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Archiv: Lyrik-Taschenkalender


 
 
 

Es ist die vierte Ausgabe eines von Michael Braun herausgegebenen Gemeinschaftsprojektes, von dem ich hier bereits erzählt habe, und das nur aus verkaufstaktischen Gründen als „Kalender“ daherkommt, das aber wie ein normales Buch funktioniert. Wir kennen den Begriff des „Sequencing“ aus Musiksendungen im Radio. Es geht darum, die Reihenfolge der Stücke zu gestalten, sie so ineinander übergehen zu lassen, dass etwas entsteht, das mehr ist als die Summe der Stücke. Diesem Gedanken folgt auch der Aufbau einer durchdachten Zeitschrift oder Anthologie, – und auch des Lyrik-Taschenkalenders. Deshalb beginnt diese Sammlung mit einem Liebesgedicht von Goethe, das einen Moment umschreibt, der so nicht bleiben kann. Und am Ende, in einem Kommentar von Urs Allemann zu einem Jandlgedicht heißt es: „Ich lebe. Aber wie lang noch?“

Dazwischen alles, was das Leben und die Sprache hergibt. Der Aufenthalt in einem Stipendiumsort, eine heimliche Liebesgeschichte mit einem Geistlichen, Lebensrettung durch einen Herzschrittmacher. Eine Dichterin in der Badewanne, das ist mehr die Betrachung einer Kachelwand und weißem Schaum. Andreas Altmann, der seine Gedichte immer draußen schreibt, verknüpft eine Landschaftsbetrachtung mit der Geschichte der DDR und einer Wiese, auf der alle Schafe schwarz sind. Marcel Beyer, einer der wichtigsten Historiker in der Gegenwartslyrik, hat ein Gedicht von Hoffmann von Fallersleben ausgewählt, das in einer Geheimsprache verfasst ist, und er bezeichnet den Verfasser des Textes der Nationalhymne als „Andreas Baader seiner Zeit“. Meine Wahl traf das Anfangsgedicht aus Jennifer Poehlers leider einzig gebliebenem Band „Türkises Alphabet“, ein Buch, das ich zehn Jahre lang immer in meiner Nähe hatte, weil die Leichtigkeit ihrer Worte alles Schwere schweben ließ. Levin Westermann hat das Gedicht „Alter Mann“ des Schweizer Schriftstellers Renato P. Arlati ausgewählt und er spricht von der Bedeutung des Schweigens für das Gedicht.

 

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Der Lyrik-Taschenkalender 2016 enthält – in der Reihenfolge ihres Auftretens – kommentierte Gedichte von: Johann Wolfgang von Goethe (Willkommen und Abschied), Sarah Kirsch (Aus: Wiepersdorf), Peter Rühmkorf (Wo die Götter die Daumen drehen), Nora Bossong (Große Exerzitien), Johann Christian Günther (Als er der Phillis einen Ring mit einem Totenkopf überreichte), Sibylla Schwarz (Auß dem Lob einer Nachtmusic), Katharina Schultens (susurrus), Quirinius Kuhlmann (Liebküsse Jesu), Albert Vigoleis Thelen (Franziskanerhütte), Andreas Gryphius (An die Sternen), Henning Ziebritzki (Lamellenstunde), F.-G. Klopstock (Die frühen Gräber), Paul-Henri Campbell (Implantable Pulse Generator), Judith Zander (und wo kein ausweg ist), Johann Wolfgang von Goethe (Nähe des Geliebten), Marion Poschmann (vage Einsichten), August Graf von Platen (Ghaselen 25), Martina Weber (beim durchblättern dieser bewerbung), Ulrike Draesner (Sub-sub „p“), Wilhelm Müller (Der Lindenbaum), Levon Westermann (der leere raum mit schwarz), Annette von Droste-Hülshoff (Die Mengelgrube), Henning Ahrens (Bekenntnis), Dirk von Petersdorff (Von Jena), Tom Schulz (Nysa), Hendrik Jackson (Rauschen), Andreas Altmann (geschichte im landschaftspark), Erich Arendt (Sétif), Ernst Jandl (Der wahre Vogel), Joachim Ringelnatz (Schindluder), Franz Josef Czernin (auch rex, ruinen, vögel), Jügen Theobaldy (Blüten, Stile, Blumen), Marina Zwetajewa (Baut einer kein Haus), Oskar Loeke (Genesungsheim), Mirko Bonné (An Bobrowski), Jennifer Poehler (fortgezogenes stück land), Martin Zingg (Hinterhof Nachteile), A.H. Hoffmann von Fallersleben (Rotwälsch), Marcel Beyer (Deine Silbe Grimm), Anja Utler (entgegen zu stehen IX), Dagmara Kraus (voyeuse klinkt nicht), Franz Dodel (Aus: Mikrologien), Thomas Rosenlöcher (Fenster im Spiegel), Hans Arp (Mein eigenes Gesicht), Asmus Trautsch (Erinnerung, unangebahnt), Rainer Maria Rilke (Mausoleum), Renato P. Arlati (Alter Mann), Tobias Roth (Dämmerung), Ludwig Steinherr (Isaaks Opferung), Urs Allemann (altern als problem für brünstler), Martin Zingg (Zuguterletzt), Ernst Jandl (die ersten zwölf zeilen).

