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Archives: Sonntag, 18. September 2022

Es ist schon einige Zeit her, dass ich mich erstmals in die Welt der MAD MEN und der Werbeagentur Sterling Cooper in der Madison Avenue in New York begeben habe. Damals habe ich mir für die sieben Staffeln, die sich über die gesamte Dekade der 1960er Jahre und bis November 1970 hinziehen, viel Zeit genommen: das Büroleben, Intrigen, Familiengeschichten, vor allem aber „cloud of mystery“ Don Draper, die Fassetten seiner Persönlichkeit, die Art seiner Intelligenz und wie er scheinbar mühelos alles in Magie verwandelt. Nun habe ich die letzte Staffel in wenigen Tagen durchlaufen lassen, eine kleine Retrospektive, immer noch eine faszinierende Erfahrung. Und es sind dieselben Stellen wie beim ersten Mal, die mich staunen und innehalten lassen, dieselben Bilder und Dialoge. Die Staffel beginnt mit dem Vorschlag für einen umwerfenden Werbefilm für Acuton Armbanduhren, vorgetragen von Freddy, einem Freiberufler, hinter dem der freigestellte Don steckt. Ein junger Mann mit Koteletten in Besprechungsraum eines Büros, eigentlich gelangweilt, aber die Uhr gibt ihm Identität; ein Kollege spricht ihn darauf an. Es endet mit dem Pitch: „Acuton. It’s not a time piece. It’s a conversation piece.“ Und viel später Peggy, die Don auffordert, ihr zu erklären, wie er denkt, und dann gemeinsam mit ihm eine verbesserte Fassung ihres Werbefilms für Burger Chef entwickelt. Nicht mehr anknüpfen am schlechten Gewissen der Mütter, die kein Abendessen zubereiten, sondern die Vorzüge von Burger Chef im Vergleich zum Zuhause betonen: a clean, well-lighted place (Hemingway), and every table is the family table. Ohne Fernseher in Reichweite. Don Draper, der das Fenster seines Hochhausbürozimmers berührt. Zum ersten und einzigen Mal hören wir den Wind, wie er um die Betonblocks zieht. Und plötzlich die Vögel wahrnehmen, wie sie ihre Bahnen suchen. Der letzte Dialog zwischen Don und Roger, in dem Don gesteht, er habe Roger immer darum benieden, dass er es nicht für nötig befunden habe, etwas zu erreichen. Eine andere Ausfahrt ansteuern, die Flucht, die kalifornische Wüste, gefangen in einem Yoga- und Selbsterfahrungs-Retreat. Spätestens hier wird mir bewusst, dass es viel zu viele Studioszenen gab: Endlich aufatmen in einem realen Raum. Don ruft Peggy an, sie fordert ihn auf, zurückzukommen ins Büro, nach Hause, wie sie sagt, die Werbestrategie für Coca Cola entwickeln. Don erklärt ihr in ein paar Sätzen, wie vernichtend er über sein Leben denkt. Er hat nur angerufen, um sich bei ihr zu verabschieden. Am nächsten Morgen eine Yogasitzung in kleiner Gruppe am Rand des Pazifik. The new day brings new hope. Lives we’ve lead, the lives we get to lead, a new day, new ideas, a new you. Don im Lotossitz, Hände auf den Knien. Er stimmt ein in den Ruf des „Om“, lächelt, mit geschlossenen Augen. Die Serie könnte jetzt zu Ende sein, es folgt jedoch etwas Irritierendes: eine Werbung für Coca Cola, die aus einem Fernsehbildschirm ausgestrahlt wird. Eine Gruppe von vielleicht hundert Personen aus der ganzen Welt stehen auf einer Wiese und singen. Jeder hat eine Flasche Cola in der Hand. Völlig unterschiedliche und eher normale Menschen. Es könnte die Nachbarin dabei sein oder man selbst. Der Songtext ist ziemlich genial, bringt die Stimmung Anfang der 1970er Jahre auf den Punkt und ist ganz unironisch gemeint: „I’d like to buy the world a coke / and keep it company. // It’s the real thing / what the world wants today.“ Die Schnittstelle zwischen dem lächelnden, ruhigen Don und dem Werbespot ist der rätselhafteste Schnitt der Serie. Warum endet die Serie so und vom wem stammt die Werbung, in der Serie gedacht? (Es ist eine original Coca Cola Werbung.) Immerhin ist die Werbeagentur McCann Erickson mit der Coca Cola Werbung beauftragt. Hat Peggy den Spot mit ihrem Team entwickelt? Don gegenüber hatte sie als ihr Berufsziel angegeben, einen Pitch zu entwickeln, der ein Klassiker wird. Oder ist es eine Idee von Don? Ihm zugefallen im Moment seiner Yogaübung? Ist es nicht eine Idee, die man eher an der Kalifornischen Küste als in einem New Yorker Bürozimmer entwickeln kann? Ist es eine Idee, die umgesetzt wird (der Spot läuft im Fernsehen) oder stellt sich Don nur vor, dass der Film im Fernsehen läuft? Kehrt er nach New York in die Werbefirma zurück? Oder teilt er seine Idee mit Peggy, und sie setzt sie um? Matthias Weinert, Hauptautor und Produzent der Serie, sagte im Audiokommentar, die letzte Minute von MAD MEN hätte für viel Diskussionsstoff gesorgt. Genau das macht den Reiz dieses Schnittes aus.


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