Manafonistas

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Kategorie: Musik aus 2012

Unzählige Mädchen meines Studiengangs stürzen sich auf die Seminare über mittelalterliche Liebeslyrik. Hohe Minne, niedere Minne: Verse über schöne Frauen, deren Tugenden, ihre roten Lippen, und glänzendes Haar.

Während meine Kommilitoninnen um mich herum dahinschmelzen, lässt mich dieses aussichtslose Schwärmen um die Damen des mittelalterlichen Hofes eher kalt.

Betrachten wir den Komplex der Minnelyrik doch einmal ganz nüchtern. Ein Sänger beobachtet eine Frau aus sicherer Entfernung. Er bewundert ihre Anmut und ihre Schönheit und dichtet deshalb süße Zeilen über seine Herzensdame. Natürlich ist ihm bewusst, dass er niemals ihre Gunst gewinnen wird. Er beklagt sein Leid, aber dennoch verspricht der Verliebte, niemals mit seiner Werbung aufzuhören, denn neben der Qual der unerfüllten Liebe bereitet es ihm größte Freude, diese unnahbare Frau zu ehren.

Wie rührend! Das muss wahre Liebe sein!“ – finden die Teilnehmerinnen des Seminars. Mir fällt dazu leider nur ein Wort ein: Stalking.

Ein Mann, der geradezu fanatisch an einer Wunschvorstellung festhält, obwohl er selbst bereits erkannt hat, dass es eben nur ein Wunsch ist und bleiben wird. Trotz dieser Erkenntnis lässt er nicht davon ab, sein Objekt der Begierde zu beobachten bis er jedes Detail über sie in Erfahrung gebracht – und natürlich besungen – hat.

So romantisch einige Menschen diesen Gedanken finden, mich schreckt es eher ab. Nicht, dass ich keinen Sinn für Romantik habe – ganz im Gegenteil. Allerdings muss ich zugeben, dass Punk-Poeten wie Blink182 ihre Gefühle auf eine schönere Art ausdrücken, wenn sie wie in „Rock Show“ das wunderbare Mädchen besingen, das von der Schule geflogen ist und mit dem sie nach Vegas ziehen wollen.

 
 
Klänge zu Geschichten. Geklängte Geschichten. Dies ist …
 
 
 

 
 
 
… eine Begana, eine Lyra aus Äthiopien.
 
 
 

 
 
 
Die Begana ist eine direkte Nachfahrin der antiken griechischen Kithara wie sie in Äthiopien und Eritrea noch in Gebrauch ist. Das Instrument wird hauptsächlich für die Rezitation sakraler Texte des orthodoxen Christentums dort verwendet. Durch den speziellen Nachhall klingt die Begana wie ein Unterwasserbaβ und hat im Zusammenspiel mit der Textrezitation einen halluzinierenden Effekt.
 
 
Und so klingt die Begana (und dazu die bekannte Geschichte)
 
VIDEO 1 Begana
 
Das Wort kommt im Zusammenspiel mit der Begana regelrecht aus einer anderen Dimension.
 
VIDEO 2 Begana
 
 
Dies ist Zerfu Demissie, der am Wochendende beim Bandjubileum von The Ex im Amsterdamer Bimhuis spielte
 
 
 

 
 
 
Auf dem Terp-Label von The Ex ist ein Album mit Zerfu Demissies Begana erschienen. Hier ein Track von dem Album.

 
AUDIO 1 Begana
 
Das Wort kommt im Zusammenspiel mit der Begana regelrecht aus einer anderen Dimension. Jon Hassells Musik liegt nicht so fern davon …

Was begab sich zu uralten Zeiten …?
 
