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Archives: Sonntag, 3. Juli 2022

2022 3 Juli

Vorspiel mit Reitgerte

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Um der Magie des Films „The Duke Of Burgundy“ gerecht zu werden, kann es sehr interessant, eine lohnende Variante, sein, auf Begrifflichkeiten wie „Sado“ und  „Maso“ und „Gequälte“ und „Quälerin“ zu verzichten. Diese Termini allein behindern das unvoreingenommene Einlassen auf die erzählte Geschichte. Weil sie so negativ konnotiert sind im Alltagsgebrauch. Als ich einst eine Geliebte hatte, die aktiv bei Amnesty International war, kam ich nicht so weit mit meinen, reiner Lust, Verliebtsein, munterer Experimentierfreude, entsprungenen Vorstössen, sie möge mir, bitte, Fesseln anlegen – zu schnell dachte sie an Folter, Unterwerfung, Misshandlung, wo mir nur der Sinn nach Hingabe und „Unterwerfung“ (der betörenden Sorte) stand. Der Sprache von BDSM entkommt man insofern nicht, als der Film auf der Klaviatur dieser speziellen, erotischen Erfahrungswelten spielt: es gibt Truhen, in denen frau über Nacht eingesperrt wird (mit Codewort); Toiletten, die es ohne Rückenverrenkungen erlauben, dem goldenen Strahl der Geliebten ausgeliefert zu sein (als Bestrafung) – solche Truhen und Toiletten gehören nicht zum Mainstream unserer Inneneinrichtungen. Sprache reguliert, selektiert, zensiert. Schaut man sich diesen Film an, ohne vorab in den Widerstand zu gehen („weil man so komische Sachen darüber gelesen hat“), begegnet man, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, einer sinnlich berauschenden, zugleich interessant inszenierten,  Liebesgeschichte (eine mit einem Knackpunkt, und einem offenen Ende). Eine Analytikerin braucht keine der beiden, Cynthia aber gewiss einen Chiropraktiker. Alles weitere dazu im August, wenn ich in einem Strandkorb sitze, und der Text mit dem vorläufigen Arbeitstitel „Die berauschte und entrauschte Cynthia“ seine verwegene Gestalt annimmt –  Wörter wie „Erniedrigung“ und „Qual“ werden sich darin eher nicht finden. „Lass uns leben, das Etikett kleben wir später drauf“, sagte mir die atemraubende Petra in Kiel, tief im letzten Jahrhundert, als wir, mit einem unglaublichen élan vital und gespielter Ernsthaftigkeit, in einem seriösen Geschäft für Pferdesportfreunde, nach einer perfekten Reitgerte Ausschau hielten, und uns fachlich beraten liessen. Hernach lachten wir Tränen (ein Festival der Situationskomik), doch bald schon brach die Nacht herein, sie zündete ein paar Kerzen an, und wir betraten eine andere Welt.

Ich war vielleicht 15 oder 16, als ich in der Volkshochschule einen Vortrag besuchte, in dem ein Asienreisender (der auch Heilpraktiker war, mindestens), von seinen Erlebnissen berichtete und irgendwann eine Platte auflegte, die ihn sehr verzaubert habe im fernen Osten – und auch wir Zuhörer gerieten bald in den Bann der „Music For Zen Meditation“ (eine berühmte Scheibe, manche sehen vielleicht die hellen Blautöne des Covers vor sich, mit einem ruhenden Buddha). Buddha ruhte immer, was sollte ein Mann mit seiner Philosophie auch sonst machen.

Ganz unruhig wurde meine Wenigkeit allerdings, als ich Monate später einen gemeinen allergischen Asthmaanfall bekam, nur noch nach Luft japste, der Hausarzt unerreichbar, die Stunde spät, der Krankenwagen eine Option, und dann doch ausgerechnet jener asienkundige Heilprakiker, der ganz in der Nähe unseres Hauses seine Praxis hatte, herbeieilte, und mir, in meiner Erinnerung, Cortison spritzte, nah am Herzen, worauf sich die Bronchien bald entspannten. Da er über alternative Methoden verfügte, war ich bald in seiner Praxis, und er startete eine Kur mit dem Spritzen von Rinderblut.

Als ich dann,  auf die zweite Spritze wartend,  in seinem durchgrünten Wartezimmer hockte, öffnete sich die Tür des Behandlungszimmers, und eine hinreissend schöne Inderin rief mich in den Behandlungsraum. Der Asienmann hatte schon bei dem Vortrag erzählt, dass er in Delhi seine Lebensgefährtin gefunden habe, und irgendwie schien mein Rinderblutspezialist bei seinen Trips in dem fernen Osten der reinste Glückskeks gewesen zu sein.

Die Frau war an die Einmeterfünfunachtzig gross, schlank, rank, dunkelstes Braun, und unbeschreiblich. Sie sah eher aus wie eine Indianerin, auch wenn sich das so seltsam anhört wie die Sache mit dem Rinderblut. Sie sprach auch ganz gut deutsch. Freundlich wies sie mich an meinen Po freizumachen, und verabreichte mir die Spritze, sanft und gefühlvoll.

Und dann – nichts. Ich war ergriffen, legte mich auf das warme Sommergras, fuhr an der Einstichstelle entlang, sie nahm mein Gesicht in ihre Hände, sie kam mit ihrem Mund nah an meinen, leckte mit ihrer Zungen in unendlicher Langsamkeit über meine Lippen … Als das Bild verschwamm, döste ich hinweg, und wie betrunken legte ich nach dem Erwachen in meinem Teenagerzimmer „Music For Zen Meditation“ auf. Was sollte ich auch sonst tun? Samsara und Samsalabim. Eine Alternative waren die Monkees und „Daydream Believer“. Die Sache mit der Inderin hatte in meinem Leben ein ausgedehntes Vorspiel, in Form eines Serientraums, der sich schätzungsweise 200 mal wiederholte, zwischen dem 5. und 7. Lebensjahr, immerzu in der gleichen Konfiguration, endlos erfüllend. Unvergessliche Wirkungstreffer der Kindheit. Initiationen.


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