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Archives: Freitag, 28. September 2012

2012 28 Sep.

Wenn man Gregors Artikel liest, wie ich jetzt,

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und gar kein Bach-Hörer ist (Bachs Musik hat mich nur einmal ergriffen, da kam sie aus einem quäkigen Autoradio, im Morgengrauen nach einem Grog, und der zugegeben schöne Spuk war nach ein paar Minuten vorbei), und dann die feine Parallele zu Messiaen auf sich wirken lässt (dessen Bedeutung für die abendländische Musikgeschichte zweifelsohne immens ist, obwohl mich speziell seine Vögel-Musik (Soloklavierstücke, inspiriert von den Gesängen unserer gefiederten Freunde) gänzlich ungerührt lässt, dann denke ich an andere Synästhesien, die mich weitaus mehr berauschen könnten, Brian Enos „Lux“ etwa (das ja nicht zuletzt von einem lichtdurchfluteten und farbenfrohen Musterbeispiel alter italienischer Architektur beflügelt sein soll), oder ich denke an eine rein musikalische Droge, die, einmal eingeworfen, allerlei Halluzinationen auf den Weg bringen dürfte, nämlich Neil Youngs neues Album „Psychedelic Pill“, aufgenommen mit den unverwüstlichern Archaikern von Crazy Horse. Farben über Farben, nicht ganz zufällig stellt Neil seiner gewiss lesenswerten Autobiographie „Ein Hippie-Traum“ (die bekloppteste umd anbiedernste „Übersetzung“ des Originaltitels „Waging Heavy Peace“) den leicht kryptischen Satz voran: „Als ich jung war, habe ich hiervon nie geträumt. Ich träumte von Farben und vom Fallen, und von anderem.“ Aber natürlich sind die Stories, die Gregor und Andras erzählen, vom Zusammenspiel von „sound & vision“, anheimelnd und anregend. Ich stelle mir vor, wie Gregory in seinem leichten Sommermantel durch Amsterdam schlendert, und dann, unter Vorlage eines gefälschten Personalausweises (sein Haschisch-Dealer ist nach Miami umgezogen) feinstes Marihuana im Coffeeshop seines Vertrauen einkauft, in seinem 5-Sterne-Hotel nahe des Vondel-Parks anschliessend dem lieben Gott die Nacht klaut, und die neue Bach-Einspielung unserem Klassik-Freak einen zweiten Weg ums Gehirn herum fabriziert.

 

Wenn der Postmann einmal klingelt

 
War es früher der Gang zum Schallplattenladen und die hoffnungsvolle Frage nach der Ankunft bestellter Ware, so ist es heute der Postmann, der das lang erwartete Päckchen bringt und die verheißungsvollen Stunden einläutet, wenn die neue CD ausgepackt und in den Player eingelegt wird. In dem jüngst eingetroffenen Päckchen fand sich zweierlei, einmal das gerade von Michael vorgestellte Buch Empty Mind mit Texten von John Cage, und …, ja, eine ganzes Kistchen voller erlesener Musik. Der CD-Player glüht inzwischen, gebannt, begeistert höre ich eine CD nach der anderen, es sind vier an der Zahl. Von dem Musiker, der mich einmal mehr fasziniert, war an dieser Stelle bereits ausführlich die Rede (siehe “Gregor öffnet seinen Plattenschrank“ Vol.9), sein Name: Andràs Schiff.

Für ECM New Series spielte er im August 2011 die 48 Präludien und Fugen in Bachs “Das Wohltemperierte Clavier“ in Lugano neu ein. Es heißt, für die Aufnahme sei Schiffs Steinwayflügel eigens an den Aufführungsort Auditorio Radiiotelevisione Svizzera in Lugano gebracht worden. Wer bei solcherlei Aufwand verständnislos das Haupt schüttelt, mag sich Pianomania − Die Suche nach dem perfekten Klang ansehen, ein deutsch-österreichischer Dokumentarfilm aus dem Jahr 2009. Aus der Sicht eines Klavierstimmers und Technikers bei Steinway&Sons wird hier über die Arbeit mit großen Pianisten und ihrer Vorstellung von bestimmten Klängen erzählt.
 
 
 

 
 
 
Jedenfalls ist das Ergebnis dieser Aufnahme umwerfend. Für mich ist diese zwischen 1722 und 1742 entstandene Musik beruhigend, der Alltag mit all seiner Hektik wird quasi ausgebremst und gleichzeitig, ja, ich kann es nicht anders sagen, ist diese Musik unglaublich tröstlich. – Übrigens sind den Cds zwei sehr informative Aufsätze beigefügt: einmal Peter Gülke über “Bachs geometrische Anordnung“ und András Schiff “Senza pedale ma con tanti colori“. Im letzteren Aufsatz geht es dem Pianisten um die Frage, welches für das Wohltemperierte Clavier denn wohl das richtige Instrument sei und, ob man das Pedal benutzen dürfe oder nicht.

Am Ende seiner Ausführungen geht Schiff dann noch auf die Farben der Musik Bachs ein, er schreibt: „Für mich ist die Musik Bachs nicht nur schwarz und weiss, sie strahlt in allen Farben. In meiner Vorstellung korrespondiert jede Tonart mit einer anderen Farbe … Stellen wir es uns vor. Am Anfang steht die schneeweiße Unschuld in C-Dur (nur weiße Tasten). Am Schluss h-Moll, die Todestonart. Vergleichen wir die h-Moll-Fuge des ersten Bandes mit dem Kyrie der h-Moll-Messe. Das ist kohlschwarze Musik. Zwischen diesen Polen befinden sich Zwischenfarben. Zuerst gelb. Orange, Ocker (c-Moll bis d-Moll), dann Blau (Es-Dur bis e-Moll), Grün (F-Dur bis g-Moll), Rosa und Rot (As-Dur bis a-Moll), die zwei Braun (B-Dur und b-Moll) und Grau (H-Dur).“
 
 
 

 

Das erinnert doch sehr an Olivier Messiaen, der sich selbst als Synästhetiker bezeichnete. Er sah bei Klängen Farben und hörte bei Farben Klänge.
 

Name: John Darnielle. Stimme: schlank. Kann scharfe Schnitte setzen. Auch umschmeicheln. Lyrik: tiefenwirksam. Versteht sich auf Andeutungen. Auf Genauigkeit. Auf brutale Direktheit. Klangbio: früher Lo-Fi, billige Kassettenrecorder, später Kammermusik, exzellenter Sound. Schlüsselwerke: „The Coroner´s Gambit“, „The Sunset Tree“. Thema des neuen Albums: „Man schaue sich einen 70er-Jahre-Gruselfilm an, in dem einigen Leuten die Zukunft geweissagt wird. Danach versuchen die Leute, sich hoffnungsvoll zu geben, obwohl sie nichts anderes als Schrecken verspüren. Darum geht es in diesem Album“ (O-Ton Darnielle). Bezeichnende Textstelle: „If you really want to conjure up a ghost / Cultivate a space for things that hurt you most.“ Credo: Musik darf niemals harmlos sein. Einsatz der Streichinstrumente: homoöpathisch, mit orientalischen Melismen (The Age of Kings). Glück: flüchtig, sesshaft in uralten Geschichten. Cineastische Ebene: hinreissende Songs über Liza Minelli und Charles Bronson. Kurioser Moment: ein Barbershop-Song mit explodierender Super Nova. Gebrauchsanweisung fürs Hören: holen Sie sich die „lyrics“ aus dem Netz, lesen Sie die Texte in aller Ruhe, dann machen Sie das Licht aus. Good night, and good luck!

2012 28 Sep.

Jahresendfantasie für die Klanghorizonte

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Die letzte Ausgabe des Jahres enthält stets meine Auswahl der besten Musikwerke. Ich kenne zwar Enos Album noch nicht, aber ich ahne, es könnte sich noch hinzu gesellen. Ja, es muss gar nicht gross überlegt werden, die Frage ist nur, welche und ob einige dieser Fünf-Sterne-Platten aus Zeitgründen aussen vor zu lassen sind, dann aber gewiss wenigstens beim Namen genannt werden. Und hier sind sie, die gefühlten resp. erkannten „Gipfelstürmer“ meines Musikjahres Zwanzig Zwölf:

1) THOMAS KÖNER 2) EIVIND AARSET 3) JAN BANG & ERIK HONORE 4) SWANS 5) BRIAN ENO 6) SIDSEL ENDRESEN & STIAN WESTERHUS 7) ASTRID 8) JOHN SURMAN 9) DAN MICHAELSON 10) BURNT FRIEDMAN 11) FIONA APPLE 12) HEINER GOEBBELS

 

„Always the most avant-garde member of the Velvet Underground, John Cale’s first new album since 2005 features pianos being hit by fists, screaming synthesisers and violas, insistent beats and Chic-style funk guitar motifs. There are nods to David Byrne and Wire’s late-80s blend of instruments and technology, but much of it sounds like pop music made by or for Daleks. For all the sonic wizardry, the album’s strongest suits are often the most traditional. The Welshman’s rich baritone has rarely sounded as commanding, and his songwriting is sharp. Indeed, Scotland Yard – an intriguing discourse on Leveson and last year’s riots („Who’s been breaking windows? Generally misunderstood. You knew it could happen“) – is his catchiest pop song in years. Elsewhere, he collaborates with Danger Mouse on I Wanna Talk 2 U, has a back-of-the-bike-sheds reminisce on Nookie Wood, and gets dreamily sentimental on Mary, the domesticity ode Living With You and the beautiful, Eno-like Sandman. The Auto-Tune on December Rains doesn’t become him, but it’s an album that combines the 70-year-old’s experience with the glee of a small child.“

 
 
 

 
 

Karl Bruckmaier setzt eine Gegenmeinung ab (unabhängig von der Qualität der Musik rückt da ein gewisser Zynismus ins Blickfeld, womit sich KB einen kostenlosen Ratschlag verdient hat, aus der Reihe: austeilen und einstecken) …

John Cale
„Shifty Adventures in Nookie Wood“
(Domino)
bitte Rente: jetzt **

Persönlicher Ratschlag:
Karl Bruckmaier
(München)
Bitte Rente: sofort, besser noch: gestern (M.E.)


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