Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

You are currently browsing the blog archives for the day Samstag, 12. September 2020.

Archives: Samstag, 12. September 2020

2020 12 Sep.

Diana Rigg

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 2 Comments

 

Sie war, als Emma Peel, meine Heldin bei Mit Schirm, Charme und Melone, als ich blutjung war, sie brillierte auf der Bühne mit Shakespeare, sie war wunderbar in Game of Thrones, und sie war von früh an, im realen Leben, verdammt klug, mutig, witzig, und liess sich nie über den Tisch ziehen. Auch nicht in der Kultserie. Als sie herausfand, dass selbst die Kameramänner mehr verdienten als sie, stieg sie nach zwei Staffeln aus. Unsterblich war sie sowieso schon.

 

2020 12 Sep.

And Now the Queen

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 7 Comments

Mein Vater gab mir Klavierunterricht, als ich etwa drei Jahre alt war. Er war Organist in der Kirche, Musik war für mich wie eine beständig verfügbare Quelle. Und eines Tages fragte ich ihn, wer denn die Musik geschrieben hat, die er mir zum Spielen hinstellte. Ich wollte so was auch machen. Also gab er mir ein weißes Blatt Papier, ich nahm einen Stift und füllte die Zeilen mit kleinen schwarzen Punkten. Ich wusste nicht, dass John Cage auch solche Partituren herstellte, mit Zeichen, die er dort setze, wo Unebenheiten des Papiers auffielen. Mein Vater sagte: „Das sind zu viele Punkte!“ Also nahm ich einen Radiergummi und radierte die meisten Punkte wieder weg – wer mich heute Klavier spielen hört, weiß, dass ich alle überflüssigen Töne weglasse. Das war meine erste Komposition. Naja, das stimmt natürlich nicht ganz.

Meine erste Komposition schrieb ich viele Jahre später für diesen hübschen Bengel mit den verträumten dunklen Augen. Er spielte Klavier in dem verrauchten Jazzclub und ich verkaufte Zigaretten, um dieser verrückten freien Musik nahe zu sein – das Eintrittsgeld konnte ich mir nicht leisten.

 

 
 
Den Titel habe ich bedachtsam gewählt. Mit dieser Komposition machte ich dem aufregenden Pianisten klar, mit wem er es zu tun haben wird. Er hat es verstanden. Später heirateten wir.

 

Diese Geschichte enthält erfundene Wahrheiten. But there is no doubt: Carla is the Queen of Jazz Composers. Sie war die eine Frau unter den Musikern der New Yorker Jazz-Avantgarde, die schon mit ihren frühen Stücken – vertrackten Miniaturen voller raffinierten Esprits und Freiheit gewährender Offenheit – Paul Bley, Charlie Haden, Gary Peacock und (damals schon) Steve Swallow versorgte. Mir scheint, dass niemand ihre enigmatischen Kompositionen besser erblühen lassen kann wie Paul Bley.

 
 

 
 

Gestern habe ich Rosato überreden können, endlich die Vinyl-Edition von Gary Peacocks Album Tales of Another zu digitalisieren. Es ist eines meiner liebsten ECM-Alben und trotzdem sind sehr sehr viele Jahre vergangen, seit ich es zum letzten Mal angehört habe. Meine Ohren waren gestern weit offen und beim ersten Titel der B-Seite Trilogy I werde ich noch hellhöriger! Das kenn ich doch! Und vielleicht erkennen es aufmerksame Leser & Hörer dieses posts wieder:

 
 

 
 

Es ist wunderbar und verblüffend, wie sich verschiedene Fäden des Blogs treffen und verknüpfen und sogar meine persönlichen Eindrücke und Erfahrungen als Musikhörer streifen, angefangen von Ingos berührender Remineszenz an Gary Peacock, die Wiederentdeckung des Albums Tales of Another, in welchem ich Garys Verbeugung vor Carla höre – ein kleines Samenkorn. Die Übereinstimmung der Töne kann kein Zufall sein.

