Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

You are currently browsing the blog archives for the day Donnerstag, 30. Juli 2015.

Archives: Donnerstag, 30. Juli 2015

Aus gegebenem Anlass: Jazz em Agosto in Lissabon
 
 
Zunächst ist man skeptisch, wenn man liest, um was es sich bei diesem Album handelt: um das Update eines Werkes, das der junge Österreicher Mantler 1968 als Fünfundzwanzigjähriger mit den ebenfalls jungen Grössen einer kleinen New Yorker Szene dort aufnahm, das heisst mit ebenso eigenwilligen und höchst fähigen Musikern wie Cecil Taylor, Don Cherry, Gato Barbieri, Roswell Rudd, Pharoah Sanders etc … Es ist evident, dass die Entstehungssituation dieser Musik weder mit den alten (soweit noch verfügbar) noch mit neuen Musikern auch nur annähernd zurückholbar ist. Mantler hat also eine Reihe von Eingriffen in das Werk vorgenommen, wozu auch andere Instrumentationen gehören. U.a. spielt im Update die elektrische Gitarre, besetzt durch Bjarne Roupé, eine prominente Rolle. Neu eingeführt auch ein Streichquartett besetzt durch das Radio.string.quartet.vienna. Für solche Bearbeitungen, die man bei klassischen Komponisten für recht normal ansieht, gibt es zahlreiche berühmte Beispiele.

Was ist dann im Mantlerschen Fall anders und was liefert uns dieser Update, der mit der 19köpfigen Nouvelle Cuisine Big Band unter Leitung von Christoph Cech aufgenommen wurde? Wenn man hineinhört, was auch in beliebiger Reihenfolge der Tracks möglich ist, ist man erstaunt. Erstaunt über die Wucht dieser Musik, ihr wild-fröhliches, fast unbekümmertes Herumströmen. Erstaunt über das, was da alles beinahe urwüchsig auftaucht, sich verbindet und verschwindet. Intuitiv bestimmt, aber getrieben von starkem Formempfinden und Ausdruckswillen. Vor allem aber kann man (immer noch) klar hören, dass die Klänge aus dieser, d.h. jener Zeit stammen, dass sie auch in diesem Update noch reichlich jene Zeit atmen.

Jüngere oder jüngste Musiker aus dieser, der heutigen Zeit würden so nicht schreiben (können). Die Updates enthalten diese Spannung und zeugen mit der nötigen Dialektik vom damaligen Tumult – um ein einschlägiges Wort Enzensbergers zu gebrauchen. So gesehen ist es gut, dass man die Originalaufnahme nicht dabei hat. Neugierig wird man schon. Nicht nur auf die alten Aufnahmen, sondern auch auf die Beantwortung der Frage, wo die Unterschiede zu dem liegen, was vergleichbare Dreiundzwanzigjährige heutzutage an Musik entwerfen.
 
Mantlers Update ist bei ECM herausgekommen. Die Rezension ist eher auch im Printmagazin Jazzthetik erschienen.
 
Mantlers Werk wurde beim Moers Festival gespielt (siehe ARTE tv und meine Besprechung) und nun, ein paar Monate später mit dem besten grossen Jazzensemble von Portugal, dem Orquestra Jazz de Matosinhos aus Porto eine Truppe, die eine stolze Tradition der Zusammenarbeit mit Jazzgrössen hat.

 
 
Besetzung In Lissabon
 
 
CHRISTOPH CECH (direção)

MICHAEL MANTLER (trompete)
WOLFGANG PUSCHNIG (saxofone alto, flauta)
HARRY SOKAL (saxofones tenor e soprano)
DAVID HELBOCK (piano)
BJARNE ROUPÉ (guitarra elétrica)
JOÃO PEDRO BRANDÃO (saxofone soprano, flauta)
JOÃO GUIMARÃES (saxofone soprano, clarinete)
MÁRIO SANTOS (saxofone alto, clarinete, clarinete-baixo)
JOSÉ PEDRO COELHO (saxofone tenor, flauta)
RUI TEIXEIRA (saxofone barítono)
GILENO SANTANA (trompete)
JAVIER PEREIRO (trompete)
JOÃO GASPAR (trompa)
ANDRÉ GOMES (trompa)
DANIEL DIAS (trombone)
GONÇALO DIAS (trombone baixo)
SÉRGIO CAROLINO (tuba)
DEMIAN CABAUD (contrabaixo)
JOSÉ CARLOS BARBOSA (contrabaixo)
DIOGO DINIS (contrabaixo)
MARCOS CAVALEIRO (bateria)
 
 
P.S.: Für diejenigen, die nicht gleich etwas mit dem Namen Michael Mantler verbinden können: Mantler hat immer wieder mit Robert Wyatt zusammengearbeitet, wovon auch einige Alben zeugen.

