Heute leistete ich mir einen faulen Tag, das mache ich sowieso gerne, schon in jungen Jahren liebte ich Songs, in denen Sänger die Welt vom Fentster aus betrachteten, Ray Davies praktizierte das gerne, und Brian Eno auch. Ich nahm mein Birchermüsli zu mir, mit Weizenkeimen, zuvor einen gut gehäuften Teelöffel Malay White, in Apfelschorle aufgelöst. Ich las ein paar Seiten aus James McBrides Brooklyn-Roman (was für eine Fabulierlust!), als das Telefon schellte, und ich einen Anruf aus Westerland bekam, von dem Mann, der mir vor Monaten auf der Insel, im ersten Lockdown, nachts eine Sauna öffnete – und einen Strandkorb bereitstellte. Heute würde sich entscheiden, ob die Insel zwischen Anfang und Ende Mai am Öffnungsprojekt teilnehme. Es ist wohl damit zu rechnen, dass das Rosenhaus im Mai für mich ausfällt, und ich hätte doch so gerne Shakespeares „Sonnet 18“ mit den „darling buds of May“ laut vor den Wellen rezitiert, voller Wonne in den Wind gebrüllt. Dann, in aller Ruhe, ein Duo aus Texas namens Balmorhea, „The Wind“, Deutsche Grammophon Gesellschaft. So wie ECM einst mit der „New Series“, hat vor Jahren auch die gute alte Tante DGG eine neue Sparte geöffnet, ohne ihr einen besonderen Namen zu geben. Seitdem haben Klangkünstler aus sog. „avancierten Kreisen“ der Popkultur dort eine ganze Reihe von Werken veröffentlicht an diversen Schnittstellen von „Neo-Klassik“ und „Ambient“, das Schlagwort ist „post classical“. Manches in diesem Genre langweilt, anderes nimmt gefangen, so geht es mir immer wieder mit diesen Zwischenzonen wohlklingender Experimentierlust. Ein Balanceakt oft, zwischen klanglicher Finesse und ins Leere laufender Schöngeisterei. Auch „The Wind“ ist in diesen Räumen angesiedelt, die Beteiligten kennen alle ihren Satie, ihren Eno, ihren Pärt. Dieses Album hat allerdings etwas Seltsam-Verführendes, ich kann es nicht genau benennen, stets ein gutes Zeichen. Es ist ungemein reichhaltige Musik, die ihre gesammelten Ideen umreisst, anklingen und verschwinden lässt, anstatt sie „ad infinitum“ zu erschöpfen. Wären diese Stücke Lieder, bei einem mindestens würde jemand zum Fenster hinausschauen, und alles, was er sieht, in Zeitlupe verwandeln.
Archives: Donnerstag, 22. April 2021
2021 22 Apr.
„slow motion morning“
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 1 Comment
2021 22 Apr.
Lässig, auf den Punkt, voller Halluzinationen, und jede Menge Seele!
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Blake Mills, Impulse!, my favourite 33 albums of 2021, Notes With Attachments, Pino Palladino | 3 Comments
