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Archives: Freitag, 4. Dezember 2020

 

Dass ich Kriminalromane, die mich nicht packen, zu Ende lese, kommt nicht vor. Nach spätestens dreissig Seiten entscheide ich zwischen Altpapier, ganz nett, und Lesefieber. Der Stuttgarter Polar Verlag ist bekannt für den Blick über den Mainstream hinaus, und überrascht oft. Gerade mit Romanen, die nicht auf jeder Seite einen twist & turn bieten. Beispiel: Attica Lockes „Bluebird, Bluebird“. Oder: Ron Corbetts „Preisgegeben“. Kanada, und très noir. Frage: Gibt es überhaupt Hoffnung, Mr. Corbett?. Antwort: Darf ich mit einem Songtext antworten: „Versteh´ ich Deine Frage richtig, Mann? / Alles hoffnungslos und verlorn? Komm rein, sagte sie. / Ich schütz Dich vor dem Sturm.“ Bob Dylan. Es ist niemals hoffnungslos. Sieht nur so aus. Ein Kriminalroman, der unter Bekannten durchweg begeistert verschlungen, verliehen, und verschenkt wurde, ist „Late Show“, von Michael Connelly. Manche kennen die Serie Bosch, hier ermittelt Renée Ballard. Im Februar 2021 erscheint, bei Kampa, der zweite Roman um die Ermittlerin, „Night Team“ – ich las schon das Original, ein überragender Thriller, sogar für Connellys Verhältnisse. Ein besonderes Lob für den Hartkarton und das Design. Überhaupt, die Altmeister: in diesem Jahr erschien bei Pendragon ein relativ spätes Werk aus der Reihe um den knorrigen Melancholiker Robicheaux, „Blues in New Iberia“. Bei James Lee Burke trifft Magischer Realismus auf Southern Noir. Don Winslow, auch schon ein alter Hase, ungebrochen kreativ – seine Geschichtensammlung „Broken“ ist erstklassig. Jede Story eine andere Tonart. Eine Entdeckung ist Graham Moores „Verweigerung“. „Quite the tour de force! Twelve Angry Men meets Chinatown and creates something of its own“, sagt die gute Sarah Pinborough und trifft ins Schwarze. Mein Justizthriller des Jahres erscheint, bei Eichborn, drei Tage vor Weihnachten. Mehr Kriminalromane habe ich in diesem Jahr auch nicht gelesen. Die Altpapiertonne bleibt selten leer. Und ganz nett geht eben gar nicht.

 

Vor ein paar Tagen hat Julietta Fix, die Gründerin der Lyrikplattform fixpoety.com, mit dieser Notiz bekannt gegeben, dass sie mit Ende des Jahres den Betrieb von Fixpoetry einstellt. Unter den Lesenden dieses Blogs ist fixpoetry eher nicht so bekannt, obwohl ich auch mal darauf hingewiesen habe. In der Lyrikszene jedoch ist Fixpoetry gleichzeitig so etwas wie eine kleine Tageszeitung und ein täglich wachsendes Archiv, ein gemeinschaftsbildendes Element. Julietta Fix hat die Website im Jahr 2007 gegründet. Jeden Tag, jeweils um Mitternacht, erscheint ein neuer Text des Tages, meist ein Gedicht, fast täglich erscheinen Rezensionen, vor allem von Gedichtbänden aus kleinen und kleinsten Verlagen, von denen die allermeisten keine Chance haben, jemals im Radio oder gar in den Feuilletons von Zeitungen besprochen zu werden. Dazu gibt es die von Frank Milautzcki betreute Fixzone mit täglichen Neuigkeiten, vor allem aus der Welt der Lyrik. Seit langer Zeit klicke ich mich jeden Tag auf Fixpoetry, lese Gedichte, habe Gedichtbände und anderes aufgrund von Rezensionen oder Hinweisen gekauft. Auch meine beiden Gedichtbände wurden auf Fixpoetry besprochen. Ich kenne viele Schreibende, deren erste Publikation auf Fixpoetry als Text des Tages erfolgte, und ich weiß, wie glücklich sie darüber sind. Jeder Text des Tages wird mit einem Autorenportrait verlinkt, das sich auf der Website unter der Rubrik Autoren alphabetisch geordnet findet. Juliettas Engagement für die Poesie ist einzigartig. Mit dem sogenannten Poetryletter, ausgedruckt als kleine Plakate erwerbbar, hat sie Kunstwerke, die ein Gedicht visuell mit einer Grafik oder Fotografie umsetzen, ermöglicht, hier der Link zu einem wunderbaren Archiv. Julietta hat den Gertrud Kolmar Preis gegründet, einen Lyrikpreis, der sich ausschließlich an Frauen gerichtet hat und im Jahr 2019 vergeben wurde. Julietta hat nicht nur schwerpunktmäßig Gedichten und Lyrik Scheibenden ein Forum geboten, sondern auch Rezensentinnen und Rezensenten. Und warum hört sie auf? Weil es für ihr Engagement in unserem Literaturbetrieb trotz jahrelangem Bemühens kein Geld gibt und weil selbst ein solches Engagement irgendwann an Grenzen stößt. Julietta hatte dieses Problem seit Jahren immer wieder angesprochen. Vor einiger Zeit hatte sie eine freiwillige Paywall eingerichtet und immer wieder die stetig steigende Zahl an Lesenden zu Spenden aufgerufen, aber es ist nicht genug Geld zusammen gekommen. Nun hat Julietta angekündigt, dass die Website zunächst als Archiv noch im Netz bleiben wird. Allein in der Rubrik „Lyrik“ im Archiv des Feuilletons finden sich 1822 Treffer, also 1822 Rezensionen zu Gedichtbänden. Ab dem kommenden Jahr wird die Welt der Lyrik sehr viel ärmer. Ein solches Projekt wird es nie wieder geben. Ein großes Dankeschön an Julietta Fix.


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