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Archives: Dienstag, 17. November 2015

2015 17 Nov.

Only Sky (reminder)

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„Cast alone with just his guitars and effects rig for company, in this stunning if somewhat unsettling set of soundscapes David Torn has produced perhaps his most direct and unfiltered work to date. […] It’s a truly fascinating glimpse into the mind of one of the great creative forces of our time and each successive listen should reveal fresh new dimensions for many years to come.“

 


 
 
 

Es ist die vierte Ausgabe eines von Michael Braun herausgegebenen Gemeinschaftsprojektes, von dem ich hier bereits erzählt habe, und das nur aus verkaufstaktischen Gründen als „Kalender“ daherkommt, das aber wie ein normales Buch funktioniert. Wir kennen den Begriff des „Sequencing“ aus Musiksendungen im Radio. Es geht darum, die Reihenfolge der Stücke zu gestalten, sie so ineinander übergehen zu lassen, dass etwas entsteht, das mehr ist als die Summe der Stücke. Diesem Gedanken folgt auch der Aufbau einer durchdachten Zeitschrift oder Anthologie, – und auch des Lyrik-Taschenkalenders. Deshalb beginnt diese Sammlung mit einem Liebesgedicht von Goethe, das einen Moment umschreibt, der so nicht bleiben kann. Und am Ende, in einem Kommentar von Urs Allemann zu einem Jandlgedicht heißt es: „Ich lebe. Aber wie lang noch?“

Dazwischen alles, was das Leben und die Sprache hergibt. Der Aufenthalt in einem Stipendiumsort, eine heimliche Liebesgeschichte mit einem Geistlichen, Lebensrettung durch einen Herzschrittmacher. Eine Dichterin in der Badewanne, das ist mehr die Betrachung einer Kachelwand und weißem Schaum. Andreas Altmann, der seine Gedichte immer draußen schreibt, verknüpft eine Landschaftsbetrachtung mit der Geschichte der DDR und einer Wiese, auf der alle Schafe schwarz sind. Marcel Beyer, einer der wichtigsten Historiker in der Gegenwartslyrik, hat ein Gedicht von Hoffmann von Fallersleben ausgewählt, das in einer Geheimsprache verfasst ist, und er bezeichnet den Verfasser des Textes der Nationalhymne als „Andreas Baader seiner Zeit“. Meine Wahl traf das Anfangsgedicht aus Jennifer Poehlers leider einzig gebliebenem Band „Türkises Alphabet“, ein Buch, das ich zehn Jahre lang immer in meiner Nähe hatte, weil die Leichtigkeit ihrer Worte alles Schwere schweben ließ. Levin Westermann hat das Gedicht „Alter Mann“ des Schweizer Schriftstellers Renato P. Arlati ausgewählt und er spricht von der Bedeutung des Schweigens für das Gedicht.

 

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Der Lyrik-Taschenkalender 2016 enthält – in der Reihenfolge ihres Auftretens – kommentierte Gedichte von: Johann Wolfgang von Goethe (Willkommen und Abschied), Sarah Kirsch (Aus: Wiepersdorf), Peter Rühmkorf (Wo die Götter die Daumen drehen), Nora Bossong (Große Exerzitien), Johann Christian Günther (Als er der Phillis einen Ring mit einem Totenkopf überreichte), Sibylla Schwarz (Auß dem Lob einer Nachtmusic), Katharina Schultens (susurrus), Quirinius Kuhlmann (Liebküsse Jesu), Albert Vigoleis Thelen (Franziskanerhütte), Andreas Gryphius (An die Sternen), Henning Ziebritzki (Lamellenstunde), F.-G. Klopstock (Die frühen Gräber), Paul-Henri Campbell (Implantable Pulse Generator), Judith Zander (und wo kein ausweg ist), Johann Wolfgang von Goethe (Nähe des Geliebten), Marion Poschmann (vage Einsichten), August Graf von Platen (Ghaselen 25), Martina Weber (beim durchblättern dieser bewerbung), Ulrike Draesner (Sub-sub „p“), Wilhelm Müller (Der Lindenbaum), Levon Westermann (der leere raum mit schwarz), Annette von Droste-Hülshoff (Die Mengelgrube), Henning Ahrens (Bekenntnis), Dirk von Petersdorff (Von Jena), Tom Schulz (Nysa), Hendrik Jackson (Rauschen), Andreas Altmann (geschichte im landschaftspark), Erich Arendt (Sétif), Ernst Jandl (Der wahre Vogel), Joachim Ringelnatz (Schindluder), Franz Josef Czernin (auch rex, ruinen, vögel), Jügen Theobaldy (Blüten, Stile, Blumen), Marina Zwetajewa (Baut einer kein Haus), Oskar Loeke (Genesungsheim), Mirko Bonné (An Bobrowski), Jennifer Poehler (fortgezogenes stück land), Martin Zingg (Hinterhof Nachteile), A.H. Hoffmann von Fallersleben (Rotwälsch), Marcel Beyer (Deine Silbe Grimm), Anja Utler (entgegen zu stehen IX), Dagmara Kraus (voyeuse klinkt nicht), Franz Dodel (Aus: Mikrologien), Thomas Rosenlöcher (Fenster im Spiegel), Hans Arp (Mein eigenes Gesicht), Asmus Trautsch (Erinnerung, unangebahnt), Rainer Maria Rilke (Mausoleum), Renato P. Arlati (Alter Mann), Tobias Roth (Dämmerung), Ludwig Steinherr (Isaaks Opferung), Urs Allemann (altern als problem für brünstler), Martin Zingg (Zuguterletzt), Ernst Jandl (die ersten zwölf zeilen).

 

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Präsentationen der Gedichte und Kommentare:

19.11.2015: „Lyrik-Taschenkalender 2016 + Space race“

Mit Paul-Henri Campbell und Michael Braun

Ort: WortReich Buchhandlung, Blumenstraße 25, 69115 Heidelberg

Beginn: 20.00 Uhr

02.12.2015: „Lyrik-Taschenkalender 2016“

Mit Michael Braun und Martin Zingg

Ort: Eikones – Institut für Bildkritik, Rheinsprung 11, 4051 Basel/Schweiz

Beginn: 19.30 Uhr

09.12.2015: „Lyrik-Taschenkalender + erinnerungen an einen rohstoff“ 

Mit Michael Braun und Martina Weber

Ort: YPSILON-Buchhandlung, Berger Straße 18, 60316 Frankfurt

Beginn: 20.30 Uhr

2.01.2016: „Lyrik-Taschenkalender 2016“

Mit Michael Braun und Henning Ziebritzki

Ort: Galerie piberhofer k produktion, Schwartzkopffstraße 3, 10115 Berlin

Beginn: 19.30 Uhr

 
Wenn der Tempo mit dem Jukebox-Man kommt …
 
 

Am Anleger warten nur wenige Insulaner, die eines der letzten Schiffe dieses Jahres auf die Insel nehmen wollen. Bald würde bis Anfang März nächsten Jahres kein Schiff mehr die Insel anfahren, dann würde es nur noch den Weg durch das Watt mit dem Traktor oder der Pferdekutsche geben.

Meinen Tempo hatte ich in der Nähe des Hafens geparkt, die wichtigsten Werkzeuge für die Wartung einer NSM-Jukebox in die Tasche gepackt, dazu ein paar Ersatzteile, Schleppkabel, Flachriemen, sogar einen kompletten Laufwagen hatte ich eingesteckt, weil B., der Wirt, den ich besuchen wollte, mir mitgeteilt hatte, mit der Plattenauswahl der NSM-Jukebox würde irgendwas nicht stimmen.

Nebel, wo man nur hinschaut. Die Überfahrt auf der nahezu menschenleeren Fähre gleicht einer Fahrt auf einem Geisterschiff. Spiegelglattes Meer, es regt sich kein Lüftchen. Ich stehe als einziger auf dem Deck. Ich muss an Siegfried Lenz denken, wie grandios er gerade diese Situationen beschreiben konnte. Schattenhaft erscheint die Insel vor dem Schiff.

Auf der Insel: nicht ein Restaurant, nicht ein Kiosk hat geöffnet, keine Trinkhalle oder Kneipe lädt zum Verweilen ein. Auch die Turmkneipe hat geschlossen, erst nach heftigem Wummern gegen die schwere Eingangstüre kommt B. angeschlurft und öffnet. Immerhin, er freut sich, mich zu sehen. Kaffee gefällig? Na klar. In gewohnter Ecke steht die verlassene, dunkle, schweigsame Box. Die aufgestellten Stühle verbreiten nicht gerade eine einladende Atmosphäre. Okay, ich bin ja auch nicht zu einem gemütlichen Plausch eingeladen worden, sondern um zu arbeiten. Also ans Werk.

