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2020 4 Dez

Berauschende Kriminalromane 2020/21

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | Tags:  19 Comments

 

Dass ich Kriminalromane, die mich nicht packen, zu Ende lese, kommt nicht vor. Nach spätestens dreissig Seiten entscheide ich zwischen Altpapier, ganz nett, und Lesefieber. Der Stuttgarter Polar Verlag ist bekannt für den Blick über den Mainstream hinaus, und überrascht oft. Gerade mit Romanen, die nicht auf jeder Seite einen twist & turn bieten. Beispiel: Attica Lockes „Bluebird, Bluebird“. Oder: Ron Corbetts „Preisgegeben“. Kanada, und très noir. Frage: Gibt es überhaupt Hoffnung, Mr. Corbett?. Antwort: Darf ich mit einem Songtext antworten: „Versteh´ ich Deine Frage richtig, Mann? / Alles hoffnungslos und verlorn? Komm rein, sagte sie. / Ich schütz Dich vor dem Sturm.“ Bob Dylan. Es ist niemals hoffnungslos. Sieht nur so aus. Ein Kriminalroman, der unter Bekannten durchweg begeistert verschlungen, verliehen, und verschenkt wurde, ist „Late Show“, von Michael Connelly. Manche kennen die Serie Bosch, hier ermittelt Renée Ballard. Im Februar 2021 erscheint, bei Kampa, der zweite Roman um die Ermittlerin, „Night Team“ – ich las schon das Original, ein überragender Thriller, sogar für Connellys Verhältnisse. Ein besonderes Lob für den Hartkarton und das Design. Überhaupt, die Altmeister: in diesem Jahr erschien bei Pendragon ein relativ spätes Werk aus der Reihe um den knorrigen Melancholiker Robicheaux, „Blues in New Iberia“. Bei James Lee Burke trifft Magischer Realismus auf Southern Noir. Don Winslow, auch schon ein alter Hase, ungebrochen kreativ – seine Geschichtensammlung „Broken“ ist erstklassig. Jede Story eine andere Tonart. Eine Entdeckung ist Graham Moores „Verweigerung“. „Quite the tour de force! Twelve Angry Men meets Chinatown and creates something of its own“, sagt die gute Sarah Pinborough und trifft ins Schwarze. Mein Justizthriller des Jahres erscheint, bei Eichborn, drei Tage vor Weihnachten. Mehr Kriminalromane habe ich in diesem Jahr auch nicht gelesen. Die Altpapiertonne bleibt selten leer. Und ganz nett geht eben gar nicht.

 

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19 Comments

  1. Martina Weber:

    Das Cover ist definitiv der Hammer!

  2. Michael Engelbrecht:

    Das stimmen Verpackung und Inhalt, Martina. Das Cover scheint auch exklusiv für den Roman entworfen zu sein, wie beim Vorgänger LATE SHOW.

  3. Olaf Westfeld:

    Wenn man einen der genannten Romane lesen möchte – zu welchem würdest Du raten – Late Night?

  4. Michael Engelbrecht:

    Das ist schwierig. Leichter wäre es, ich hätte deine zehn Lieblingskriminalromane, -thriller hier vor Augen…

    Als Einstieg in die Welt von James Lee Burke ist BLUES IN NEW IBERIA nicht erste Wahl, trotz der Klasse des Buches.

    Eher schon: Regengötter. Oder Sturm über New Orleans. Oder Dunkler Sommer. Oder, weniger Kriminalroman, Fremdes Lamd, Original Wayfarin Stranger.

    Aber, ja, ich würde LATE SHOW sagen.

  5. Olaf Westfeld:

    Lieblingskriminalromane… schwierig, die meisten habe ich weiter gereicht und auch ungefähr zehn Jahre lang kaum welche gelesen. In letzter Zeit haben mich „64“ und „Journey under the Midnight Sun“ beeindruckt, letzteres war unglaublich. Dann erinnere ich so einen Racheroman von – glaube ich – Adrian Kinty, den ich super fand, Power of the Dog von Don Winslow, grandios war auch die Vorlage zu dem Film Drive (Autor habe ich vergessen). Im Sommer habe ich zwei von diesen Babylon Berlin Büchern im Urlaub gelesen, unterhaltsam, nicht mehr, nicht weniger. Die Izzo Romane. Das Red Riding Quartet von David Peace…, du merkst schon, eine bunte Mischung. In meiner Jugend habe ich Chandler, Hammett, Christie gelesen.

  6. Michael Engelbrecht:

    Ich denke, wir können einen Club gründen.

    Bei James Lee Burke solltest du bei einem der genannten Tips zuschlagen. Er kommt aus der Faulkner Tradition im weiteren Sinne.

