Wilfried begeisterte sich damals, wie viele andere, für Shankars Langspielplatte SONG FOR EVERYONE. Die läuft jetzt gerade hier, als CD, in einem Balkonzimmer im Marais. Wunderbar, immer noch, nach all den Jahren. Manchmal scheint die Lust am Leben überschäumend und dermassen traurig zugleich, und Ray Davies hat den ultimativen Song darüber geschrieben: „Days“. Morgen die Ausstellung von Pierre Bonnard: Diena Verny hatte einen speziellen Blick auf den Maler. Und Pierre Bonnard hatte zweifelsohne einen speziellen Blick aud Diena Verny. Sie stand, lag, bewegte sich als sein Modell. Sie sollte ihn dabei vergessen. Wie geht das? Die eine enthüllt sich, der andere bannt sie, wenn er nicht gar selbst unter einem Bann steht. Er stand meist im Schatten, sie nicht immer im Licht. Das war gewollt. Dass der Blick mal sehnsüchtig war, mal diskret, mal verloren, mal verwundert, irritiert! Ein Voyeur war Bonnard, ein schwankender, suchender, melancholischer. Denn alles würde entgleiten, das war sein einzige Gewissheit. Wie nährt sich ein Maler von verstohlenen Blicken? Hier ihre Sätze für die Nachwelt: „Für ihn Modell zu stehen war eine andersartige Erfahrung als mit den übrigen Malern. Er wollte nicht, dass ich mich ruhig verhielt. Was er wünschte, war Bewegung. Er verlangte von mir, vor ihm zu `leben´, indem ich ihn vergessen sollte. Was er suchte, war das Leben und dessen Abwesenheit zugleich.“ Und die synthetische Perkussion ist einfach nur bezaubernd, auf dem „Song für jedermann“! Die Kreise schliessen sich einmal mehr, z.B. Im Hafensommer Würzburg 2015: Sly & Robbie meet Nils Petter Molvær (feat. Eivind Aarset & Vladislav Delay) – „Jamaica meets Scandinavia“.
Archives: Donnerstag, 9. Juli 2015
2015 9 Juli
Wilfried Pasch lag völlig richtig!
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off
2015 9 Juli
Jetzt im Kino: „It Follows“
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Tags: Horror, It Follows | 8 Comments
Die Musik von Disasterpeace (Rich Vreeland) ist der Soundtrack, den solch ein minimalischer Horrorstreifen benötigt. Mit Echos von Cage, Carpenter und Penderecki. Ohne die laufenden Bilder macht er nur Sinn, wenn man etwas zum Film erzählt, der in und um Detroit herum gedreht wurde. Eine urbane Kulisse, die immer mehr zur Geisterstadt taugt. Alles wirkt seltsam retro in diesem Film, der sich in einem Nirgendwann zwischen den Siebzigern und der Gegenwart zu bewegen scheint. Wenn zu Anfang die blonde Jugendliche in High Heels verwirrt auf die Strasse läuft, wähnt man sich in einem Traumszenario.
Überhaupt scheinen sich die jugendlichen Protagonisten in einer Art Blase zu bewegen, zwischen der Zeit des Erwachsenseins und den Geschenken der Kindheit, die immer noch den grösseren Charme besitzen. Man liest auf E-Books (die wie digitale Poesiealben aussehen) Dostojevskis „Idiot“, man guckt alte Schwarzweissfilme mit Cops und Sternenreisenden, man ist vielleicht ein wenig gelangweilt, aber man ahnt und weiss, wie wichtig Freundschaften sind. Die Geschwister zicken nicht miteinander, man ermutigt sich, in dieser Welt, in der die Erziehungsberechtigten ein relatives Schattendasein führen. Und wenn dann das Grauen zur permanenten Bedrohung wird, ist Freundschaft allemal gefragt. Was ist man bereit zu geben, zu teilen?
Als Genrefilm bleiben verstreute Verweise auf andere Klassiker des Horrors im Vorstadtamerika nicht aus, von „Blue Velvet“ über „Carrie“ bis „Halloween“, aber nicht als ausgeklügelter Subtext für Filmjunkies – alles ist organisch verwoben, es gibt keine einzige überflüssige Szene in einem Film, der trotz einer unheimlichsten Strecken immer noch Momente unter einem dunklen Sommerhimmel findet, in der reine sanfte Melancholie herrscht, und die Gewissheit, dass die Kindheit ein für allemal vorüber ist.
Genau wie der Western, dessen Ende regelmässig verkündet wird, ist auch der Horrorfilm einfach nicht totzukriegen. Immer wieder mal kommen da wie dort kleine Meisterstücke zum Vorschein, die so „creepy“ sind, dass manche sich an die erste Gänsehaut im Kino erinnern werden. Dieser Film ist so raffiniert, dass man leicht alle Requisitenkammern vergisst, sogar die Tüte Popcorn in der Hand. It will follow you.