 
Und dann lese ich noch dies:

… die Story stammt aus der Zeit vor der Aufnahme seines Album „Tales of Another“. Ich weiss noch, wie er erzählte, und wahrschheinlich auch in jenem Gespräch, dass die Kompositionen nur aus einzelnen Samen oder Ideen bestanden. Kernzellen, welche vom Trio aufgegriffen wurden.

2020 12 Sep.

In search for the art to come

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags:  | 12 Comments

Zunächst hatte Sarah Treem, die ausführende Produzentin von The Affair, nur drei Staffeln geplant, dann aber wurden es fünf und wie bei LOST gewinnt die Serie, je weiter die Geschehnisse fortschreiten und sich weiter verwickeln, an Tiefendimension. In der letzten Staffel, die im Jahr 2019 spielt, wird gar eine Zeitebene aus dem Jahr 2051 hinzugeschaltet und tatsächlich gibt es neben ein paar technischen Pannen und eher putzigen technischen Errungenschaften auch dann noch Menschen, die richtige Bücher lesen und solche, die sie schreiben. Im Lauf dieser Serie, dies als Mikroinfo, tauchen zwar immer wieder diverse „Affären“ auf; im Zentrum allerdings stehen die Folgen einer Affäre, die in der ersten Staffel begonnen und das Leben der beteiligten Familien auf den Kopf gestellt hat. Dieser Haupthandlungsstrang mit allerlei Verwicklungen dürfte eine erzählte Zeit von ungefähr acht Jahren umfassen. Das große Thema dieser Serie berührt letztlich die Epigenetik, also die Wissenschaft davon, wie sich beispielsweise Traumata auf spätere Generationen auswirken können. Die Dialoge sind hochintelligent, immer wieder überraschende Wendungen, Haken schlagen, aber auch Witz und Humor. Ich dachte immer, flash mob sei eine politische Underground-Aktionsform. Wer The Affair gesehen hat, weiß, dass es auch ein zeitgenössischer und doch ur-amerikanischer Gruppentanz ist, mit Elementen von hochgestreckten Armen und auf den Handtellern balancierenden Pizzen und Gesten von Knutschern. Man kann immer wieder feine Beobachtungen machen und Verflechtungen entdecken: Bücher spielen eine große Rolle; einmal erkannte ich Ginsbergs Howl im Regal in einer Buchhandlung und eine Autorin las im Flugzeug Joan Didions White Album. Am Ende wird es ein Buch mit dem Titel Montauk geben, und es hat mich überrascht, wer es geschrieben hat. Auch die Waldbrände in Kalifornien spielen eine wichtige Rolle. Einmal wird die wunderbare junge Whitney, die einen Job in einer drittklassigen Galerie in Los Angeles hat, auf einer Party gefragt, was sie sich wünschen würde, wenn sie alles haben könnte. Sie sagt: „Well… Somebody would give me the money to start my own gallery where I could foster new artists. Younger artists. So much what I see now feels recycled, redundant … built for an audience that already exists as opposed to in search for a new one. I’d want to promote artists that are digging deeper, that are looking for something amorphous that haunts them, that haunts me that I just don’t have the language for.” The Affair ist ein solches Kunstwerk. Und plötzlich wird ein Gemälde enthüllt, auf dem man selbst mit einer solchen Wucht von Wahrheit abgebildet ist, dass man erstarrt.

2020 12 Sep.

