Der „Rolling Stone“ machte sich ja auch, später, nicht weniger lustig über Joni Mitchells Album „The Hissing of Summer Lawns“. Der Melody Maker und der NME verrissen unisono Brian Enos „Music For Airports“, und Herr Hilsberg liess in der „Sounds“ kein gutes Haar an „London Calling“ von The Clash. Werch ein Illtum, könnte man mit Ernst Jandl ausrufen, aber es ist auch komplett egal. Ob einem Album der jüngeren Musikhistorie Meisterwerkstatus zuerkannt wird, liegt an vielen Faktoren –  eine Wahrheit „an und für sich“, im philosophischen Sinne, gibt es nicht, schon gar keine Hierarchisierung sprachlicher Rollenmodelle.

 

Und  nur, weil von Zeit zu Zeit ein anderer „common sense“ in Erscheinung tritt, sollte man keineswegs in irgendeinen Jubelchor einstimmen, hinsichtlich bestimmter Langspielplatten. Die Sache mit  der Uhl und der Nachtigall, genau! Ob ein Album  eine besondere Wertigkeit zukommt, existenziell wird, sowas wie „life‘s company“, bleibt besser  den ganz persönlichen Entdeckungsreisen vorbehalten, und keinem Kanon oder Guru.

 

Leonard Cohen hielt „Veedon Fleece“ übrigens für „einen Traum von einem Album“, das nahm ich später schmunzelnd zur Kenntnis, als die Platte schon ziemlich verwittert und abgespielt war. Mittlerweile liebe ich die beiden Van Morrison-Alben gleichermassen. Jedem seine eigene kleine grosse seltsame unermessliche Welt. (Wie Van jetzt den Corona-Leugnern nachplappert, in peinlichen Protest-Attitüden und lächerlichen Songs, sich dabei selten blöd entrüstet, zeigt natürlich, dass er derzeit einen gewaltigen Schuss hat.)

 

Und damit ist es nun Zeit, „auf den Hund zu kommen“. Das bislang schönste, hinreissendste, betörendste Album des 21. Jahrhunderts mit einem Hund auf dem Cover ist, meiner unmassgeblichen Meinung nach, „Showtunes“ von Lambchop. Und in meinen „all time favourites of albums with a dog (or two) on the cover“ ist es vor wenigen Tagen von 0 auf Platz 2 gesprungen, knapp hinter „Veedon Fleece“, und noch vor „Tusk“ von Fleetwood Mac, und vor Johnny Cashs „American Recordings“ aus dem Jahre 1994. Unglaublich, aber wahr. Übrigens, in diesen „Hunde-Charts“ liegt, bei mir, ein Album von James Taylor auf Platz 7. Der Wolf (Canis lupus) ist bekanntlich  das größte Raubtier aus der Familie der Hunde. Sinnika Langelands jüngstes Werk, „Wolf Rune“ ist mit von der Partie, auf Rang 9.  Good night, and good luck!

 

NACHSPIEL:

 

Lajla: Hunde, gemalt von Goya.
Gruß aus dem Prado.

Michael: Toll, das Bild links gefällt mir auch.
Ist das auch ein Hund?
Du bist wirklich in Madrid. Unbelievable.

Lajla: Ja es ist ein Hund, der ins Leere schaut.
Mich hat das Bild von Goya sehr beeindruckt.
Madrid ist der Hammer. Ich war noch nie hier.
Fahre Montag wieder auf die stille Insel.
I just needed a change

Michael: Das scheint ein Druck zu sein.
Aus dem museum store.
Kannst du ihn für mich kaufen,
den Hund mit dem Blick ins Leere?
Und ihn mit auf die stille Insel nehmen?
Ich komme im August und hole ihn ab.

