Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2020 12 Sep

In search for the art to come

von: Martina Weber Filed under: Blog | TB | Tags:  | 12 Comments

Zunächst hatte Sarah Treem, die ausführende Produzentin von The Affair, nur drei Staffeln geplant, dann aber wurden es fünf und wie bei LOST gewinnt die Serie, je weiter die Geschehnisse fortschreiten und sich weiter verwickeln, an Tiefendimension. In der letzten Staffel, die im Jahr 2019 spielt, wird gar eine Zeitebene aus dem Jahr 2051 hinzugeschaltet und tatsächlich gibt es neben ein paar technischen Pannen und eher putzigen technischen Errungenschaften auch dann noch Menschen, die richtige Bücher lesen und solche, die sie schreiben. Im Lauf dieser Serie, dies als Mikroinfo, tauchen zwar immer wieder diverse „Affären“ auf; im Zentrum allerdings stehen die Folgen einer Affäre, die in der ersten Staffel begonnen und das Leben der beteiligten Familien auf den Kopf gestellt hat. Dieser Haupthandlungsstrang mit allerlei Verwicklungen dürfte eine erzählte Zeit von ungefähr acht Jahren umfassen. Das große Thema dieser Serie berührt letztlich die Epigenetik, also die Wissenschaft davon, wie sich beispielsweise Traumata auf spätere Generationen auswirken können. Die Dialoge sind hochintelligent, immer wieder überraschende Wendungen, Haken schlagen, aber auch Witz und Humor. Ich dachte immer, flash mob sei eine politische Underground-Aktionsform. Wer The Affair gesehen hat, weiß, dass es auch ein zeitgenössischer und doch ur-amerikanischer Gruppentanz ist, mit Elementen von hochgestreckten Armen und auf den Handtellern balancierenden Pizzen und Gesten von Knutschern. Man kann immer wieder feine Beobachtungen machen und Verflechtungen entdecken: Bücher spielen eine große Rolle; einmal erkannte ich Ginsbergs Howl im Regal in einer Buchhandlung und eine Autorin las im Flugzeug Joan Didions White Album. Am Ende wird es ein Buch mit dem Titel Montauk geben, und es hat mich überrascht, wer es geschrieben hat. Auch die Waldbrände in Kalifornien spielen eine wichtige Rolle. Einmal wird die wunderbare junge Whitney, die einen Job in einer drittklassigen Galerie in Los Angeles hat, auf einer Party gefragt, was sie sich wünschen würde, wenn sie alles haben könnte. Sie sagt: „Well… Somebody would give me the money to start my own gallery where I could foster new artists. Younger artists. So much what I see now feels recycled, redundant … built for an audience that already exists as opposed to in search for a new one. I’d want to promote artists that are digging deeper, that are looking for something amorphous that haunts them, that haunts me that I just don’t have the language for.” The Affair ist ein solches Kunstwerk. Und plötzlich wird ein Gemälde enthüllt, auf dem man selbst mit einer solchen Wucht von Wahrheit abgebildet ist, dass man erstarrt.

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12 Comments

  1. Jochen:

    Danke, Martina – sehr schön und treffend beschrieben.

  2. ijb:

    Sehr schön, ja! Ich fand das am Ende auch sehr bewegend, trotz der offensichtlichen Konstruiertheit vieler Handlungsstränge (in verschiedenen Staffeln). Die Charaktere (und Schauspieler) sind einfach so stark, dass sie auch über die konstruiertesten Drehbuchzusammenhänge hinweghelfen.

    Wir haben kürzlich auch den wunderbaren Dokumentarfilm über Joan Didion gesehen und direkt einige Bücher bestellt.

    Kurzer Hinweis allerdings: Die letzte Staffel von The Affair spielt nicht 2019, sondern in jedem Fall einige Jahre in der Zukunft, Anfang der 2020er. Ich habe beim Sehen der Staffeln 3 bis 5 immer wieder drüber nachgedacht, wann das jeweils stattfinden soll, weil ja dann doch irgendwann recht viele Jahre vergangen sind, hatte aber auch die Vermutung, dass den Machern das Problem bewusst war und sie deshalb ab Staffel 3 die Jahre bewusst ausgespart haben (von den Daten auf den Grabsteinen abgesehen). Laut einiger Rechnung spielt die „Zukunfts-Geschichte“ in der letzten Staffel im Jahr 2053 (nicht 2051).

