„Die meiste Zeit weiß man im Grunde gar nicht, was die beiden voneinander halten. Sie tauschen bedeutsame Sätze über afrikanische Bestattungsriten aus, über Tod und Rachebedürfnis und andere Nichtigkeiten. Aber wie sie sich anschauen, das gehört zum Erotischsten, was das Kino zeigen kann. Selten hat man in letzter Zeit eine intensivere Liebesszene gesehen, als die, in der nicht mehr zu sehen ist, als wie sich Silvia nur für einen Moment an Tobins Schulter schmiegt.“ Das ist ein Zitat aus einer Filmbesprechung aus der taz, die vor etwa 16 Jahren erschien. Leider weiß ich den Autor/ die Autorin dieser Zeilen nicht, weil ich nur den letzten Abschnitt der Besprechung ausgeschnitten habe. Solche feinen Beobachtungen bringen mich dazu, einen Film sehen zu wollen. Die Dolmetscherin / The Interpreter lief vor vielen Jahren auf ARTE, und ich habe das damals noch auf VHS Videokassette aufgenommen. Visuell ein dramatischer Rückschritt und auch nur auf deutsch, aber gestern Abend wollte ich den Film unbedingt nochmal sehen. Es gibt noch dezentere Gesten zwischen der Dolmetscherin (Nicole Kidman) und dem Security-Man (Sean Penn) als diese Umarmung. Als der Sicherheitsbeamte kurz davor ist, die Wohnung der Dolmetscherin zu verlassen, erzählt er ihr in ein paar Sätzen, wie seine Frau zwei Wochen zuvor gestorben ist. Und wie reagiert die Dolmetscherin? Sie hört aufmerksam zu. An einer anderen Stelle geht sie im Gebäude der UNO eine breite Treppe herunter, sie sieht den Security-Mann unten stehen, lächelt. Dann erkennt sie seinen Blick und spürt, dass er keine guten Nachrichten hat. Ihr Gesichtsausdruck spiegelt die Veränderung ihrer Gedanken. Das läuft innerhalb von Bruchteilen von Sekunden ab und man kann so etwas schnell übersehen. Aber es sind genau diese wortlosen, fast unscheinbaren Gesten, die es nur in grandiosen Filmen gibt.