    Under the midnight sun ist überragend. Und wurde hier schon gewürdigt.

    https://www.manafonistas.de/index.php?s=Unter+der+mitternachtssonne+

  7. Michael Engelbrecht:

    Und dann gibt es ja heute den zweiten Teil des sehr düsteren, aber bis jetzt aussergewöhnlichen, Tatorts mit den Dortmunder und Münchner Kommissaren. Ich kenne da jedes Haus in Dortmund Kley, und Dominik Graf hat schon mal richtig gute Arbeit abgeliefert im ersten Teil. Das ganze könnte auch heissen, „Ermittler am Rande des Nervenzusammenbruchs“*. Vielleicht schreibt Ingo ja separat was, wär super. Einige von und werden es gesehen haben.

    * besonders die Dortmunder 😒

  8. ijb:

    Ich hab ein bisschen „Angst“ davor, weil ich die Dortmunder Ermittler bislang durchweg komplett unerträglich fand. Wenn ich es wirklich mal durchgehalten habe, eine Dortmunder Folge bis zum Ende (oder fast) anzuschauen, dann eher aus Fassungslosigkeit darüber, wie gleich vier(!) Film-Hauptfiguren so dermaßen unglaubwürdig sein können, selbst noch bei guter Regie. Bald habe ich es allerdings aufgegeben, bei den vier Pappnasen überhaupt noch einzuschalten; Frustrationsniveau schon in den ersten fünf Minuten zu hoch. Ich hoffe, das Regieduo wird diesmal etwas Konstruktives dagegensetzen. Manchmal passiert das ja, dass selbst die frustrierend durchschnittlichsten Fernseh-Mimen durch eine gute Regie aus der Reserve gelockt werden können.

  9. Michael Engelbrecht:

    Hahaha, ich nehme es nicht persönlich.

    Sehe das zwar etwas anders, aber alles gut.

    Love it, hate it, whatever.

    Ich gucke fast nie Tatorte, und mein favourite ist schon lange nicht mehr unter uns.

    Schimanski rocks🥁🥁.

    Und Kressin war auch herrlich strange.

  10. ijb:

    „Nicht persönlich“? Ich kann nicht folgen; da war doch gar nichts in meinem Kommentar, das in irgendeiner Weise „gegen dich“ gerichtet sein oder (miss-)verstanden werden könnte, nicht zuletzt da du doch schon oft genug selbst erwähnt hattest, wie wenig du dem „Tatort“ im Allgemeinen abgewinnen kannst (von den sehr wenigen in diesem Blog erwähnten Ausnahmen abgesehen).

    Falls missverständlich: Obige Worte beziehen sich ausschließlich auf das Comedy-Ermittlerteam mit Jörg Hartmann, Stefan Konarske und so. Nichts gegen Schimanski oder irgendwelche anderen Ruhrpott-Teams. Bei den beiden Münchner Komikern bin ich auch manchmal gut unterhalten, manchmal ist es einfach zu platt.

  11. ijb:

    Konarske ist eigentlich ein guter Schauspieler, aber alles, was ich in den Tatort-Folgen gesehen habe, war echt peinlich, biederstes und aufgesagtestes Fernsehniveau. Jörg Hartmann kenne ich jenseits dieser Rolle nicht; also entweder er ist ein unsäglich schlechter Schauspieler, oder die Rolle/Figur ist einfach eine Ansammlung unspielbarer Klischees. Keine Ahnung, aber eigentlich ist es mir auch egal; es ist nur schade, dass das alle negativen Vorurteile bestätigt, die man immer gegen den Tatort und gegen deutsche Fernsehproduktionen im Allgemeinen hört.

  12. Michael Engelbrecht:

    War ein JOKE, und auch so kenntlich gemacht.

    Ich finde sie durchaus nicht komplett unerträglich.

    Auch seriöse TV Kritiker waren voll des Lobes, zum ersten Teil, und die Dortmunder sind wie eh und je.

  13. ijb:

    Also den ersten Teil habe ich nicht gesehen, wollte auch gar nicht suggerieren, dass ich mir darüber ein (Vor-)Urteil bilden wollte. Daher ja den Hinweis, ich habe „ein wenig Angst davor“… Die „seriösen“ Lobeshymnen habe ich selbstredend vernommen [wobei ich gestehen muss, dass mir, wie früher schon erörtert, da oftmals die Grenze zwischen seriös und, nun ja, boulevardesk(?), populistisch(?) auch nicht immer scharf genug verläuft. Wer darf sich denn „seriöser“ Film- und Fernsehkritiker nennen? Christian Buß vom „Spiegel“ bspw. haut ebenso oft beherzt unsachlich daneben, wie er überzeugend argumentiert. Auch Tittelbach ist oftmals erstaunlich populistisch banal in seinen Urteilen. DIE ZEIT vielleicht?], und wie ich ja auch schon gesagt hatte, bin ich ja ein Verteidiger der Arbeit beider Regisseur/inn/e/n.

