Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

You are currently browsing the blog archives for the day Donnerstag, 29. September 2022.

Archives: Donnerstag, 29. September 2022

 
 

Kaum haben die Pioneer und Voyager Sonden den Kuiper-Gürtel durchbrochen und haben unser Sonnensystem verlassen, meldet das Universum den Empfang der vergoldeten Tafel und der bemerkenswerten Schallplatten mit den Best-Forever-Hits unseres Planeten als wahrhaftiges Weltkulturerbe und sendet uns die drei Kuriere der kosmischen Tankstelle durch ein Wurmloch auf diese Welt, um den nächsten Schritt musikalischer Evolution einzuleiten. Sie treten als heller Komet in Erscheinung und reiten auf dem Hyper-Dimensional Expansion Beam. Ihr gleissendes Licht dringt bis in die Unterwelt und lässt sogar die apokalyptischen Reiter erzittern.

 
 

 

 

Als The Comet is Coming schlagen Danalogue, Betamax und Shabaka ein neues Kapitel unklassifizierbarer Musik auf, das (nur vage andeutbar) zwischen afrofuturistischen Soundscapes, minimalistischem Hyperdrive und interstellarem Jazz unduliert, zwischen Musikalischem und Mystischem swingt und in den 11 Instrumentalstücken extrasolare Codes versteckt. Mit Synthesizer, Schlagzeug und Saxophon erweitern sie Ereignisräume, die vor ihnen in vergleichbarer Konsequenz wahrscheinlich nur Can je betreten haben. Stoisch, stakkatoartig treibend mit kurzen repetitiven Phrasen und voller kryptischer Elemente. Damit keine Missverständnisse entstehen haben die Künstler ihre Stücke in Videoclips dann auch gleich noch visualisiert:

 

Code

Technicolor

Lucid Dreamers

Pyramids

 

Innovativ und mit unbändigem Ideenreichtum und vor allem unglaublich intensiv, mal wie Filmmusik zu einem Science Fiction, mal bizarr, wie wenn bei Aftermath eine Shakuhachi zu eigenartigsten synthetischen Klängen aus dem Hyperspace erklingt und schließlich programmatisch mit dem eigenwillig-jazzigen Mystik endet. Ja, The Comet ist Coming und diesmal mit dem Hyper-Dimensional Expansion Beam, der auf der Frequency of Feeling Expansion schwingt und nicht nur das Gefühl, sondern vor allem das Bewusstsein mächtig expandieren lässt. Ein retrofuturistischer Klassiker von Übermorgen. Beam me up!

 
 

 

Chère Uschi,

 

Je n’ai jamais vu ce film, mais je me souviens vaguement de petits livres de poche rouges et noirs de rororo. Il y a quelques années, j’ai lu avec enthousiasme le livre de Sarah Bakewell sur l’existentialisme, un travail remarquable sur la cohabitation de la pensée, de l’histoire, du quotidien et de la fascination. La philosophie y était enlevée de tout ce qui était académique. Et bien sûr, j’ai aussi échoué au Café de Flore. Mais au lieu de faire la connaissance d’une inconnue à couper le souffle, j’ai bu seul, à la mode existentialiste, un chocolat chaud lourd et trop sucré, servi dans un petit pot en argent.

Damals, vor unserer Zeit, sassen sie da, liebten und zankten sich. War Jean Pierre Leaud auch Stammgast, und Truffaut, Godard? Jedenfallls, und noch viel früher, bereitete Jean Paul (nicht der Schreiber des herrlichen Siebenkäs) eine Reise nach Berlin vor, um vor Ort eine neue Richtung der Philosophie zu studieren, die Phänomenologie, die allen in die Irre führenden Geisteskonstruktionen aus dem Weg gehen wollte, indem sie sich auf „Phänomene“ einlässt, statt sie permanent zu hinterfragen.

