Manafonistas

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Archives: Februar 2026

Nein, nein, nein!

Wenn er aber kommt?

Dann laufen wir davon!

(Kindervers für ein Laufspiel aus dem Mittelalter)

 

 

 
 
5. September (D, 2025) von Tim Fehlbaum
 
 

 
 
Heute bin ich kontaminiert, habe den Fehler begangen, vor dem Schreiben Chatgpt um seine/ihre Meinung zum Film zu befragen und der Output war sehr reichlich – der Bot fand den Film eher kühl, Distanz schaffend, ohne Identifikationsfigur, fast ein Zustand von Dissoziation, ohne emotionale Erschütterung, formal konsequent durchgehalten. Die Geburt der Life-Katastrophe, erstmals die Frage nach der Verantwortung der Presse angesichts lebensbedrohlicher Situationen, jedes Ereignis ist nun ab jetzt ein kollektives. Ein dichtes Kammerspiel, aber auch mit der Tendenz zur Intellektualisierung, dem Trauma muss mental strukturierend entgegengewirkt werden. Das wirkt auch ohne emotionalen Anker, eine ganz andere Ebene der damaligen Geschehnisse und ich konnte mich der Sicht des Bots durchaus anschliessen, aber eigentlich beschäftigte mich mehr die Frage, warum man heute noch einen Film über ein Ereignis dreht, das man schon kennt und weiss wie es ausgegangen ist. Der Beginn einer neuen Ära damals? Gibt es neue Aspekte und Impulse zum Thema? Ist das nicht alles nur noch retrospektiv? Fast museal? Wir sind doch jetzt viel weiter? Sind wir das? – Okay, wir haben jetzt die GSG 9 …

Was wird aus einem Trauma durch ständige mediale Wiederholung? Seit 9/11, Bin Laden, Irakkrieg ist das doch alles mehrfach durchdekliniert worden. Wo ist die explizite und exklusive Brücke zur Gegenwart? Damals konnte man Bildern immerhin noch trauen … ein wahrhaft goldenes Zeitalter in dieser Hinsicht. Viele Fragen schon im Vorfeld … es versprach interessant zu werden.
 
 

          

 
 
Tim Fehlbaum, der nette Junge von nebenan, wurde erst 10 Jahre später in der Schweiz geboren und fiel bisher erst mit 2 dystopischen Sci-Fi-Machwerken auf – was hat ihn zu diesem Film veranlasst – so ganz ohne persönliche Reminiszenzen und Triggerpoints? Er meint, es wäre ein Gespräch mit Geoffrey Mason gewesen, dem Koordinator des ABC -Senders in diesen Tagen über den Druck, der auf diesem Mann lastete.

Und dann doch – damals und jetzt wie ein Schlag in den Magen: Das Bild eines einzelnen maskierten Mannes auf einem Balkon, das plötzliche Sichtbarwerden der bisher gesichtslosen und gefilterten Gefahr, der schwarze Mann der Kindheit in einer seltsam kalten geometrischen Architektur, die dunklen Augenhöhlen, die Geiseln im Inneren unsichtbar. Vielleicht war der Film auch deshalb wichtig: Nicht wegen der Diskussion. Nicht wegen der Medienanalyse. Sondern wegen der Reaktivierung dieses Bildes. Bilder sind Gedächtnisspeicher des Unbewussten und Generationen tragen sie weiter. Vielleicht wollte der Film genau das noch einmal zeigen: Wie ein einzelnes Bild kollektives Gedächtnis formt und heute noch unheimlich wirkt und nach Freud ist das Unheimliche das ins Unbewusste verdrängte Vertraute. Der Balkonmann als manifest gewordene Bedrohung, der ausgebrannte Hubschrauber als zerstörtes Rettungsversprechen – beides kindliche Archetypen. Ein Film braucht Bilder, das Unbewusste auch, plötzlich wusste ich, was mir gefehlt hatte, um „hineinzukommen“.
 
 

 
 
Das Schwarze-Mann-Spiel datiert ins Mittelalter, in die Zeit der Pest. Den globalen Terrorismus kann man durchaus als die Pest des 20./21. Jahrhunderts bezeichnen, da pfeift man jetzt wie damals schon öfter mal im finsteren Wald. Nein, wir fürchten ihn nicht – den schwarzen Mann. Damals wurde ja auch der Schäfflertanz erfunden, das Leben sollte wieder beginnen und nein, wir lassen die Angst jetzt mal stecken.

By the way, ich schaute den Film in einer Gruppe, die hinterher sehr lebhaft über diverses Politisches und Mediales diskutierte, aber nach kürzerer Zeit als gewohnt zur Heimfahrt aufbrach, etliche liessen etliche Gegenstände auf ihrem Platz zurück. Überstürzte Abreise?

Dann laufen wir davon …

 

2026 15 Feb.

Nimm Zwei!

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Zwei Filme waren es, in denen der Schauspieler und Pantomime Jean-Louis Barrault die Hauptrolle spielte, die mich als Kind beziehungsweise Jugendlicher (es war wohl die Übergangszeit) besonders beeindruckten. Kinder des Olymp habe ich nur wage in Erinnerung, zwei Szenen bleiben deutlich: der Protagonist sitzt als Clown auf einer Mauer und beobachtet das rege Treiben von Passanten. Es ist ein Schockmoment, wie ein aus einer anderen Welt hinabgebeamter Halbgott: der stille Zeuge. Er begehrt eine Frau, die sich für einen anderen entscheidet. Was ihm bleibt, ist jene, die ihn begehrt, die er aber nicht liebt. Die Vernunftehe wie ein Selbstverrat – das ging tief!

Mit dem zweiten Film adaptierte der Regisseur Jean Renoir den Horror-Klassiker Dr. Jekyll and Mr. Hyde in Das Testament des Dr. Cordelier. Barrault spielt den Wissenschaftler, der in einem Labor sich selbst in eine Monstergestalt namens Opale umwandelt, auf eine Schauder erzeugende Weise. Beide geschilderten Figuren, sowohl der ausserhalb der Welt stehende, dennoch liebende beobachtende Clown als auch das aus der Metamorphose einer seriösen, angepassten Honorität entstehende skrupellose und vom reinen animalischen Trieb getriebene Monster erzeugen bei mir einen Ahmungseffekt, als seien sie Anteile des eigenen Selbst. Daher wohl der prägende Eindruck. Ist nicht die Faszination des Bösen auch fühlbar in der Identifikation mit so manchem Filmschurken, ohne den manch eine Geschichte reichlich fade wäre. Ich denke an Billy-Bob Thornton als Lorne Malvo, der den Gegenpart zum Versicherungsangestellten Lester Nygaard (Martin Freeman) spielt, in der ersten Staffel der Fernsehserie Fargo der Brüdern Coen.

Zwei Männer auf weitaus ungefährlicherem Felde, nämlich der Soziologe Hartmut Rosa und der Sozialpsychologe Harald Welzer treffen sich zum Podiumsgespräch. Es geht, mehr oder weniger brav, um Wohnräume, Spielräume, Lebensräume. Rosa erläutert am Beispiel, wie man morgens seinen Filterkaffee zubereitet, den Ermessensspielraum mancher Handlung. In der Februarsonne neben dem Eingang einer gut besuchten Cafe-Bäckerei auf einer Holzbank sitzend, trotz Erkältung bestens gelaunt als stiller Zeuge Szenerie und Menschen beobachtend wie einst der Pantomime in Kinder des Olymp, lockern sich Erinnerungen. Ich denke an meine Lehrzeit als Möbeltischler zurück und die abwägend-prüfenden Blicke der Gesellen, wenn sie ein Stück Holz auf seine Verwertbarkeit hin prüfend in den Händen hielten: Ist das brauchbar, wo sind fehlerhafte Tücken? Genauso wird auch mein Interesse für neue Filme, Themen, Bücher und Musik angesprochen: Gibt es vorwärtstreibende Impulse? Und was lässt sich daraus machen, gibt das etwas her?

 

 
 

Sirát (F,E, 2025) von Oliver Laxe

 

„Sirât“(arab. Weg/ Pfad) bezeichnet im Islam eine Brücke, die am Jüngsten Tag über den Abgrund der Hölle zum Paradies führt. Sie wird als schmaler als ein Haar und schärfer als ein Schwert beschrieben. Nur die Gerechten können sie überqueren, während Ungerechte in die Hölle stürzen.

Der Film beginnt auf seltsam hypnagoge Weise: Ein Rave-Festival irgendwo in einem Felsental in Marokko: Zuckende Körper und rhythmisch wummernder Technosound inmitten einer indifferenten Natur und erstarrter Felsen, die trotzdem ein heimliches – und unheimliches – Leben zu bewohnen scheint, ähnlich den rauschenden Bäumen in Blow up. Ein immersiver Eindruck mit impact-quality, das Bild bleibt jedenfalls hängen, ebenso wie die Tänzer , die nicht lustvoll anmuten, auch nicht tanzen wie Sorbas, der am besten tanzt, wenn alles verloren ist. Von oben besehen muten sie eher an wie eine zappelnde Beute. Beute für wen?