Es war einmal eine Stimme, die man nie zuvor in der Popwelt gehört hatte: hell, aber nicht scharf, sang sie sich auf „The Kick Inside“ durch einen englischen Zaubergarten, und man staunte nicht schlecht, dass David Gilmour von Pink Floyd ihr Mentor und Produzent war. Das Album war mehr “pink” als “floyd”, und begleitete mich durch einen Würzburger Sommer, es passte gut zu Obstwein und Flussspringen. Heute hat Pitchfork eine Besprechung von Kate Bush‘s „Hounds of Move“ (1985) veröffentlicht und dem Album die höchste Bewertung gegeben: eine 10. (eine insofern „historische Besprechung“, da es, 2011, die Reihe der „Sunday Reviews“ der Pitchforks eröffnete). Diese Sonntagsbesprechungen sind also so alt wie dieser Blog. Ein Album, das mich nie berührt hat – jeden Versuch, ihm nahezukommen, habe ich rasch abgebrochen. Viele halten das Album für ihr absolutes Meisterwerk. Und für eines der grossartigsten Alben der Achtziger Jahre. Tatsächlich habe ich genau drei Lieblingsalben der Engländerin, und das sind, in zeitlicher Abfolge, The Kick Inside (1978), Aerial (2005) und 50 Words for Snow (2011). Als 1982 „The Dreaming“ erschien, war ich ganz wild auf das Werk, weil ich in jenem Jahr ohnehin viel träumte (total verliebt am Ende der Welt), und auch,  weil Eberhard Weber im Vorfeld als Mitwirkender angekündigt war.  Aber auch das Album konnte mich nicht faszinieren. Was waren die Gründe, hier und da? Rückblickend kamen mir beide Alben wohl mit zuviel Hall herüber, die Lieder erschienen mir überfrachtet, und die Synthesizersounds pompös und künstlich. Das reime ich mir jedenfalls nun, aus der Erinnerung, so zusammen. Zu gerne würde ich hier von jemandem eine „Liebesklärung* an Hounds of Love“ lesen. Sollte das passieren, werde ich das Album demnächst spät abends auflegen, und am Tage darauf von dem Hörerlebnis erzählen.

* schöner Verschreiber: „Liebesklärung“

Der eine hatte ein Clownsgesicht mit kleinen roten runden Bäckchen. Der zweite ein blutiges Gesicht, Kunstblut, und lachte. Der Dritte sah auch leicht lädiert aus und war Jochen S.. Wir sassen in einem grossen Restaurant, die Arbeit war getan, und doch fragte ich ungläubig in die Runde: „Wir sind doch nah an den Hollywood Hills?“Dann stimmte einer einen Gassenhauer an, der mir irgendwie bekannt vorkam. Wir sangen aus voller Kehle, während wir freundlich bedient wurden. Die eine Treppe tiefer sitzenden Gäste des Diner stimmten ein und alle sangen diese alte amerikanische (?) Melodie. Rückblick: wir hatten wohl die Folge einer Krimiserie abgedreht, und ich weiss noch genau, wie ich die Treppe zu meinen Jungs hoch ging und ihnen zurief: „Ist doch toll, wenn man Detektiv ist!?“ Von dem zuvor erledigten bzw. abgedrehten Fall blieb mir nur das Ende in Erinnerung (beim Erleben der Geschichte hielt ich alles für real und keineswegs für einen Film). Es ging um Kunstdiebe, die sich Zugang zu einer verlassenen Edelvilla verschafft hatten. Schlussendlich konnten wir Vier die Warnanlage von draussen aktivieren, und die zwei Gängster in Innenräumen einschliessen, bis die Cops kamen. Es war ziemlich aufregend davor, aber, wie gesagt, no more plot memories. Als wir nun beieinander sassen, zu Pizza und Bier, merkte ich, dass dies ein Traum war – mein Bewusstsein schaltete sich ein, lucid dreaming! Ich lachte laut, und teilte unserem detektivischen Quartett mit, dass dies hier zu allem Überfluss ein Traum sei, und der mit dem Kunstblut sagte, unvergesslich: „Ich fühle mich vollkommen real!“ Alles klar, dachte ich, rief ihnen „see you later, alligator“ zu und flog in den Himmel über Hollywood, bei vollem Bewusstsein. Sicher einer Viertelstunde dream time*, bis ich meine Luizidität verlor. Einmal sah ich dabei die vier Präsidentenköpfe aus der Ferne,  aus grosser Höhe, rief lauthals „north by northwest“, und wünschte mir die Luft etwas wärmer. Und so geschah es. Ich flog in Pirouetten, und dann in himmlisches Blau hinein.

 

*wenn man im luziden Zustand ist, erfolgt die Zeiteinschätzung so realistisch wie im Wachbewusstsein. Weil: das Wachbewusstsein ist ON. Etwas, das manche sich so schwer vorstellen können. 


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