Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archives: August 2020

2020 31 Aug

Die Reise nach Belbury

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Ich bin Stewart. Und stosse vielleicht 2021 zu den Manafonisten. Nach monatelangen Nachrichten, die nichts als Tod und Elend betrafen, fühlte ich wieder Hoffnung, als Gerüchte aufkamen, dass der Busverkehr zwischen hier und dort wieder funktioniert. Die Aussicht auf eine Hin- und Rückfahrt in die Stadt Belbury war höchst willkommen, insbesondere nachdem ich etliche Einschränkungen hinnehmen musste in  bezug auf „die Unannehmlichkeiten“ (wie das Belbury Local Office of Information auf aktuelle globale Ereignisse hinweist).

 

Damit blieb nur noch die Kleinigkeit, die Koordinaten einer Bushaltestelle zu lokalisieren, aber ich hatte sozusagen mein Ohr am Boden, und so entdeckte ich, dass in drei Tagen eine Haltestelle im Dorf Avebury erscheinen sollte – von dort würden unsichtbare Straßen zurück nach Belbury führen. Es wäre zumindest gut, endlich mal wieder aus London herauszukommen. Ich hatte bereits die Mittel, um die Reise anzutreten – den erforderlichen Fahrpreis, ein stumpfes schwarzes Steinsiegel, das ich seit vielen Jahren in meinem Besitz hatte – also packte ich meine Sachen und reiste ohne weitere Umstände ab. Ich muss zugeben, dass ich damit gerechnet hatte, dass meine Mitreisenden schnabelförmige Masken tragen würden, die an Pestärzte erinnern.

 

Die Realität war in Wirklichkeit noch beunruhigender, da ich in Wirklichkeit der einzige Passagier war. Der Busfahrer blieb während der gesamten Fahrt über das Lenkrad gebeugt und grunzte und zuckte eher mit den Schultern als dass er sprach. Trotzdem fühlte ich mich angenehm abdriften, in Gedanken versunken. Oh, oh, oh – endlich nach Belbury zurückkehren! Aber ich fragte mich, ob die Geschäfte auf der Hauptstraße voller Aktivität sein würden oder mit Brettern vernagelt? Wichtiger noch, würde ich immer noch in der Lage sein, ein Bier und eine Pflugschar von The Bury Bell zu bekommen? Ich dachte über diese Fragen nach, als der Bus vorbeikam.

 

Mit der Welt ist natürlich nicht alles in Ordnung, und das schreckliche Unsichtbare hat auch Belbury in seinem unerbittlichen Griff. Doch als die Bury Bell Jukebox mit dem neuesten Album von Belbury Poly des Ghost Box-Mitbegründers Jim Jupp zum Leben erwacht, wird schnell klar, dass es mehr denn je einen Bedarf an außerirdischer  Musik gibt. Dass sie The Gone Away heißt, hat etwas Anrührendes, Verlockendes. Sehr schön, dass Michael Belbury Poly in den nächsten „Klanghorizonten“ vorstellt. Er fühlte sich beim ersten Hören an einen alternativen Soundtrack zu Peter Stricklands betörendem Film „The Duke of Burgundy“ erinnert, und da waren wir uns rasch einig. Es ist immer wohltuend, wenn wir uns, bei unseren ganz unterschiedlichen Hörgeschichten  mal auf dieses oder jenes Album einigen könne –  das letzte aus seiner Welt, das mich gefangen nahm wie wenig anderes, war „Life of“ von Steve Tibbetts. Unsere Liebe zu grossartiger Reggae- und Dubmusik ist der grösste gemeinsame Nenner. Wer sonst kennt schon Keith Hudsons „Playing It Cool“!? „This was dub so pure, psychedelic and swampy you could practically smell the THC that each each riddim was laced with. Keith died shortly after it was released and subsequently attained saint-like status as the Dark Prince of Dub.“ Im November ist ein gemeinsamer Besuch in Al Breadwinners „The Bakery“ nahe Manchester geplant (wenn es „die Unannehmlichkeiten“ erlauben).

2020 31 Aug

Das flackernde Ich (1)

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Alte ehrwürdige Gebäude ragen am Strathearn Place auf, den man leicht erreicht, wenn man bei „Bayswater“ die Underground verlässt. Da findet sich auch „The Victoria“, ein Pub, in dem Charles Dickens an seinem letzten Roman „Our Mutual Friend“ arbeitete, in dem es um Selbsterneeuerung und die Verachtung sozialer Konventionen geht. Um diese Dinge drehte sich auch vieles an einem bestimmten Abend Mitte der Sechziger Jahre. Eine besondere spielt dabei der Zahnarzt John Riley, der aus wohlhabendem Haus stammte und der Sohn eines angesehenen Polizeikommissars war. Er wohnte an diesem Platz, und hatte eine überqus erfolgreich laufende Praxis in der Harley Street. Zu seinen Kunden zählten auxh die Beatles, mit George Harrison pflegte er eine engere Freundschaft. John Riley tauchte voll ein ins Leben der „Swingin Sixties“ und flog einmal sogar zu den Bahamas, um dabei zu sein, als die Beatles dort Teile ihres Konofilms  „Help“ drehten. Wie Pattie Boyd sich erinnerte, arbeitet John mit recht unorthodoxen Methoden, und, egal, um welches Zahnproblem es sich handelte, viele seiner Liebkingskunden bekamen erstmal intravenös Valium verabreicht. Einmal erlebte sie, wie er George ein paar Backpfeifen verpasste, um ihn aus dem Tiefschlaf zu holen. Einmal lud er zu einer Party, und zum Dessert bekamen seine Freundin Cyndy, George und Patti sowie John und Cynthia Lennon einen Kaffee geeicht, deren Zuckerwürfel mit LSD imprägniert waren. Der Zahnarzt selbst hatte nie zuvor LSD genommen und wusste wenig über die genauen Auswirkungen, und gung davon aus, dass seine illustren Gäste in der sicheren Umgebung seines luxuriösen Wohnzimmers verbleiben würden – immerhin schien er mitbekommen zu haben, das Set und Setting nicht ganz unwichtig sind. Allerdings viel mehr als einen blassen  Schimmer hatte er nicht, und das ganze war wohl als unschuldiger Spass zu verstehen.

Fortsetzung folgt

2020 30 Aug

Lontano

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2020 29 Aug

You Gotta Say Yes To Another Excess …

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… ist nicht nur der Titel eines Jahrzehnte alten Albums, sondern kompromisslosestes Programm, das ab da ein Eigenleben zu führen begann. Der grimmige Gorilla schaut mit seinem fahlen Blick durch die Zeit und uns hindurch und skandiert 2020 „All my life is restless, I never had a breakfast“. Das war zu erwarten, kein Hauch von Gnade auch nach über 37 Jahren, Elektro-Dada, frisch und ohne Grenzen. Die beiden alten Herren exportieren seit Anbeginn ihrer Zeiten nicht nur exklusiv die Löcher im Käse (Maßanfertigung garantiert), sondern einen exzentrischsten Sound, der wie ein schwarzes Loch den ultimaten Sog der Sinnfreiheit wie eine Karotte vor dem Esel der Spaßgesellschaft vorausträgt und sich daran erfreut nichts als Fragen offenzulassen. Ernsthaft. Aber jetzt ist es passiert: „I jump out of the bottle, I do the double bubble“. Waba Duba. Der Geist ist aus der Flasche und springt wild zwischen Anoden und Kathoden hin und her, mixt Atmosphären von Film Noir über James Bond bis zu Star Trek, spielt den Blues mit Grabesstimme, fakt den Funk und tackert den Techno. Ausser sich und ausser Kontrolle, Spinning My Mind, der Mann mit grünen Haaren läßt ein Skelett hinter der Skyline tanzen und singt mit sanfter Stimme bis alles in Flammen versinkt. Gemütsbildende Grabesromantik von übermorgen oder Konzeptkunst. Sonnenbrillen nach Mitternacht. Treibend, eskalativ, voller skurriler Sounds, die man glaubt irgendwo synthetisch schon einmal gehört zu haben. Alles neu aus Boris Blanks Klanglaboren, blubbernd und schneidend, imitierend und Zitate schreddernd, jedes Detail ausgefeilt, Ähnlichkeiten bestenfalls rein zufällig. Hut ab. Dazu jagen Dieter Meiers sonore Sprechgesänge den Schatten des Pink Panther durch die Lautsprecher hinein in den Dschungel und durch die Hinterzimmer des Stammhirns. Konspirative Sitzung der schnauzbärtigen Schweizer Ehrenlektion. Transpirativ, elegant, anarchisch, sich um kein Klischee kümmernd und doch alle ausnutzend. Exzesse, Bananen und Orangen, „Left to right, your eyes are shining bright. Left to right, you‘re Out Of Sight. Da gibt’s kein zurück! Punkt. Point. Point Yello. Oh!

 
 

1

 

Ich habe als Metallkopf angefangen, Musik zu hören, ich spielte E-Gitarre. Dann kam dieser Verwandte von uns aus Rumänien. Er studierte Medizin, und er kam mit dieser riesigen Sammlung von ECM-Cds. Er hatte diese wirklich coole Hi-Fi-Anlage, lud uns zum Zuhören ein und spielte uns all dieses ECM-Zeug vor. LUMINESSENCE mit Jan Garbarek war die erste CD, die ich tatsächlich gekauft habe. Damals gab es im Iran Raubkopien von CDs und Kassetten, die wirklich billig waren, mit kopierten Covers, schlechter Produktion, schrecklicher Qualität. Wir nannten sie CDs, und die Importe, die Sie aus Europa kauften, nannten wir „Originale“, die sehr teuer waren. Also sparte ich und ging in den Laden, und dies war das einzige ECM-Album, das sie hatten, auf dem kein Filmfoto zu sehen war. Es hat diese große Schriftart, also sagte ich: „Okay, ich kaufe das. Ich wusste nicht, wie es klang. Als ich nach Hause kam und es mir anhörte, war ich fassungslos, völlig sprachlos. Es hatte eine Rauheit, die mich wirklich ansprach.

 

2

 

Ich habe das Album damals bekommen über einen Freund von mir, den Verwandten, der aus Rumänien kam. Er sagte, er habe uns CDs geliehen, damit wir sie in mp3 rippen konnten. Ich habe immer noch die mp3s, die ich tatsächlich gerippt habe – ich hänge emotional an digitalen Dateien! [lacht] – ich höre mir immer noch dieselben Dateien an. Die erste Hälfte von ANA sind durchweg Kompositionen mit Klassischer Gitarre. Aber sie sind schmutzig, unordentlich und improvisatorisch. Es ist technisch sehr schwierig, sie zu spielen. Man hört also, wie er mit der Technik kämpft, aber er bringt die Emotionen durch, egal was passiert. Das, was ich daran liebe, ist die Sequenz der Stücke – es beginnt mit den klarsten, definiertesten Harmonien, die man sich vorstellen kann, mit der klarsten Stimme, die Gitarre ist riesig in den Lautsprechern, voll da mit Raum und Hall, dann beginnt sie zu schmelzen.

Ich bin nüchtern geworden vor 19 Monaten. Dieses Album von Ralph Towner stand am Anfang meines Trinkens – ich fing an, Gin aus der Dose zu trinken, ob du das glaubst oder nicht. Als Highschool-Schüler konnte man ihn wirklich billig bekommen. Dieses Album war meine Zuflucht. Ich hatte diese klassische Gitarre, ich war gerade erst nach Teheran gezogen, und alles war zu viel. Die Schule war zu viel, die Stadt war zu viel – ich war wie ein Kleinstadtkind – und dann war da dieses dieses ruhige Album, das mit nur einem Instrument genau das ausdrückte, was es wollte. Es sprach mich sehr an, und ich trank viel Gin dazu.