 
 

 
 
 
Photos © FoBo – Henning Bolte ©
 

 
 

 
 

The Christmas album, once among pop’s least enticing concepts, has undergone a rebirth in recent years, with Glasvegas, Low and Sufjan Stevens all contributing festive LPs. Tracey Thorn’s fourth solo set, though, is the best of the bunch, its sparse songs home to a seasonal standard, choice covers of Dolly Parton, White Stripes and Randy Newman songs and, in Joy and the title track, two fabulous self-penned tunes. Not every song is strictly Christmassy, but Thorn’s duet with Green Gartside, Taking Down the Tree, captures the emotions particular to the season and stands comparison with anything she’s done. (Paul Mardles, The Observer)

Es gab mal Schreckensgruppen in den 80er Jahren, wie Depeche Mode oder Duran Duran, da war es wohltuend, ein paar ganz unaufgeregte Geister in der Szene zu wissen, die sich vom grossem Posertum wohltuend unterschieden. Wie Everything But The Girl. Mit ihren wehmütig getönten Songs wirkten sie auf mich immer so, als hätten Tracey Thorn und Ben Watt etwas zu intensiv Nick Drake-Platten gehört, oder etwas zu obsessiv in alten Englischen Gärten das Herbstlaub in Schubkarren gesammelt. Ihre Lieder erschienen mir eine Spur zu grau, zu monochrom. Trotzdem, sie genossen Respekt, und strahlten Ruhe aus. Diese Weihnachtsplatte von Tracey Thorn ist alles andere als grau oder kitschig. Highly recommended, wie englische Kritiker so gerne schreiben. Unverbrauchte Liederware, ohne Experimente, aber auch ohne einen einzigen falschen, süssen Ton! (M.E.)

 
The Making Of Tinsel And Lights

Die Formationen des Schlagzeugers Paul Motian wurden stets bereichert von Gitarristen wie Bill Frisell, Ben Monder, Jakob Bro oder, auf dem Album Reincarnation of a Love Bird der Electric Bebob Band: Wolfgang Muthspiel und Kurt Rosenwinkel. Reinkarnation des Sun Ra, so könnte man jetzt Rosenwinkels frisch erschienenes Doppel-Album Star of Jupiter nennen, das einer musikalischen Entwicklung die Krone aufsetzt. Eine interstellare Sehnsucht schwingt mit bei diesem Musiker: Wir kommen alle von weit her.

Im Kosmos ist es kalt und diese Musik lässt leicht frösteln, ist zuweilen aufwühlend, aber eben auch unheimlich, zauberhaft, fremdartig schön. Anders als Hybridguitar-Kollege Pat Metheny, dessen Unity-Band kürzlich allzu Gewohntes präsentierte, lässt sich Rosenwinkels neues Quartett – mit den Marsalis-Musikern Aaron Parks (Piano) und Eric Revis (Bass), ferner Drummer Justin Faulkner – nicht als Ambientsound für den Supermarkt verwenden, es sei denn: Shopping auf die abgefahrene Art.

Sind auf dem Cover Weise aus dem Morgenland, tanzende Derwische zu sehen oder sind es vier Manafonistas, die auf den fünften warten? Die elektrische Gitarre ist ja klanglich oft limitiert, monoton. Der Trick des Rip van Rosenwinkel: er passiert Joe Pass, hat einen eigenen Sound entwickelt und bereichert ihn durch Vocoder-verfremdeten, hymnischen Gesang. Und noch ein Effekt ziert sein Spiel, man kennt das von der Malerei der Jungen Wilden: an den Rändern verläuft die Farbe und der Zufall diktiert entzückende Muster.

Auch die Licks hier, sie zerfransen und zerfasern. Ist es nur ein Mythos, Überlieferung: dass Gitarrenkönig Kurt gelegentlich sein Instrument willkürlich umstimmt, um nicht zu wissen, was er spielt und so den Grenze setzenden Bünden und Mensuren ein Schnippchen schlägt? Wie anders kann es sein, dass es ihm gelingt, völlig fremdartige und unerhörte Läufe hinzulegen? Mir jedenfalls gefallen solche Eskapaden – man zieht Profit daraus. Ein Song auf diesem Album nennt sich „Spirit Kiss“, und genau das ist der Gewinn.

Die Meisterwerke. Die 5-Sterne-Alben. Die Sternstunden. Bei Eberhard Weber lauten sie „The Colours of Chloe“, „Yellow Fields“ und „The Following Morning“, dicht bedrängt von „Chorus“ und „Later That Evening“. Der Rest: guter Stoff, okay, vertraute Ware, Beigabe, Nostalgie. Alles Wesentliche schien formuliert. Oder doch nicht?