2015 30 Juli

Secret Playlist

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

Radionacht Klanghorizonte im Deutschlandfunk (17.10.2015, 1.05 Uhr bis 6.00 Uhr live)

NEULAND (1)

Mod 1

1) The Gurdjieff Ensemble / Levon Eskenian: Zulo, aus KOMITAS, CD 01, 3’04“

2) The Gurdjieff Ensemble / Levon Eskenian: Mani Asem, Tsaghik Asem, aus KOMITAS, CD 02, 1’48“

3) The Gurdjieff Ensemble / Levon Eskenian: Msho Shoror, aus KOMITAS, CD 03, 11’54“

Mod 2

4) Tigran Hamasyan / Yerevan State Chamber Choir: Voghormea indz Astvats, aus Luys i Luso, CD 10, 9’33“

5) Eivind Aarset: Sakte, aus I.E., CD 02, 7’48“

Mod 3

6) Flanger: Spin, aus: LOLLOPY DRIPPER, CD 06, 7’29“

7) Johann Johansson: Tunnel Music, aus SICARICO (O.S.T.), CD 14, 4’39“

Mod (4) – (soundtrack in the background)

NEULAND (2)

STERNZEIT

Mod 5

8) Sons of Kemet: In Memory of Samir Awad, aus LEST WE FORGET WHAT WE CAME HERE TO DO, CD 01, 7’40“

9) Low: Gentle, aus ONES AND SIXES, CD 01, 3’40“

Mod 6

10) Elephant 9 with Rainer Fiske: The Above Ground Sound, aus SILVER MOUNTAIN, CD 05, 20’07“

11) Lloyd Cole: Benson, aus ELECTRONICS 2012-2014, CD 01, 4’00“

Mod 7

12) Julia Holter: Vasquez, aus HAVE YOU IN MY WILDERNESS, CD 09, 6’40“

13) Anthony De Mare: LIAISONS (ECM NEW SERIES)

NAHAUFNAHME: HUBRO HOUR

ZEITREISE (1)

ZEITREISE (2)

 

 
 
 

Flying Saucer Attack’s new album, simply called „Instrumentals“, is a fine example of an artist who does an old-school job with guitar and tape delay – and succeeds. Nothing much happens here, all has been there before, somehow, somewhere, between bedroom record history, ambient music, and delicate noise. But here it is, nearly undescribable: the magic factor „X“ that captures our attention or lets our thoughts run wild (in slow motian). Not a bad idea to listen to this music in the background while reading the first chapter of „How We Are“, ahem, in parts, a, well, self-help book: don’t run away now. And why should you? Some change might be welcome in the best of lifes. It’s on the bright side of this genre, a richly textured book about breaking routines and patterns, or just about sticking to well-trodden paths. (“Don’t try to change me,” Bertie Wooster says in one of PG Wodehouse’s stories. “It spoils the flavour.”). Vincent Deary is a psychologist and philosopher, and he’s moving far beyond the simple pleasures of „positive thinking“: „We live in rooms haunted by ourselves”. You are the main character of this book, dear reader, one that might make spin your head, in good ways. And you can have a lot of fun when reading the book, cause Dreary never turns on the modus operandi of a guru. Be happy you’re not the protagonist of the brilliant new thriller of Carol O’Connell: of course Mallory is a young, attractive, female and intelligent detective, but, she’s a sociopath, too. Carol O’Connell is quite unknown in Germany, but her „Mallory novels“ belong to the rare examples of thrillers pushing boundaries and successfully mixing elements of surrealism with American nightmares, black humour and highly inventive story-telling. „The Chalk Girl“ („Kreidemädchen“, btb-Taschenbuch) is a pure reading adventure, the translation very good.  In some ways you can regard Fred Vargas as a soulmate of Carol O’Connor. Kicking genres is their favourite game. „The Strange World of the Strands“ offers insights into another dream world, but here we are in Liverpool, watching Michael Head (back in the late 90’s) finding buried melodies in the Mersey River, fighting demons of drug addiction, searching for exits, love and a way out of a self-built prison. With songs that go under your skin. 