 

(Erinnerungen eines iranischen Komponisten)

2020 28 Aug

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recorded on August 22, 2020

 

2020 28 Aug

Ein nie wahrgenommener Satz

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Als ich den Text fertigstellte zur Wiederveröffentlichung von „Wrong Way Up“ (s. „From the archives“), las ich auch quer über andere Texte zum Album, und staunte nicht schlecht, als ich über eine Songzeile stolperte, die ich nie bewusst wahrgenommen hatte, obwohl ich das Album unzählige Male gehört habe und dachte, mittlerweile in jeden seiner Winkel gekrochen zu sein. „If It all fades away, let it all fade dancing away.“ Das ist so eine Zeile, die sich mir unter normalen Umständen so tief eingeprägt hätte, wie der eine oder andere Vers von Cohen oder Lennon/McCartney. Aber ist es nicht genau das, was wir an Alben lieben, die uns durchs Leben begleiten: sie überraschen uns nach wie vor, und ihre Tiefenwirkung lässt einfach nicht nach.

 

 

Ich weiss natürlich nicht, was Susanne Abbuehl, Caterina Di Perri, Mayo Bucher und Gérard de Haro 2017 so alles erlebten, auf jeden Fall ist es lohnend, sich die kleinen Filme anzuschauen, die Ingo in letzter Zeit über sie drehte, über Menschen, die auf die eine und andere Weise mit dem Label ECM  verbunden sind. Die links finden sich bei den „comments“.

 

Kurz vor Nikolaus, als wir noch gute Freunde waren, anno 2017, spielten Gregor und ich unser Lieblingsspiel: wir listeten unsere liebsten Alben eines Jahrgangs wie eine Hitparade. Damals hatte jeder seine Top 30 zusammengestellt, mit etlichen Überschneidungen. Interessant war auch, als ich über die Bestenliste 2017 stolperte, dass mir weit mehr als die Hälfte der Alben heute nicht mehr so viel bedeutet. Zu welchen würde ich wirklich liebend gern zurückkehren? Nun, die ersten vier Positionen sind gleich geblieben, ansonsten gab es ein munteres Plätzerücken. Mit ganz nach vorne geschoben hat sich in meinen TOP 12 Björn Meyers Soloalbum „Provenance“ (Sehen sie dazu, und auch zu dem Cover, Ingos Film!)  P.S. Der einzige Grund, warum Neil Youngs Hitchhiker nicht mehr mit dabei ist, liegt darin, dass das Album zwar 2017 erstmals erschien, aber das Resultat einer  Nacht des Jahres 1976 auf seiner kalifornischen Farm war. Also historischer Stoff – ein unfassbar wunderbares Soloalbum mit einer überragenden Aufnahme- und Vinylqualität. David Briggs sat at the controls.

 

 

  1. Father John Misty: Pure Comedy (masterpiece with microsdosing lsd)
  2. Tinariwen: Elwan (my favourite album of the Touaregs)
  3. The Mountain Goats: Goths (a class of its own – cool AND heartfelt)
  4. Anouar Brahem: Blue Maqam (one of his best)
  5. Brian Eno: Reflection (without words)
  6. Björn Meyer: Provenance (deep, ascetic, melodic)
  7. Ray Davies: Americana (old master meeting The Jayhawks)
  8. Ryuichi Sakamoto: async (deep & deeper)
  9. Crescent: Resin Pockets (completely under the radar – i love them)
  10. Gas: Narkopop (i would call it „narkopop“)
  11. Sam Genders: Dorothy (from another end of the world)
  12. Darren Hayman: Thankful Villages, Vol. 2 (great picture book, too)

 

 