Denn jetzt erscheint ein kleines Wunderwerk, zwingender als alles, was unter dem Qualitätssiegel „Eberhard Weber“ seit Beginn der Neunziger Jahre noch auftauchte. Der Schwabe hat sein Archiv geöffnet und Fundstücke gesichtet: zahlreiche, vom Elektro-Bass in der Jan Garbarek Group dargebotene Solo-Passagen (oder Konzert-Passagen, in denen der Bass den Ton angab). Quellenstudium. Interludien, das Grundmaterial für „Resume“. Eberhard Weber hört kritisch, wählt aus, bearbeitet die historischen Aufnahmen.

Mitunter spielen Jan Garbarek (Saxofone, Flöte) und Michael Di Pasqua (Schlagzeug) neues Material ein. Alt und neu lässt sich schwer trennen. Wie hat Weber beispielsweise seine Soli bearbeitet? Neue Klänge hinzu fabriziert? Alte Aufnahmen übereinander geschichtet?. Wie funktioniert Klangforschung, wenn man den eigenen Erinnerungen begegnet? Wie kann man die alten Stoffe im bestmöglichen Sinne „fälschen“ – und ihnen gleichzeitig neues Leben einhauchen?

Das Hören von „Resume“ stiftet bei Hörern, die Webers Musik seit Jahrzehnten kennen, interessante Verwirrungen. Denn das Kunststück ist ja, dass aus all diesen Zwischenspielen originelle Kompositionen werden, Erinnerungen gleichsam neu erfunden werden. Ein weiteres 5-Sterne-Album also? Das nicht, aber ein faszinierend inszeniertes Werk, das die ganze Bandbreite der Weberschen Spielkunst noch einmal vor Ohren führt. Hier muss enorm viel Kleinarbeit und Feilen am Detail mit eingeflossen sein. Das Resultat wirkt vollkommen mühelos. Es ist eine helle Freude, sich auf diese  „Fälschungen“ einzulassen. Sein (s.o.) sechstbestes Album!

2012 30 Okt

Phantastische Ausgrabung aus dem Jahre 1981

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Ist schon eine knappe Woche her. Ich wurde nach Mitternacht wach, und statt mich auf die andere Seite zu drehen, oder die wirren Fäden eines Traums zusammen zu fügen, legte ich die beiden Cds des Doppelalbums MAGICO – CARTA DE AMOR auf, die an diesem Freitag erstmals erscheinende Aufnahme des Trios Garbarek – Gismonti – Haden aus dem Amerikahaus, München, 1981. Allein im Haus, verzichtete ich auf die Sittsamkeit der Zimmerlautstärke und liess die Musik so laut erschallen, wie sie damals wohl glücklichen Hörern zu Ohren gekommen sein muss. 31 (!!) Jahre liegen zwischen damals und heute, ohne dass irgendwas an diesem Mitschnitt gediegen, in die Jahre gekommen oder sonstwie museal erscheint. Auch die beliebte Rede von „feinem kammermusikalischem Jazz“ oder „weltmusikalischem Horizont“ straft die Intensität dieser Musik Lügen. Selbst wer die zwei Studioaufnahmen des Trios, MAGICO umd FOLK SONGS, kennt, wird hier aus der Verblüffung kaum heraus finden. Und eine Live-Aufnahme aus dem Jahre 1981 kann, denke ich, kaum besser klingen. Und, in dieser Nacht vor eimer knappen Woche, hatte ich echte Probleme, wieder einschlafen zu können.
 
1. Carta de Amor 07:25
2. La Pasionaria 16:26
3. Cego Aderaldo 09:51
4. Folk Song 08:10
5. Don Quixote 08:25
6. Spor 14:01

1. Branquinho 07:37
2. All That Is Beautiful 15:35
3. Palhaço 09:13
4. Two Folk Songs 03:40
5. Carta de Amor, var. 07:35

Discussion on allaboutjazz:
 
Michael Engelbrecht wrote (see John Kelman’s review at www.allaboutjazz.com): This is purely „magico“. I listened to it some nights ago, very late in the night, and I could afford to play it loud, on a great sound system. 31 years old, and it sounds fantastic! How do you call it: „world chamber jazz“? Doesn’t matter. This music is so relaxed and intense at the same time, my goodness! How can one bury such a treasure for such a long time! Well, John, old companero of Kristiansand, my enthusiasm for this live document might even surpass your surprisingly cool praise:)

John Kelman wrote: I wouldn’t say my praise is cool…I love the disc….I just don’t get particularly effusive, rat her, I describe the music and let readers make up their own minds.But you are absolutely correct; this is magical stuff, and I can only hope there’s more archival material that might see the light of day from ECM. Am in Heidelberg now, and will be at Manfred’s evening as part of Enjoy Jazz on November 3, so we’ll see then,perhaps.In the meantime, glad we agree on this one…. :) Cheers!John

Henning Bolte wrote: I’d say: Jan is the magic piper here … (although it’s out of past)

John Kelman wrote: Hey Henning!Yes, Garbarek’s playing here truly stands out….but I really do think this was an inspired combination, across the board…. Cheers! John

Michael Engelbrecht wrote:  This is such a great year for ECM: CARTA DE AMOR, Tim Berne’s SNAKEOIL, the „sleeping“ Jarrett album, John Surman‘ best solo album ever, SALTASH BELLS, Eivind Aarset’s forthcoming album DREAM LOGIC (a silent „killer“; tonight, in my German radio show, I played two pieces of DREAM LOGIC, framing Brian Eno’s new ambient work LUX – these two records replace a good trance session at your hypnotherapist, deep, deep music…) the list could go on for a while even leaving out ECM’s NEW SERIES. There is one really boring ECM album, easy listening without any profoundness, and that is, well, Manu Katche’s work, a hugely overrated composer, and here the cliche of „coffee shop jazz“ becomes reality. on the other hand, who wants to drink his caffe latte while hearing Coltrane’s MEDITATIONS!?:)

John Kelman wrote:  Well, I agree with you Michael..almost.; I like the Katché. Doesn’t break and new ground or shatter any rules, but solid grooves and strong playing…..saw ythe group last night (with another trumpeter replacing NPM) and it was actually smokin‘ hot. I think Manu is like Robert Fripp always said about King Crimson: the studio records are love letters, the live ones a hot date :) Cheers from Heidelberg, my friend! – and I’m wearing my Pat Metheny Trio shirt today, by the way :) John

Michael Engelbrecht wrote:  I saw Manu Katche in Dortmund some days ago, and, well, our idea of „smokin‘ hot“ may differ a bit. You might ask: why did you go there? The answer is: I thought, mhm , he might be smokin‘ hot live. If that music was smokin‘ hot, then I am a burrning potato:) Ups, a Pat Metheny TShirt. I know you love this guy, I will never understand why. He was great in the 70’s. And early 80’s. He has lost it all over the years. Few exceptions. This solo guitar album, for instance, a year ago. might work in the waiting room of your local dentist. Michael

 
 

 
 

Bish (n. sl.), bitch
Bosch, Hieronymous (c. 1450-1516), Dutch Painter
Bish bosh (sl.), job done, sorted

 
„I was thinking about making the title refer to a mythological, all-encompassing, giant woman artist.“  (Scott Walker)
 