 

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Präsentationen der Gedichte und Kommentare:

19.11.2015: „Lyrik-Taschenkalender 2016 + Space race“

Mit Paul-Henri Campbell und Michael Braun

Ort: WortReich Buchhandlung, Blumenstraße 25, 69115 Heidelberg

Beginn: 20.00 Uhr

02.12.2015: „Lyrik-Taschenkalender 2016“

Mit Michael Braun und Martin Zingg

Ort: Eikones – Institut für Bildkritik, Rheinsprung 11, 4051 Basel/Schweiz

Beginn: 19.30 Uhr

09.12.2015: „Lyrik-Taschenkalender + erinnerungen an einen rohstoff“ 

Mit Michael Braun und Martina Weber

Ort: YPSILON-Buchhandlung, Berger Straße 18, 60316 Frankfurt

Beginn: 20.30 Uhr

2.01.2016: „Lyrik-Taschenkalender 2016“

Mit Michael Braun und Henning Ziebritzki

Ort: Galerie piberhofer k produktion, Schwartzkopffstraße 3, 10115 Berlin

Beginn: 19.30 Uhr

 

 
 
 

Ich habe dieses Buch nicht gekauft, weil ich einen Kalender für das laufende Jahr bräuchte. Es ist ein einzigartiges Projekt, eines, das ich so noch nirgendwo gesehen habe. Michael Braun ist einer der renommiertesten Lyrikkritiker und der Lyrik-Taschenkalender, den er seit dem Jahr 2013 herausgibt, ist sein Herzensprojekt. Für jede Ausgabe lädt er 17 deutschsprachige Lyrikerinnen und Lyriker ein, zwei Lieblingsgedichte in deutscher Sprache zu kommentieren, ein zeitgenössisches und einen Klassiker. Außerdem kommentiert Michael Braun jeweils ein Gedicht der eingeladenen Dichter. Auf diese Weise lernt der Leser die Lyriker von verschiedenen Seiten kennen, durch ihre Werke und ihre Kommentare. Ich setzte mich gleich nach dem Kauf in einen Park, in die Sonne, weil ich wissen wollte, welche Gedichte Nadja Küchenmeister ausgewählt hatte. „Allein, den Denkvorgang zerlegt, allen Verstand zurück-/ gelassen am Ort des Aufbruchs, …“ (Ernest Wichner). Ein Gedicht mit einem nachdenklichen lyrischen Ich im Zentrum. Es gibt aber auch die Gegenposition. Carolin Callies schreibt zu einem Gedicht von Hans Arp: „… seit das Subjekt tot ist, ist „ich bin“ keine Option mehr.“ Und freut sich über die Beliebigkeit und totale Freiheit des Ich.

 

„Mein eigentum und mir unendlich fern.“ (Stefan George)

 

Die Konzepte sind vielfältig. Da gibt es ein „Erkunden ohne große Ambitionen“ (Jürgen Theobaldy über Hugo Dittberner), eine „Ermutigung zur Vergeblichkeit“ (Sylvia Geist über Rolf Dieter Brinkmann), Matthias Göritz erkennt in einem anonym verfassten Gedicht das Ausgestoßen-Sein einer unehelich Schwangeren und die erlösende Kraft der Liebe. Angesprochen wird die Außenseiterstellung des Dichters, die Rolle des Zufalls beim Dichten, das Begehren des Stefan George. Welche Wirklichkeit kann Sprache abbilden? Hendrik Rost (Jahrgang 1969) erzählt in seinem Gedicht „Requiem“, wie sein älterer Dichterkollege Thomas Kling (1957-2005) ihn einmal anrief und nur sagte: „Ich beobachte, was du so machst.“ Wahrscheinlich eher eine ausgedachte, aber sehr schöne Geschichte, die auch die Hierarchien im Literaturbetrieb thematisiert.