In der Nacht von Freitag auf Samstag, am 19. August 2017, tobte ein heftiges Unwetter über dem Münchner Raum. Bäume fielen auf Straßen, Bäume und Äste auf Gehwege, es gab vollgelaufene Keller, Pkws steckten in überschwemmten Straßenunterführungen – das sind nur einige der Einsatzstichworte für die Kräfte der Feuerwehr. Niemand nahm körperlich Schaden. Im ganzen Stadtgebiet waren die Einsatzkräfte von Berufsfeuerwehr und Freiwilliger Feuerwehr unterwegs. Durch die Integrierte Leitstelle München wurden zusätzlich zu den Einsätzen im Stadtgebiet noch etwa 80 Einsätze für den Landkreis München disponiert. Das Unwetter beschädigte zudem eine Engelsfigur in Haidhausen. Die Feuerwehr sicherte die Figur auf dem 45-Meter hohen Kirchturm und seilte sie ab. In seinem Auto musste auch der Produzent Manfred Eicher ausharren, die Wassermassen zwangen ihn dazu, mehr als eine Stunde auf den Rettungsdienst zu warten. Immerhin funktionierte das Autoradio noch, und so schaltete er gegen 1.15 Uhr den Deutschlandfunk ein. Und so misslich seine Lage war, er musste wohl innerlich schmunzeln, als er rasch eine vertraute Radiostimme erkannte, und nur wenige Minuten vergingen, bis er, in den „Klanghorizonten“, der kleinen Premiere eines Musikstückes aus Björn Meyers Album „Provenance“ lauschte.

2020 26 Aug

78° 39′ N, 16° 20′ O

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Meine bereits gebuchte, knapp zweimonatige Nordamerikareise (in Kombination drei verschiedener Film- bzw. Buchprojekte plus angehängter (Klein-)Familienreiserei) musste aus bekannten Gründen leider ausfallen, und auch die Hoffnung auf eine verkürzte, spätere Ersatzreise im August oder September blieb aufgrund der wankelhaften Lage in den Vereinigten Staaten leider unrealisiert. Als eine Teil-Ersatzreise bin ich nun im hohen Norden unterwegs. Zum einen wollte ich, sobald Norwegen die Grenze wieder öffnet, meine aus dem März (bzw. genau genommen schon aus dem letzten Jahr) aufgeschobenen Besuche bei u.a. John Surman und Sidsel Endresen nachholen, und zum anderen Recherchen und Kontakte für ein anderes Filmprojekt, das bereits seit mehreren Jahren im Drehbuchstadium verweilt, etwas anschieben — durch Ausweitung verschiedener Kontakte. Und als Ausweichmanöver für die geplante Filmerei in Nordkanada für das Dokumentarfilmprojekt (We’re all going to die – a film about social collapse) eines Freundes bin ich nun in Nordnorwegen und Svalbard gelandet.

 
 


 
 

Longyearbyen auf Spitzbergen in Svalbard ist die weltweit nördlichste (Klein-)Stadt bzw. Siedlung (von einzelnen Forschungsstationen abgesehen) bzw. der nördlichste Ort, den man auf normalem Reiseweg erreichen kann. Die Inselgruppe Svalbard liegt auf halber Strecke zwischen dem Nordkapp und dem Nordpol, zu dem es von hier nur noch ca. 1200 km sind. Ich bin gerade noch in den letzten Tagen des Polarsommers hier angekommen, gestern verschwand die Sonne zum ersten Mal seit über vier Monaten kurz hinter dem Horizont — aber es ist dennoch rund um die Uhr taghell. Die Tageszeiten werden sich jetzt rasant verschieben, denn schon Anfang Oktober wird die Sonne bis in den Februar hinein nicht mehr über den Horizont kommen. Zum Glück herrscht in diesen Tagen freier Himmel, was zwar zu kalten Temperaturen führt (allerdings auch nicht kälter als man es aus einem beliebigen November oder Februar in Berlin kennt), aber die Gelegenheit für einige schöne Aufnahmen bietet. 

 
 


 
 

Svalbard ist allerdings ein recht seltsamer Ort, zwar offiziell Norwegen zugeordnet, aber relativ frei, was die Wohn- und Aufenthaltsgenehmigungen für Menschen aus anderen Ländern betrifft. Es gibt allerdings kein Krankenhaus, daher sind die Einreisebedingungen derzeit sehr streng (Stichwort „rote Länder“). Steuern bleiben im Land, werden nicht an Norwegen weitergeleitet. Nur gut 2000 Menschen leben hier, und die paar Siedlungen wurden Anfang des 20. Jahrhunderts vorwiegend von russischen und norwegischen Kohleabbaufirmen aufgebaut. Manche Orte und die meisten Kohleminen wurden längst verlassen; eine Mine ist noch übrig bzw. in Betrieb, vor allem, um den Energiebedarf vor Ort zu bedienen — und für deutsche Industrien. Ästhetisch wirkt in der mehr oder weniger einzigen (Klein-)Stadt Longyearbyen alles etwas provisorisch; es gibt nur wenige Straßen, und die Infrastruktur verläuft aufgrund des Permafrosts überirdisch. An den Berghängen sind überall ehemalige Minen- und Transportanlagen, einige seit vielen Jahrzehnten am Verfallen — und viel Geröll. Aufgrund der hohen Lawinengefahr (Folge des Klimawandels) dürfen einige Häuser nicht mehr bewohnt werden, viele sind bereits abgerissen (oder eingerissen durch Absinken in den tauenden Boden); dafür werden stetig neue Häuser errichtet, die wiederum auch eine gewisse provisorische Ästhetik haben. Außerhalb der Ortsgrenzen darf man sich wegen der potenziellen Eisbärbegegungen nur mit Gewehr fortbewegen (zu Fuß allerdings, da es keine Straßen gibt, und die Schneemobile nur im Winter bzw. Schnee fahren können), und seit Tagen kommen tatsächlich auch immer wieder Bären aus den Bergen herunter und suchen in Hütten (auf der gegenüberliegenden Seite des Fjords) nach Nahrung — durch die klimatischen Veränderungen finden sie bekanntlich nicht mehr viel zu fressen. Ein Hubschrauber kreist immer herum, wenn jemand einen Bären gesichtet hat; teils werden die Bären dann an entlegenere Orte auf der Insel abtransportiert.

 
 


 
 

Aufgrund vieler Umstände ist Svalbard derzeit einer der am massivsten von klimatischen Veränderungen betroffenen Orte der Welt. Allerdings muss man vielleicht auch festhalten, dass es für Menschen eigentlich gar keinen richtigen Grund (mehr) gibt, hier überhaupt zu weilen. 40% der Menschen arbeiteten mittlerweile im Tourismus, aber seit März lag der fast komplett brach. (Andere, die nicht in der Kohleindustrie arbeiten, arbeiten in der Forschung oder in der Satellitenübertragungstechnik.) Jetzt werden wieder ein paar Ausflüge angeboten, aber die weniger gewordenen Flugzeugverbindungen sind doch weitgehend leer.

2020 25 Aug

Nach der Sternzeit: „Song in sieben“

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Es war eine sehr gute Show
Aber es gab so viel mehr zu wissen
Also gingen wir alle an den Strand
An der warmen Nordsee
Und die Nachtluft
Flog überall hin

Es war eine sehr gute Brise
Ein professioneller Scherz
Führte uns an den Rand
Der warmen Nordsee
Dann eine Stimme von oben
Sie sagte: „Schau nach oben!“

Da war ein Muster am Himmel
Und es nahm mich so hoch
Und die Wellen zu meinen Füßen
In der warmen Nordsee
Und es schnitt mich so tief
Und es schnitt mich so tief
Und es schnitt mich so tief

Es war ein sehr gutes Meer
Und es bedeckte mich ganz und gar
Von meinem Kopf bis zu meinen Zehen
Mein Herz bis zu meiner Seele
Ich bat es zu atmen
Es antwortete mir

Es war eine sehr klare Nacht
Also schauten wir zum Himmel hinauf
Ursa Major aus der Ferne
Mit seinen sieben kleinen Sternen
Wie sieben kleine Augen
Wie sieben kleine Augen
Wie sieben kleine Augen

Oh, warum?

 


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