Manafonistas

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Archives: Montag, 8. Juni 2020

 

„Wenn du zuhören willst, gib mir dein Handy.“ Also kassierte ich sechs Handys ein, und der Chef war nur zu begierig, den alten Player ans Laufen zu kriegen. Eine Altbierbowle zur Mittagsstunde, ein Caipirinha, Blick auf den Rhein, und dann: the first run is the deepest. Kein Absacker dabei. Kein Abgrund entgeht der gegerbten, verwitterten Stimme, ein halbes Dutzend one-liner sitzt schon beim ersten Lauschen. „Hör dir das an, ich glaube es nicht“, sag ich, als Dylan dann einmal richtig aufdreht, und die Gitarre den Ton eines wilden Tieres trifft. Ich bestelle gleich noch ein Bier mit Früchten. Hinterher waren wir erst mal still. Baff. Lajla musste ich auf dem Weg über die grosse Brücke noch erklären, wieso Desire mein Lieblingsalbum ist, das nun wirklich fast jeder Dylanologe weiter hinten anordnet. Und wir lachten, als wir uns vorstellten, wie oft es mal wieder heissen wird: sein bestes Album seit .… Modern Times, … Time Out Of Mind, oder gar … Street Legal!!??

 

2020 8 Juni

Hohe Drehzahl

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Bosch ist hier nicht Motor und kein Maler, sondern Polizist. Die sechste Staffel dieser Serie gleichen Namens kommt, wie alle vorher schon, recht still daher, zieht aber behutsam in die Tiefe. Eine Klasse für sich. Für einen Thriller mit recht wenig suspense und gerade deshalb angenehm – man bleibt doch gerne am Ball. Kaum Filmmusik, der Sound ist die Umgebung. Falls der Teufel das Detail liebt, wird er hier unzählige Augenblicke lang verweilen. Der zwischenmenschliche Beziehungsbereich, der Polizeiapparat, feine Charakterschilderungen, Intrigen: es geht um Mikrostrukturen, die ja im geduldigen Verlauf von Serienstaffeln viel genauer gezeichnet werden können als in Filmen. Überhaupt, dieses Los Angeles-Ambiente hat es in sich: eine Augenweide. Mir fiel zudem Aufmerksamkeits-technisch etwas auf: meistens nämlich finde ich dann eine Sache gut, wenn sie gleichzeitig das Interesse weckt und es ebenso befriedigt. Es entsteht dann dieses Zeitgefühl mit dem bereits erwähnten flow. Es ist auch das Wirken von Intelligenz von einer niedrigen in schnellere Drehzahl, wie ich einmal bei einem Sufi-Autor las. Man kennt das von der Fahrradschaltung mit den heute üblichen rund zwei Dutzend Gängen: ständig ist man am Schalten, denn es geht um den richtigen grip, im permanenten Wechsel. Ich wäre sogar in der Lage, in diesem Sinne eine Fernsehserie mit bestimmten Arten von Jazzmusik, der Akkordstruktur eines Steely Dan Songs, meiner Werkzeugkiste oder einem Fussballspiel in Zusammenhang zu bringen – doch ginge das hier zu weit. Bleiben wir in Bodenhaftung, so wie Bosch: von Natur aus nüchtern. Auch darin liegt ein Zauber. Einziger Nachteil solch televisionärer und komplett ideologiefreier Feinkost: man möchte permanent auf die Pausetaste drücken angesichts der dichten Dialoge und raffinierten Details. Dann aber wäre das Surren der Synapsen störend unterbrochen, in einem Hirn, das hier Erweiterung erfährt: auf eine Weise, die nicht jeden Handlungsstrang akkurat verfolgen muss, auch mal ins Randgeschehen sich verträumt. Mit dem Vertrauen, das Erkenntnis nicht nur rational geschieht, zuweilen sich auch unbewusst den Zugang sucht. Wann hört man schon in einem Krimi Leute über Art Pepper und Thelonius Monk reflektieren und sieht den undurchsichtigen Kartell-Schurken lesen in diesem bekannten Buch von Marcel Proust? Der Hund von Bosch heisst Coltrane, der spielt allerdings kein Saxofon. Das hätte wohl dem phantastischen Hieronymus sogar gefallen.


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