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Archives: Samstag, 9. Januar 2021

2021 9 Jan.

Mein österreichischer Judofreund

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Ich glaube, er war einer der  besten Freunde, die ich je hatte, auch, wenn wir nur gute zwei Wochen zusammen waren, in einem luxuriösen Hotel, abgelegen, auf Mallorca – der damalige  Minister Schiller drehte seine Schwimmrunden mit seiner Affäre, ohne von Paparazzis behelligt zu werden, und  Mario Adorf tauchte mit Lex Barker auf. Ich erzählte das schon einmal, aber diese Story führt woandershin. Ich las Albert Camus‘ „Die Pest“, liebte die schaumige Milchsahne auf dem Kakao, und zu den vielen Parallelwelten, zwischen denen sich Teenager leichtfüssig bewegen können, zählte die tägliche Freude, Morgen für Morgen Peter zu treffen, und stundenlang mit ihm das Tischtennisbrett zu besetzen, oder am Swimmingpool zu liegen. Er gehörte zur österreichischen Judonationalmannschaft, was ich weniger aufregend fand, als die Tiefe meiner freundschaftlichen Gefühle. Obwohl ich in meinen damaligen bisexuellen Träumen auch manch hübschen Jungen begehrte, fehlte mir jeder Anflug von Lust. Verlieben tat ich mich sowieso nur in Mädchen. Er war ungefähr sieben Jahre älter als ich, 21, und erinnerte mich vielleicht, aber nur  sehr entfernt, an eine alpenländische Version meines Traumgefährten „Okko“, mit dem ich nächtens die aufregendsten Abenteuer in über Jahre wiederkehrenden Serienträumen erlebte – er kam stets in höchster Not, und bereitete jeder Traumsequenz zwischen Karl May-Gefilden und „Am Fuss der Blauen Berge“ ein Happy End. Aber was war das nun mit Peter: sah ich in ihm den idealen älteren Bruder? Unsere Gespräche waren, so weit ich mich erinnere, auch ganz normale Jungsgespräche, ich mochte ihn wohl einfach von Herzen gern. Vielleicht haben wir über die Beatles gesprochen, aber nicht über Camus.

 

Ich hatte dort, in diesem behüteten Urlaub, keinerlei Musik dabei, dafür sah ich in kurzer Zeit ein paar Menschen, die ich aus dem Fernsehen kannte, auch diesen alten englischen Schauspieler, dessen Name mir entfallen ist, und der sich Jahre später wegen Depressionen das Leben nahm. Meine Mutter erzählte es mir, und ich sah wieder seinen leicht gebeugten Gang vor mir, und etwas Verlorenes in seinem Blick. Wo war Emma Peel – das wärs gewesen, vielleicht hätte Peter ihr ein paar Griffe gezeigt, und sie mir! Die Musik in diesem Paradies war die Musik einer älteren Generation. Neben dem Süssholzraspler am Klavier, der abends den Cognac und die Longdrinks der Barhocker untermalte, kamen aus den Lautsprechern ausschliesslich Evergreens, die schon immer Evergreens waren, von Neil Diamond oder Frank Sinatra. Ich denke, auch von Paul Anka und Neil Sedaka. Und ganz vorneweg James Last, die deutsche Ausgabe der Ray Coniff Singers. James Last, der alles weich verpackte, von den Chansons bis zum Jazz, von Hippie-Musicals bis zu dem Fab Four. James Last hätte auch aus „Paint It Black“ eine Schmonzette für angetrunkene Mann-im-Mond-Sucher aus dem Ärmeln seines Orchesters schütteln können. Soziokulturell hatte dieser früh erblondete Arrangeur fleissig an Traumkulissen im Wirtschaftswunderland gezimmert. Ich war aber nur in  meinen Hintergedanken ein resistenter Hörer. Von den altmodischen Hits (einer liegt mir auf der Zunge, „Spanish Eyes“, oder heisst er „Spanish Harlem“) liess ich mich gerne einwickeln. Auch die jungen Bee Gees wären nicht weiter aufgefallen.

2021 9 Jan.

When Music Is Sailing

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In seiner Neujahrsansprache hat der Inselpräsident der Kanaren, Angel Torres, aus dem Werk des kanarischen Schriftstellers, Benito Perres Galdós, zitiert: „Alles segelt, alles ist ein stetiger Kampf, eine große Aufwengung von Mühe, Kunst und Mut, um nicht zu ertrinken.“ Es war eine große Rede, die er an sein Inselvolk hielt. Das Ausbleiben der Touristen führt zu zunehmender Arbeitslosigkeit, gleichzeitig muss der Flüchtlingsstrom aus Afrika bewältigt werden.