Tatsächlich hat Sartre nach dieser Zeit, nur wenig überspitzt von Sarah Bakewell in ihrem Buch „At The Existenzialist Cafe“ formuliert, Phänomenologie in eine Philosophie der Aprikosen-Cocktails verwandelt – und der Kellner, die sie servierten. Ebenso eine Philosophie der Erwartung, der Müdigkeit, der Erregung, der Leidenschaft für eine begehrte Geliebte, des Thrills eines Fussballspieles, eines Films oder Jazzsongs – eine Philosophie des momentanen Aufleuchtens, wenn zwei Fremde sich unter einer Strassenlaterne begegnen.

 

 

 

Sartre hat Philosophie gemacht aus Vertigo und Voyeurismus, Scham, Revolution, Musik und Sex. Sehr viel Sex. Ist der Existenzialismus die Auflösung des scharfen, auf Systeme trainierten Nachdenkens, in eine rauschhafte oder detailbesessene Studie der Reichhaltigkeit von Empfindungen? Kann Philosophie stimmungsbesessen sein – „mood philosophy“? So etwas schreit geradezu nach einer Mode – demnach könnte der Existenzialismus einmal schrecklich „in“ gewesen sein, dann wieder „down and out“. Nein, „in“ und „out“ sind ganz schlechte Schubladen, die man am besten „in die Tonne haut“. Alles Sinnliche war im übrigen gekoppelt an das Sein und das Nichts, an die Verantwortung, an die unzähligen Arten, sein Ich neu zu erfunden.

Der Geist – kein Widerspruch – lässt sich auch in tiefer Entspannung schärfen: ich empfehle den Erwerb des auch im Original leicht zu lesenden Buches von Sarah Bakewell oder die deutsche Übersetzung bei C. H. Beck – und nach jedem Kapitel intuitiv eine Musik auszuwählen, um die Lektüre nachwirken zu lassen – bei Existenzialismus liegt der Jazz immer nahe, von Sidney Bechet bis Miles Davis. Nach Kapitel 1, „Sir, What a Horror, Existenzialism!“, kann es durchaus erhellend sein, eines der letzten beiden fantastischen Alben des Carla Bley Trios zu lauschen, „Andando el Tiempo“, oder „Trios“. Und, en passant, was für ein luftig-schwirrendes Umherfliegen der Gedanken in deiner Vorstellung eines Filmes, den ich nie gesehen habe.

 

A bientôt, Michel!

 

Leicht angestaubt, aber durchaus charmant und in gewissem Sinne zeitlos – wie ja auch dem Existenzialismus eine gewisse Zeitlosigkeit anhaftet – präsentiert sich der einzige Film nach einem Drehbuch von Sartre (F, 1947, Jean Delannoy), der sich mit der Tragik in Form des griechischen Dramas, der Freiheit der Wahl und der moralischen Verantwortung des Menschen auseinandersetzt – besetzt mit einer zeitlos hinreissenden Micheline Presle (im August übrigens 100 geworden) – denn Sartre verstand etwas von Frauen und hat sich beim Casting sicher eingemischt, wie man ihn kennt – und einem etwas gegen den Strich besetzt wirkenden jungen Anführer des gegen eine faschistische Regierung oder Besatzung revoltierenden Proletariats, der ständig mit Anzug und Krawatte agiert, opulente Blumensträusse in seiner Bude herumstehen hat und nicht so recht in seine Rolle passen will – man fragt sich ob ihn vielleicht die Simone ausgesucht hat.

Beide agieren etwas somnambul, ist aber bei der Darstellung von Frühverstorbenen durchaus passend. Heute würde man mit Til Schweiger und Hanna Schygulla besetzen, die würden sich dann leicht verpeilt durchs Skript nuscheln. Aber jetzt etwas mehr Ernst und Ehrfurcht: Ich mag diesen Film einfach – er führt in ein altertümlich – verschnörkelt wirkendes beschauliches Städtchen und ein ebenso ausgestattetes fast liebenswertes Jenseits, das eigentlich das Diesseits ist nur dass hier Unsichtbare in altertümlicher Kleidung herumgeistern. Der Reiche ist ein Gangster, der Proletarier aufrecht und integer, die Kapitalistenfrau ist anständig, vornehm, hübsch und bewahrt durchgehend die Contenance. Das Paar, beide wurden ermordet, treffen sich nach ihrem Tod im Jenseits, das in ihrer gewohnten Umgebung angesiedelt ist, nur sind sie unsichtbar. Das Leben ist in der Ober – wie der Unterschicht für die beiden Klassenrepräsentanten gleichermassen gefährlich, offenbar. Sie verlieben sich und erwirken an der Rezeption zum Hades einen Aufschub: Sie dürfen als Paar ins Leben zurückkehren wenn sie es schaffen für 48 Stunden ausschliesslich ihrer Liebe zu leben. Wie das aussehen soll wird nicht näher erläutert.

Ist dieser Film existenzialistisch? Sartre verneinte das – das Paar scheitert an diesem Auftrag, erfüllt somit nicht die Vorgaben des Existenzialismus, dass jeder sein Glück selber schmieden könne und müsse, zu dieser Freiheit verurteilt sei. Somit konterkariert der Film diese Vorgabe, indem er das Paar als nicht für fähig erachtet, diese Freiheit gemäss ihren Wünschen zu nutzen, sondern sie in antiker tragischer Unausweichlichkeit an der gegebenen Freiheit scheitern, den alten Anhaftungen erliegen lässt und es kein neues Leben als Paar gibt. Was sich der Alte wohl dabei gedacht haben mag? Und welche Diskurse er mit seiner Freundin darüber geführt haben mag – die beiden haben sich in dieser Hinsicht ja nichts geschenkt; wie Zeitzeugen zu berichten wissen haben sie im Café de Flore die meiste Zeit gestritten.

 

 

Dabei konnte ich diese pessimistische Lesart des Filmes nie teilen und denke die beiden Verliebten haben sehr wohl den Freiraum genutzt. Ihre Entscheidung, wenngleich auch vielleicht nur „unbewusst“, war das Entscheiden gegen das persönliche bourgeoise Glück contra das Wohl des Kollektivs, das dem Alten auch sehr am Herzen lag. In der Unmenschlichkeit der Natur und der Abwesenheit Gottes obliegt es dem Menschen menschlich zu sein: Pierre kümmert sich um das weitere Schicksal seiner bedrohten Kameraden, Eve versucht ihre kleine Schwester vor den Nachstellungen ihres mörderischen Ehemannes zu schützen, es bleibt keine Zeit, „Liebe zu leben“. Diese Entscheidung ist zutiefst human. Ein tragischer Verzicht: Tragik ist Unausweichlichkeit des Handelns sagte mal jemand über das griechische Drama.

Und hier beisst sich der Determinismus mit dem Existenzialismus: Freiheit der Wahl oder Unentrinnbarkeit des Schicksals? Beides ist hineininterpretierbar. Die Freiheit der Wahl ist eine nur scheinbare, denn als sozial verantwortliche Wesen können Eve und Pierre nicht anders als einzugreifen und Schaden zu verhindern. Hat der Determinismus gesiegt? Traue ich dem findigen Sartre nicht so recht zu. Auch das romantische Motiv des Füreinander – Bestimmtseins fehlt nicht – und wie wenig es nützt wenn dann doch das Schicksal die Kugel rollen lässt. Ein existenzieller Konflikt, geklemmt zwischen zwei philosophische Systeme.

Somit rückt Sartres Aussage in die Nähe der Philosophie seines Freundes (später haben sie sich verzankt) Camus, der die Welt als lediglich absurd empfand. Absurd ist auch die Situation des Paars – sie können es nicht „richtig“ machen.

Und die „freie Entscheidung“ ist angesichts innerer Begrenzungen der menschlichen Natur (von den äusseren mal gar nicht zu reden) ohnehin eine Fiktion und ein Konstrukt privilegierter Bürgersöhne die ihr Leben mit Denken verbringen konnten. Das schmälert aber nicht meine Sympathie für das existenzialistische Gedankengut.

Und das Sein bestimmt das Bewusstsein und selbiges wiederum das Sein. Das sind ohnehin nicht 2 gegenläufige philosophische Maximen sondern – bei Betrachtung der menschlichen Entwicklung – eher ein eternal circle beziehungsweise ein Atommodell, in dem Quantensprünge jederzeit möglich sind, wenn die dazu nötige Energie von aussen zugeführt wird. Damit macht das Leben vermutlich auch mehr Spass.

 

Nicht alles, was von BILD kommt, ist schlecht. Der Fussballtalk der Herren Brügelmann und Reif in „Reif ist Live“ gehört zum gehobenen Sportjournalismus, der Durchblick, Analyse, Humor bestens vereint. Mein Kritikpunkt an Marcel Reif ist, dass er postkapitalistische Strukturen im Fussball als neue und endgültige Fakten hinnimmt. Es hat schon was, wenn Ex-Knacki Hoeness den integren und politisch engagierten Andreas Rettig als „König der Scheinheiligen“ tituliert. Aber es muss ja nicht jemand nur das plappern, was man selbst denkt. Die zwei knapp einstündigen Veranstaltungen pro Woche sind ein feines und kostenfreies Gegenmittel gegen das Überangebot verbissener politischer Fernsehdiskurse. Zuletzt ging es u.a. um den Gegenwind, der dem Trainer von Bayern München derzeit ins Gesicht bläst, und dass manche die Spiele von  Bayern  daheim gegen Leverkusen und auswärts bei meinem BVB für zwei Schicksalsspiele für Herrn Nagelsmann halten. Nun, natürlich, ohne Gewähr, aber mit meinem fussballerischen Sachverstand und meiner verblüffenden Intuition für zeitnahe Entwicklungen in der Bundesliga habe ich hier einiges zu prognostizieren. Nagelsmann bleibt in dieser Saison Trainer von Bayern München, Bayern wird zudem beide Spiele gegen Leverkusen und Dortmund gewinnen, und sich die Herbstmeisterschaft vor den Eisernen und Freiburg sichern, Dortmund wird vor der WM in Katar nur Fünfter oder Sechster sein (riesiges Verletzungspech!), und obendrein am Wochenende in Köln wieder mal patzen – am Ende der Saison wird Leipzig auf den Champion League Plätzen landen. Freiburg, Union, der BVB und Gladbach werden um die zwei verbleibenden Plätze für den lukrativsten Wettbewerb rangeln, Bayern wird nicht nur Herbst-, sondern auch Deutscher Meister. Welche Überraschung. Urs Fischer wird zum Trainer des Jahres gewählt, „The nice surprises of the season“ sind die erstarkte Borussia aus Gladbach (ihr neuer Trainer Daniel Farke ist ein Fuchs, ein exzellentes Interview findet sich in der aktuellen Ausgabe  von „11 Freunde“), die Top-Leistungen von Union und Freiburg, und der problemlose Klassenerhalt der Bremer (wo auch Füllkrug und Duksch bald wieder das Runde ins Eckige befördern werden). Wenn sie aufgrund meiner Vorhersehungen bei den Wettbörsen zuschlagen, wäre es nur fair, mir im nachhinein zehn Prozent Provision zukommen zu lassen.

 

A propos Sport und Politik: Dänemark will bei der WM (20. November bis 18. Dezember) unter anderem in ganz in Schwarz gehaltenen Trikots auflaufen und damit ein Zeichen gegen die Ausbeutung von Arbeitern und die Menschenrechtsverletzungen setzen. Auf den Shirts sind das Markenzeichen des Ausrüsters und das Verbandsemblem nur auf den zweiten Blick erkennbar. „Wir wollen nicht sichtbar sein bei einem Turnier, das Tausende Menschen das Leben gekostet hat“, hieß es dazu von Morten Lund von Ausrüster „Hummel“. Gute Aktion, aber sie werden das leider nicht durchziehen können. Hierüber würde ich trefflich mit Marcel Reif streiten.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz