Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

You are currently browsing the blog archives for the day Dienstag, 22. November 2022.

Archives: Dienstag, 22. November 2022

 

 

Was verbindet „Low“, „Marquee Moon“, „The Survivors‘ Suite“, „Transeuropa Express“, „Running On Empty“, „Before And After Science“, „Aja“, „Exodus“ und „Heart Of The Congos“? Nun, diese Alben aus dem Jahr 1977  sind mit der Zeit allesamt „Klassiker“ geworden. Aber wenn man das Bedeutende nicht nur am lauten Presseecho des Zeitgeistes festmacht (und kanonisch orientierten Rückblicken) sondern offen ist für die Ränder, die „far out areas“ der „Zeitgenössischen Musik“ (dieser Begriff verdient einen „Linksruck“, raus aus dem Elitären!), zählen diese beiden Klassealben von Cluster & Eno sowie Brötzmann & Bennink gewiss zu den aussergewöhnlichen Schallplatten jenes Jahres einfach dazu.

Und, wie trefflich, beide Werke öffnen sich für Naturklänge als Inspirationsquelle – die beiden Cover mit den Mikrofonen in der Landschaft sprechen Bände. Die Schubladen, wenn wir sie denn öffnen wollen: Free Jazz und Ambient Music. Aber keines dieser Werke folgte einem Formular, oder den Gesetzen eines Genres: diese „Landschaftsmusiker“ folgten den Geschenken des Augemblicks, liessen sich treiben, drifteten seitwärts, drifteten horizontal, und schufen zwei Alben (für Sky Records und FMP), die ein Fest für offene Ohren sind. Und, um in den Bildern zu bleiben: man sollte die Ohren bei Lauschen so weit aufsperren wie Scheunentore.

Brian Eno tauchte in eine Luftblase, in den sechs Wochen, die er in Forst im Weserbergland erlebte. Pures Hinterland. Brian, das Duo von Cluster, und Michael Rother lebten in einem Bauernhof. „Die Weser war dort ein schneller, fast rasender Fluß. Mir kam er vor wie ein Bild für die ungeheuer schnell verrinnende Zeit. Demgegenüber wirkte das Leben in dem alten Haus noch ruhiger!“ So erzählte es mir Brian Eno vor Jahren, und auch von dem Kunststück, wie aus fast nichts doch noch etwas, und zwar etwas Besonderes, wurde. Die Musik bekam, wenig später, in Conny Plancks Studio nahe Köln zusätzlichen Feinschliff.

“In the spring of 1977, two musicians – Han Bennink and Peter Brötzmann – disappeared into the depths of a German deity named Dark Forest…” So beginnt  David Keenans Text, welcher der herausragenden Foto-Buch-Cd-Edition aus dem Hause Trost Records beiliegt. Naturklanginspiratiomen verbindet man normalerweise eher nocht mit dem einstigen Berliner hard core-Label FMP für freien Jazz (Stichwort „Machine Gun“). Und so wurde diese Reise, die, wie mir Karl Lippegaus erzählte, von seinem ersten Redakteur beim SWF, von Achim Hebgen, auf den Weg gebracht wurde, zu einem Abenteuertrip in den Schwarzwald. Die Edition von Trost umfasst 1000 Exemplare, danach verwandelt sich dieses kleine Gesamtkunstwerk in ein Sammlerstück.

Sollten wenigstens noch gut hundert Exemplare übrig sein, wenn ich am 12. Januar 2023, „meine“ Ausgabe des JazzFacts-Magazins im Deutschlandfunk produziere, werde ich die „Schwarzwaldfahrt“ noch etwas detaillierter vorstellen. Und erklingen lassen. Aber, wie bei allen Abenteuern, sollte man zuvor nicht zuviel verraten. Karl stellt in der Sendung übrigens (das passt doch) eine neue Biografie über das Leben und den Tod von Albert Ayler vor. Es wird, auch das eine Parallele zu diesem beiden „Klassikern der besonderen Art“ 55 Minuten lang, abends um 21.05 Uhr, eine Art „sound trip“ angboten, die den Zuhörer von den meditativen Klängen des Drummers und Komponisten Sebastian Rochford über das archaische Duo der Schwarzwaldfahrer, bis hin zu den Exstasen eines amerikanischen Free Jazz-Pioniers entführt, der im Hudson River zu Tode kam. Safe Journey!

 

2022 22 Nov.

