Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

You are currently browsing the blog archives for the month März 2026.

Archives: März 2026

 

Sein Name erinnert in unseren Breiten weniger an eine Rose als vielmehr an eine der nahrhaften, guten alten Apfelsorten und deshalb gilt: ein Bosco bleibt ein Bosco bleibt ein Bosco, in seiner ganzen Heimatverbundenheit und weltläufigen Vielseitigkeit. Der aus Minas Gerais stammende brasilianische Sänger, Gitarrist und Komponist war ursprünglich Bauingeneur. In seinen stilprägenden Liedern, die im Laufe der Jahre geradezu identitätsprägende Hymnen einer Nation geworden sind, ist neben bodenständigen Bauchgefühl auch die Neigung zum konstruktiven Tüfteln zu vernehmen. Bereits vor dreissig Jahren begeisterten mich seine afro-inspirierten Alben und boten geradezu eine Zuflucht in ein musikalisches Anderswo. Das Gitarrenspiel hatte Elemente von Bossa Nova, Klassik, afrikanisch akzentuiertem Rhythmus und trägt auch Nuancen von Jazz und Fusion. Auch der Gesang erinnert stellenweise an Al Jarreau und deutet auf ein grenzenübergreifendes archaisches Urbedürfnis hin, auch mit der Stimme rhythmisch zu akzentuieren. Sein unvergleichliches Livealbum Obrigado Gente bot einen Zusammenschnitt seines Schaffens: im Kern aus der Band Nosso Trio um den fantastischen Drummer Kiko Freitas herum arrangiert, mit honorigen Gästen wie dem Perkussionisten Armando Marcal (der ja auch zu Pat Metheny Band lange gehörte) und dem Sänger Djavan. Nun stelle ich mit Freude fest, dass schon vor fünf Jahren erneut ein gutes Album entstand und bin baff, welch hörenswerte Stücke darauf zu entdecken sind. My favorite things (singt er übrigends ebenso wie „Blue in Green“) are: das an einen aus dem kargen Nordosten Brasiliens stammenden Musikstil angelehnte Stück „Forró em Limoeiro“ und das wunderbare „Horda“, in dem die israelische Klarinettistin Anat Cohen (Schwester eines ebenso namhaften Jazztrompeters, by the way) zu hören ist. Und Kiko Freitas ist immer noch in Topform.

 

 
 

Hamnet (GB, 2025) von Chloé Zhao

 

Es wird langsam Zeit, dass man sich über die Oscar-Baits hermacht, bevor der ESC wieder beginnt, einen zu beanspruchen. Das Leben ist nun mal nicht leicht, wenn man auf dem Laufenden bleiben will. One battle after another ist schon abgearbeitet und war auch der Abräumer dieses Oscarjahres, während man sich von Hamnet offensichtlich mehr erwartet hatte. Die Kriterien für einen Price-Bait schienen erfüllt: Erscheinen kurz vor der Verleihung – das Timing muss ja stimmen – Staraufgebot, Handlung mit Tiefe und nicht in Action ertränkt, gerne historischer Hintergrund und einige unverbrauchte Gesichter. So neulich genossen bei Hamnet, einer Geschichte über Shakespeares Ehe und seinen verstorbenen Sohn. Die verdiente Regisseurin Chloe Zhao arbeitet mehr mit Atmosphäre als dramatischer Spannung (Nomadland), sie kann: Landschaft, Stille, Körperlichkeit und mystische Natur, alles stark bezogen auf Shakespeares Frau Anne Hathaway, aus bäuerlichem Milieu stammend und sonst eher Terra Incognita. Zhao zeichnet sie als Naturkind, ständig mit Winnetou-Frisur – und nicht wie seinerzeit vorgeschrieben mit bravem Ehehäubchen, durch den Wald streifend und der Naturheilkunde frönend; in der Realität wäre ihr spätestens ab Pubertät der Scheiterhaufen sicher gewesen. Ansonsten lebt sie ihr Leben als eine Art suburbian housewife bei ständiger Abwesenheit des Ehemannes, der Stücke schreibt und in London ein Theater betreibt. So weit, so gähn …

 
 

 

 
 

Das Paar bekommt eine Tochter und schliesslich Zwillinge. Das kleine Mädchen erkrankt an der Pest, der Bruder Hamnet – kleiner Einbruch im Realitätsbezug – bietet ihr hochherzig an, ihr sein Leben zu geben, damit sie überleben kann, was auch funktioniert und überhaupt reden alle einschliesslich der Kids mal wieder wie im Germanistikseminar. Der gutgemeinte Drehpunkt des Filmes:  Shakespeare schreibt seinen Hamlet als Bewältigung seines Verlustes, seine Frau sieht sich das Stück in der ersten Reihe an und begreift, dass Trauerarbeit verschiedene Gesichter haben kann. Ab dann, so sind sich Zuschauer und Rezensenten einig, nimmt der Film deutlich an Fahrt und Spannung auf, man könnte auch sagen, der Film funktioniere am besten, wenn er aufhört Zhao zu sein und beginnt Shakespeare zu werden – bei der letzten Szene von Hamlet verspürt man erstmals so etwas wie Intensität in Film, Sprache, Struktur. Ab hier ist der Film nicht mehr getragen, mütterlich, pastoral sondern brutal, widersprüchlich, aggressiv und im guten Sinne Drama. Dann wieder ein Bruch – der Bühnen-Hamlet stirbt, Frau Shakespeare streckt die Hände nach ihm aus, schliesslich geben sich alle die Hände und haben sich lieb, das will man uns jetzt als in Kunst geronnene Trauerarbeit verkaufen.

 
 

 
 

Leider fällt es dabei schwer, zwischen dem mythischen Opfertod eines Kindes und den Hamletschen Intrigenspielen im Theaterstück, die keinen Trauerraum, sondern immer neue Konflikträume eröffnen, einen Zusammenhang zu finden. Hamnet eröffnet mit seinem Opfertod einen archaisch-magischen Raum, bei Hamlet menschelt es zutiefst und es trieft von Blut, Schuld und Aggression. Da passt leider hinten und vorne nichts zusammen. da hilft auch das konstruierte Pathos der letzten Szene einer magischen Verschmelzung des Publikum mit der Bühne nichts mehr. Man kann Zhao noch zugestehen, das Publikum zu halten, damit es ihr am Ende nicht ganz entgleitet. Shakespeare ist intelligent, derb, witzig, manchmal brutal, aber immer spürbar; wenn man ihn mit literarischer Andacht darstellt bleibt am Ende nur noch der Sockel übrig.

Ein verdienter Oscar für die Hauptdarstellerin – man gönnt es ihr. Aber vielleicht sollten wir die Oscars ganz abschaffen, dann würde die Fliessbandproduktion an gefälligen sentiment- und taschentuchverbrauchenden  Machwerken aufhören und der Rest wäre wohltuendes Schweigen.

 

2026 17 März

Thema „Anderswo“

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 9 Comments

 

 
 

 
 

 
 

Wer hat was gemalt?

 

2026 15 März

Im Anderswo

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 13 Comments

 

Aus der Rubrik Fluchtgedanken und Gedankenflüge hier kurz skizziert: Eines der aktuell durchaus spannenden Themen ist ja die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz, kurz KI genannt. Unsereins fragt sich, was denn das wäre, was davon unterschieden bleibt: also die Differenz, das nicht Eingemeindete, das ausserhalb mathematisch-statistischer Prognosen, Algorithmen und Patchwork-Diebstahl stehende. Hier fallen mir einige Autoren ein, deren Sprachstil mich stark beeinflusst haben. Da wäre zunächst Dietmar Kamper zu nennen, dessen gedankliche Herangehensweise als „tentativ“ bezeichnet wurde: Dinge umkreisend, sich behutsam herantastend, grossenteils vielleicht auch unüberprüfbar bleiben, etwas offen lassen. Das waren keine Klartexte, vielmehr vermischte sich Poesie mit geisteswissenschaftlicher Betrachtungsweise. Ein anderer Autor, an den ich gerne zurückdenke, ist Michel Serres. Sein Buch Die fünf Sinne war ein Meilenstein. Man könnte sagen, die menschliche Existenz wurde hier völlig jenseits von Sigmund Freud oder anderen Seelen-Introspektionen geschildert. Es ging um Seefahrer, Mathematik, Steine zertrümmern, Querfeldein laufen, die Stille suchen. Auch viele Autoren, die Aphorismen verwendeten, zählen zu dieser Liga. Den anarchischen Sprachwitz eines Emile Cioran wird niemals eine Rechenmachine erreichen können. Vielleicht könnte man sagen, die KI zeigt uns, was wirklich zählt: ausserhalb ihrer zu sein – oder wie es der tschechische Schriftsteller Milan Kundera („Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“) einst sagte: das Leben ist anderswo.

 

 

Fallende Blätter pflegen sich Zeit zu lassen im Spiel mit den Kräften, die auf sie einwirken, ein pas de trois aus Gravitation, Luftwiderstand und Wind, bis sie endlich auf dem Boden landen, eine Beschwörung der Entschleunigung bis zur Landung. Manche Personen in manchen Filmen verhalten sich ebenso.

 
 

 
 

Fallende Blätter (F, 2023) von Aki Kaurismäki

 

Kaurismäki muss man mögen – zweifelsohne, und mir scheint, dass seine Fans beziehungsweise die, die sich zumindest auf ihn einlassen können, besondere Persönlichkeitsmerkmale ihr eigen nennen müssten; leider weiss ich noch nicht welche, obwohl ich selbst dazu gehöre – vielleicht wird es mir ein paar Absätze später noch klar, dann hätte sich diese Besprechung immerhin gelohnt.

 
 

 
 

Fallende Blätter ist sein bisher letzter Film, das hiess es aber auch von Le Havre (2011) und The Other Side of Hope (2017), es besteht also wirklich noch Hoffnung – fallende Blätter machen in ihrer Abwärtsbewegung ja oft einen ausgesprochen unentschlossenen Eindruck, warum also nicht auch der der sie auf den Weg geschickt hat?

Kaurismäkis Protagonisten leben in einer Art atemporalem Raum – starre Einstellungen, lakonische Dialoge ohne spürbaren Gefühlsausdruck leben sie in verschiedenen Zeitebenen – Gegenwart (ein Bericht über den Ukrainekrieg läuft im Radio) gepaart mit Kleidung, Frisuren und Filmplakaten aus den Fünfzigern – nicht aus Nostalgie, eher als Schutzraum gegen das Tempo und den Zynismus der Gegenwart dosiert eingesetzt, hier schafft er kurze Momente der Verwirrung für den Zuschauer. Beim mittelalterlich-höfisch klingenden Satz „Sie haben mir einen Kuss geraubt“ (Der Mann ohne Vergangenheit) hat dann auch der Letzte verstanden, dass hier mit Zeitebenen gespielt wird, die übereinander geschichtet werden und sich wechselseitig durchdringen. Aquarianer berichten von ähnlichen Stimmungen beim Blick in ihr Aquarium – eine kleine Welt innerhalb einer grossen und von reizvoller Entschleunigung und Andersartigkeit.

Kaurismäkis Figuren sind arm, einsam, alkoholgefährdet, arbeitslos – aber sie jammern nicht. Sie tragen ihre Beschädigungen wie eine schlichte Jacke – keine Pose, sondern Überlebensform, fast schon Selbstverständlichkeit. Und Würde. Freude entsteht nicht aus Fülle, sie entsteht aus Mangel, Erwartung und Hoffnung auf etwas Besseres. Und ein bisschen Geheimnis hinter einer Fassade von Beherrschung und Ergebenheit. Ein Kuss ist hier kein Zwischenschritt, nach dem man sofort übereinander herfällt – am besten noch im Lift und beim zweitenmal an der Garderobe, unsere Zeit hat offenbar die Fähigkeit zur Vorfreude verloren und merkt’s noch nicht mal – sondern noch Ereignis. Der Trieb wird nicht abreagiert sondern gehalten, es entstehen Leerräume für Phantasien, die der Zuschauer mit Eigenem füllen kann.

 
 

 
 

Die Handlung ist einfach: Zwei Menschen beginnen sich aufeinander einzulassen und versuchen nicht weiter beschädigt zu werden – das genügt für einen fesselnden Film, in dem nicht viel passiert und Beziehung wieder etwas Besonderes ist. Ein wenig erinnert dies auch an Perfect Days von Wim Wenders, in dem auch nicht viel passiert und man trotzden satt wird – Seelennahrung statt action-junkfood auf der Jagd nach einem Irgendetwas, das noch mehr knallt. Bei Kaurismäki knallt es so gut wie nie, vielmehr gerät man in einen meditativen Zustand und bleibt nah bei den Figuren in ihrem ruhigen Fluss des Lebens.

 

Und jetzt hab ich rausgekriegt, warum ich Kaurismäkifan bin. Ich sag’s aber nicht!

 


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz