Manafonistas

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Archives: Donnerstag, 27. Mai 2021

2021 27 Mai

Drei schwarze Hunde

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Es ist ungefähr ein Jahr her, dass Sandra und ich beim Mailen auf das Thema Laufen kamen und sie mir den Link zu einen Trainingsplan schickte: „30 Minuten Joggen am Stück innerhalb von acht Wochen“. Ich habe zwar länger als acht Wochen gebraucht, kann aber jetzt mein einjähriges Trainingsjubiläum feiern und es geht ein Jugendtraum in Erfüllung, wenn auch mein Fahrrad jetzt öfter im Keller steht. Für mein Lauftraining haben sich drei Varianten eingependelt – die kleinste Runde nur um die Strecke am Bahndamm, oder bis zur Autobahnbrücke oder bis zum Outdoor-Fitnessstudio – je nach Energie und Uhrzeit, denn ich bevorzuge die Zeit vor der Dämmerung, es soll aber nicht dunkel sein. Irgendwann will ich eine größere Runde in diesem Park schaffen, der an einen kleinen Fluss grenzt und einmal ein Bundesgartenschaugelände war, das man inzwischen verwildern lässt. Schon als Kind habe ich bei meinen Radtouren die unbefestigten, nicht asphaltierten Wege gesucht, und ich wähle gern den Umweg über einen nicht so gut ausgebauten Schotterweg mit großen Dellen, die Platz für Pfützen bieten und die im Winter mit ihren Vereisungen für spannende Trainingsbedingungen gesorgt haben. Dieser Schotterweg führt an einem großen Grundstück mit einem Haus vorbei, eine ungewöhnliche Lage, befinden sich hier doch eher Kleingartenanlagen. Das Haus fasziniert mich. Es wurde vor vielleicht zehn Jahren gebaut, liegt innerhalb der Großstadt geradezu abgelegen, und dennoch zentral. Es sind einige Parkplätze für bestimmte Kennzeichen markiert. Das Grundstück ist durch einen hohen Drahtzaun und mit Stacheldraht gesichert und immer sind zwei große schwarze Hunde zu sehen, die sich sichtlich gut miteinander verstehen, die miteinander herumtollen, wahrscheinlich ein Paar sind, die im Gras liegen oder unter den Bäumen und zu schlafen scheinen, jedoch innerhalb von Bruchteilen von Sekunden scharf reagieren. Früher haben sie mich mit ihrem Bellen und Herumlaufen direkt am Zaun immer erschreckt. Inzwischen sind sie ruhiger geworden, dosieren ihre Energie. Gestern kamen mir hier eine Frau und ein kleiner schwarzer Hund entgegen. Der Hund wirkte so tapsig, fröhlich und unbefangen wie ein Welpe, und er zielte mit all seinem Charme direkt auf mich zu. Ich war verwirrt darüber, dass sich hier jemand nicht an die Regeln hält. Ich kraulte ihn am Kopf und er drückte seine nassen Pfoten an mein Knie und schaute mich an. Die Frau machte sich Sorgen um meine Trainingshose, aber ich genoss einfach nur dieses Glück.

2021 27 Mai

All Gates Open

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(Vorbemerkung: Jans Text aus dem Jahr 2020 taucht hier aus gutem Grund wieder auf:  morgen erscheint Cans Konzert aus dem Jahre 1975, „Live in Stuttgart“, das bislang in Vorab-Kritiken (Uncut, Mojo) sehr viel Lob erntete. Ich bin gespannt. 20 Minuten habe ich für die CD reserviert, für eine der „Zeitreisen“ in den Klanghorizonten am 19. Mai. Jetzt muss es mir nur noch gefallen:) … Solche Ausgrabungen bringen stets unsere Erlebnisse und Erinnerungen ans Licht. Irgendwo in den Tiefen des Blogs findet sich auch Jans Besprechung von Alan Warners Buch über „Tago Mago“, das mir weitaus besser gefiel als ihm. Es ist eher eine private Geschichte über das Leben mit einem Album als eine gründliche Werkanalyse, ich fand es famos erzählt. Morgen erscheint auch das Opus „PostHuman“ des Duos „Trees Speak“ aus Tucson, Arizona, das auf ihren nunmehr drei Alben für das Label SoulJazzRecords auf sehr kreative Weise Krautrock-Traditionen anzapft. M.E.)

 

 

 

 

Das noch immer beste Buch über Can ist das 1998 dreisprachig als Teil der Can Box erschienene, leider längst vergriffene „Can Box Book“ von Wolf Kampmann und Hildegard Schmidt. Ansonsten hat nicht viel Auswahl, wer sich für die Geschichte der Band interessiert. Gemessen an ihrer Bedeutung ist das eigentlich erstaunlich. Es gäbe dann noch „The Can Book“ von Pascal Bussy und Andy Hall von 1989, ein Werk voller, wie Tucholsky es einst nannte, „unsichtbarer Imponierklammern“ — hinter jeden zweiten Absatz raunt es dir unsichtbar ins Ohr: „(Ist das nicht toll, was wir alles wissen? Und wir wissen noch viel mehr, was du, dummer Leser, nie erfahren wirst!)“

Und dann ist da „All Gates Open — The Story of Can“ von Rob Young und Irmin Schmidt, so benannt nach dem Eröffnungstrack von Cans letztem regulären Album von 1978 (wenn man den 1989er Nachzügler Rite Time mal außen vor lässt, der wohl eher dazu diente, einige Dinge zwischen den Musikern zu klären). Ich bin erst jetzt dazu gekommen, diesen Klotz mit seinen fast 580 Seiten plus einiger Fotostrecken durchzulesen.

Das Ergebnis ist durchwachsen. Das Buch zerfällt in drei Teile: Zum ersten ist das die von Young verfasste Geschichte der Band, zum zweiten eine Sammlung von Gesprächen mit Irmin Schmidt, und zum dritten Tagebuchauszüge und andere Notizen von Irmin Schmidt.

Young schrieb für The Wire, seine Story der Band nimmt etwa zwei Drittel des Buches ein. Sie hangelt sich an den Platten entlang, ist gut und sachlich geschrieben, hält sich allerdings nach meinem Eindruck ein bisschen zu eng an Irmin Schmidt und dessen Sicht der Dinge fest. Young kennt die Band sehr gut, seine Kenntnis der Aufnahmen ist so gut wie lückenlos, oft hat er Informationen oder Hintergrundgeschichtchen zu den Stücken und ihrer Produktion parat, die wirklich aus dem Nähkästchen stammen. Insbesondere die vielen Informationen über Cans Filmmusiken sind für jeden, der die Band kennt und schätzt, hochinteressant. Die Rolle von Irmins Frau Hildegard wird ausführlich beleuchtet, auch der jahrelange Ärger mit Abi Ofarim wird geschildert, der sich zum Manager der Band berufen fühlte, aber wenig dafür tat. Einige merkwürdige Fehler sind mir aufgefallen, die möglicherweise einer Übersetzung oder Übertragung geschuldet sind; so wird etwa Karlheinz Stockhausen eine Komposition namens „Klangwelle“ zugeschrieben, die es nach meinem Kenntnisstand nicht gibt (gemeint ist wohl „Kurzwellen“), auch sprachliche Missverständnisse treten gelegentlich auf. Aber damit kann man leben. Die Rolle Stockhausens für die Band, das wird schnell deutlich, kann kaum hoch genug eingeschätzt werden, das zieht sich durch das gesamte Buch. Sowohl Holger Czukay als auch Irmin Schmidt waren seine Studenten, Schmidt selbst kommt ja aus einer klassischen Musikausbildung. Ich habe durch die Lektüre etliches über Malcolm Mooney und Damo Suzuki erfahren, was ich nicht wusste; gelegentlich wartet das Buch auch mit Mitteilungen auf, die ich so genau gar nicht hätte wissen wollen — etwa die Ursache der Spannungen zwischen Holger und Irmin, eine private Geschichte, die für mein Gefühl gar nicht in die Öffentlichkeit gehören würde.

Gemessen an den Anteilen Irmin Schmidts sind die Geschichten Jaki Liebezeits, Holger Czukays und Michael Karolis ein wenig unterbelichtet, aber vielleicht sollte man das gesamte Buch ohnehin als eine Art Schmidt-Biografie sehen. Generell gilt: Am Lack der Gruppe wird an keiner Stelle gekratzt, hinterfragt wird nichts. Selbst die Nähe der Band zu okkulten Erscheinungen, Telepathie etc., wird nicht kommentiert oder in Frage gestellt. Die alten Stories mit der Selmer-Orgel, die angeblich auf verbales Kommando von Michael aufhörte zu rauschen, werden ebenso unhinterfragt wiedergegeben wie die angeblich stehengebliebenen Uhren im BBC-Studio, als Jaki aufhörte zu spielen. Na gut, Fans lieben Märchen, trotzdem hätte man sich da ein klareres Nachhaken gewünscht.

Das letzte Drittel des Buches steht unter dem Motto „Can Kiosk“ und teilt sich auf in Gespräche mit Irmin Schmidt und Notizen von Irmin Schmidt. Seine Gesprächspartner sind unter anderem Jochen Arbeit (Einstürzende Neubauten), Geoff Barrow (Portishead, die Schmidt offenkundig sehr schätzt), Filmemacher und Theaterregisseur Klaus Emmerich, zu dessen Serie „Rote Erde“ Schmidt die Musik schrieb, Duncan Fallowell, Hans-Joachim Irmler (Faust), Wim Wenders und etliche andere. Irmin Schmidt steht dabei zwar im Mittelpunkt, aber es geht auch um die Arbeit der jeweiligen Gesprächspartner. Die sich dann anschließenden Notizen, Tagebuchausschnitte und Traumschilderungen von Schmidt sind für mein Gefühl inhaltlich wenig ergiebig und wären verzichtbar gewesen. Aber gut, nun sind sie mal da.

Wie gesagt: Das Kampmann/Schmidt-Buch von 1998 findet man bestenfalls mit viel Glück noch gebraucht, deswegen wird das Young/Schmidt-Buch das beste bleiben, das über Can zu bekommen ist. Lesenswert ist es allemal.

2021 27 Mai

3 x PSB

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Es gibt drei Nachrichten, die Pet Shop Boys betreffend:
 
 

 
 
Diese Single. Sie ist etwa so kratzig wie der Pullover aussieht. „Cricket Wife“ ist ein fast zehn Minuten langes Stück mit verschlungener Melodie, das auf einem Gedicht von Neil Tennant basiert. Es kommt ohne — wie heißt es immer so schön — Kirmesdisco daher, statt dessen wird der Song getragen von sinfonischen Klängen. Einziger Haken: Diese Klänge sind synthetisch, sollen aber wie ein Orchester klingen. Hätte man statt dieser elektronischen Sounds ein wirkliches Orchester eingesetzt, hätte dies eine interessante Nummer werden können. So ist sie leider nichts Halbes und nichts Ganzes.

Auf der B-Seite bzw. als zweiter Track findet sich eine neue Abmischung von „West End Girls“, die sogenannte „Lockdown-Version“, was schon darauf hindeutet, dass sie nicht im Studio, sondern in Neils und Chris‘ jeweiligen Wohnungen entstanden ist.