Alles wird gut

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | Comments off

 

 

Dieses Buch ist kein typisches Kochbuch. Zwischen den 207 Rezepten – vom panierten Wiener Nationalgericht bis zum italienischen Bittergemüse, vom dänischen Weihnachtsessen bis zum asiatischen Katerfrühstück – schreibt Christian Seiler eine Kulturgeschichte des Essens und Trinkens. Christian Seiler feiert das Gelungene, mahnt zum Richtigen, lernt aus dem Scheitern. Grund genug für Michael Engelbrecht, nach einem gastronomischen Trip durch diverse Speisestuben des Landes (von massiv überschätzt über klassisch gut, virtuos inszeniert und schlau vermarktet, bis hin zu simpel guter Currywurst und einem Geheimtipp aus dem nördlichen Ruhrgebiet) selbst zum Kochgerät (und Thermomix) zu greifen, und dieses bald erscheinende Buch unter die kulinarische Lupe zu nehmen. Demnächst.

 

2022 22 Nov.

Kathy

| Filed under: Blog | RSS 2.0 | TB | 3 Comments

 


Dss ist nun mal was für Zeitreisende und Abgrundforscher*innen! Aber hallo! Wer war Kathy Acker? Man konnte sie live im CBGB erleben, wo sie ab und an ihre Texte performte. Sie trat auch mit Hüsker Dü auf. Sie hörte den jungen Talking Heads zu und erlebte Tom Verlaines kurzen Höhenflug mit „Television“. Deren Album „Marquee Moon“ habe sie tausend Mal gehört, sagte sie einmal. Kathy Acker war literarische Erbin von William S. Burroughs und Gertrude Stein, Sexarbeiterin, Streberin nach maximaler Unverschämtheit, und wurde 1947 in ein sanftes Leben in Manhattans East Side hineingeboren. 
Wie viele aufgeweckte, sensible Kinder fühlte sich Acker als Fremde und Waise und – trotz gegenteiliger Beweise – als eine der besonders Unterdrückten und Verdammten schlechthin. Sie machte sich daran, sich neu zu erfinden, während sie langsam ein vitales und subversives Werk schuf, das die Grenzen zwischen Fiktion, Lyrik und Sachbüchern verwischte.

Sie, werte Leserin, werter Leser, könnten sich auch fragen, ob das hier alles wahr ist oder komplett erfunden, ein pures Spiel mit mögliche Wirklichkeiten. Und das Cover der Biografie reiner fake. Aber tun wir mal so, alles wäre real. Kathy war also eine Meisterin darin, sich selbst neu zu erfinden. Muss man dazu die Persönlichkeit wechseln, liebe Uschi, oder nur den Habitus, die persona, David Bowie-like? Ja, ja, es kommt darauf an.

Ein Teil ihrer Neuerfindung war physischer Natur. Zum Leidwesen ihres Freundes schnitt sie sich vor der Punk-Ära die Haare ab; sie war stark tätowiert, lange bevor man das im Einkaufszentrum machen lassen konnte; sie war eine frühe Fitnessstudiobesucherin. Sie trug Leder und war stark gepierct. Sie war dünn, ein Ungeheuer, mit dem man rechnen musste. Ein Beobachter sagte, sie sei wie einer der zum Leben erweckten Replikanten aus „Blade Runner“.

Ein Großteil ihrer Neuerfindung war intellektuell. Acker las alles. „Man braucht Gesetze, die Gesetze des Schreibens, damit man sie hassen kann“, schrieb sie 1979. Sie fühlte sich zu Außenseitern wie Jean Genet hingezogen und zu denen, die wie Alain Robbe-Grillet vor dem konventionellen Erzählen zurückschreckten. Sie mochte die Tüftler, die Diebe und die Elstern, und sie verliebte sich in die lustigen Piraten. Zwei ihrer bekanntesten Bücher tragen die Titel „Don Quijote“ und „Die große Erwartung“. Sie hat Cervantes und Dickens wie mit einer Lötlampe zerlegt und sie (irgendwie) wieder aufgebaut. Ihr Don Quijote wird abgetrieben.

 

„Wenn es zwei Dinge gibt, die man aus „Eat Your Mind: The Radical Life and Work of Kathy Acker“, einer klugen und sympathischen, aber knallharten neuen Biografie des Journalisten Jason McBride aus Toronto, gibt, dann sind es diese. Erstens: Literarische Karrieren werden nicht verschenkt – man muss sie sich verdienen, man muss sie sich erarbeiten. Ackers Arbeitsmoral war gigantisch. Arbeit war ihre Religion. Sie schrieb acht Stunden am Tag, unabhängig davon, was in der Nacht zuvor passiert war, und da Acker impulsiv, ungemein attraktiv und sexuell omnivor war, passierte in der Nacht zuvor oft viel. Zweitens: Acker hat von Anfang an über fast alles gelogen oder übertrieben. Sie führt einen Biographen auf eine lustige Verfolgungsjagd. Es gibt zum Beispiel kaum Beweise dafür, dass ihre Mutter (einer von Ackers Romanen trägt den Titel „Meine Mutter: Dämonologie“) das Monster war, als das Acker sie darstellte. Acker sagte einmal: „Ich bin so queer, dass ich nicht einmal schwul bin.“ 


Viele von Ackers frühen Arbeiten wurden im Selbstverlag veröffentlicht. Sie hatte eine Mailingliste und verschickte ihre Arbeiten als Broschüren. Tagsüber schrieb sie, nachts strippte sie, weil sie pleite war. Andere junge Frauen strippten zu Popsongs; Acker bevorzugte Velvet Underground oder Ornette Coleman. Mit einem Freund drehte sie einige Pornofilme. Ein späterer Sexfilm – geschwätzig, kunstvoll, in bröckeligem Schwarzweiß gedreht – ist heute als „The Blue Tape“ bekannt. Er hat ein kompliziertes Nachleben in der Kunstwelt.

Für eine Kerze, die an beiden Enden brannte, wuchs ihr Ruhm langsam, und sie lernte jeden kennen. Fast jeder experimentelle Künstler, Schriftsteller oder Szenemacher der 1980er und 90er Jahre ist hier vertreten. Sie schlief auch mit fast jedem. Acker liebte Sex; er war ihr wichtig. Sie sammelte Liebhaber, sagt ein Freund, so wie andere Menschen Bücher sammeln. Die Aufnahme neuer Liebhaber nährte und beflügelte ihre Arbeit. Sie erkundete sie, als wären sie neue Städte.

Sie mochte S&M und war eine devote Frau. Sie ging ins Fitnessstudio und schockierte die städtischen Fachleute, indem sie ihre blauen Flecken zur Schau stellte. Ein Liebhaber, ein verheirateter Journalist des deutschen Wochenmagazins Der Spiegel, „zwang“ Acker zum Orgasmus, indem er sie von der anderen Seite der Hotellobby anstarrte. Für Acker war der Ort immer hier, die Zeit war immer jetzt. Sie schrieb, während sie masturbierte, und riet ihren Studenten, das Gleiche zu tun. Ein Freund sagte, dass sie beim Sex wie ein Hund bellen würde. Sie bewahrte Dutzende von Stofftieren auf, die erst weggefegt werden mussten, bevor man mit ihr schlafen konnte.

Sie war launisch, hinterließ unerwartete Schürfwunden und eine Menge Menschen. Sie konnte ihre Gefühle im Handumdrehen zurückziehen, und ihre verlassenen Freunde fühlten sich wie Frösche, die von einem Rasenmäher überfahren wurden. Sie wollte so sein, dass niemand sie verletzen konnte, aber das hat sie nie ganz geschafft.

Ackers Liebhabern fiel ebenso wie ihr selbst auf, dass sie eine Menge Leberflecken und Geschwüre am Körper hatte. Einer entpuppte sich als bösartig. Acker beschäftigte sich seit langem mit der Rückführung in die Vergangenheit und dem Lesen von Tarotkarten, und sie widmete eines ihrer Bücher ihrem Astrologen. Wie zu erwarten war, lehnte sie eine Chemotherapie ab. Sie wählte den alternativen Weg und starb 1997 in einer ganzheitlichen Klinik in Tijuana. Hätte sie weiter gelebt, wäre sie  jetzt 75 Jahre alt geworden, so alt wie Paul Auster und Stephen King.  


P.S. Fünfundzwanzig Jahre nach ihrem Tod erlebt Acker eine Wiederauferstehung. Mehrere ihrer Bücher wurden kürzlich als Penguin Classics neu aufgelegt, womit einer ihrer Träume in Erfüllung ging. Das wäre doch mal eine Biographie für ein manafonistisches Parallelleseabenteuer (running gag!). Dieser Text hier hat sich übrigens Kathys Talent zum Plündern zueigen gemacht, und sich mal masslos, mal paraphrasierend, mal nacherzählend, aber stets reflektiert, mit drastischen Kürzungen und persönlichen Erweiterungen, an einer Rezension der New York Times bedient.

 

(Dwight Garner, Michael E.)


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz