Manafonistas

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Archives: Juni 2026

   

 
 

Layla M. (N, 2016) von Mijke de Jong

 

Der Titel ist geklaut und stammt von einem Mitglied einer Kindertherapeutengruppe (Danke, Uli!), mit denen ich den Film geguckt habe. Meine Headline, nicht ganz so zündend, hätte gelautet: Walzer linksrum und alles auf Anfang. Beides beschreibt eine Bewegung zwischen Polen, zwischen Zeitphänomenen, zwischen Progression und Konservatismus. Im Kräftefeld dieser Pole lebt Layla, ein westlich sozialisiertes Mädchen, Tochter einer marokkanischen, gut integrierten liberalen Familie in Amsterdam, bereitet sich auf das Abi vor und ist Fussballtrainerin. Wie viele Adoleszenten ist Layla rebellisch, wütend, moralisierend und möchte die Welt retten, sympathisiert mit den Dschihadisten und trägt Hijab, sogar am Mittagstisch, wo sie versucht, das Essen unter dem Stoff hinunterzuwürgen. Die Eltern reagieren ihrerseits mit Unverständnis und radikalen Verboten, bis Layla die Familie verlässt, einen jungen Gottessoldaten heiratet und mit ihm nach Amman geht, wo sich dieser auf ein Selbstmordattentat vorbereitet; dort prallt ihre romantische Vorstellung von Zugehörigkeit und Solidarität auf die Rigidität und Gewaltbereitschaft eines patriarchalen Systems, vor dem sie letztlich wieder nach Hause flüchten will.

 
 

 
 

Jugendliche aus westlichen muslimischen Familien leben per se in einer schwierigen Situation: Hier sind sie Araber, Türken oder Iraner, in ihren Heimatländern Deutsche, die Familie wünscht für die Kinder ein besseres Leben, aber ohne traditionelle Werte aufzugeben, Mütter wollen, dass die Tochter studiert und berufstätig ist, aber weiterhin dem Grossvater die Hand küsst, mit dem Burkini ins Schwimmbad geht und die Partnerwahl den Eltern überlässt, während die westlich sozialisierte peergroup lockende Freiheit vorlebt. Während die Eltern zwischen zwei Welten leben, stehen die Jugendlichen somit zwischen dreien. Zündstoff wäre reichlich vorhanden. Und: Jugendliche scheuen die Ambivalenz, sind misstrauisch gegenüber Kompromissen, wünschen Eindeutigkeit, setzen hohe Masstäbe, lieben jede Ideologie die Eindeutigkeit und eine Form von „Reinheit“ verspricht und am besten um 180° entfernt von der Ideologie des Elternhauses ist. Anpassung, oder jetzt: Integration ist kein Wert, sondern Verrat an Idealen. Ein Suche nach Identität ohne Grauzonen.

In den Sechzigern und Siebzigern haben wir zur proletarischen Revolution geblasen und genossen unser Gutmenschentum, unsere endlich gefestigte Identität und moralische Integrität, auch damals haben sich Gruppen abgespalten und radikalisiert, auch damals fielen Schüsse und explodierten Bomben, brannten Kaufhäuser – Geschichte ist zyklisch, wie es scheint. Nur dass die Mitglieder der RAF aus angesehenen bürgerlichen Familien stammten (Gudrun Ensslin war Pfarrerstochter), während die jungen Migranten in ihrem Umfeld mit Rassismus zu kämpfen haben. Das ist eine doppelte Verletzung, die ihren Wunsch, Krieger zu werden, verständlicher macht als das Agieren der RAF, auf die eine bürgerlich-sichere Karriere gewartet hätte. Die Muslime rekurrieren auf den allmächtigen Vater, dem sie sich unterwerfen, die RAF hob jegliche männliche Autorität aus dem Sattel und bemerkte nicht, dass sie ebenso gerne Führerpersönlichkeiten kritiklos huldigte – seien es Marx oder Lenin, Mao, Che, Ho Chi Minh, der charismatische Dutschke, der rote Dany, Ka-De und Gaston Salvatore, die sich allesamt nicht durch einen übertriebenen Realitätsbezug bezüglich der Erreichbarkeit ihrer Ziele auszeichneten – by the way. Über’m Bett hing meistens der Che, weil der auf dem Poster gnadenlos gut aussah und einen Hauch bolivianischen Dschungel in die Studentenbude brachte. Sozialromantik halt! Viva la revolución … !!

