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Archives: Bob Dylan

 

Du kennst diesen Moment, wenn du zufallsfreudig durchs Plattenregal schaust, plötzlich dein Blick an einem Album hängenbleibt, und du aus unerfindlichen Gründen  grosse Lust verspürst, ohne jeden Aufschub diese und keine andere Schallplatte anzuhören. Mir ging es gestern Abend so. Es gibt Platten, die werden nicht sonderlich ernst genommen, weil sich da alte Meister*innen angeblich eine Auszeit nähmen im Land seliger Erinnerungen. Wie bei Bob Dylans „Triplicate“. „Pitchfork“ vergibt nur 6.5 – ein Stöbern halt im alten amerikanischen Songbook. Zusätzlich wird gern bemängelt, dass trotz manchen Tempowechsels und Bläsersatzes diese unzähligen, also bitteschön, dreissig Lieder allzu abgehangen dahinströmen in ihrem Ruhekissen aus (unter anderem) pedal steel und gestrichenen wie gezupften Bass. Ich höre das ganz anders, über sechs Schallplattenseiten. Kaum ist der erste Ton erklungen, bin ich gefangen von der Ruhe, die dieser Sänger hier weg hat, ohne auch nur einen Funken Intensität einzubüssen. Ich befinde mich im Reich der Vielstimmigkeit – auch wenn Bob Bob ist und Bob bleibt, enthüllt jeder Song eine neue alte Story aus 1001 Nacht, bildlich gesprochen. Zuviel noir ist in diesen Liedern, um zu verklären. „Bob, do you pick vocal approaches like an actor playing a role?“ „No, it’s more like hypnosis, you instill it in your mind and you keep repeating it over and over until you got it.“ Ein Song daraus ist gebucht für die letzten zwanzig Minuten der kommenden Klanghorizonte im Oktober, ich werde ihn auswürfeln. In other words, my conclusion: he just doesn‘t cover these songs, he haunts them.

 

 

Wenn du zuhören willst, gib mir dein Handy.“ Also kassierte ich sechs Handys ein, und der Chef war nur zu begierig, den alten Player ans Laufen zu kriegen. Eine Altbierbowle zur Mittagsstunde, ein Caipirinha, Blick auf den Rhein, und dann: the first run is the deepest. Kein Absacker dabei. Kein Abgrund entgeht der gegerbten, verwitterten Stimme, ein halbes Dutzend one-liner sitzt schon beim ersten Lauschen. „Hör dir das an, ich glaube es nicht“, sag ich, als Dylan dann einmal richtig aufdreht, und die Gitarre den Ton eines wilden Tieres trifft. Ich bestelle gleich noch ein Bier mit Früchten. Hinterher waren wir erst mal still. Baff. Lajla musste ich auf dem Weg über die grosse Brücke noch erklären, wieso Desire mein Lieblingsalbum ist, das nun wirklich fast jeder Dylanologe weiter hinten anordnet. Und wir lachten, als wir uns vorstellten, wie oft es mal wieder heissen wird: sein bestes Album seit .… Modern Times, … Time Out Of Mind, oder gar … Street Legal!!??

 

Pantheismus und Haustiere haben eine lange Geschichte, Bob Dylan eine vergleichsweise kurze, die aber mit der nun zwölften Edition seiner Offiziellen Bootlegserie einen neuen Höhepunkt erfährt. Wer die 18-CD-Fassung braucht, ist bereits ein Dylan-Besessener. Da kann man sich auch ein Pferd anschaffen, und mit ihm viele gute Jahre zusammen verbringen, statt es den tiefgefrosteten  Geistlichen im Vatikan gleichzutun, und in kryptischen Versen nach Deutungshoheit streben, mal werkimmanent, mal mit biographischer Aussicht.

So bleibt Dylan wirklich „forever young“, auch nach seinem Tode wird die Sekdundärliteratur Possen und Blüten treiben und auch mal die Seligsprechung einfordern. Franziskus, der Papst mit der Blume im Haar, wäre der Richtige dafür, aber der ist ja nun auch kein junger Hüpfer mehr. Es gibt keinen Zweifel an dem Klassiker-Status dieser drei Platten aus den Sechzigern, aber mich haben sie nie von vorne bis hinten mitgerissen. Andere Platten Dylans waren mir wichtiger. Hier werden sie nun seziert, als „work in progress“ dargeboten, mit reizvollen Varianten, schnellen Sackgassen.

 
 
 

 
 
 

Aber das kann natürlich a u c h ein sinnliches Vergnügen sein, dieser Suche nach der geglücktesten Form eines Liedes nachzuspüren, und zwanzig Versionen von „Like A Rolling Stone“ sind schon ein abendländisches „Brett“. Leicht spricht die Rockmusik hier vom „heiligen Gral“, und der ist sowieso meistens ein Irrweg, gerne von Verblendeten heimgesucht, von Obsessiven, Erlösungssüchtigen, Baumumarmerinnen, und Nebelkerzendesignern. Überhöhungen verhindern den Transfer des Glücks (eines Songs) ins eigene Leben: was man vom Sockel holt, ist einfach nur Beschwernis.

Dylan ist ein grosser Geist, Sänger, ein Medium, ein Verwandlungskünstler, ein exzellenter Dekonstruist (ich sage oft hinreissender Liedzersäger), aber ich dosiere ihn lieber in kleinen Einheiten. So bleibt er mir nah. Und lebendiger. Und wie gesagt, statt HIS BOBNESS zu zelebrieren: versuchen Sie es mal mit Katze, Hund, Schaf, Ratte, HAUSSCHWEIN (!) oder einem Aquarium. Und kämpfen Sie gegen die Fuchsjagd in England! So toll ist das auch nicht, wenn auf Ihrer Beerdigung „One More Cup Of Coffee For The Road“ gesungen wird!

 
 
 

 
 
 

Aber, klar, nochmal, Bob ist gut. Ich bin nur etwas gesättigt, und daher ein klein wenig neugieriger auf auf die jüngsten Arbeiten von Anna von Hauswolff, Christina Vantzou, und das Buch „M Train“ von Patti Smith. Letzteres hat vielleicht noch Zeit bis Weihnachten. Aber Victoria Segal hat mich doch mit ihrer kurzen Besprechung im „Mojo“ (Dezember) sehr neugierig gemacht, auf  Pattis  nicht ganz unskurrile Alltage, ihre interessanten Marotten, und die chronische Unfähigkeit, für Roberto Bollano hundert Verse zu schmieden. Patti Smith hat bestimmt einen Hund.


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