Wer heute in diesem Blogtagebuch ein paar Tage „zurückscrollt“, findet diverse Albumcover und ein Foto mit einem sardinischen Likör. Die Spannbreite ist groß: The Notwist sind sowas wie die deutsche Hoffnung in der Nische fantasievoller Popmusik, wobei auch da zuletzt der postmoderne Zettelkasten manche Leerstelle bereithielt. Arthur Russell ist ein Wunderwerk aus Klage- und Lustgesang, aus Cellosong und Tanzbodenmeditation. Rosanne Cash mischt Dunkelheit und Nostalgie: nur so verliert die Erinnerung jede falsche Seligkeit. Bill Callahan serviert ein Zwillingswerk zu seinem Dream River, das neue Cover grellt die Farben auf, Dub-Versionen vertragen halt einen Hauch von Ganja und jamaikanischem Coverkitsch. An Tord Gustavsen scheiden sich die Geister. Mir ist er zu sanftwütig – sie haben richtig gelesen. John Kelman wird die CD lieben, und Joey in seinen alten französischen Film eintauchen. Der bittersüße Likör wird übrigens eiskalt getrunken und am besten mit einem Espresso serviert. Jeder hört dazu die Platte seiner Wahl. Es muss aber nicht Beethoven sein.
Archives: Dienstag, 14. Januar 2014
2014 14 Jan.
Fünf Cover und ein Likör
Michael Engelbrecht | Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 2 Comments
War es wahr oder nur ein verzettelter Traum, in dem der norddeutsche Rocksänger Heinz Rudolf Kunze darauf hinwies, die aktuelle Popmusik könne vom Jazz viel lernen, vor allem von den Norwegern dort oben? So verwegen ist der Gedanke nicht, und so teilt unsereins, den Kunzes Musik nie wieder so ansprach wie auf jener nächtlichen Autobahnrückfahrt, von einem BAP-Konzert im Bremer Aladin kommend Richtung Neue Heimat Hannover, diese Ansicht. Die krautrockige Singersongwriterstimme, zu vernehmen in einem englischen Sender, sang: „Wir leben alle im Erdgeschoss!“ Wunderlich war Jahre später auch eine Begegnung in den Herrenhäuser Gärten, als dort der hier Schreibende – sich mental und emotional in einem französischen Liebesfilm befindend, mit sich selbst in der Hauptrolle und einem blondhaarigen Geschöpf als Objekt des Begehrens – den Klängen folgte, die da tönten: „Dein ist mein ganzes Herz!“ In einem Amphitheater – strahlende Mittagssonne, Mittsommernachtstag – probte der deutsche Barde im Hippielook den Sommernachtstraum. Ein Musiker vom Fjord, an den ich bei Kunzes obenstehenden Hinweis sogleich dachte, ist der norwegische Tord. Bei herbeigesehnten Minusgraden bald und bei beschaulichem Winterwetter wird daheim am Kamin der Tee genossen werden. Im Player wird sich dann Extended Circle drehen, man wird aus dem Fenster schauend eine schwebende Schneeflocke verfolgen und sich idiosynkratisch einwickeln in die kongenialen Klänge des Gustavsenschen Quartetts.
Bargfeld Blues
hier sind nur die Wörter
dort ist Zettels Traum
Schwaden um die Eingangstür
die Fische hört man nicht,
nur das Platschen des Regens
klamm im Haus
das Unterhemd noch warm
auf dem Stuhl
Seifengeruch
die Brille auf der Konsole
beschlagen
Kaffeetasse, Dampf
das Sprachvieh füttern
ausmisten
der Niesel tränkt das Moor
das hüten, wofür es keine Wörter gibt
so viele Wörter, die leer sind, entsorgen
ins Auto steigen, losfahren
