Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Archives: Dienstag, 23. Juni 2015

Es geht hier ja um den alten Heraklit-Spruch vom πάντα ῥεῖ, Panta Rhei.

Aber davon erstmal abgesehen. Es wäre schlimm um uns bestellt, wenn wir Gleiches immer gleich hören würden. Wir wären dann ja äusserst primitive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsmaschinen. Auch ein einmal gespieltes Stück identisch wiederholen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Auf der anderen Seite brauchen wir ja so etwas wie erkennbare Musterhaftigkeit, die uns zur Feststellung von “Gleichem” führt. Auch dann wenn es sich in vielem von einer anderen Instanz dieses Gleichen unterscheidet. Die mündliche Sprache ist ein Paradebeispiel dafür.

Klar ist jede Fassung anders. Auch dann, wenn sie alle direkt aufeinanderfolgend gespielt werden. Genau davon macht das Album “Dances And Canons” von Kate Moore in der Ausführung von Saskia Lankhoorn Gebrauch. Aber eben nicht hintereinander, sondern simultan geschichtet.

Hinzu kommen dann noch die Verschiebungen beim Zuhörer bei der Aufeinanderfolge von Sorrow-Ausführungen – sowieso schon ein Stück, das sich in den Schwanz beisst. Die Klänge laden sich schon deswegen immer wieder anders auf, weil wir ja sonst das Gefühl kriegen würden, einbetoniert zu sein.

Also einerseits streben wir nach Konstanz und andererseits schweifen wir ab. Es kann wunderbar wogend-fliessend hin- und hergehen oder auch konflikthaft, verknotend laufen.

Und bei Klang, Musik ist das Paradoxon eher noch verschärft: Klänge lassen sich nicht zurückholen, klingen aber (kosmisch) endlos weiter. Sie sind weg und nicht weg.

Der Schlüssel? Der Schlüssel ist das lebendige Ich.

2015 23 Juni

Gazing at Waterloo

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I take you to the Fields of FOLON, just 2 miles down the road from Waterloo. Folon was against any torture, war or cruelty. He just painted the human „must haves“: freedom, happiness, peace. I take you there to show you the beauty in colours, lines and his dreams. It’s clear to me, that you first saw his art on the covers of THE NEW YORKER. Then it occurred that a busdriver pointed to a small church on the road. „You should visit this church, very beautiful.“ You did.

It was Folon, who created the stained glass windows. You recognized his symbols: the birds, the stars, the man, who is carrying the sun. I knew, that he had read some of the famous philosophers. I didn’t care. I want you to take to his fine fields. You should forget the theory of the white aesthetic from minimalism or conceptart. You create your own law of awareness. You will paint your own dreams. I bet, you will be in paradise, gazing at Waterloo sunset, lightspeed up the road.

 
 
 

 

Meine Geschichte mit dieser Schallplatte ist eine ganz andere als Michaels Erfahrung, wie er sie neulich in seiner Sendung erzählt hat. Ich habe das Album erst im vergangenen Sommer gekauft, in einem Plattenladen hier in der Straße. Ich war noch nie in diesem Laden, obwohl er immer etwas Zauberhaftes an sich hatte, aber es ist düster darin und vor allem sitzt da an der Kasse ein Typ, der eine Ausstrahlung von Machtkampf hat, den er unbedingt gewinnen will. Ich ging ohne Ziel in den Laden, und, da ich eine glückliche Onlinekäuferin bin, nahm ich mir vor, nur etwas zu kaufen, von dem ich sehr sicher bin, dass es mir gefällt. Ich war die einzige Kundin. Irgendwann kam ein älterer Mann in schwarzer Lederjacke in den Laden, der so wirkte, als ob Musik das einzig Interessante in seinem Leben sei. Spätestens jetzt wollte ich gehen, aber genau in diesem Augenblick sah ich die Platte und da war sofort ein kleines Glücksgefühl. Das Cover sah okay aus, aber so, als ob es jemand oft und gern in die Hand genommen hätte. Ich fragte nach der Qualität, denn ich weiß, dass es Onlineverkäufer gibt, die jede Schallplatte durchhören und sogar reinigen und die entsprechende Bezeichnungen bei der Zustandsbeschreibung anbringen.

– Weiß ich doch nicht, ich höre doch nicht jede Platte durch.