Nun gibt es zum Glück auch Wunderbares aus der Atlantikwelt zu erzählen. Auf der Nachbarinsel La Gomera gibt es eine Piano Bar, die dem Lockdown zum Trotz geöffnet ist.

„Well I went to a dance and I wore out my shoes, wake up this morning  wishing I could lose them jumpin‘ the honky tonk blues …“ (Hank Williams)

Als ich am späten Abend in die Bar ging, hatte ich die Vision, dass gleich John Prine auf die Bühne jumpen würde. Ich staunte nicht wenig, als offensichtlich eine Französin, klein, zierlich, erotisch die Beinchen hob und „La vie en rose“ sang. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, dass ich von der hohen, kulturellen Luft abgehängt war. Die Chansonsängerin beherrschte den französischen Poesiekanon très bien. Valéry, Rimbaud, Villon. Ich war von ihrer koketten Performance begeistert. Begleitet wurde sie, klassisch, wie andere grosse Musikerinnen, vom Mann am Klavier. Urplötzlich sprangen zwei Musiker auf die Bühne, der eine mit Klarinette, der andere umklammerte eine Trompete. Und dann swingten sie los. Umwerfend der Sound, den sie aus New Orleans mitgebracht hatten oder aus Französisch Neuguinea oder von den Kapverden. Auf der Bühne herrschte ein klein orchestraler Trubel. Mit ihrer Spielfreude steckten sie das eher verhaltene Publikum an. Was für ein musikalisches Feuerwerk an diesem denkwürdigen Sylvester Abend.

Am Neujahrstag wanderte ich zu der Stelle, wo Teile des Bergmassivs abgebrochen waren. Unterwegs begegnete ich dem Klarinettist vom Vorabend in der Piano Bar. Wir kamen sofort ins Gespräch.

Und jetzt erzähle ich von dem anderen Segeln.

Anton Kerkof war mir in dem Club wegen seiner lässigen Spielfreude und seinem fröhlichen Lachen aufgefallen. Er war perfekt an seiner Klarinette. Die klaren Töne erinnerten an Windwellen, die mit ihrer eigenen Geschwindigkeit aus dem Instrument sprangen. Ich teilte Anton diese Assoziation mit. Er lachte und meinte: „Oui, c‘ est juste. Je vie sur un catamaran avec des autres artistes.“ Der Trompeter von gestern Nacht sei der Kapitän. Sie besegelten seit einigen Jahren die fünf Ozeane und spielten an Bord oder wo immer sie anlegten.

 
 

 
 

Anton lud mich spontan ein, am Abend zu ihrem Sonnenuntergangskonzert zu kommen.

Und dann entdeckte ich SIE. Was für eine ferne Sehnsuchtsstimme wehte denn da rüber zu mir? Wer sang da mit rarer Stimme so schön den alten Jazz? Wer war die Frau, die so leicht über ihr Waschbrett strich? Ich war hin und weg.

Anton entdeckte mich in der kleinen Ansammlung und schenkte mir seine CD. Das wären also die Honky Tonk: Hot Jazz and Stompy Blues by Sail. Die Musikerin mit der „slinky, supple voice“ heißt Leonie Evans.

Leonie kommt aus London und ist in der weltweiten Musikszene bestens bekannt. (Leonie Evans at All About Jazz). Sie ist eine echte Musiknomadin. Für mich eröffnet ihre Stimme gewaltige Räume: Old English Highlands, Dust Bowl, Great Plains oder New Orleans mit dem „big easy“. Very, very moving.

Anton erzählte über die Zirkusmädchen, die auch an Bord waren und dem Maler, der dieses wundervolle Künstlerprojekt auf See organisiert. Er selbst wolle noch eine Weile mitsegeln, es mache ihm so viel Spaß, noch ein bisschen „out of  the nest“ zu sein. Genauso heißt das neue Album seiner Band in Brüssel. Das sind die berühmten „Blue Mockingbirds“.

Wer jetzt noch eine neue Erzählung will, der öffne die Website der Blue Mockingbirds und komme so richtig ins Swingstaunen.

 


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