 
 

 
 

Die Anführer der K-Gruppen an der Uni fetzten sich wie die Platzhirsche im Herbst und die revolutionären Genossinnen in dieser Subkultur tippten ihnen die Flugblätter, nudelten die Blaupausen über die Vervielfältigungsrolle, kochten das WG-Essen, trauten sich nicht ans Mikrophon oder wurden da niedergemacht, hockten genervt in den Kapital-Schulungen (gemeint ist der Bestseller von Marx – wenigstens konnte man da in Ruhe stricken weil man eh nur Bahnhof verstand – aber man war da und ward gesehen und eine Squaw mit Kapitalschulung zierte jeden linken Häuptling) und standen auch für andere Gelüste zur Verfügung – keine Lust zu haben galt für eine Genossin schon als konterrevolutionär, wozu haben wir denn die befreite Sexualität erfunden? Nur Kinderkriegen mussten sie nicht, immerhin, das galt eher als degoutant. Genossen, die es nicht verstanden, eine Frau für sich zu interessieren, verfassten Traktate, dass es die sozialistische Pflicht der linken Genossinnen sei, sie sexuell zu versorgen, das war allen Ernstes mal ein Tagesordnungspunkt. Gelebte Solidarität sozusagen, da hätten wir auch gleich auf den Strich gehen können … Irgendwann wachten die Mädels dann doch auf und gründeten die ersten Selbsterfahrungsgruppen für Frauen, um ihre Situation zu reflektieren – scheinbar Individuelles erwies sich plötzlich als kollektiv und damit politisch. Dann gab’s Beziehungsarbeit … aber sowas von! Zum Studieren kam man sowieso nicht mehr, aber das war ja eh nur alles elitär-bürgerliche Bildungskackerei. Ja, ich komme ins Plaudern – aber bei Betrachtung dieser Zeiten fragt man sich, was wir den Taliban eigentlich vorwerfen dürfen?

Die Verlockung radikaler Systeme besteht also wohl darin, dass sie innere Konflikte externalisieren. Was zuvor als Zwiespalt in der eigenen Seele erlebt wurde, erscheint nun als Kampf zwischen Gut und Böse in der Welt, eine dementsprechende Bühne findet sich dann leicht, da hat jedes Jahrzehnt seine eigene Sau, die es durchs Dorf treiben kann. Zwischen Rosenkranz, RAF und Dschihad liegen Welten. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Sehnsucht nach einer Wahrheit, die stärker ist als der Zweifel. Die eigentliche Gegenkraft zur Radikalisierung ist deshalb vielleicht nicht Aufklärung allein, sondern die Fähigkeit, Ambivalenz auszuhalten. Radikalisierungsbewegungen der Moderne sind nicht Kinder des Glaubens, sondern Kinder der Gewissheit und der Eindeutigkeit. Sie unterscheiden sich in ihren Symbolen, Feindbildern und Heilsversprechen (oder manchmal auch gar nicht so sehr bei näherem Besehen …), gleichen sich aber in ihrer psychischen Architektur. Sie erlösen den Menschen von der Last des Zweifels. Vielleicht verläuft die eigentliche Trennlinie nicht zwischen Religion und Säkularität, sondern zwischen Menschen, die mit Unsicherheit leben können, und solchen, die Erlösung von ihr suchen. Die einen entwickeln Ironie (oder im günstigeren Fall Milde und Humor und halten sich raus), die anderen Ideologien und halten sich nicht raus. Da kommen dann solche Ätzer dabei raus, die sich nach Freiheit zu sehnen vorgeben, aber in einem anderen Sinne durchaus aufgeräumt sein wollen.

Und grad hab‘ ich meine früheren Ideale verraten! Wie … ähäm … ist die weibliche Form von Judas? Weiss das hier einer?

