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Archives: Sonntag, 7. Juni 2020

 

Es gibt den Weg in Sils, auf dem sie vom Fahrrad stürzte und es gibt den „Holzweg“, der dir Zuspruch sein soll. Auf welchem Weg Phil May vom Fahrrad fiel, ist mir nicht bekannt. Sicher ist, dass die ärztliche Fehlbehandlung bei Annemarie Schwarzenbach (1908-1942) zu ihrem Tod führte. Sicher ist auch, dass Phil May an den postoperativen Komplikationen starb. Annemarie Schwarzenbach war eine extreme Abenteurerin. Sie wagte sich mit wackligen Autos in gefährliche Gebiete (ihre Reisebücher Tod in Persien oder An den äußersten Flüssen des Paradieses zeugen davon). Stets kehrte sie unversehrt nach Sils zurück. Unfassbar, dass sie anlässlich eines harmlosen Fahrradunfalls zu Tode kam. Phil May war der wilde Frontmann meiner jugendzeitlichen Idolband The Pretty Things. „Don’t ring me down“ …  „Cry to me“ …  „Rosalyn“ –  bis heute meine Nummer Eins:  „We’ll Play House“. Can’t stand the pain.

 

 

In Afrika beginnt die Rallye in den Lüften, sie sind „Flüchtlinge der Himmel“, und David Rothenburg nimmt ihre Spur auf, das Mitternachtskonzert der Nachtigallen dann, im Treptower Park, im Mai. Sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Und so tauche ich in die Stadt der Nachtigallen ein, das Buch des Philosophen, Musikers und Vogelforschers. Parallel, alles zu seiner Zeit, lausche ich Blixa Bargelds Sprechgesängen, der neuen Arbeit der Einstürzenden Neubauten. Sie finden immer noch Trümmerteile und unerwartete Geräusche (für Filme, die wir nicht kennen, und täglich selber drehen), sie arbeiten mit „Dave“, einem Wegführer für kreative Seitenwege, das ähnlich wie Enos „Oblique Strategies“ funktioniert. An ihrem elegischen Grundton habe ich lange Gefallen gefunden, im alten Spiel finden sie zum Glück stets ein neues, und das bedeutet, dass ich den Regenrinnen über das Dach folge, oder da rumstromere, wo einst Rosa Luxemburg ermordet wurde. Es ist aber keine Geschichtsstunde, der ich beiwohne, es sind Gespenstergeschichten, hinreissend im Detail auf breiter Leinwand – lauter verkappte Ohrwürmer, hier und da singe, summe ich ein, zwei Verse mit, halb Dada, halb Traumtext, und jederzeit könnten Nachtigallen einfallen. Was für eine grossartige Platte, was für ein spannendes Buch!

 

2020 7 Juni

Nippon Connection

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Die Nippon Connection ist das größte japanische Filmfestival außerhalb Japans und findet seit Jahren mit einem spannenden und kulturell höchst interessanten Rahmenprogramm in Frankfurt statt. Hier werden Neuproduktionen, Kurzfilme und oft bislang nur innerhalb Japans gewürdigte Filme einem internationalen Publikum, oft auch in Veranstaltungen mit den Regisseuren, vorgestellt. Dazu kommen meist ein paar Highlights aus den vergangenen Jahren und einige japanische Kultfilme, so dass es mir bisher jedes Jahr schwer gefallen ist in meinem sonst engen Zeitplan, mich für eine Auswahl zu entscheiden. Dieses Jahr wird das Festival coronabedingt online stattfinden und jeder kann sich über die Website des Festivals einloggen und für grundsolide 5 Euro einen Film innerhalb der Festivalzeit vom 9. – 14. Juni für 24 Stunden freischalten und im Heimkino schauen. Zu jedem Filmangebot gibt es eine kurze spoilerarme Beschreibung, die sowieso meist weit hinter den genreübergreifenden, teilweise bizarren oder surrealen oder sehr durch die japanische Perspektive (sofern es so etwas überhaupt so spezifisch gibt) geprägten Erlebnissen beim Schauen weit zurückbleibt. Als wichtigster nicht-japanischer Beitrag wird übrigens der neue Film von Werner Herzog Family Romance, LLC. zu sehen sein, der zwischen Spielfilm und Doku einen Blick auf die ungewöhnliche Welt des japanischen Leihfamilienmitgliedsgeschäfts wirft. Zwischen Experimentellem, Manga, Thriller & Splatter und feingeistigen Betrachtungen bis hin zu Romanzen mit nicht so ganz konventionellem Ausgang ist alles dabei und zudem gibt es noch ein teilweise kostenfreies virtuelles Rahmenprogramm. Vielleicht ist für die vielen Filmfreunde hier im Blog das eine oder andere dabei, off the beaten track …

 

„Natürlich kenne ich nur einen Bruchteil der sehenswerten neueren Filme. Und Filmkritiken brauche ich auch nicht wirklich. Jedenfalls nicht im Vorfeld. Da ich stets nur sehr wenig über einen Kinofilm wissen möchte, und trotzdem ein gutes Gefühl haben will, wenn ich „play“ drücke oder, zuletzt immer seltener, in einem Kinosessel versinke, findet bei Filmkritiken vor dem möglichen Erlebnis nur ein Drüberhuschen statt – bei  „rotten tomatoes“ reichen mir die kurzen schlaglichtartigen Sätze einer „review“, um eine Entscheidung zu fällen. N a c h dem Sehen eines Films lese ich gerne interessante Besprechungen – genauso funktioniert die Fundierung der Filmkritik aber nicht – sie will ja (eigentlich) dem Kinogeher Hilfestellung geben, vor dem Erlebnis.

Expertentum funktioniert genausowenig bei mir, wie eine Anhäufung von Oscars. Es bleibt letztlich ein Stück weit Glückssache. Und ein kaum fassbarer subjektiver Faktor dessen, was im Erleben eines Films gesucht wird. Ein Glücksfall der letzten Jahre waren eine Handvoll Filme, die ich wieder und wieder sehen kann. Neben meinen „Klassikern“.

Es gab andere beeindruckende Filme, die bei mir dann doch verblassten (warum auch immer). Diese folgende Liste aber hat ihren Stammplatz bei mir sicher, sie sind unvergesslich, und ich kehre gerne zu ihnen zurück, auch zu ihren Unheimlichkeiten.

 

Alfonso Cuaron: Roma 

Alex Garland: Ex Machina 

Steven Knight: Locke 

Spike Lee: BlacKkKlansman

David Robert Mitchell: It Follows 

Abbas Kiarostami: 24 Frames 

Dennis Villeneuve: Sicario *

Damien Chazelle: First Man

 

Kein Zufall, dass in den meisten dieser Werke die Musik brilliant eingesetzt ist. Cuaron hat einige tolle Filme gemacht wie „Gravity“ (yep!) oder „Y tu mama tambien“ (2001, schon lange her), aber ich lasse in meiner Truhe einen Regisseur nur jeweils einmal auftauchen. Filme wie „Die Verlegerin“ oder „Green Book“ finde ich gut und durchaus erbaulich, aber sie reizen mich nicht ein zweites Mal (ausser in geselliger Runde und gemütlichem Zusammensein). Filme wie „A Star Is Born“ und „Bohemian Rhapsody“ verpuffen bei mir zehn Minuten nach dem letzten bewegten Bild, ich lasse mich nicht gern melodramatisch gängeln. Ich hoffe auch sehr, dass in meiner „Schatzkiste“ der eine oder andere „Kontroversling“ dabei ist.

Nun kommt die Risikoliste – nach allerlei „Drüberhuschen“ und „Hörensagen“ freue ich mich auf folgenden kleinen Stapel Blu Rays im „electric cinema“ und hoffe, dass der eine oder andere daraus, am besten alle, den Sprung in die Schatzkiste schaffen. Sechs Kandidaten, und ich hoffe, meine männliche Intuition trügt nicht. 


Bong Joon-ho: Parasite  / James Gray: Ad Astra  / Jim Jarmusch: Paterson  / Alexandre Aja: Crawl  / Ari Aster: Midsommar  / Riley Steams: The Art of Self-Defense

 

* Wer sich für „Sicario“ begeistern kann, wird bei James Lee Burkes Romanen „Regengötter“ und „Glut und Asche“ wohl voll auf seine Kosten kommen, sowieso ein Meister seines Fachs.


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