Ich hätte gehen sollen. Ich fragte, ob ich die Platte zurückbringen könnte, wenn sie qualitativ nicht in Ordnung sei. Er wirkte nicht begeistert und sagte, ich könnte mir dann etwas anderes aussuchen. Das überzeugte mich nicht. Aber was, wenn es die Platte online nicht gab? Ich wollte sie außerdem jetzt hören. Und auf Vinyl. Ein paar Minuten später lief sie auf meinem Plattenspieler. Ich war begeistert und konnte nichts anderes tun als zuhören. Beim letzten Stück auf der A-Seite stockte die Nadel zwei Mal und ich musste nachhelfen. Ich überlegte, ob ich die Platte zurückbringen sollte, aber ich wollte den Laden nicht mehr betreten. Inzwischen befindet sich in den Räumen ein Rauchercafé.

2015 23 Juni

kurz&bündig #8: bimodal

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Sich Verschiedenes anhören und Gleiches heraushören
 
Sich Gleiches anhören und Verschiedenes heraushören
 
Wo liegt der Schlüssel?
 
 
©FoBo_HenningBolte

2015 23 Juni

A Lot of Sorrow

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In der zweiten Julihälfte erscheint eine Vinylbox der besonderen Art, von The National. Die Band spielte in einem Marathon ihren Song „Sorrow“ 105 mal am Stück. In New York City. Im MOMA. Auf neun Vinylplatten kann man sich nun all diese 105 Versionen zu Gemüte führen. Ich habe damals, als das Album HIGH VIOLET erschien (darauf befindet sich dieses Lied), die Brüder Berninger zu diesem Werk befragt (sie hatten wirklich was zu erzählen!). HIGH VIOLET ist mein Favorit der Gruppe (knapp vor BOXER). Leider habe ich dieses Gespräch in meinem alten Computer verloren, sonst wäre am 24. Juli der ideale Tag, es hier zu bloggen. Every repetition is a form of change, lautet ja bekanntlich eine der Aussagen der „Oblique Strategies“. Insofern ist dies mehr als nur ein kurioser Witz. Fast jeder kennt das Phänomen, ein bestimmtes Lied im Auto endlos zu spielen, immer wieder „repeat“ zu drücken. Aber auf diesem skurilen Objekt der Begierde gibt es ja nun laufend kleine Verwandlungen. Ca. 244 Euro kostet der Spass. Interessant fände ich es, eine Dokumentation darüber zu sehen (oder zu schreiben), was, sagen wir mal, 12 ausgesuchter Käufer dieses Werkes damit anstellen. Eins kann ich jedem Leser dieser Zeilen garantieren: durch das Medienecho, dass diese Unternehmung erfährt (der Song ist tatsächlich nichts weniger als grossartig und herzzerreissend), wird der Track in Zukunft in die Top 50 der Beerdigungslieder aufsteigen.

2015 23 Juni

„Black Gold Records“

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My New York state of mind, June 2015. I don’t like taxidermied animals. Already in childhood days the made me think of death. I never befriended with taxidermists. Encounter a stuffed hyena, or taxidermic pigeons, and you immediately feel like entering a strange twilight zone, something disturbingly unreal. For example Black Gold Records on 461 Court Street in Carroll Gardens, Brooklyn. Which at least made me smile, and like the weirdos working there.

How this small storefront manages to sell coffee, antiques and records without being a cluttered, cramped mess we’ll never know.

 

 


This is a sampling space! All music is vinyl: garage-rock comps, Hawaiian exotica, free jazz treasures from Albert Ayler, imaginary or real soundtracks by Gordon Jenkins, some avant horizontal ambient music, and noisy stuff of every lost decade.

Even if the music’s not to your taste, the store’s oddball Victorian atmosphere is enough to keep you browsing, plus you can purchase coffee and bites from the likes of „Scratchbread“, and other local food purveyors after flipping through the goods.

There’s an ancient record player in the corner that seems to have survived its expiry date for a long time. If you put a record on, you’re running the soundtrack of the moment. Everybody is listening to your choices, cause there are no headphones: in my case the whole room was filled with Hollywood strings from the 50s of the last century, and a self-assured voice starts to tell a story: Once upon a time there was a woman with three cats and golden hair. 

 

2015 23 Juni

Tattoo you

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(from gongplanet)

2015 23 Juni

Das verpasste Keith Jarrett-Solokonzert (Reprise)

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Ich fuhr mit einem Studienkumpel nach Hamburg, die Siebziger Jahre zeigten sich von ihrer besten Seite, ECM veröffentlichte reihenweise Meilensteine, und als wir die Landesgrenze zu Schleswig-Holstein hinter uns hatten, hörte ich das beste Jazzprogramm, das es in der alten Bundesrepublik je gab. Michael Naura hatte Narrenfreiheit, holte alle möglichen Stars zum NDR, der Jazz boomte, ich war verliebt in Katrin E., und hatte vor, ihr Herz und ihren Körper zu erobern. Immerhin hatte ich die Einladung ins elterliche Herrenhaus “An der Glinder Au” in der Tasche.

Ich war noch ein Teenager, und hatte Katrin auf einer Nordseeinsel kennengelernt, wir spielten in den Dünen, verschlangen ganze Backbleche Pflaumenkuchen, ohne ein Pfund anzusetzen, und jeden Tag hörte ich grandiose Jazzmusik im NDR: der junge Jan Garbarek, Art Lande, Chris Hinze, Gary Burton, Bill Connors, Volker Kriegel, Dave Liebman, Chick Corea. Und plötzlich, die Tore Hamburgs waren noch ein Stück entfernt, verkündete Michael Naura im Autoradio, dass der “Meister” just an diesem vorweihnachtlichen Abend im Congresszentrum der Hansestadt auftrete. Solo. Ahh! Als ich dann in 2 Hamburg 74 oder 14 eintraf, der Nachmittagstee aufgetischt wurde, machte ich den Vorschlag, die ganze Bande, Katrin, ihr Bruder, die Clique, solle heute Abend aufbrechen, um den Magier am Klavier zu erleben. Die Reaktion war reserviert. Hanseatisch unterkühlt. Stattdessen nahm das Grauen seinen Lauf.

Ich war damals noch etwas schüchtern, sonst wäre mir das nicht passiert. Mit der angehimmelten Katrin und den anderen trottete ich in eine Old Jazz-Kneipe namens Rempter oder so, wo doofer Stimmungsdixie gespielt wurde, und sich eine biergetränkte Fröhlichkeit breitmachte. Die Nacht durfte ich im Zimmer des Bruders verbringen, der den Aufpasser spielte. Am nächsten Morgen, mit dem Katrin- und Jarrett-Blues in den Knochen, stellte ich mich noch überaus ungeschickt an beim Köpfen des Frühstückseis.

In dieser Story war die Vorfreude alles: wie ich in meiner Studentenbude, Wochen lang, Gato Barbieri hörte, das erste Kapitel seiner grandiosen Latin-Jazz-Platten (auf Impulse), „Fort Yawuh“ vom Keith Jarrett Quartet. Umd seine Solosscheiben, “Facing You”, immer wieder „The Köln Concert“ und „Bremen-Lausanne“. Ich träumte von Katrin, und wie immer, wenn das Verliebtsein sich in mir ausbreitete, fuhr mir wiederholt ein Schmerz in die Fingerknöchel, ein Stechen, ein Ziehen. Ein paar Jahre später war ich nicht mehr schüchtern. Gut so. Und in den Neunziger Jahren arbeitete ich zehn Jahre mit dem grossartigen Jazz-Macho Michael Naura zusammen. Manchmal spielte er in seinem Büro Evergreens auf dem Klavier, und, als er einmal einen Jarrett-Akkord erwischte, fiel mir kurz jener Abend ein, in weihnachtlich geschmückten Einkaufsstrassen – und die unerträglichste Dixieland-Kapelle aller Zeiten! Michael Naura ist heute 80, Keith Jarrett 70.

 

Gut, die Geschichte ist ein alter Hut und wurde hier schon einmal erzählt. Ich habe sie sicher schon sehr oft in Freundeskreisen zum besten gegeben, sowas nennt man „Repertoiregeschichten“, unvergessliche Episoden des eigenen Lebens. In diesem Fall wird die Sparte „verpasste Chancen“ bedient. In der Liebe, in der Musik gibt es diese Stories in Milliarden und Milliarden von Variationen. Man könnte sich meine Verblüffung vorstellen, wenn plötzlich aus den ECM-Archiven „The Hamburg Concert“ als versunkener Schatz gehoben würde, meines Wissen gab es damals keinerlei Senderechte, und ob das Konzert in den Münchener Archiven schlummert, werde ich aus purer Altgier mal erfragen. Es ist ja nun nicht soooo wichtig, dass ich eine grosse Welle drum machen müsste, und diese marginale Episode habe ich natürlich in der Radiostunde, als es mit Keith Jarrett durch die 70er Jahre ging, ausgespart. Ich musste da sowieso ganz viel aussparen, denn unendlich viel hätte auch noch gespielt, berichtet und erzählt werden können. Das „Belonging“-Quartett sah ich einmal beim Jazzfestival in Frankfurt, lang vor der Japanreise, und vor dem Auftritt im Village Vanguard (alles auf Tonträgern dokumentiert). Der Auftritt in Frankfurt war eher von der ruhigen, routinierten Sorte, und rührte mich nicht annähernd so wie die beiden Studioalben und die späteren Live-Platten des „europäischen Quartetts“.


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