Hoffnungslose Verspätung

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 1 Comment

 

Nun endlich, Herr Engelbrecht,

 

schiebe ich meine Anmerkungen zu den letzten KH in Ihren Postkasten. Es ist ein wenig zusammengekommen, deswegen lohnt sich das vielleicht doch. Der Reza Mortazavi ist eine Sonderklasse für sich; wie er vermögen nur ganz wenige die Tombak zu spielen. Ein Glücksfall, dass er in Berlin lebt und man ihn in Dt. relativ leicht live erleben kann. Wie die Traditionalisten seine modernen Neuerungen bewerten, weiß ich leider nicht. Die Zusammenarbeit mit Burnt ist ebenfalls ein Glücksfall und atemberaubend. Bekomme Gänsehaut bei diesen zieselierten Klangarbeiten. Regelmäßig bei Burnt. Zudem ziehen einem die irren Metren oft die Füße weg. »Yek« ist persisch »Eins«, hätte also erwartet, dass die zweite Arbeit »Do« heißt … Nun heißt sie »Eins Zwei«.

Der Cinelu ist mir bekannt von der wunderbaren Platte »Michel Portal, Stephen Kent, Mino Cinelu ‎– Burundi«, die der geschätzte Herr Lippegaus mal ans Tageslicht holte. Die im Zusammenhang mit Michel Benita erwähnte Komposition »Berceuse« (Wiegenlied) der Harfenistin Kristen Nogués findet sich auf ihrer wunderbaren CD »Kernelec« 1990. Kürzlich erst hatte ich sie aus der Kiste geholt, mich an ihrem bretonischen Gesang und dem fast asketischen Spiel auf der celtischen Harfe zu laben. Und »Berceuse« ist schon ein sehr schönes Stück.

Mit Shirley Collins erreicht uns ein weiterer schön bemalter »Domino«-Stein. Ist anscheinend ein gern gegriffenes Label …? Auf Anhieb sehe ich dort zB. noch Rustin Man und Yorkston / Thorne / Khan.

Was für eine harsche Mischung im »Tokyo-Montana-Express«. Für mich einschroffer Weltenwechsel von einem Waggon in den nächsten und retour. Vor allem als nach Yoshimura die Beach Boys folgten, vermutete ich einen Dateifehler. (Yoshimuras Green habe ich wohl hunderte Male gehört, aber auch die neue [Ur-]Variante ohne die Natursounds gefällt mir ausgezeichnet.) Doch viele Tokyo-Fahrgäste schunkeln dann erstaunlich harmonisch mit den Surf-Poppern Nordamerikas. Dennoch ein exotischer Ausflug. Dabei bin gerade ich sehr geübt im planet-hopping (I’m just a hop head) … Der Tip mit Nina Simone ist nun auch ein lohnenswerter. Die Dame hat ein üppiges und engagiertes, zitierfähiges Œvre hinterlassen, diese Platte war mir jedoch bislang nicht aufgefallen.

Wahrlich, ein aufmerken lassendes Intro zur letzten Stunde. Mir scheint, Old Rottenhat wurde gelegentlich in den Klanghorizonten herausgeholt? Rock Bottom hingegen ist DIE Neuigkeit. Emphatisch bis zum Anschlag. Nüchtern betrachtet gibt es viele zeitgenössische Querverweise; von Genesis‘ Selling England bis zu Moondog oder ECM-Kram gar kommen mir in den Sinn. Diese hier ist ein beeindruckendes Amalgam, vielleicht sogar ein Katalysator für Zukünftiges. Welche Energie! Rückwärts schauende Vorwärtsgewandtheit. Krass die Trompetensounds im dritten Teil. Fantastique! Sehr beeindruckend. Mercí.

Zu Birchall & Breadwinner habe ich mich schon geäußert. Wobei auch Vin Gordon eine gute Wahl ist. Mit solch altem, altertümlichen Reggae, speziell den Nyabinghi-verbundenen Varianten (Vin Gordon), finde ich immer rasch auf den Boden der Tatsachen zurück. Was nach Wyatt nötig wurde (obgleich schon sein Schicksal ein sehr erdiges ist).


Gute Arbeit, wie immer!

Wie immer herzlich grüßend

der dankbare Hörer Olaf (Ost)

 


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz