Manafonistas

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Archives: Freitag, 7. September 2012

 
 

 

„I don’t know that I’d want to live in a time when a film that prominently features a mutated, reptilian baby and whose climax involves a woman with bloated cheeks singing a simple-yet-nonsensical song about Heaven would be considered the norm, and that it is still one of the strangest films ever made.“ (earbuddy)

 
Es gab 1977/78 Punks in Düsseldorf, die eine Mutprobe erfanden: es galt, unter Einbeziehung eines speziellen Drogenmixes, der keinerlei „Downer“ enthielt, Lynchs „Eraserhead“ auszuhalten, ohne mit einer Panikattacke fluchtartig das Kino zu verlassen. Die Punks kapitulierten reihenweise. Jetzt ist der Soundtrack von David Lynch und Alan Splet in einer sorgfältig editierten Fassung neu aufgelegt worden. Es gibt gewiss Menschen, die angesichts dieser Horror-Industrial-Variante Angelo Badalamentis Musik zu der Serie „Twin Peaks“ vorziehen: das Unheimliche nimmt hier die Gestalt einer unwiderstehlichen, mollgetränkten Melodie an.

Frühstück im Hotel Norge, mit am Tisch die Sängerin Greta Aagre. Wir sprechen über das Cover ihrer jüngst bei „Jazzland“ erschienenen CD „Year of the Bullet“ (eine Duo-Arbeit mit Punkt-Legende Erik Honore). Das Design stammt von Chris Bigg, der vor allem für David Sylvians Label „Samadhisound“ arbeitet. So ähnlich sahen früher Cover bei 4AD Records aus, bei Gruppen wie „This Mortal Coil“. Das Foto ist seltsam surreal. Was erkennt man? Unscharfe Umrisse, jeder wird andere Vermutungen anstellen.“ Dieses Unwirkliche ist beabsichtigt“, erzählt mir Greta Aagre, „du kannst deinen Augen nicht trauen. Wie in einem David Lynch-Film.“ Sie gibt mir den Tip, das Bild umzudrehen, dann sieht man es auf Anhieb: eine Blume mit Dekoration. Nicht häufig in der Geschichte der Plattencover haben wir es mit einem auf den Kopf gestellten Foto zu tun bekommen haben.

Ein wenig später: Interview mit dem Gitarristen Eivind Aarset. Thema: sein Anfang November bei ECM erscheinendes Album „Dream Logic“ (mit Live-Sampler umd Punkt-Matador Jan Bang). Woher der Titel? Nun, der stamme aus Ausführungen von David Lynch zum Filmemachen, es ging da um intuitive Prozesse, die der Traumlogik folgen, und keiner linearen Logik. Hört man sich diese karge, abstrakte, sinnliche Musik mit ihrem versteckten und dann doch immer wieder auftauchenden Gespür für melodische Strukturen an (einmal taucht gar der Geist von Peter Green auf), weiss man: dieser Titel ist gut gewählt. Und ich habe auf einmal eine Ahnung (eine Vision? Eine falsche Fährte? Oder weiss ich mehr?): nächstes Jahr wird der leibhaftige David Lynch beim 9. Punktfestival als Kurator oder Ko-Kurator in Erscheinung treten. Stellen Sie sich das mal vor, die nötige Portion des Unheimlichen wäre gesichert.

 
 

 
 
Das Beste kam zum Schluss. Der erste Tag brachte einige Überraschungen, z. b. „Three Trapped Tigers“ und ihre Variante von Post-Prog-Rock, die Brian Eno auf Anhieb begeisterte: „They really play what they feel, and this is sonically impolite“, so zitierte unsere Punkt-Moderatorin Fiona Talkington den Festivalkurator, der Stunden zuvor vor der immensen Glasfront des neuen Kristiansander Konzerthauses Kilden für eine unterhaltsame Pressekonferenz gesorgt hatte.

Die „drei gefangenen Tiger“ spielten schräge Rhythmen in teilweise höllischem Tempo, schufen dieweil wohltuende Luftpausen, bevor sie weiter lustvoll die Dekonstruktion hochtrabender Gitarren-Riffs  und pathetischer Keyboard-Dröhnungen betrieben. Die Band aus London war schlicht gerührt, hier vor vollem Haus spielen zu können, und sie versprachen, bald  wieder zu kommen, und dann in vertrauter Umgebung zu spielen, „in leeren Pubs“.

Das Beste kam zum Schluss. Vorher kam ich aber mit der Biographin von Joni Mitchell ins Gespräch, Michelle Mercer, die hier eine Weile mit ihrer Familie lebt, und neben einem neuen Projekt („Where Music Matters“) auch weiterhin Sendungen für „National Public Radio“ produziert. Im Laufe unserer angeregten Unterhaltung spielten wir auch das „Best of Joni Mitchell“-Spiel und verrieten einander unsere drei Lieblingsplatten der Kanadierin. Ihre Wahl: 1) Hejiira 2) Mingus 3) Blue. Meine Wahl: 1) Hejiira 2) Blue 3) Mingus.

Vor Jahren schrieb sie die Lebensgeschichte des Jazzmusikers Wayne Shorter auf. Sie kam in Zeitnot, „Penguin“ gestand ihr keine zusätzliche Zeit zu. Innerhalb von drei Monaten musste das Buch fertig sein. Sie reiste also ein letztes Mal zu dem amerikanischen Saxofonisten, dessen Interviews aber nun mal (ich weiss es aus eigener Erfahrung) kryptisch sind; Waynes Gedanken folgen bizarren Wegen, seltsame Sprünge sind an der Tagesordnung. Michelle Mercer war an Waynes verwirrende Erzählungen gewöhnt, ohne sie deshalb schneller entschlüsseln zu können. Als Shorters Gattin vom Zeitdruck der engagierten Journalistin erfuhr, redete sie mit ihrer „lebenden Legende“ ein paar Takte, und Wayne gab von dem Augenblick an nur noch klare, messerscharfe Auskünfte: dieser Musiker betreibt seit Jahren ein Spiel, er will in Interviews Spass haben, improvisieren, deshalb, nur deshalb, setzt er die Narrenkappe auf!

Das Beste kam zum Schluss: der Comedy-Avantgardist und Sprachvirtuose Reggie Watts ist ein ungemein humorvoller Zeitgenosse, der alle Register der „spoken-word-performance“ zieht: abrupte Wechsel von Sprache und Gesang, rabenschwarze Satire. Stellen Sie sich vor, Marvin Gaye steigt aus seinem Grab und parodiert Bobby McFerrin. Das ware halb so witzig, aber Reggie Watts‘ Kunst ist subversiv: neben dem Lachsalven garantierenden Humor ist ein rabenschwarzer Grundton unüberhörbar: scharfe soziologische Analyse (mit hohem Till Eulenspiegel-Faktor), im Sekundentakt produzierte, doppelte Böden! Vom ersten Ton bis zum letzten Gemurmel nahm er die Aufmerksamkeit der Zuhörer gegangen, die ihn mit „standing ovations“ verabschiedeten.

Minuten später griff Brian Eno zum Mikrofon und sagte im „Neuen Alpha-Room“, Reggie Watts sei gewiss die perfekte sich-selbst-remixende „sound machine“, und es sei kaum möglich, das noch weiter zu führen, aber sie würden es versuchen. Dann schossen sie die „speech patterns“ von Reggie Watts ins weit geöffnete Weltall, wo sie in einsamen „loops“ umd dunkler „Ambient Music“ vor sich hin träumten. Doch wäre es zu trist, in solchen Schattenreichen zu verharren, und so entwickelten Eno und Schwalm (die 2001 das grossartige Album „Drawn From Life“ in die Welt setzten), einen grollenden Rhythmus, dieweil ihre rechten Füsse im Gleichklang wippten: der Körper war wieder im Spiel, das Duo transportierte Reggie Watts zurück in irdische Sphären, loopte seinen Wissenshunger … wanna know more … wanna know more … wanna know more … bis Brian Eno selbiges ins Mikrofon schrie und sang … wanna know more … wanna know more … wanna know more … Gänsehaut im prall gefüllten Saal.


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