 

„Du aber gehst mit weichen Schritten in die Nacht.“ (Georg Trakl)

 

Michael Braun spricht nur selten deutliche Werturteile aus und nähert sich den Gedichten und ihren Autoren mit einem kühlen, analytischen Blick, immer getragen von einem beeindruckenden Verständnis und Gespür für Hintergründe. Die Herangehensweise der Künstler ist von einer anderen Art der Leidenschaft getragen, weil es auch immer darum geht, sich selbst zu definieren. So erzählt einer von seinen Anfängen als Dichter, als Georg Trakls „An den Knaben Elis“ für ihn und seine damalige Freundin eine Droge war. Auf der Suche eines Lebens zwischen Normalität und Kunst. Eine schreibt, sie habe oft an das von ihr kommentierte Gedicht von Christine Lavant gedacht und weiterleben können. Das Spannende an diesem Buch ist die Möglichkeit, Lyriker aus verschiedenen Perspektiven kennenzulernen: mit einem Gedicht, einem Kommentar zu diesem Gedicht (meist von Michael Braun), und zwei ausgewählten und kommentierten Gedichten, einem zeitgenössischen und einem Klassiker. Die Auswahl dieser Gedichte und die Kommentierungen werfen dann nochmals ein Licht auf die poetologische Position des jeweiligen Dichters/der Dichterin. Gegenwärtige Diskurse werden spürbar. Bezüge zu Traditionen. Abgrenzungen. Es geht immer darum, neue Themen und Ausdrucksformen zu finden. Die Nähe des Gedichtes zum Schreibenden neu auszuloten. Wie wirkt sich die Postmodernediskussion auf die Lyrik aus? Ist das lyrische Ich zeitgemäß oder – nach einer Phase der Ich-losigkeit – wieder ein hohes ästhetisches Wagnis? Es gibt keine Antworten, keine Eindeutigkeiten. (Ich mag das!) Der Lyrik-Taschenkalender lädt dazu ein, die gegenwärtige Lyrikszene kennenzulernen und die eigene sprachliche Wahrnehmungskompetenz zu erweitern.

 

„sich selbst / erreicht man nicht / durch nachdenken“ (Michael Lentz)

– Gedichte von Zeitgenossen und von Klassikern? Wie definieren Sie den Begriff des Klassikers? Hat das etwas mit dem gesetzlichen Urheberrecht zu tun, das 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers erlischt?

– Nein, schrieb mir Michael Braun, meine (völlig subjektive) Trennung zwischen Klassikern und Zeitgenossen ist das Jahr 1970, der Tod Paul Celans.

Der Lyrik-Taschenkalender 2015 enthält Gedichte und/oder Gedichtkommentare von:

Hans Arp, Mirko Bonné, Rolf Dieter Brinkmann, Carolin Callies, Hugo Dittberner, Annette von Droste-Hülshoff, Ralph Dutli, Christopher Ecker, Sylvia Geist, Stefan George, Johann Wolfgang von Goethe, Matthias Göritz, Anastasius Grün, Anneliese Hager, Emmy Hennings, Ernst Herbeck, Peter Hille, Norbert Hummelt, Gottfried Keller, Jan Koneffke, Ursula Krechel, Nadja Küchenmeister, Jan Kuhlbrodt, Christine Lavant, Michael Lentz, Friederike Mayröcker, Klaus Merz, Martin Merz, Franz Mon, Eduard Mörike, Herta Müller, Alexander Nitzberg, Steffen Popp, Marion Poschmann, Arne Rautenberg, Hendrik Rost, Katharina Schultens, Peter Sendtko, Christian Steinbacher, Jürgen Theobaldy, Georg Trakl, Clemens Umbricht, Jan Wagner, Ernest Wichner, Ron Winkler, Paul Wühr, Henning Ziebritzki, Carsten Zimmermann, Albin Zollinger.

„Ich erwache / unter Stimmen / die Lieder vom Meer“ (Martin Merz)
Sehr lesenswert und keineswegs veraltet sind auch die Lyrik-Taschenkalender 2013 und 2014.

Michael Braun (Hg.): Lyrik-Taschenkalender. Wunderhorn Verlag Heidelberg

 


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