Manafonistas

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2021 9 Jan

When Music Is Sailing

von: Lajla Nizinski Filed under: Blog | TB | 5 Comments

 

In seiner Neujahrsansprache hat der Inselpräsident der Kanaren, Angel Torres, aus dem Werk des kanarischen Schriftstellers, Benito Perres Galdós, zitiert: „Alles segelt, alles ist ein stetiger Kampf, eine große Aufwengung von Mühe, Kunst und Mut, um nicht zu ertrinken.“ Es war eine große Rede, die er an sein Inselvolk hielt. Das Ausbleiben der Touristen führt zu zunehmender Arbeitslosigkeit, gleichzeitig muss der Flüchtlingsstrom aus Afrika bewältigt werden.

Nun gibt es zum Glück auch Wunderbares aus der Atlantikwelt zu erzählen. Auf der Nachbarinsel La Gomera gibt es eine Piano Bar, die dem Lockdown zum Trotz geöffnet ist.

„Well I went to a dance and I wore out my shoes, wake up this morning  wishing I could lose them jumpin‘ the honky tonk blues …“ (Hank Williams)

Als ich am späten Abend in die Bar ging, hatte ich die Vision, dass gleich John Prine auf die Bühne jumpen würde. Ich staunte nicht wenig, als offensichtlich eine Französin, klein, zierlich, erotisch die Beinchen hob und „La vie en rose“ sang. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, dass ich von der hohen, kulturellen Luft abgehängt war. Die Chansonsängerin beherrschte den französischen Poesiekanon très bien. Valéry, Rimbaud, Villon. Ich war von ihrer koketten Performance begeistert. Begleitet wurde sie, klassisch, wie andere grosse Musikerinnen, vom Mann am Klavier. Urplötzlich sprangen zwei Musiker auf die Bühne, der eine mit Klarinette, der andere umklammerte eine Trompete. Und dann swingten sie los. Umwerfend der Sound, den sie aus New Orleans mitgebracht hatten oder aus Französisch Neuguinea oder von den Kapverden. Auf der Bühne herrschte ein klein orchestraler Trubel. Mit ihrer Spielfreude steckten sie das eher verhaltene Publikum an. Was für ein musikalisches Feuerwerk an diesem denkwürdigen Sylvester Abend.

Am Neujahrstag wanderte ich zu der Stelle, wo Teile des Bergmassivs abgebrochen waren. Unterwegs begegnete ich dem Klarinettist vom Vorabend in der Piano Bar. Wir kamen sofort ins Gespräch.

Und jetzt erzähle ich von dem anderen Segeln.

Anton Kerkof war mir in dem Club wegen seiner lässigen Spielfreude und seinem fröhlichen Lachen aufgefallen. Er war perfekt an seiner Klarinette. Die klaren Töne erinnerten an Windwellen, die mit ihrer eigenen Geschwindigkeit aus dem Instrument sprangen. Ich teilte Anton diese Assoziation mit. Er lachte und meinte: „Oui, c‘ est juste. Je vie sur un catamaran avec des autres artistes.“ Der Trompeter von gestern Nacht sei der Kapitän. Sie besegelten seit einigen Jahren die fünf Ozeane und spielten an Bord oder wo immer sie anlegten.

 
 

 
 

Anton lud mich spontan ein, am Abend zu ihrem Sonnenuntergangskonzert zu kommen.

Und dann entdeckte ich SIE. Was für eine ferne Sehnsuchtsstimme wehte denn da rüber zu mir? Wer sang da mit rarer Stimme so schön den alten Jazz? Wer war die Frau, die so leicht über ihr Waschbrett strich? Ich war hin und weg.

Anton entdeckte mich in der kleinen Ansammlung und schenkte mir seine CD. Das wären also die Honky Tonk: Hot Jazz and Stompy Blues by Sail. Die Musikerin mit der „slinky, supple voice“ heißt Leonie Evans.

Leonie kommt aus London und ist in der weltweiten Musikszene bestens bekannt. (Leonie Evans at All About Jazz). Sie ist eine echte Musiknomadin. Für mich eröffnet ihre Stimme gewaltige Räume: Old English Highlands, Dust Bowl, Great Plains oder New Orleans mit dem „big easy“. Very, very moving.

Anton erzählte über die Zirkusmädchen, die auch an Bord waren und dem Maler, der dieses wundervolle Künstlerprojekt auf See organisiert. Er selbst wolle noch eine Weile mitsegeln, es mache ihm so viel Spaß, noch ein bisschen „out of  the nest“ zu sein. Genauso heißt das neue Album seiner Band in Brüssel. Das sind die berühmten „Blue Mockingbirds“.

Wer jetzt noch eine neue Erzählung will, der öffne die Website der Blue Mockingbirds und komme so richtig ins Swingstaunen.

 

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5 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Erlebnisse, Stories, wie aus dieser und einer anderen Welt.

  2. Lajla:

    Ja, es ist immer ein schönes Abenteuer, Musiker irgendwo auf der Welt zu entdecken und noch dazu welche, die längst in so einem renommierten Blatt wie „All About Jazz“ ihre Anerkennung fanden.

  3. Jan Reetze:

    Leonie Evans: Nie gehört, aber das werde ich ändern. Danke, Lajla.

  4. Olaf Westfeld:

    Das macht sehr viel Lust, wieder auf Konzerte zu gehen.

  5. ijb:

    Ich war selbst leider noch nie auf La Gomera (oder einer der anderen Inseln), aber vor ein paar Jahren lief in Cannes einmal der ganz witzige Krimi La Gomera (von einem renommierten rumänischen Regisseur, Ko-Produktion mit Komplizen-Film, die u.a. mit Toni Erdmann zu Weltruhm kamen), der in gewisser Weise auch mit Musik zu tun hat. Im Deutschen hat er den skurrilen Titel Verpfiffen und verraten, der internationale Titel wurde nach der Cannes-Premiere in The Whistlers umgewandelt:

    https://youtu.be/d7I6i943qUA

    The director has long been established as the most skewedly humorous of the Romanian New Wave brigade, but that mischief-maker reputation does not mean his films have lacked substance. If anything, his style of disingenuously deadpan wit has given us some of the most lacerating commentary of the whole movement, cutting deeper because the critique is hidden under a smile — or more likely, a slow, owlish blink. “The Whistlers” has themes that are recurring, itchy areas of interest for Porumboiu: The preoccupation with language, as a means to reveal but also conceal, is the central concern of “Police, Adjective” and the negotiation of self-interest versus professional ethics, of codes of honor and codes of duty, seems to be an ongoing project.

    (Variety)

    For anyone who knows Porumboiu’s other films well, there’s plenty of resonance to be found between them and “The Whistlers.” Newcomers, for their part, will enjoy plenty of dazzling scenery and plot twists in a humorous film that simultaneously revels in action movie tropes while slyly subverting them. Even when the director resorts to outright cliche — the climactic use of “Carmina Burana,” for instance, one of the most overused pieces of music in cinema — it’s clear that he’s commenting on its familiarity. At the same time, though, Porumboiu finds a way to make it new again, incorporating the music into an immensely effective visual spectacle.

    (Washington Post)

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