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Archives: Freitag, 21. November 2014

Keith Jarrett lernte ich durch Jesus kennen. Und das, obwohl ich schon lang nicht mehr in die Kirche ging. Er brachte die dunkelgrüne Kiste „Concerts Bremen / Lausanne“ in die Schule mit. Jesus hatte eine sehr schöne kleine Freundin, die ich aus der Ferne bewunderte. Gegen den Archetyp dieses in sich ruhenden Hippies mit dem wallenden Haar wäre ich damals als eher nervöser Romantiker nicht angekommen. Aber er brachte uns die Musik – und da begann vieles! Lang ist es her. The times they are a’changin‘.

Ich hätte nie gedacht, das mich noch jemals ein Keith Jarrett-Trio aus den Schuhen hauen könnte, aber hier geschieht es – natürlich keine der arrivierten, ihren Dringlichkeitswert lang ausgereizten Standards-Erkundungen des ewigen Trios mit Peacock und DeJohnette, die in der Unsumme ihrer Veröffentlichungen vielleicht fünf essentielle Alben rausgehauen haben: Standards, Vol. 1, Standards, Vol. 2, Changes, Changeless (das fünfte will mir gerade nicht einfallen). Wie man auf die Idee kommen kann, als Künstler kaum noch die Tin Pan Alley (und andere museale Zonen) zu verlassen, und ein  halbes Leben der perfekten Version von Body and Soul hinterherzujagen, will mir genau so wenig in den Kopf, wie Alt-Hippies, die sich standhaft weigern, aus dem Hotel California auszuchecken und Radiohead für ein Ratequiz der BBC halten.

Aber hier, im Juli 1972, im Hamburger Jazzworkshop, mit Michael Naura im Hintergrund, reissen Keith Jarrett, Charlie Haden und Paul Motian ein Feuerwerk ab, in dem die Musik spürbar auf Entdeckungsreise ist. Kleinste Motive des noch in der Zukunft lauernden „Köln Concert“ materialisieren sich für Momente. Entstanden nach dem Soloklassiker „Facing You“, und vor der Gründung des „American Quartet“ (mit Dewey Redman und einem frühen Statement wie „Fort Yawuh“), durchdringen sich kollektive Improvisationen, Solotänze auf den Tasten, Hadens elementares  Melodiegespür und Motians Farbenspiele und Pulsierungen: Jarretts Lustschreie und Seitensprünge mit dem Saxofon (schräg und wundersam), Hadens ergreifender „Song For Che“, den sich später auch Robert Wyatt vornahm. Ach, es ist ein Fest. Als Bootleg kursierte es schon lang, so gut klang es noch nie, Manfred Eicher und Jan Erik Kongshaug haben in Oslo das Bestmögliche rausgeholt.

Auf einem Schnappschuss während dieser kleinen Hamburger Sternstunde lächelt Keith Jarrett einmal wie ein grosser Junge. Er spürt, man ist aufregenden Dingen auf der Spur ist – die Zeit der Selbstinzenierung, der „Bayreuthisierung“ seiner Kunst und unnötigen Publkumsbelehrungen scheint weit entfernt: schade, daß Jahre des Aufbruchs so oft ihre eigene Restauration nach sich ziehen. Die „Hall of Fame“ ist ein totlangweiliger Laden der Fremd- und Selbstbeweihräucherungen. Ruhm ist eine Falle, die leicht satt macht. Hier in Hamburg springt einen der Lebenshunger aus jedem Ton an. Es war einmal. Weil das alles sowas von vorbei ist, Haden und Motian nicht mehr unter uns weilen, musste das Cover geradezu in schlichtem Schwarz daherkommen. Das war dem Zeitensprung geschuldet, schlicht ist hier nämlich gar nichts, nicht mal die einfachste folkloristische Melodie.

 
 
 

 

2014 21 Nov.

Der Nostalgiereflex

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Wie kann es sein, dass so ein unglaublicher musikalischer Schwachsinn wie das jüngste Pink Floyd-Album so wohlwollend besprochen wird, selbst von renommierten Musikkritikern wie Alex Petridis u.a.? Es ist der Nostalgiereflex. An jedem Echo aus alter Zeit (einer Anspielung an „goldene Zeiten“, die es nie gab) lassen sich Geschichten knüpfen. Und man erzählt und erzählt, und merkt gar nicht, dass das einstige „Shangrila“ der psychedelischen Rockmusik im Rückblick nur noch die eigene Lebensgeschichte absichert. Weisst du noch? Das abgesichterte „Wissen“ ersetzt jeden Blick ins Unbekannte. Und jede Prüfung einer ernüchternden Gegenwart. Schlimmste Selbstkarikatur. Welche Pilze muss man nehmen, um dem Retro-Rausch zu erliegen? Peyote, das kann nicht sein. Eher Billigchampignons aus der Dose. Etwas, das nach nichts schmeckt. Kein britischer Musikjournalist hat den vollendeten Kitsch des Albumcovers von „The Endless River“ ins Spiel gebracht, der Bände spricht. Einen besonders elaborierten Quatsch durfte man spaltenlang in der SZ zu diesem Mist von Alexander Gorkov lesen. Glaubt der das selber, oder verbucht er es unter postmoderner Ironie? Besessen wird nach magischen Momenten geforscht. Wenn man aus den CDs nur Frisbiescheiben basteln könnte: das wäre eine würdevolle Art des Recycling von Herrn Pink und Frau Floyd. Die geriatrische Abteilung der Rockrezeption hat schon lange ihre Pforten geöffnet. Die Platte verkauft sich wie doof. Titelbild in der Mojo. Als wäre das Werk ein Ereignis. After all  these years. Es ist ein Nicht-Ereignis. Die Non-Event-Kultur muss noch erfunden werden. Andy Gill war einer der wenigen, welche Hohn und Spott über dieses Machwerk gegossen haben, und der Sturm der Entrüstung war ihm sicher. Diese Verehrung alter Helden, die nur noch Requisiten rücken, ist peinlich. Da kann man auch gleich Zeuge Jehovas werden. Oder das faschistoide Weltbild von Scientology als Weltkulturerbe verhökern. Alles Wahnsysteme – in solcher Musik bleibt der Irrsinn wenigstens harmlos. Bis auf ein paar Gift spritzende Fans, die den Schluss nicht gehört haben. Vor Jahrzehnten.

 

 
 
 

Jokleba ist das Trio des Pianisten Jon Balke, des Trompeters und Sängers Per Jorgensen sowie des Trommlers und Elektronikers Audun Kleive. Vor Beginn ihrer Europatournee, die morgen in Bristol endet, schrieb mir Jon Balke folgende Mail über das verstörende und widerspenstige Werk eines bereits seit fünfzehn Jahren existierenden Trios:

“Sämtliche Stücke von Outland entstanden aus einem Zustand der Fassungslosigkeit über den Zustand der Welt, der, während unserer Aufnahmen, in direkten Wahnsinn umschlug. Wir nahmen OUTLAND im Frühjahr auf, als all die schrecklichen Dinge aus der Ukraine und Syrien zu uns drangen, und das Barbarentum der islamischen Terrorbrigaden: uns kam es so vor, als würden wir kollektivem Irrsinn direkt ins Auge schauen. Wir haben kein Interesse daran, Programmmusik zu machen, aber diese Realitäten spiegelten sich im Herausströmen der Sounds. Wir versuchten, die Infomationsstücke zu sortieren, mit denen wir gefüttert wurden, und fortlaufend wurden wir von anderen Dingen abgelenkt. Auf die gleiche Weise wird die Klarheit in der Musik, ihr Puls, jedem Mitspieler in kleinsten informationseinheiten angeboten, dabei aber ständig auseinander gerissen von plötzlichen Strömungen paralleler oder gegenläufiger Information. Das Album ist kein Karriereschritt in eine neue Richtung, es ist ein direktes Dokument der Energien, die im Frühjahr 2014 zwischen uns flossen.“

Mit einer Spielweise, die allen Regeln eines groovefreudigen Jazz widerspricht, mit bizarren Sounds, und einer Palette zwischen abgrundtief brüchiger Melancholie und gespenstisch eruptivem Furor ist Jokleba eine so aufregende wie widerspenstige Produktion gelungen: in diesem Jazz fliegen Fetzen, stolpern Rhythmen – und auch wenn Balke, Jorgensen und Kleive auf der Bühne nicht in exotisch Masken schlüpfen, sind gewisse Parallelen zu einigen Stilelementen des frühen Art Ensemble of Chicago alles andere als weit hergeholt. Bei den Chicagoer Pionieren wie bei den drei Norwegern geht es auch da, wo die Musik, surreal, wild, unberechenbar daherkommt, darum, eigene Ideen nicht zu lange in sicheren Zonen zu dulden. Jokleba trauen ihren Kontrasten und Brechungen zurecht emotionale Durchschlagskraft zu: gerade in solch rauen, explosiven energiefeldern gewinnen lyrische Momente eine besondere Strahlkraft (jenseits des gepflegten, guten Tons).

Wenn sich laut Jon Balke bei „Outland“ die Musik nicht zuletzt „um den Verstand dreht, wenn er dabei ist, verloren zu gehen“ – ein Titel lässt den Kinoklassiker „Einer flog über das Kuckucksnest“ anklingen – dann handelt das Album eben nicht nur von der Wut über die Schräglage der Welt anno 2014. Mit OUTLAND legt das Trio das Potential offen, dass der Jazz auch da entfalten kann, wo einzelne seiner sogenannten gesicherten Bestandteile zu kollabieren drohen. Diese Arbeit verlangt vollkommene Konzentration und belohnt sie mit einem nur zu Anfang verwirrenden Klangfarbentheater, mit aufblitzendenden, abtauchenden Ideen der atemraubenden Art, mit lerztlich kinderleichten Drahtseilakten. Der Jazz braucht wueder mehr Chaosforschung, Jokleba bietet dazu ein paar unvergessliche Lektionen. Wehe, wer jetzt an Free Jazz denkt.

Zum Ende des Jahres erscheinen bei ECM einige umwerfende Alben: Keith Jarrett, Charlie Haden und Paul Motian spielen in Hamburg 1972 wie entfesselt (jetzt wird das lang kursierende Bootleg, klanglich überarbeitet, offiziell!), es ist nicht mehr lange hin bis zum „Köln Concert“, und als ich gestern in der Jazzredaktion das erste zwölf Minuten lange Stück des Doppelalbums „Souvenance“ von Anouar Brahem hörte, versuchte ich erst gar nicht, aus dem Staunen herauszukommen. Die Streicher kamen nicht aus Hollywood. Und so ein Cover hat man bei dem Tunesier auch noch nie gesehen: ihn liessen die Unruhen und Gewalttätigkeiten im eigenen Land nicht kalt und scheinen den Stücken eine dunklere Tönung mit auf den Weg zu geben, in der ersten Komposition jedenfalls werden manche Sounds in freier Jazzmanier, von Kontrabass und Blasinstrument, angerissen, kurz in den Raum geworfen: die Violinen besänftigen nicht.


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