2015 30 Juli

Verloren auf der Mother Route

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

„Das ist das Fragwürdige am Fortschritt: Im Licht der Städte kannst du die Sterne nicht mehr sehen.“ Unendlich ernst vorgetragener Existenzialismus aus den siebziger Jahren, Lebensweisheiten eines Tramps. Mallory, Katzengesicht, grüne Augen, kein Vorname, hat auf dem Beifahrersitz ihres als VW-Käfer getarnten Porsche einen Packen alter Briefe liegen.

Diese Reiseerinnerungen und ein Guidebook mit den Sehenswürdigkeiten der mythischen Route 66 sind ihre Orientierungshilfen. Und die Leichen, die ein Serienkiller am Rande der Nebenstraßen drapiert hat, die einmal die berühmteste Verbindung zwischen Chicago und Santa Monica waren.

Carol O’Connell, geboren 1947, hat Kunst studiert und sich lange mit Gelegenheitsjobs und surrealistischer Malerei durchgeschlagen. Surrealistisch sind auch Szenerie und Erzählweise ihres neuen Kriminalromans Such mich! Alles ist im Fluss. Mit schnellen Sprüngen zwischen den Szenen in New York (Auffindung einer erschossenen Frau in Mallorys Apartment), Chicago (vor dem Institute of Art liegt eine Leiche und weist westwärts: dieser Route müsst ihr folgen) und Tankstellen, Imbissen, Telefonzellen gerät der ganze Roman in rollende Bewegung.

Wie aus dem Fenster eines fahrenden Autos gesehen sind die Szenen mal scharf, mal verschwommen. Eingeschoben Briefzitate, Bibeltexte, Albträume. Als Kind hatte Mallory täglich in der Central Station New Yorks die Vorübereilenden gemustert: Hast du meine Augen, bist du mein verschütt gegangener Vater? Jetzt ist sie erwachsen, gehärtet vom Schmerz. Sie ist die coolste, gefühlsärmste, penibelste und erfolgreichste Kriminalbeamtin New Yorks. „Eine Soziopathin“, sagt ihr Partner Riker, und man weiß nie, was sie tun wird.

Mit ihrem getarnten Geschoss rollt sie die Route 66 lang, inmitten eines Pulks von Eltern, die die Fotografien ihrer seit Jahren vermissten Kinder hochhalten. Unter ihnen ein abtrünniger Priester und Internet-Therapeut. Der hält – doppelt an Beichtgeheimnis und ärztliche Schweigepflicht gebunden – mobiltelefonisch Kontakt mit dem Killer, der nicht mehr, wie früher auf kleine Mädchen aus ist, sondern auf größere Opfer.

Die Kinder hat er an der Mother Route vergraben, und die Eltern hoffen, das die Jammerkavalkade begleitende FBI-Team werde ein paar der wieder ausgebuddelten Knöchelchen ihrer Familien-DNA zuordnen können. Dieser Zug der verzweifelt Hoffenden entlang einer sterbenden und musealisierten Straße, flankiert von dem rasenden kalten Engel Mallory ist ein verstörendes Bild amerikanischen Lebens – wahrhaftig, weil durch eine dieser polarisierten Sonnenbrillen verzerrt betrachtet.

O’Connell erzählt ihre Detektivgeschichte als Abenteuer, als traumatisch-groteske Wiederkehr des großen amerikanischen Trecks nach Westen, als Reiseepos zur Erlösung durch Untergang. Mallory wird, das darf verraten sein, ein Ende ihrer persönlichen Suche finden. O’Connell hat mich süchtig gemacht. Im Sommer will der Verlag den ersten Band der Serie mit Mallory wieder veröffentlichen. Und dann: immer weiter!“ (Tobias Gohlis, unredigiertes Skript, Die Zeit, 2010) 


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz