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Archives: Freitag, 1. Juli 2022

 

Die gute alte Tante Filmkritik hatte einst eine erzieherische Pflicht. Es galt, Spreu und Weizen zu trennen, und dem Publikum zu erzählen, ob das jeweilige Zelluloid sehenswert ist, erbaulich, oder verpulverte Zeit. Die Seele hebend, oder abgrundtief verstörend. Nun, Überraschung, es gibt Filme, die sind abgrundtief verstörend, und können doch (auf etwas andere Art), „die Seele heben“ – abseits von Seelenbalsam, Streicheleinheit und Sonnenlicht. Mehr im Sinne von: wenn man in den Abgrund blickt, glotzt nicht immer der Abgrund zurück, Freund Friederich. Also hier die forsche Ermunterung, sich ggf. tollkühn auf eine Reise ans Ende der Nacht einzulassen, aber nur, wenn Ihnen der Sinn prinzipiell nicht nach Suizid steht. Erschütterung, Subdepressves, Alpträume, Schlaflosigkeit und anderes nicht so Nettes, das mag hier als Nebenwirkung aufgelistet sein, nach dem Erleben oder Erleiden des Films „Annihilation“ (Netflix!), „Auslöschung“. Dann aber wieder gibt es die harten Hündinnen und Hunde, die dieses Meisterstück staunend erleben. Mit den Schatten tanzen. Diese Seltsam-Faszinierten begegnen sich hinterher (wenn sie das alles haben etwas sacken lassen) und sprechen über Texturen, doppelte Böden, Traditionen des Unheimlichen, über George Romero, Filmmusik („Slowly lumbering its way toward us is a dissonant, bursting synth melody, bathed in an astringent of distortion and flutter that ultimately moans with blasts of decaying horror“) – und darüber, dass Kino bedeuten kann, dem Tod bei der Arbeit zuzusehen. Das wusste schon Jean Luc. Nun aber auf, auf – werfen Sie eine Münze, setzen sie den Film auf die Watchliste, oder sagen lapidar „Sonst geht‘s gut!“ Ein einfacher „Trick“: Sie können jederzeit aussteigen! Wie konnte ich dieses Opus magnum, dieses Stück zeitgenössische Kinogeschichte, nur verpassen vor Jahren!? Aber jetzt, bald dann, früher oder später, eine von guten alten Tanten und Onkels befreite Filmkritik! Vier Augen sehen mehr als zwei, und die Nacht hat tausend Augen! 

 

Kirsten hatte es raus. Und ihre Eltern auch. Als Malte dort ein und aus ging, früh in den Siebziger Jahren, war er der ideale Schwiegersohn in spe, und nach dem Abendessen musste in ihrem Zimmer nicht mal das Schloss umgedreht werden. Es war Maltes erste Freundin, bei welcher der Sex so dazu gehörte wie Cat Stevens und die Beatles in mono auf dem Plattenteller. Ein langer Sommer, der tief Luft holte und eindampfte auf jene postkoitale Glücklichkeit, wenn er – danach – an der Haltestelle stand und sanft umrauscht auf den letzten Bus in den Süden der Stadt wartete. Malte war nicht sonderlich verliebt, aber Kirsten hatte es raus, ihre eigenen Orgasmus geschickt zu verzögern und ihm die „Squeeze“-Technik beizubringen. Malte fühlte sich wie in einem erotischen Trainingscamp, und das konnte ihm nur guttun – er bereitete sich vor, endlich das Mädel zu treffen, bei der „body and soul“ eins sein würden. Er würde ein gutes Quantum Erfahrung mitbringen, ein paar Kniffs, und nicht mehr der romantische Depp sein, der Luftlöcher in Lagerfeuer stiert und unter der Dusche Angie von den Stones singt. Der Sommer bewegte sich nur träge auf den September zu, und die Dinge schienen alltäglicher zu werden. Der Sex war zärtlich, mit einem Hauch von Versuch und Irrtum, und jeder konnte spüren, dass hier nichts auf Ewigkeit gepolt war. Das Ende hatte allerdings einen besonderen Dreh. Als Kisten in Berlin war, lernte sie einen weitaus erfahreneren jungen Mann kennen, und daheim im Ruhrgebiet, kündigte sie sich bei Malte telefonisch an, ungewöhnlich genug. Nicht mehr in der Poppelsdorfer Strasse, deren Namen Anlass für allerlei Heiterkeit war, sondern im Jugendzimmer von Malte, das noch Jahre zuvor als Kinderzimmer durchging. Wild things run fast, aber mit der Wendung, die dieser Abend nahm, hatte Malte nicht gerechnet. Es war noch nicht lange her, da las er bei spärlichem Nachtlicht Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“, und als es eines Nachts blitzte und donnerte und wilder Regen niederging, sah der junge Malte hinter den Ritzen der Jalouisen ein wildes Geflacker, das die Lithographien der Taschenbuchausgabe seltsam lebendig werden liess – ein schönes Staunen und Erschauern. Kirsten zeigte ihm ein Bild ihres neuen Freundes, und dass es nun vorbei sein mit ihrer Liebelei. Sie trug schwarze Stiefel, und überhaupt glänzte ihr Gesicht. So hatte er sie noch nie gesehen, ihre blonden Haare, brilliant gelockt, verströmten die Aura einer elektrisierten Wildnis, und Malte wurde durchflutet wie nie zuvor bei ihren abendlichen Stelldicheins. Er sank vor ihr nieder, und bat sie, ihn zu nehmen, er werde folgsam sein und ihr dienen. Wo immer diese Ergebenheitsbekundungen herkamen, sie kamen nicht aus einem Schulmädchenreport, nicht aus einem Artikel in der Bravo, nicht aus den seltsamen Launen der Geilheit. Sie kamen von einem tiefen inneren Ort, den ein Schriftsteller mal „das innere Afrika“ nannte. Kirsten schloss die Tür hinter sich und ging.


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