Es braucht tatsächlich einen neuen Laufwagen, ich würde versuchen den alten zuhause aufzuarbeiten. Die Box muss gereinigt werden, das Übliche eben. Nach zweieinhalb Stunden erst bin ich fertig. B. hatte mich solange unterhalten, den neuesten Inselklatsch erzählt und mich mit Kaffee versorgt. Noch habe ich eine gute Stunde Zeit, bis das Schiff zurückfahren würde. B. hat die grandiose Idee, mich zum Fischerfrühstück (Bratkartoffeln, Spiegelei und Krabben) einzuladen.

 
 
 

 
 
 

Danach trinken wir noch einen Talisker (Distillers Edition 1989) – ein unglaublicher Malt – und unterhalten uns über Musik. B. mag auch so gerne persönliche Hitlisten, wir verraten uns gegenseitig die eine oder andere Platte, die den Sprung in die Jahreshitparade schaffen könnte. B. hat plötzlich die Idee, dass sich jeder von uns beiden eine Lieblingsplatte und davon ein Lieblingsstück wünschen dürfe, aktuell müsse sie sein, in diesem Jahre erschienen, dank Internet würden wir die Platte dann hören können.

Ich überlege, eigentlich wäre nur ein einziges Stück in dieser nebligen, einsamen Saison-Schluss-Atmosphäre passend, ein Musikstück, das uns beiden in dieser verlassenen Kneipe, bei ausgeschalteter Jukebox, bei aufgestellten Stühlen, an unserem kleinen Stammplatz am Fenstereck gefallen würde: Sufjan Stevens „The Only Thing“ von dem Album Carrie & Lowell.

Unterdessen hat B. seinen Titel bereits im Netz gesucht und schon erklingt der Marisa-Anderson-Song: „House Carpenter / See That My Grave is Kept Clean“. Was für ein wunderschönes Gitarren-Solo-Stück. Mit Sufjan Stevens´ „The Only Thing“ im Ohr verlasse ich die Turmkneipe und verschwinde im Nebel in Richtung Hafen.

 
 
 

 
 

Er hatte die Kapuze hochgezogen, und fotografierte die abgewrackten Fischkutter, die weit im Wasser standen. Nirgendwo war jemand zu sehen. Sein Handy klingelte. – Bist du schon da? – Ich stehe direkt an der Magellanstraße. – Läuft es gut? – Habe ein paar Kontakte. – Vermassle es diesmal nicht. Sonst war es das letzte Mal. – Ich weiß.

 

Die Straße am Ende der Welt von Anaïs Le Berre und Lucile Prin
 

Kurzfilm, ca. 14 Minuten, bis 22.11.2015 um 00:34 Uhr zu sehen unter arte+7: hier

 
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Plötzlich trug sie einen schwarzen Blazer in die Uni, ähnlich dem der Dozentin, die Erotikthriller schrieb. Irgendwie fand sie es gut, bei den Hausaufgaben ganz frei zu arbeiten, Regeln zu durchbrechen. Diese verrückten Fotoprojekte. Wie sie mit den beiden im Zug rausgefahren war. Trotzdem musste das Konzept einer Arbeit aufgehen. Vielleicht einen Ort zu zeigen, nicht den Eifelturm, sondern ein Graffiti kombiniert mit einem Tattoo auf einem Bein. Warum die Frau ihr gefolgt war? Weil sie ihre Handtasche geklaut hatte. Sie enttarnte ihren Witz als Witz und war dabei rot geworden. Bestimmt hatte es die Dozentin gemerkt. Und dann stand sie immer noch da, obwohl das Gespräch beendet war. Bei der Verabredung in ihrer Wohnung, am Freitag Abend, trugen beide Frauen schwarze enge Kleider. Sie bot erst Whiskey an, dann Wein. Die Dozentin wollte, dass sie ihr das Lied vorsang. Sie nahm die Gitarre. Es war ein Lied von der Nichtigkeit einer Liebeserklärung, also eine Liebeserklärung.

 

Herzstolpern von Alice Duart

 

Kurzfilm, ca. 34 Minuten, bis 22.11.2015 um 1:25 Uhr unter arte+7: hier

 


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