Archives: Dienstag, 10. November 2015
2015 10 Nov.
Orientales, la patria o la tumba
Lajla Nizinski | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
2015 10 Nov.
Die Sache mit Bob
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Anna von Hausswald, Bob Dylan, Christina Vantzou, Fuchjagd, Pantheismus, Patti Smith, Roberto Bollani, Strawberry Fields Forever | 1 Comment
Pantheismus und Haustiere haben eine lange Geschichte, Bob Dylan eine vergleichsweise kurze, die aber mit der nun zwölften Edition seiner Offiziellen Bootlegserie einen neuen Höhepunkt erfährt. Wer die 18-CD-Fassung braucht, ist bereits ein Dylan-Besessener. Da kann man sich auch ein Pferd anschaffen, und mit ihm viele gute Jahre zusammen verbringen, statt es den tiefgefrosteten Geistlichen im Vatikan gleichzutun, und in kryptischen Versen nach Deutungshoheit streben, mal werkimmanent, mal mit biographischer Aussicht.
So bleibt Dylan wirklich „forever young“, auch nach seinem Tode wird die Sekdundärliteratur Possen und Blüten treiben und auch mal die Seligsprechung einfordern. Franziskus, der Papst mit der Blume im Haar, wäre der Richtige dafür, aber der ist ja nun auch kein junger Hüpfer mehr. Es gibt keinen Zweifel an dem Klassiker-Status dieser drei Platten aus den Sechzigern, aber mich haben sie nie von vorne bis hinten mitgerissen. Andere Platten Dylans waren mir wichtiger. Hier werden sie nun seziert, als „work in progress“ dargeboten, mit reizvollen Varianten, schnellen Sackgassen.
Aber das kann natürlich a u c h ein sinnliches Vergnügen sein, dieser Suche nach der geglücktesten Form eines Liedes nachzuspüren, und zwanzig Versionen von „Like A Rolling Stone“ sind schon ein abendländisches „Brett“. Leicht spricht die Rockmusik hier vom „heiligen Gral“, und der ist sowieso meistens ein Irrweg, gerne von Verblendeten heimgesucht, von Obsessiven, Erlösungssüchtigen, Baumumarmerinnen, und Nebelkerzendesignern. Überhöhungen verhindern den Transfer des Glücks (eines Songs) ins eigene Leben: was man vom Sockel holt, ist einfach nur Beschwernis.
Dylan ist ein grosser Geist, Sänger, ein Medium, ein Verwandlungskünstler, ein exzellenter Dekonstruist (ich sage oft hinreissender Liedzersäger), aber ich dosiere ihn lieber in kleinen Einheiten. So bleibt er mir nah. Und lebendiger. Und wie gesagt, statt HIS BOBNESS zu zelebrieren: versuchen Sie es mal mit Katze, Hund, Schaf, Ratte, HAUSSCHWEIN (!) oder einem Aquarium. Und kämpfen Sie gegen die Fuchsjagd in England! So toll ist das auch nicht, wenn auf Ihrer Beerdigung „One More Cup Of Coffee For The Road“ gesungen wird!
Aber, klar, nochmal, Bob ist gut. Ich bin nur etwas gesättigt, und daher ein klein wenig neugieriger auf auf die jüngsten Arbeiten von Anna von Hauswolff, Christina Vantzou, und das Buch „M Train“ von Patti Smith. Letzteres hat vielleicht noch Zeit bis Weihnachten. Aber Victoria Segal hat mich doch mit ihrer kurzen Besprechung im „Mojo“ (Dezember) sehr neugierig gemacht, auf Pattis nicht ganz unskurrile Alltage, ihre interessanten Marotten, und die chronische Unfähigkeit, für Roberto Bollano hundert Verse zu schmieden. Patti Smith hat bestimmt einen Hund.
2015 10 Nov.
Alte Bekannte im Marais und Umgebung
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Achim Kaufmann, Alan Stivell, Banksy, Claude Monet, Colin Farrell, Leonard Cohen, Paris, Rachel McAdams | Comments off
Man muss gar nicht lange wandern, um vertraute Figuren in Paris zu finden. Monet hatte alle Zeit der Welt, in der L’Orangerie die Stellung zu wahren, seine immensen Seerosen sind eh über das Saisonale erhaben und haben jede klare Taktung von Raum und Zeit verloren. Vor dem morgendlichen Croissant ertönte, bis in die Dusche hinein, Achim Kaufmanns nie langweilig werdende Solopianoplatte Later. „It’s all over now, Baby Blue“ ohne Zuckerrand zu servieren, ist stets ein Lächeln wert. Alan Stivell hingegen lockte gleichsam aus dem Nebel alter Erinnerungen (und einem zufällig erhaschten Plakat) in einen Musikclub, und dann ertönte die keltische Harfe aus bretonischer Urzeit zu Melodien, die sich früh in den Siebzigern, aber auch nicht zu lange, in unseren Ohren eingenistet hatten. Er hatte sich all seine Lebendigkeit bewahrt, ihr allerdings nie neue Schärfe hinzugefügt – ein schöner Traum. Wir haben hierzulande natürlich keinen alten Kelten, gewiss ein paar archaische Geister, die aber weder Gröni noch Westi heissen, und auch keinen Rumpelrock mit Sinn- und Sinnlichkeitskrämpfen pflegen. Hat Patrick Modiano unsern Weg gekreuzt, ich habe keine Ahnung, seinen Schritten ist wohl eine Flüchtigkeit inne, die etwas Geisterhaftes verströmen, spürt er doch immerzu einen fernen Widerhall auf, gern herrgottsfrüh in wenig begangenen Gassen. Immerhin grüsste aus dem Schaufenster eines Buchladens im Marais unser alter Freund Banksy (s. Blogroll) mit frohen Botschaften, die weder froh sind noch Botschaften, vielmehr kleine scharfe Spiegel. Und dann waren da noch spätabends, in der Rolle seines Lebens, Colin Farrell, und die nicht minder nahgehende Rachel McAdams, in der letzten Folge der umstrittenen, in meinen Augen atemraubenden Zweiten Staffel von True Detective. Alle acht Folgen eröffnet Leonard Cohen. Es ist gut, im tiefsten Seelenschwarz ein paar gute Geister um sich zu haben.