Der Soundtrack hat eine seltsam personale Qualität, er unterstreicht nicht, stimmt nicht ein, tröstet nicht, löst nicht auf, sondern warnt und bedroht und sagt Unheil voraus wie der Chor im antiken griechischen Theater, ein dunkler pulsierender Klangteppich der den ganzen Film unterlegt. Danach folgt ein dystopisches Roadmovie – nicht von hier nach da, eher vom Nirgendwo ins andere Nirgendwo; Dinge kommen, passieren, verschwinden wieder, ähnlich wie bei Last Days oder Gerry von Gus van Sant. Die Landschaft wird zusehends diffuser und karger und die Grenzen zur Realität verschwimmen, die Figuren scheinen sich zusehends in ihren eigenen Träumen zu bewegen und zu verlieren.

 
 

 

 
 

Ein Mann in Begleitung seines kleinen Sohnes ist auf der Suche nach seiner Tochter, die zuletzt auf einem Rave-Festival gesehen wurde. Er schliesst sich einer Gruppe Aussteiger an – ausgemergelte, versehrte Körper, die stets etwas somnambul agieren, weit entfernt von jedweder Art von good vibrations. Der Sohn stürzt mit dem Auto in einen Abgrund, zwei Mitglieder der Gruppe kommen um, als sie in ein Minenfeld geraten, auch die Autos werden dabei zerstört.

 
 

 
 

Eine Dramaturgie verweigert uns der Film, ebenso ein in irgendeiner Art versöhnliches oder andernfalls tragisches Ende, Leben passiert und lässt sich nicht immer zu einem Narrativ formen, oder auch nicht einmal mehr zu einem Handlungsstrang. Die zwei übriggebliebenen Protagonisten sitzen am Ende auf einem Zug to some other town, in der letzten Einstellung sehen wir die Schienen am Horizont verschwinden. Sie führen nicht zu einem Ziel, sondern aus dem Bild hinaus, keine Ankunft, kein Versprechen, nur Richtung. Parallele Linien treffen sich im Unendlichen – in einer anderen Geometrie. Der Zug fährt nicht, weil etwas wartet, sondern weil Stillstand keine Option ist. Das Leben geht weiter – aber es erklärt sich nicht. Leiden ist hier nicht an Sinn gekoppelt. Ein bildgewaltiges, körperliches und gefühlsintensives Kino, das man schwer konsumieren kann, sondern aushalten muss. Etwas passiert mit einem, ohne dass es sich gleich in Bedeutung übersetzen lässt – Erlebniskino in einem ganz anderen Sinn, jenseits allen Action- Fetischistentums. Es verweigert sich unserem Deutungsfuror.

Ist das nun – ich hänge gern mal am Althergebrachten – existenzialistisches Kino? Ich denke eher nicht … dort lebt der Mensch ohne Sinn und trotz der Sinnlosigkeit, in Sirât stellt sich die Sinnfrage gar nicht mehr. Der Film verweigert uns alles, was diese hervorrufen könnte: Keine Identifikationsfiguren, keine zwischenmenschlichen Konflikte, keine spürbaren interpersonellen Beziehungen, keine Steigerung, keine Erwartung, keine moralische Position, kein erwartbares Ziel, kein moralischer Kompass, keine Schuld, Erkenntnis, Lösung, kein Opfer und alles was so zwischen Menschen herumzuwabern pflegt. Sirât schafft die Bedingungen ab, unter denen die Sinnfrage überhaupt gestellt werden kann. Nothing left to lose … ein Entwurf von absoluter Freiheit? Was entsteht aus den Leerräumen, die der Film gelassen hat? Ich werde sehen … gerade fällt mir Maya Deren ein – mal sehen, was ich heute Nacht träume.

 

Tag danach:

Ich hab’s verwertet: Mir träumte von einer Einladung auf einen Ball mit grosser Garderobe und musste mich in einem Messiezimmer, wo man nichts fand, anfummeln. Als ich dann auf dem Fest mit Reifrock und Allonge-Haaren aufrauschte, war das Gastzimmer nur halb voll, alle sassen in Alltagsklamotten auf Matratzen auf dem Boden, es gab keine Musik und nichts zu essen. Wenn das mal keine fundierte Aussage über das Leben ist. Wenn das mal nicht Beckett ist – oder Kafka – vielleicht lass ich die KI ein Theaterstück drüber schreiben.

Wenn das mal nicht grosses Kino ist, wenn das Kino nach dem Kino noch weitergeht …

 


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