Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archives: April 2021

He loves spoken word albums, and he loves Marianne.

2021 29 Apr

Spooky

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Der lila Streifen auf dem Foto ist weder ein Blumenfeld noch liegt es an meiner Kamera. Was könnte es sein?

 

2021 28 Apr

Beyond The Hits

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This song evokes the abject lostness of King’s Cross so perfectly, this site of historic battles where people arrive in London from The North and Scotland and where they return to, to leave. At the time this song was written, and until recently, the area was quite empty but for remaining sections of bombed out streets, warehouses – some of which were clubs – and a nature reserve. It was like an embodiment of the dark side of London’s anonymity with small oases in it. Now King’s Cross is home to the Eurostar, Amazon, Google and St. Martins it’s nowhere-ness seems amplified. No matter how many fancy buildings go up you can still sense Boudica’s ghost and faintly hear the strains of a sad song like this one as you get your overpriced oat latte.

 

… and much more – Lesetipp für Jan (and other fans of British pop music)

2021 26 Apr

Sonette über das Rätsel des Personseins

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Martina Weber: Vor kurzem ist dein dritter Gedichtband mit dem Titel „Gemütsstörungen“ im Limbus Verlag erschienen. Inhaltlich sind es Personenportraits und Weltbetrachtungen, formal spielst du mit der Form des Sonetts. Was hat dich am Sonett gereizt?

 

Kirstin Breitenfellner: Ich habe schon in meinen ersten beiden Gedichtbänden mit Reimen experimentiert, aber dabei hat sich nie die Sonettform ergeben. Das erste Sonett war plötzlich da – ich habe es im Nachhinein als solches erkannt. Und dann hat es sich vermehrt. Denn ich habe entdeckt, dass es Spaß macht, Sonette zu schreiben. Innerhalb der Form gibt ja viele Freiheiten, die ich mir auch genommen habe, und mit dem Reim gehe ich ebenfalls eher frei um, so wie ich es aus der russischen Lyrik kenne und schätze, wo ein Reim nur so ähnlich klingen muss. Ähnlich machen es ja heutzutage die Rapper, das erleichtert mich, denn damit muss ich mich nicht mehr altmodisch fühlen …

 

Martina Weber: Schwingt bei der Wahl einer festen Form, auch wenn du sie frei interpretierst, auch der Gedanke mit, dass eine gewisse Vorgabe die Arbeit an den Gedichten erleichtert, weil dadurch schon etwas da ist?

 

Kirstin Breitenfellner: Ja, das stimmt. Bei Gedichten arbeitet man immer mit etwas, was schon da ist. Die wenigsten Gedichte sind mit einem Mal ganz da. Bei mir ist es meistens die erste Zeile, öfters auch die ersten beiden Zeilen, die mir zufallen. Die entwickle ich dann weiter zu den ersten beiden Quartetten. Die beiden Terzette sind dann oft so etwas wie eine Schlussfolgerung daraus. Ich habe mir aber nie vorgenommen, einen ganzen Band mit Sonetten zu schreiben. Die ersten Sonette sind schon vor 15 Jahren entstanden, das waren Porträt-Sonette, die über die Jahre langsam mehr geworden sind, bis ich sie vergessen habe, weil ich dachte, dass man heutzutage keine Sonette mehr publizieren kann. Irgendwann habe ich sie dann wiedergefunden und sie um die Sonette über die „Unwelten“ und die „Conditio personae“ ergänzt, aber auch mit weiteren Porträts. Das hat mir so viel Freude gemacht, dass derzeit ein weiterer Band mit Sonetten entsteht, unter dem Titel „Gedichte ohne ich“. Ich bin gespannt, wann Sonette mir über werden. Es bahnt sich langsam an …

 

Martina Weber: Inhaltlich bewegt sich der Gedichtband in vier Kapiteln von allgemeinen Betrachtungen zu Mensch und Welt in unserer Zeit (unwelten) über Portraits ungenannter Personen (gemütsstörungen) und Portraits bekannter Künstlerinnen (zueignungen) zu abschließenden Reflexionen (conditio personae). Die Gedichte, die „eine Figur in ihrer ganz persönlichen Verstrickung“, wie es im Klappentext heißt, vorstellt, haben mich besonders angesprochen. Es liegt daran, dass ich mich beim Lesen zu der Figur positioniere. Ich überlege einerseits, um was für einen Charakter es sich handelt, aber auch, wie die individuelle „Gemütsstörung“ von dir auf den Punkt gebracht wird, wie du die Person also betrachtest. Außerdem kommt als weiterer Effekt hinzu, wie ich meine eigenen „Verstrickungen“ auf vierzehn Zeilen packen könnte oder eher, wie du es beschreiben würdest. Ich finde diese Betrachtungen sehr klug, auch aus psychologischer Sicht. Humor ist auch dabei: Zwei Mal wird eine 15. Zeile angefügt. Ein Sonett endet mit den Worten „er sucht das ziel – was zählt / er weiß es (nicht)“. Meine Lieblingszeile des Buches lautet: „(es tobt in ihrem herz, das wesen)“. Ich gehe davon aus, dass es sich nicht um erfundene, sondern um real existierende Charaktere handelt.

 

Hier ein Beispiel für ein Gedicht aus dem titelgebenden Zyklus:

 

er prüft die maulwurfshügel nur
im garten wirft die wiese blasen
ärgerlich zum ärger ohne spur
er ruft zur ordnung die oasen

 

schließt die gänge, gräben stur
den blick hinab verweigernd
zweifel, trauer, wut, die kur
aus schlamm und worten steigernd

 

ihm das leben über alle glieder fuhr
er meidet menschen, schreibt verkannt
sein werk um einen wunden punkt, die hauptfigur

 

und stille immer wieder an die wand
hört ungern auf den ruf der uhr
und vor dem dunkel ist er fortgerannt

 

Wie bist du auf die Idee gekommen, Charakterstudien dieser Art zu schreiben? Welche Wirkung wünschst du dir bei den Lesenden?

 

Kirstin Breitenfellner: Jeder Mensch denkt fortlaufend über sich selbst und seine Mitmenschen nach. So wie man sich selbst ein Rätsel ist – diesem Rätsel widmet sich mein gerade im Entstehen begriffener Gedichtband „Gedichte ohne ich“ –, so sind es einem auch die Freunde, Bekannten und Verwandten. Und was gibt es Besseres, um ein Rätsel einzufangen, als ein Gedicht? Nachdem ich ein paar solcher Sonette geschrieben hatte, ließ es mich nicht mehr los. Und ja, tatsächlich liegt jedem Gedicht eine Person zugrunde, die ich persönlich kenne. Die allerallerwenigsten kennen „ihr“ Gedicht, denn es geht mir ja nicht darum, ihnen etwas über sich selbst zu erklären, sondern darum, sie für mich besser zu verstehen. Dabei bewege ich mich auf einer so allgemeinen Ebene, dass sich noch niemand erkannt hat oder mich gefragt hat: Bin das ich? Ich wünsche mir auch gar nicht, dass sich jemand erkennt, im Gegenteil wäre mir das eher unangenehm. Aber ich hoffe, dass bei den vielen verschiedenen Persönlichkeitsstrukturen und „Gemütsstörungen“, die hier beschrieben werden, für die Lesenden ein Wiedererkennungswert dabei sein kann – für sich selbst oder seine eigenen Freunde, Bekannten und Verwandten –, der die Gedichte für sie interessant macht.

 

Martina Weber: Die Wahl einer Form, in deinem Fall der Form des Sonetts, wirkt im Arbeitsprozess zwangsläufig auch auf dein Denken zurück, insofern, als du den betrachteten Gegenstand, die Person, das Thema in die – wenn auch frei interpretierte – Sonettform einfügen musst. Bist du dabei auch an Grenzen gestoßen, hast du dich durch die selbst gewählte Form manchmal auch eingeengt gefühlt?

 

Kirstin Breitenfellner: Ja, manchmal reichen mir die 14 Zeilen nicht, aber da ich mit der Sonettform ja frei umgehe, habe ich mir dann erlaubt, Zusatzzeilen, meist in Klammer gesetzt, hinzuzufügen. Im Übrigen muss ich ja nicht die Person in die Sonettform einfügen, sondern nur meine Reflexion über sie. Da das Reflektieren über einen Menschen prinzipiell unendlich ist, kann so eine Form auch befreiend wirken. Natürlich könnte ich über jede Person noch viel mehr sagen, aber nach 14 Zeilen muss ich einen Punkt machen. Den Rest muss man dann zwischen den Zeilen lesen …

 

Martina Weber: Das Kapitel „(zueignungen)“ besteht aus vier Gedichten, die Persönlichkeitsverstrickungen von vier Künstlerinnen beschreiben: Maria Lassnig, Herta Müller, Marie NDiaye und Christine Lavant. Soweit man die Personen kennt, vergleicht man natürlich das, was man über sie weiß, mit den Gedichten. Hier die erste Strophe des Sonetts über Herta Müller:

 

sie spürt die angst im nacken
sie schneidet wörter aus
gefallen aus der krone zacken
spießt das ich sich auf

 

Über Maria Lassnig, eine österreichische Malerin, Grafikerin und Medienkünstlerin, die von 1919 bis 2014 lebte, schreibst du gerade ein Buch. Was fasziniert dich an Maria Lassnig?

 

Kirstin Breitenfellner: Maria Lassnig interessiert mich schon lange, vor allem wegen ihrer Beschäftigung mit dem Körperbewusstein, der Body Awareness. Maria Lassnig versucht das Körperbewusstsein in Bildern auszudrücken. Ich in Gedichten. Deswegen war ich glücklich, dass ich für meinen ersten Gedichtband „das ohr klingt nur vom horchen“ von 2005 (Skarabæus Verlag) vom Lentos-Museum in Linz die Erlaubnis zu bekam, ein Gemälde von Maria Lassnig auf dem Cover anzudrucken. In diesem Gedichtband dekliniere ich unter anderem Körperteile und ihre „Druckstellen“ durch. Das Buch, an dem ich derzeit arbeite, ist ein Roman über Maria Lassnig, für den ich auch ihre Tagebücher und Briefe lesen durfte.

 

 

Martina Weber: Keines der Gedichte in „Gemütsstörungen“ hat eine Überschrift. Was war der Grund, auf Gedichttitel zu verzichten?

 

Kirstin Breitenfellner: Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Überschrift eigentlich der Name der beschriebenen Person sein müsste, den ich weder verraten darf noch will. Aber viele meiner Gedichte, besonders der neueren, haben keine Überschrift. Denn ich weiß noch nicht, worauf sie hinauslaufen, wenn ich anfange. Und ihnen am Schluss eine Überschrift zu geben, kommt mir oft unangemessen vor, denn die Quintessenz eines Gedichts könnte ich nie in einem oder ein paar Worten zusammenfassen. Aber das kann sich natürlich auch wieder ändern.

 

Martina Weber: Mit dem Cover hatte ich ein bisschen Schwierigkeiten. Mit der Frau und ihrem geröteten Gesicht und dem diskret genervten, aber beherrscht wirken wollendem Gesichtsausdruck komme ich noch zurecht und kann es als unterdrückte Wut, als Scham oder Zorn interpretieren, ein Gemüt in Bewegung. Wenn ich den Fisch auf ihrem Kopf nicht als frühchristliches Symbol betrachte, sondern generell als Anspruch an sich selbst und das Leben, und sehe, dass der Fisch akut lebensgefährdet oder schon tot ist, kriege ich die Kurve zum Inhalt deines Gedichtbandes. Hattest du einen Einfluss auf die Covergestaltung?

 

Kirstin Breitenfellner: Das Cover ist ein Ausschnitt aus einem Bild von Bianca Tschaikner, auf dem ein „Trio infernale“ zu sehen ist, das sind drei „grumpy people“, die bestimmt „Gemütsstörungen“ haben. Aber der Verlag hatte Bedenken, dass das Bild abschreckend wirken könnte. Deswegen haben sie einen Ausschnitt davon genommen und die Farben sanfter gemacht. Da ich Fische auf Bildern liebe und eine ganze Fischkollektion besitze, war ich damit einverstanden. Mit gefällt das Surreale daran, denn der Fisch sieht für mich sehr lebendig aus. Vielleicht weiß die Frau gar nicht, dass ein Fisch auf ihrem Kopf liegt. Oder sie ist damit zufrieden und findet es gar nicht komisch. Für mich sieht die Frau auch nicht genervt aus, sondern eher in sich gekehrt und nachdenklich. Sie rätselt über irgend etwas. Deswegen passt sie für mich zu den rätselhaften Personenporträts.

 

 

 

Martina Weber: Welche Lyrik liest du selbst gern? Welche drei Gedichtbände würdest du auf die legendäre einsame Insel mitnehmen? Und, da wir hier auf Manafonistas musikbegeistert sind, wären wir natürlich auch gespannt auf deine drei aktuellen Lieblingsalben?

 

Kirstin Breitenfellner: Zu meinen liebsten Lyrikerinnen gehören natürlich Herta Müller und Christine Lavant, sonst hätte ich ihnen keinen Tribut gezollt. Seit „Im Haarknoten wohnt eine Dame“ aus dem Jahr 2000 (Hanser) habe ich alle Collagengedichte von Herta Müller gelesen. Von Christine Lavant gibt es jetzt bei Wallstein eine vierbändige Gesamtausgabe, die zwei über 600 Seiten dicke Bände mit Gedichten enthält, zu Lebzeiten veröffentlichte und Gedichte aus dem Nachlass. Ich bin erst in der zweiten Hälfte des Ersteren, deswegen würde ich diesen mitnehmen. Eines meiner frühen Vorbilder war der früh verstorbene Salzburger Dichter Georg Trakl. Von ihm gibt es neuerdings auch eine Gesamtausgabe in einem Band (Otto Müller Verlag).

Zu meinen Lieblingsalben gehören im Moment die österreichische Musikerin Anja Plaschg, die sich Soap&Skin nennt (From Gas to Solid / You Are My Friend, 2018), der Liedermacher Voodoo Jürgens mit der abgründigen Studie der Wiener „Tschocherln“ (so nennt man hier Kneipen, wo sich Leute zum Rauchen, Trinken und Spielen treffen) unter dem Titel „S‘ klane Glücksspiel“ (2019) und nicht zuletzt Sophie Hungers jüngste Kooperation mit Dino Brandão und Faber „Ich liebe dich“ (2020) in feinstem Schwyzerdütsch, über die ich sogar eine Enthusiasmuskolumne verfasst habe …

 

Website von Bianca Tschaikner:
https://www.biancatschaikner.com

 

Website von Kirstin Breitenfellner:
https://www.kirstinbreitenfellner.at/

 

 

Foto: Mats Bergen

 

 

Da sie jetzt ab Mai den Tourismus proben, wird es das für längere Zeit gewesen sein, mein Insel-Hopping. Man kann sich an leere Räume gewöhnen, als Reisender in Lockdown-Zeiten, aber nun werden nach und nach die Räume, und das ist auch gut so, ihre Normalität zurück gewinnen. Wenn der Irrsinn nicht endlos weitergeht. Während dieser „Robinsonaden“ war alles Resonanz und Ritual. Mit dem bald wieder aufkommenden bunten Treiben ist dann mein  Sylter Kapitel zuende gegangen. Einmal war ich drei Stunden hoch oben mutterseelenallein auf der Uwe-Düne, und mittags um 12 bekam ich meinen Cappucchino in der Sansibar (s. Foto) umsonst. Nachts am Meer, weit hinter Kampen, die reine wundervolle Unheimlichkeit! (Der Clou ist halt: alles möge bald wieder prall gefüllt sein, Fitnessstudios, Fussballstadien, Flugzeuge – die Küsten der Nordsee können mir nur noch entlegen und einsam als Sehnsuchtsstoff dienen.)

 

2021 24 Apr

Die Welt in Reichweite

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(left mouse click please to enlarge the pics)

 

Auf den Fotos sieht man, dass die Fischer die Methode pole and line für den Fang benutzen. Das ist eine nachhaltige Methode, die sich nur auf den Thunfischfang konzentriert und alle anderen Fischlein weiterschwimmen lässt.

 

2021 24 Apr

Evidenz-Palaver

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Die Illusionen der Anderen von Robert Pfaller ist ein Buch, das mich nachhaltig beeinflusst hat. Viele Aspekte des Lebens werden dort geradezu schlitzohrig auseinandergenommen und beleuchtet, vom Aberglauben bis hin zu neurotischen Fehlformen des Glückerlebens. Das „delegierte Geniessen“ beispielsweise: man zeichnet etwa einen Film auf und archiviert ihn oder empfiehlt ihn einem Freund, um ihn sich nicht selbst anschauen zu müssen. Jaques Lacan und viele andere standen hier beratend zur Seite, wovon die Quellenverweise zeugen. Neulich holte ich mir Pfallers aktuelles Buch Die blitzenden Waffen – Über die Macht der Form und begann darin zu lesen. Die Morgensonne warf dabei ihr Licht durch die Jalousien, wie ich das so gerne mag. Es stellte sich sogleich jener Effekt aufflammenden Interesses ein, der mit der zentralen Fragestellung dieses Buches korrelierte: „Wann ist etwas evident, wann überzeugt es uns, nimmt uns mit?“ Diese Frage stelle ich mir ja so oft auch beim Antesten neuer Fernsehserien, und eine gute Kritik garantiert ja noch lange kein Aufblitzen beim subjektiven Betrachter. Wie unsereins neulich beim Verwerfen des oskarprämierten Films Parasite zur Halbzeitpause erlebte: drop it like Beckham. Anders hingegen gestern, spätabends: The Vast of the Night. Nächtliche Dunkelheit und im Geiste gleich taghell. War da nicht mal ein Manafonistas-Tipp gewesen? Anyhow, dass mir bei Robert Pfallers Buch gleich wieder Robert M. Pirsig in den Sinn kam, man möge es mir diesmal noch verzeihen. Es brach dann aber jäh ab, das Interesse, und unsereins dachte wiedermal wehmütig an Zeiten zurück, in denen tiefe und tiefsinnige Lektüre über Stunden möglich war. Nun eben lese ich in der TAZ ein Interview mit Hartmut Rosa, der genau das auf den Punkt bringt, warum uns heute, trotz Corona-Lockdowns, die sogenannten „guten Bücher“ nicht mehr antörnen. Es sei nicht nur eine äussere Rastlosigkeit, sondern auch eine innere: die Muße fehle. Exaktement, das finden wir auch. Vor zwanzig, dreissig Jahren noch, da hatte man alle Zeit der Welt. Doch heute Schiller, Goethe, Nabokov und Kundera lesen? Ich bitte Sie! Postscriptum noch zum Evidenzerleben im Augenblick: ländliches Stadtrandgebiet, kontemplative Rast auf einer Bank, spielende Kinder, Mütter mit E-Bikes, Hühnergegacker vom Hof, strahlender Sonnenschein, freundlich grüssende Menschen und konzertierend dazu der Gedanke „It´s Baerbocktime, aber sowas von!“ – es auferstehe das Matriarchat. Und tschüss, die Herren mit den schwarzen Koffern.

 

2021 24 Apr

„Jazz Pianist‘s Landmark Box Revived“

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Das ist der Untertitel von Charles Warings Besprechung zur Wiederveröffentlichung dieses Mammutprojekts. Aus der Juni-Ausgabe von Mojo. Das Herz vieler Jarrett- und Vinylfreunde wird sicher ein paar Sprünge machen angesichts dieser frohen Aussichten, war diese Box doch bislang ein hochgehandeltes Sammlerstück und Schatztruhe zugleich. Die Besprechung bringt es auf den Punkt:

 

Ein Album mit sechseinhalb Stunden improvisierter Soloklaviermusik in einer Zeit herauszubringen, in der die Phonoindustrie mit einer Rezession konfrontiert war, schien 1978 eine verrückte Extravaganz zu sein, als ECM die Sun Bear Concerts veröffentlichte, eine 10-LP-Box mit fünf kompletten, in Japan aufgenommenen Konzerten von Keith Jarrett. Aber anders als die meisten Plattenfirmen schätzte ECM die künstlerische Leistung mehr als die Gewinnspanne, und ihr unerschütterliches Engagement für Jarrett ermöglichte einen seiner größten Triumphe. Über 40 Jahre später sind die Aufführungen immer noch fesselnd. Jarretts weitschweifende, aber immer einnehmend melodische Extemporisationen reichen von sanften nostalgischen Träumereien bis hin zu leidenschaftlichen Rhapsodien und erhebenden Hymnen, alle vorgetragen in dem klaren, lyrischen Stil, der zu seinem Markenzeichen wurde. In Anbetracht seines Umfangs hat Sun Bear Concerts verständlicherweise nie die 4 Millionen Verkäufe von Jarretts legendärem Live-Album The Köln Concert von 1975 erreicht, aber es stellt dennoch einen Höhepunkt seiner berühmten Solo-Konzerte dar.“

 

Ich weiss noch genau, wie ich damals Werner Pankes Lobeshymne in der „Sounds“ las, und unverzüglich bei jazz by post meine Bestellung aufgab. Über Wochen war mein Plattenspieler blockiert, und ich konnte mich gar nicht satt hören an diesen Klangreisen. Für Manfred Eicher war diese Produktion auch ein Abenteuer, in jenen analogen Zeiten war es nicht einfach, den Dynamiksprüngen Jarretts zu folgen, es galt stets, mit allem Möglichen und Unmöglichen zu rechnen. Ich fragte kurzerhand im Hauptquartier nach, weil ich nichts von dieser „reissue“ mitbekommen hatte. Und da stellte sich heraus, dass es nur eine begrenzte Neuauflage gab, die nun auch schon wieder vergriffen ist. Wir haben es also weiterhin, was Vinyl betrifft, mit einem Sammlerstück zu tun.

 

In den ersten Jahren meines Lebens wohnten wir so nah am Rhein, dass ich keine Erinnerung an die Räume unserer Wohnung habe, ich erinnere mich fast nur an den Rhein, den Blick aufs gemächlich fließende Wasser, die Uferwege im Park und wie ich dort fast mein Dreirad mit dem roten Sitz verlor, und es gab die großen Steine am Uferweg, auf denen ich herumsprang. Und doch blitzen Episoden aus der Wohnung auf. Manchmal zogen Straßenmusikanten oder Bettler durch die Gegend, sie riefen laut, klingelten mit großen Glocken. Meine Mutter wickelte einige Münzen in ein Papier und warf dieses Päckchen herunter, während mein Vater bemerkte, sie würde das Geld zum Fenster herauswerfen.

 

Für Folge drei meiner kleinen Serie braucht es etwas Fantasie. Es gibt nicht alles online, jedenfalls habe ich die Vertonung von Robert Lax´Gedicht „Question“ nicht gefunden, ich habe sie nur als analoge Aufnahme aus den Klanghorizonten im März 2012. Sie stammt aus dem Album wake up re:lax, Label: intermedium records 019. Hier ist ein Link zu einer Lesung des Gedichtes von Garrison Kailor.

 

Question

 

If you were an alley violinist

 

And they threw you money
from three windows

 

And the first note contained
a nickel and said:

 

“When you play, we dance and
sing” signed
A very poor family

 

And the second one contained
a dime and said:

 

“I like your playing
very much!” signed
A sick old lady

 

And the last one contained
a dollar and said:
“Beat it”

 

Would you

 

1   Stand there and play?
2   Beat it?
3   Walk away playing your fiddle?


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