 

 

Schon das Coverfoto ist zum Liebhaben. An den Film My Beautiful Laundrette von Stephen Frears erinnern sich sicherlich noch alle. Im September 2019 entstand in Leicester eine Bühnenversion des Stücks, zu der die Pet Shop Boys zwei Songs und einige Zwischenmusiken lieferten. Die EP war zunächst nur in Verbindung mit dem jährlichen „Annual“-Buch der beiden zu erhalten, nun gibt es sie auch zum Download. Hörenswert.

Und, am Rande bemerkt: Ein interessanter Trend, dem die Pet Shop Boys hier folgen. Wenn es früher einmal üblich war, in dem einen Jahr ein neues Album zu produzieren und im darauffolgenden mit dem Album zu touren, so ist die Popwelt inzwischen derartig schnell geworden, dass ein neues Album nach zwei Jahren heute bereits als „Comeback“ gewertet werden würde. Immer mehr Stars und Sternchen gehen deshalb dazu über, statt eines Albums nur noch EPs zu produzieren — dies dann aber jährlich. In einer Zeit, da sich Popkarrieren oft nur noch nach Monaten bemessen, ist das wohl konsequent, damit der Name nicht vergessen geht.
 
 

 
 
Discovery — Live in Rio 1994 war bislang nur als VHS-Cassette oder als Laserdisc zu haben und natürlich längst vergriffen. Nun gibt es den Konzertmitschnitt wieder, diesmal auf zwei CDs und einer DVD. Das Konzert überrascht wenig, „Tonight Is Forever“ eröffnet die Show, und die enthusiasmierten Cariocas sehen das offenkundig auch so. Die Bühne kommt mit großer Showtreppe daher, die Show ist perfekt geprobt, auch die bereits gewohnten Kostümwechsel kommen zuverlässig. 1994 gab es zwischendurch im Konzert noch eine Art „unplugged“-Runde, in der Neil zur Gitarre greift; in späteren Konzerten findet man dies nicht mehr; in der Dampfhammernummer „Paninaro“ sprechsingt hier auch einmal Chris. Wie oft, haben die Pet Shop Boys auch diesmal eine Backup-Sängerin vom Feinsten engagiert: Katie Kissoon, die man von Mac & Katie Kissoon bis hin zum Orchester James Last kennt. In einer wunderbaren Kombination der Songs „It’s A Sin“ und dem alten Gloria-Gaynor-Hit „I Will Survive“ singt sie die Gaynor-Teile. Außerdem gibt es die Coverversion des Blur-Titels „Boys & Girls“, der es mit dem Original aufnehmen kann.  Verblüffend, wenn man darüber nachdenkt, ist die Tatsache, dass selbst 1994 einige der dargebotenen Hits schon über zehn Jahre alt waren. Die Jungs sind tatsächlich schon lange dabei. Auf Betriebstemperatur kommt die Show erst im letzten Drittel, dann allerdings wirklich.

Weniger ansprechend finde ich die Tänzer — etliche Go-Go-Girls und -Boys erinnern an alte Beat-Club-Zeiten, zeitweilig geht das Ganze in mir etwas zu schwül geratene Schmuseszenen sowohl m/w als auch mm/ww über. Ich weiß nicht, ob das 1994 noch ein Tabubruch war, festzuhalten bleibt jedenfalls, dass jeder zweitklassige Stripschuppen auf St. Pauli solche Szenen überzeugender über die Bühne bringen könnte.

Die Aufnahmen sind naturgemäß Videoaufnahmen, und man hat darauf verzichtet, sie mit heutigen technischen Mitteln zu verbessern. So sieht man seit langer Zeit wieder einmal Bilder im Format 4:3 und dazu kräftiges Farbrauschen bei blauem und rotem Scheinwerferlicht. Auch der Ton auf den beiden CDs ist kaum nachbearbeitet worden, klingt ein wenig matt und unterscheidet sich nicht von dem der DVD; lediglich habe ich das Gefühl, dass auf den CDs das Publikum etwas stärker in den Vordergrund gehoben wurde.

Für Fans.

Womit der Chronistenpflicht Genüge getan sei.


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