    Bei den Dortmund-Folgen, die ich gesehen habe, wurde einfach schon im Drehbuch so typisch fernsehdeutsch die Handlung die ganze Zeit plump in schlechten, aufgesagten Dialogen erklärt und kommentiert (und mit schlechten Comedy-Witzen angereichert), statt irgendwas filmisch zu erzählen. Dazu kam eine unerträglich (ebenfalls typisch fernsehdeutsche), Dauer-Musikuntermalung, die plump auf die Tube drückte, wo inszenatorisches Erzählen notwendig gewesen wäre. Und auch visuell war das überaus flach. All dies nehme ich bei dem, was ich von Pia Strietmann und Dominik Graf bislang gesehen habe, überhaupt nicht an… nur eben bin ich gespannt, wie sie die Schauspieler im Zaum halten. Wenn so beliebte Fernsehnasen so Rollen schon Dutzende Male gespielt haben, neigen sie ja oft dazu, einfach immer die gleichen chargierenden Attitüden an den Tag zu legen. Aber auch hier wird man beim „Tatort“ immer wieder auch positiv überrascht. Vor einigen Wochen sah ich ein, zwei süddeutsche Episoden, wo das so war. Leider passierte es seit zu langer Zeit nicht mehr bei den Frankfurtern, die ich anfangs sehr gerne mochte.

  14. Jochen:

    Seriöse Filmkritik? Hmmm, … – Frau Gong!

    (joke, als solcher gekennzeichnet)
     
    Aus den aktuellen Zahlen dieser Woche:

    The Undoing (Sky Ticket) – Sechs Würfelaugen
     
    Bin übrigens immun gegen Kritiker:

    höre, schaue, lese, sehe ausschliesslich das, was mich anspricht.
     
    Und ja: die Herren Buß und Tittelbach sind hilfreich –

    liegen aber oft daneben.
     
    Beispiel: Ein Tatort wird von der Kritik top bewertet –

    schalte ab nach zwei Minuten, denke: „Nee, geht gar nicht!“

  15. Olaf Westfeld:

    Den Tatort fand ich gut, um ehrlich zu sein hat er für mein „Gemüt“ schon fast zu gut funktioniert – ziemlich spannend das ganze. Mal sehen, was morgen kommt.
    Alles klar, Jamie Lee Burke wird ausprobiert, was für die Feiertage – Blues in New Iberia.

  16. ijb:

    Wo wir schon davon sprachen: Christian Buß nennt den heutigen „Tatort“ ein „Meisterwerk aus München„, und vergibt volle 10 Punkte – „mit diesem zweiten Mafia-Krimi zeigt er sich jünger, stillvoller und relevanter denn je.“

    https://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort-aus-muenchen-in-der-familie-teil-2-die-familie-muss-sterben-damit-sie-leben-kann-a-ee0627f4-7b4e-4e57-8afe-08d056d1053c

    Was ich bislang noch nicht erwähnt hatte, Drehbuchautor der Doppelfolge ist Bernd Lange, der mir seit vielen Jahren als hervorragender Autor in Deutschlands Filmwelt bekannt ist, vor allem hat er wesentlichen Anteil an der Qualität vieler Filme von Hans-Christian Schmid, zuletzt dem Vierteiler „Das Verschwinden“ (wobei dort leider in der vierten Folge allzu vieles aus den ersten drei grandiosen Folgen durch nicht angemessen zu Ende erzählte Handlungsstränge verschenkt wurde), aber auch einigen anderen Fernsehproduktionen unter der Regie von Matti Geschonnek u.a.

  17. Michael Engelbrecht:

    Gute Schauspieler, gutes Drehbuch, gute Regie. Oft sind ja Jubiläumsausgaben nicht das Gelbe vom Ei. Aber hier, echte Klasse. Und die Münchner halten zum Glück das hohe Niveau der Dortmunder. Batic hat am Ende der ersten Folge eine BVB-Tasse mitgehen lassen, das geht nun leider gar nicht. Wo die in Dortmund beim Italiener waren, da sass ich auch oft, früher.

  18. Jochen:

    Klasse Tatort.

  19. Olaf Westfeld:

    Viel zu krass für mich, der Tatort, hat mir aber auch richtig gut gefallen.

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