Heute früh traf die neue Arbeit von Scott Walker ein, ich setzte mich ins Cafe und las den langen Einführungstext von Rob Young. Die CD kommt mit einem ausführlichen Begleitheft daher, mit allen Texten, Instrumentenangaben etc. Am 30.11.2012 wird „Bish Bosch“ veröffentlicht. In meinem Büro legte ich die CD ein, die Idee war, die Musik Stück für Stück auf mich wirken zu lassen, mit längeren Pausen zwischen den neun Songs. Es kam anders. Das Textbuch legte ich rasch zur Seite, und ich muss ein zugegeben etwas blödes Gesicht gemacht haben, als mein Unterkiefer von Minute zu Minute mehr herunterklappte. Die Musik ist von solch einer klanglichen Erfindungskraft, dass es einem schier den Atem raubt. Ich rauschte durch sie hindurch, die Songs drückten mich noch tiefer ins Sitzkissen, keinen Ton wollte ich verpassen. Ich habe im Moment nicht mal Lust, all die Finessen und Frakturen zu beschreiben, die abenteuerliche Dynamik, das Wechselspiel von Stille (es gibt auch schreiende Stille), unerhörten Tönen (Tönen, die ich wirklich noch nie gehört habe), und brachialen, zugleich raffiniert komponierten Soundwirbeln. Ach nein, keine handelsüblichen, keine originellen Worte mehr. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn meine Couch ihre Bodenhaftung verloren hätte, zwei Bilder von der Wand gefallen wären, und noch ein Fenster aus den Angeln gesprungen wäre. Mir liegt nun auch noch das viel zu heilige Wort „Ergriffenheit“ auf den Lippen. Die erschütternste, aufwühlendste Musik seit Jahren, und bei all den Todestänzen und Erforschungen finsterer und ferner Räume, nicht ohne (natürlich schwarzen) Humor. Ziemlich unfassbar. Ein Monolith, der rockt! Dabei sollten sie mehr an rollende Felsen denken als an die Konventionen der Rockmusik. Und es gibt zärtliche Passagen, da werden manchem Hörer die Tränen aus den Augen schiessen. Genug fürs erste!

2012 20 Okt

Nik Bärtsch´s Ronin – Live

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Wozu solche Musik gut sei, fragte mal einer hinsichtlich dessen, was oft als „Zen-Funk“ tituliert wird und seinen Ursprung hat im Land, wo Präzisionsmechanik Grundlage ist für richtiges Timing: in der Schweiz.

„Ein gutes Kunstwerk will nichts!“ wäre eine Antwort auf obige Frage. Musik wie diese behutsam ausgesuchte Zusammenstellung von Live-Mitschnitten der Gruppe Ronin um den Pianisten und Komponisten Nik Bärtsch lebt und atmet aus sich selbst heraus.

Der Covertext des Bandleaders besagt, Ronin habe sich immer, von Beginn an als eine Live-Band verstanden, auch wenn die ausgeklügelten Studioalben mit ihren als Module bezeichneten Songs etwas anderes vermuten liessen. Beim Genuß dieses vitalen Albums gerät man zunehmend in einen Sog – man möchte diese Musik immer wieder hören, denn sie wirkt als ein Appetizer, der angenehm unangestrengt daherkommt.

Auch als eine ECM-Produktion ist dies auf wohltuende Weise völlig melancholiefreie Musik – in der dafür die Zen-Funken nur so sprühen. Yin und Yang heisst hier: das Gefühlvolle trifft zuweilen auf recht rabiate Krach- und Kraftexplosionen – alles bleibt aber im Rahmen einer disziplinierten und konzentrierten Vorgehensweise. Ronin sind tüftelnde Teamworker und der Reiz ihrer Stücke besteht im Zusammenspiel vielfältiger perkussiver Elemente.

So ist dies Album rundum positiv zu bewerten – allerdings mit einer kleinen Ausnahme und darausfolgender Bitte an die Design-Abteilung einer Münchener Plattenfirma: man möge doch bitte Abstand nehmen von diesen schwarzmonochromen und meist reizlos monotonen Coverbildern. Es müssen ja nicht gleich wieder Sonnenuntergänge sein – aber zuviel corporate identity ist langweilig.