    Und dann kann man einiges von den Todesdaten errechnen: Der vieles entscheidende Unfall (Scotty) findet 2017 statt, dann ist Noah ab mindestens ein Jahr nach dem Unfall drei(!) Jahre im Gefängnis, wie ja oft erwähnt wird – und danach geschehen noch eine ganze Menge Dinge, Noah hat einige Affären, die teils einige Zeit andauern, Helen lernt ihren neuen Partner kennen, der (Achtung SPOILER!) vor seinem Tod einmal davon spricht, dass er sie „vor acht Jahren“ kennengelernt hatte, dann gibt es Helen nach seinem Tod ja noch einige weitere Lebensereignisse, bevor die letzten Handlungen passieren. Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass die Autoren die zeitlichen Zusammenhänge nicht so ganz richtig konstruiert haben, so dass die Altersangaben vor allem der Kinder (speziell Whitney) irgendwann einfach nicht mehr passen. Ist man mal ganz konservativ, müsste die „Gegenwart“ der letzten Staffel allermindestens im Jahr 2027 spielen, realistischer wäre anhand der konkreten Ereignisse und der in der Geschichte erwähnten Zeitabstände aber vielleicht noch etwas später.

  3. Michael Engelbrecht:

    Über den Text nur gehuscht, weil ich nun doch season 5 in Bälde anschauen möchte. Das war in Teilen grosses Kino. Das Drehbuch wurde auf Strecke ja auch dadurch wesentlich beenflusst, dass die Hauptdarstellerin zum Ende hin andere Gehaltsforderungen stellte. Anders als bei Game of Thrones, Halt and Catch Fire, oder Leftover, oder auch Justified, war ich hier des öfteren nicht im flow. Was natürlich auch an mkr liegt:) Manches erschien mir absolut brilliant, anderes dann doch ausgewalzt, oder überdramatisiert.

    Season 1: ****
    Season 2: ***1/2
    Season 3: **1/2
    Season 4: ****

  4. ijb:

    Hm… vielleicht habe ich das mit den acht Jahren, von denen Vik sprach, irgendwie falsch in Erinnerung. Dennoch – weil es mich beschäftigte – fand ich gerade diese Aufstellung (Achtung SPOILER), die irgendwie sinnvoll klingt:

    Basic timeline – Noah and Alison met the summer of 2014. Alison got pregnant early July 2015. Joanie born March 2016. Cole married/Scotty died on 1 Sept 2017. Investigation and court case took about 9 months and Noah went to prison from July 2018 – July 2021. Season 3 was Sept-Dec 2021 a few months after Noah’s release from prison. Season 4 was Sept – Nov 2022 as Martin had just started college therefore was a year after S3. Alison died mid Oct 2022. Sierra gave birth 9 months later in July 2023.

    Nach diesen letztem Ereignissen im Juli 2023 passieren ja noch einige Dinge, eigentlich alles in Staffel 5 (da vergeht also ja einige Zeit), so dass man wahrscheinlich schon sagen kann, dass die letzten „Gegenwarts“-Teile 2024 handeln.

  5. ijb:

    Zu den Hintergründen für den Ausstieg von Ruth Wilson; Gehaltsforderungen waren laut verschiedenen Berichten nicht das Entscheidende:

    fernsehserien.de / the-affair-hintergruende-fuer-ruth-wilsons-ausstieg-bekannt …

  6. Michael Engelbrecht:

    Yep – egal, was das Entscheidende war. Es wäre sicher eine andere Storyline geworden. Aber natürlich kommt es immer auf das WIE an.

    Meine Bewertung von Serien wandelt sich auch mitunter mit der Zeit, aber nicht immer. Ich rede nur von meinem ganz persönlichen flow-Faktor, und der war hier nur gelegentlich am Anschlag. Natürlich, bis auf etliche komplette Abstrusitäten der Staffel 3, eine sehr facettenreiche „Reise“.

  7. Martina Weber:

    Mich hat die Serie vor allem aufgrund der schauspielerischen Leistungen gefesselt, neben der ältesten Tochter Whitney muss ich unbedingt Helen (gespielt von Maura Tierney) hervorheben, beide werden im Lauf der Serie immer besser und auch das Zusammenspiel der beiden ist grandios. Wenn es auch viele Studioaufnahmen gab, bekam man auch ein bisschen ein Gefühl für New York, mehr noch eins für Los Angeles und vor allem eines für Montauk. Irgendwo hatte ich gelesen, dass die Serie der Tourismusbranche Montauk sehr genützt hat.

    @ Jochen: Ich habe, bevor ich meinen Text schrieb, nochmal deinen gelesen, den du am 1.12.2019 zur 5. Staffel gepostet hast. Voilà:

    manafonistas.de / eine-endlose-affaire …

    Was die Datierung angeht, hätte ich noch genauer darauf achten können, allerdings habe ich mich in der 5. Staffel ganz meinem Flow überlassen :)

    Das Thema, das Ruth Wilson zum Ausstieg bewegt hat, wird in der 5. Staffel aufgegriffen. Während der Dreharbeiten an Noahs Buch findet eine Nacktszene statt, in der die Crew aufs Nötigste minimiert wird.

    Natürlich kann man auch über einige Ungereimtheiten mäkeln. Wenn zum Beispiel zwei Personen einen hohen Felsen, der aus bröseligem Gestein besteht, hinabklettern und ihre Klamotten danach so aussehen, als ob sie sie gerade aus dem Kleiderschrank geholt hätten, hat hier jemand seinen Job nicht überzeugend gemacht.

    Was mich auch sehr beeindruckt hat: Man hat sich Zeit genommen für wichtige Szenen, zum Beispiel bei der Begegnung von Whitney mit der Autorin im Flugzeug, die Joan Didions White Album las. Whitney hatte ein klares Ziel bei diesem Gespräch, sie ist aber nachdenklich geworden, und auch die Autorin hat zugehört und nachgedacht. So etwas wird selten in Filmen gezeigt, wegen des Zeitdrucks und weil Konfrontation eher der Dramaturgie entspricht. Hier war es umgekehrt.

    Das Gemälde, das ich im letzten Satz meines Textes erwähnt habe, gibt es im Film wirklich. Als ich das gesehen habe, hätte ich fast geweint.

  8. Jochen:

    Manafonistas Archives: „The Affair“

  9. Michael Engelbrecht:

    Wir sahen die zweite Folge der fünften Staffel. Wieder dabei, und richtig gut.

    Helen bleibt meine Favoritin 😉

  10. Martina Weber:

    Maura Tierney, die Darstellerin von Helen, ist Golden Globe – Gewinnerin. Ich kann den Preis nicht einschätzen; ich kannte die Schauspielerin vorher auch nicht. Schön, dass dich mein Posting dazu motiviert hat, die letzte Staffel anzusehen.

  11. Michael Engelbrecht:

    THE SAD JOYS OF FINAL SEASONS

    Auch die dritte Folge der fünften Staffel von THE AFFAIR war stark. Aber nun wird die Pause etwas länger, bis ich weiter schaue.

    Wohl aufgrund eines Missverständnisses dachte ich immer, eine meiner 12 Lieblingsserien ever sei lange zuende, da finde ich nun, dass es eine sechste, finale Staffel gibt. Drum bin ich nun bei Season Six von THE AMERICANS, Martina. Und die sind nun mit allen Staffeln bei Netflix gelandet. Very addictive stuff.

    Es ist meist so, dass meine unvergesslichen Serien, die alles andere als Zeitvertreib waren, so gut wie immer grossartige finale Staffeln hatten.

    Z.B.
    THE LEFTOVERS
    HALT AND CATCH FIRE
    JUSTIFIED
    BANSHEE

    Wenn man ganz drin ist in diesen langen Geschichten, ist das Wissen um eine letzte Staffel ja auch stets etwas traurig. Es geht etwas zuende. Aber von dem Vorhandensein der nun wirklich finalen Staffel von THE AMERICANS zu erfahren, aus heiterem Himmel, hat pure Freude ausgelöst.

    Und so bin ich in einem Hotel in Essen und habe die erste Folge fast wie im Rausch gesehen. Immer wieder auch toll, wie hier Songs eingearbeitet sind. Hier etwa ein Lied von Peter Gabriel, das mir seltsamerweise unbekannt vorkommt. Obwohl es aus der Zeit stammen muss, als Peter Gabriels beste Alben erschienen, 1, 2, 3 & 4.

  12. Michael Engelbrecht:

    Ergänzung:

    Die erste Folge ist so grandios in dieser letzten Staffel von THE AMERICANS.

    Und jetzt habe ich rausgefunden, dass der Song von PG aus SO ist. Wie schreibt ein Kritiker meines Vertrauens:

    (no spoilers)

    “Dead Hand” does a remarkable job presenting this as a line in the sand moment, the pulling back of the bow’s string that will carry the arrow of The Americans through to the end of its 10-episode final season. As Kovtun speaks, his voice begins to quietly fade away as the camera pulls in closer to Elizabeth, examining her. And once more, The Americans makes better use of Peter Gabriel than any other entertainment entity in history as his “We Do What We’re Told” sonically traces the lines of stress in Elizabeth’s face.

    Aber, natürlich, die Reise beginnt bei Season 1 und Episode 1.

    Martina, this is for starters, and again, not giving away anything:

    This is a fully-rounded, three-dimensional espionage thriller, which explores the deeply complex lives of an array of American, Soviet, and „Illegal“ spies, diplomats, and bureaucrats during the murky Cold War era of the 1980’s. Yes, here come the 80‘s, and, as you can listen, even in that decade, generally not regarded to be musically particularly satifying, great songs had been around

    The Americans is one of the finest pieces of television you could hope to see, with exquisite writing and directing – including some stand-out scenes that are several minutes long and contain no dialogue at all – and also beautifully crafted scenes of intimacy and introspection. And there is also, of course, plenty of adrenaline-soaked action, without losing depth.

    And despite ticking every conceivable genre box (and inventing a few new ones), this show never seems anything but totally new, original, and authentic. The mood is consistently dark and intense throughout, and doesn’t fall into the trap of injecting comedy for light relief. It stays true to itself, and doesn’t fear alienating the audience. It is bold and unflinching.


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