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Archiv: Belonging

 

 
 
 

„Sehr rituell zubereitet, der Cappuccino“, sagte Katja Riemann, und ich antwortete: „State of the art“. Am Abend liest sie an der Seite des Briten bei der LitCologne aus David Mitchells famosem neuen Roman „Die Knochenuhren“. Das Gespräch mit dem Verfasser dieses alle traditionellen Genregrenzen überschreitenden Schmökers mit Tiefgang war von der hochunterhaltsamen Sorte. Wir hatten uns viel zu erzählen, von unserer Liebe zu ECM-Platten, wir sprachen über das Album „Fear of Music“ von den Talking Heads, das schon im ersten Kapitel seinen grossen Auftritt hat, über den Preis, den man zu zahlen bereit wäre, um Unsterblichkeit zu erlangen, über das Aufeinanderprallen von knallhartem Sozialrealismus und Fantasy, über die rare Tradition, in der sich der Roman bewegt. Und, natürlich, über Holly Sykes. Aber die sass ja schon zuvor neben mir an der Cappuccinobar.

Meine Geschichte mit dieser Schallplatte ist eine ganz andere als Michaels Erfahrung, wie er sie neulich in seiner Sendung erzählt hat. Ich habe das Album erst im vergangenen Sommer gekauft, in einem Plattenladen hier in der Straße. Ich war noch nie in diesem Laden, obwohl er immer etwas Zauberhaftes an sich hatte, aber es ist düster darin und vor allem sitzt da an der Kasse ein Typ, der eine Ausstrahlung von Machtkampf hat, den er unbedingt gewinnen will. Ich ging ohne Ziel in den Laden, und, da ich eine glückliche Onlinekäuferin bin, nahm ich mir vor, nur etwas zu kaufen, von dem ich sehr sicher bin, dass es mir gefällt. Ich war die einzige Kundin. Irgendwann kam ein älterer Mann in schwarzer Lederjacke in den Laden, der so wirkte, als ob Musik das einzig Interessante in seinem Leben sei. Spätestens jetzt wollte ich gehen, aber genau in diesem Augenblick sah ich die Platte und da war sofort ein kleines Glücksgefühl. Das Cover sah okay aus, aber so, als ob es jemand oft und gern in die Hand genommen hätte. Ich fragte nach der Qualität, denn ich weiß, dass es Onlineverkäufer gibt, die jede Schallplatte durchhören und sogar reinigen und die entsprechende Bezeichnungen bei der Zustandsbeschreibung anbringen.

– Weiß ich doch nicht, ich höre doch nicht jede Platte durch.

Ich hätte gehen sollen. Ich fragte, ob ich die Platte zurückbringen könnte, wenn sie qualitativ nicht in Ordnung sei. Er wirkte nicht begeistert und sagte, ich könnte mir dann etwas anderes aussuchen. Das überzeugte mich nicht. Aber was, wenn es die Platte online nicht gab? Ich wollte sie außerdem jetzt hören. Und auf Vinyl. Ein paar Minuten später lief sie auf meinem Plattenspieler. Ich war begeistert und konnte nichts anderes tun als zuhören. Beim letzten Stück auf der A-Seite stockte die Nadel zwei Mal und ich musste nachhelfen. Ich überlegte, ob ich die Platte zurückbringen sollte, aber ich wollte den Laden nicht mehr betreten. Inzwischen befindet sich in den Räumen ein Rauchercafé.


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