2012 13 Okt

Three stars for „Sunken Condos“

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„Each new Donald Fagen album is like trading in your old car for a new version of the same model“, Andy Gill writes. Hmm. Sometimes it seems to be nice when things stay the same. Always crashing in the same car, David Bowie once sang. Donald Fagen is never crashing, everything is well-oiled. There is coolness, there is irony, there is sarcasm, there is a constant feel-good groove, there are old lovers and young women. There is only one reason Woody Allen never used a Steely Dan-song for end titles or a theme song: he prefers Dixieland. Within its constraints of good taste and old formulas, „Sunken Condos“ works fine. But, as Paul Simon writes, „pity there’s still too much syrup to wade through (…). Next time, please, less smooth, more rough.“

„Diese Musik ist wie ein Schlüssel!“, entgegnete ein musikverständiger Zeitgenosse, als unsereins einst überschwänglich Begeisterung für das Paris-Concert des Bandleaders und Saxofonisten Tim Berne zeigte. Den Bass auf dieser legendären Liveaufnahme spielte damals ein gewisser Michael Formanek. Der war mir vorher schon zu Ohren gekommen, auf Parias Pariah beispielsweise – im Quartett mit Gary Thomas, Greg Osby und John Arnold. Wuchtige polyrhythmisch-harmonische Strukturen legten dort den Grundstein für das abstrakt-kühle Spiel der Kompositionsarchitekten Osby und Thomas.

Als Nachfolge des hochgelobten Formanek-Debüts The Rub and the Spare Change erschien nun Small Places. Von der Wucht des auch im echten Leben stabil gebauten Bassisten hört man viel und gerne. Und kein Eicher wäre im Spiel, käme nicht zu dieser Kraft auch Feingefühl und Atmosphäre. Man munkelte schon von „muskulösen Ostinati“, doch der Hörer sei besänftigt: diese Musik wurde nicht im Kraftraum eines sterilen Fitnesscenters ausgeschwitzt – sie entstand enspannt unter der federführenden Hand Formaneks und entfaltete sich dann weiter vor den Mikrofonen der New Yorker Avatar-Studios.

Als Einstieg empfielt sich das letzte Stück des Albums: der von dem Bordun-Ton einer Shruti-Box getragene Song „Soft Reality“. Hier hört man diese schnörkelig feinen Linien, diese hingehauchten Verspieltheiten des Tim Berne, wie er sie schon auf dem Paris-Konzert zelebrierte. Dann aber, im anfänglichen Titelstück „Small Places“, geht es zur Sache. Das ganze Album gewinnt seine Spannkraft durch den Gegensatz von kraftvollen, geradezu rockigen und dann den leiseren, lautmalerischen, tentativen Passagen. Was ist hier noch komponiert, was schon improvisiert?

Das Zusammenspiel Tim Bernes – dessen Ton immer auch etwas ungehobelt, raubeinig und organisch klingt – mit dem Pianisten Craig Taborn und seinen leichten, kühl-ätherischen Klangfarben ergänzt sich gut. Hört er den Letzteren spielen, fragt sich der Klassik-Laie einmal mehr: „Wo ist eigentlich der Unterschied zwischen E-Musik und Jazz?“ Ist das hier Ravel, Schönberg, Webern oder gar Strawinsky? Auch an den kaskadenhaften, klassisch angehauchten Spielwitz des Frank Zappa erinnert zuweilen die Musik auf Small Places.

Keith Jarrett und sein Trio spielen bekanntlich seit Jahren Standards auf hohem Niveau. Jazzstandards sind basis-komponiert im Gefüge von Funktionsharmonik oder Modalität. Darin ähneln sie dem Bossa Nova und den Songs von Steely Dan. Die Musik Formaneks, Bernes, Taborns funktioniert anders: es sind verschachtelte, rhythmische Melodielinien, frei von funktionsharmonischer Struktur – sie bieten Gerüst und Rahmen für die sich öffnenden Räume der Improvisation. Wäre dies Malerei, sie wäre teils abstrakt, teils gegenständlich.

Schlußendlich gehört Small Places zu jenen akustischen Schauplätzen, wo sich auf offener Bühne etwas vollzieht, das sowohl dem leidenschaftlichen Jazzliebhaber als auch dem selbst Musizierenden so manch inspirierenden Aha-Effekt verleiht; die Lust auf Musik macht und – um zappaesk zu schließen – einem die Einsicht vermittelt, der Jazz sei noch lange nicht dahingeschieden, vielmehr ein ewiger Phoenix, aus Asche entsprungen.


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