 

 
 

… zu deutsch am besten mit Hä??-Humor übersetzt. Weird Humor folgt nicht den üblichen Gesetzen des Witzen, es gibt keine Pointe und kein Schmunzeln, vielmehr reagieren wir mit Hä? und bei diesem Laut springt gewöhnlich der Denkapparat an und checkt ein paar Möglichkeiten durch, Hypnotherapeuten meinen nach einem Hä? sei man bereits in einer leichten Form von Trance, man könnte es aber auch einen Zustand kreativer Verwirrung nennen. Ein Hä setzt alles auf Anfang, so wurde vermutlich in der Antike die Philosophie erfunden.

Beim Ausräumen des Hauses stösst man bekanntlich auf so manch vergessenen Schatz, zum Beispiel auf alte PARDONhefte, Micky Maus, Charlie Brown, als er noch nicht zum Kindercomic verkommen war, sondern durchaus Philosophisches zu transportieren hatte und Asterix, der sich mittlerweile leider in seinen bekannten Mustern festfuhr und da nicht mehr herauskam, wer einen kennt kennt jetzt alle. Und auf dieser Retroreise gelangt man auch wieder zu den geliebten Karikaturisten wilderer Jahre: F.K. Waechter, Chlodwig Poth, Halbritter, Traxler und andere Meister des frechen Strichs, gegen den gebürstet wurde und den grandiosen Nonsens-Verseschmied Robert Gernhardt. Der gereifte Hausentrümpler kann also testen, welche Art Humor die zurückliegenden Jahrzehnte in ihm geformt hatten und da konnte ich besser als früher bei F.K. Waechter andocken, der sonst eher Unverständnis in mir hervorrief, meistens auf der Suche nach einer Pointe. Waechter macht zuerst einmal stutzen: Was bedeutet die Inschrift „Freihei“? Dann sieht man das Kerlchen, das sie sich nahm und ein Vorhaben nur so lange ausführte, wie er dazu Lust hatte und dann aufhörte. Kein Tusch, kein Trommelwirbel, kein Losplatzen – das Bild arbeitet weiter und Freiheit bleibt für immer unvollständig und eben durch diese Unvollständigkeit zu Ende gedacht. Hä? Ach soo …

 
 

 
 

Ein Hochhaus, die Fenster in einer bedrückenden Gleichförmigkeit, einer pervers anmutenden Ordnung, ein Karteikasten für Menschen. Ein gelber Strich, im obersten Stockwerk beginnend verkörpert einen anarchischen Impuls, der sofort gemassregelt wird, obwohl er ohnehin im Leeren verpufft – bei dieser Höhe dürfte von der Essenz der Rebellion wenig unten ankommen. Aber trotzdem setzt hier jemand Ereignis gegen Konformität. Freiheit nützt nichts, wenn die Ordnung erdrückt.

 
 

 
 

Jemand nimmt sich die Freiheit, ein Haus mitten auf die Strasse zu bauen, obwohl anderswo genug Platz wäre, das hat fast etwas Schelmisches, ein Ätsch an die, die ihre gewohnten Wege nicht verlassen wollen. Und ein leiser Impuls von Schadenfreude beim Betrachter, der an die Möglichkeit einer Sturmflut denkt (falls der gestrichelte Bereich das Meer darstellen sollte). Ich hab Dir doch gleich gesagt, dass …

 
 

 
 

Und warum sitzt jemand in Unterwäsche vor seinen Klamotten und begegnet dabei sich selbst? Der Welt begegnet man in der Regel angezogen, sind diese schlapp an der Wand hängenden Gebilde, die so verlassen aussehen wirklich das, was uns ausmacht? Was wenn jetzt der Mantel über seinen Besitzer nachdächte? Irgendwie machen beide keine so besonders überzeugende Figur. Und wenn ich über mich nachdenke, wer denkt dann über wen nach? Und spätestens dann lacht man nicht mehr über Lothar – falls man es je getan hat – sondern wird selbst zum Lothar – und ist mittendrin in Sartre und Kierkegaard und der Freiheit, der zu sein, den wir aus uns machen und alte Hüte und Mäntel zu entsorgen oder wenigstens am Haken trauern zu lassen.

Was ist also ein Witz? Unter anderem das, was man aus dem zur Verfügung gestellten Gedankenraum macht. Das kann auch mal sehr traurig sein.

Bei Waechter geht es oft um die perverse Ordnung.

Bei Poth um gescheiterte Progressivität.

 
 

     

 
 

Bei Gernhardt um das perverse Pathos:

 

Gleichnis

Wie wenn da einer, und er hielte

ein frühgereiftes Kind, das schielte,

hoch in den Himmel und er bäte:

»Du hörst jetzt auf den Namen Käthe!«

Wär dieser nicht dem Elch vergleichbar

der tief im Sumpf und unerreichbar

nach Wurzeln, Halmen. Stauden sucht

und dabei stumm den Tag verflucht,

an dem er dieser Erde Licht …

Nein? Nicht vergleichbar? Na, denn nicht!

 

2026 8 Juni

RIP

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Ihre Zeichnungen waren schwarzweiss, ihr Blick auf die Menschen war es nie.

 

 

 

 

Marjane Satrapi  (1969 – 2026)

 

Mit ihr verliert die Welt eine Stimme, die zugleich zornig, klug, komisch und zutiefst menschlich war. Die iranisch-französische Zeichnerin, Autorin und Filmemacherin starb im Alter von 56 Jahren in Paris. Bekannt wurde sie durch ihre autobiografische Graphic Novel Persepolis,  2007 verfilmt, die weit mehr war als ein Comic: Sie war ein Fenster in eine Welt, die viele nur aus Schlagzeilen kannten.

Satrapi erzählte von ihrer Kindheit im Iran, von Revolution, Krieg, Exil und Fremdheit. Doch sie schrieb nie als politische Funktionärin oder moralische Predigerin. Sie schrieb als Mensch. Gerade deshalb erreichte sie Millionen Leserinnen und Leser. Ihre schwarz-weißen Zeichnungen besaßen eine Klarheit, die jede Ideologie überdauerte, gleichzeitig implementierte sie damit den Trickfilm als gleichberechtigte Darstellungsform in der Filmlandschaft und schuf eine neue Ästhetik der filmischen Darstellung, die gleichzeitig stilisiert und trotzdem expressiv war. Hinter den großen historischen Ereignissen zeigte sie das, was Geschichte für den Einzelnen bedeutet: Verlust, Sehnsucht, Widerspruch, Humor und Überlebenswillen. Oder auch Todeswunsch …

 

 

 

Mit Persepolis veränderte sie nicht nur die Wahrnehmung des Iran im Westen. Sie trug auch dazu bei, die Graphic Novel als ernstzunehmende Kunstform zu etablieren. Später folgten Werke wie Huhn mit Pflaumen sowie erfolgreiche Filme, in denen sie ihren unverwechselbaren Blick auf Menschen und ihre Abgründe bewahrte.

Satrapi war eine Kämpferin für Freiheit, besonders für die Freiheit der Frauen. Sie kritisierte religiösen Fanatismus ebenso entschieden wie westliche Vorurteile. Sie weigerte sich, einfache Antworten zu geben, und bestand auf dem Recht des Einzelnen, komplex zu sein. Auch darin lag ihre Größe. Und sie ist eine von denen, die uns das neue iranische Kino näherbrachte, von dem wir heute soviel profitieren.

Die Nachricht ihres Todes bewegt viele Menschen besonders, weil ihre Familie erklärte, sie sei ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes Mattias Ripa „an Traurigkeit gestorben“. Ob dies medizinisch zutrifft oder poetisch gemeint ist, spielt letztlich kaum eine Rolle. Es erinnert daran, dass die Liebe, die Satrapi in ihren Werken oft gegen Gewalt und Ideologie verteidigte, auch ihr eigenes Leben getragen hat.

Marjane Satrapi hinterlässt kein geschlossenes Weltbild, keine Lehre und keine Doktrin. Sie hinterlässt Geschichten. Und vielleicht ist das das Beste, was eine Künstlerin hinterlassen kann. Geschichten, die Menschen einander näherbringen, selbst wenn Grenzen, Religionen, Sprachen oder Kriege zwischen ihnen liegen.


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