Manafonistas

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2022 1 Jul

Der kurze Rausch am Ende eines langen Sommers

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | 4 Comments

Kirsten hatte es raus. Und ihre Eltern auch. Als Malte dort ein und aus ging, früh in den Siebziger Jahren, war er der ideale Schwiegersohn in spe, und nach dem Abendessen musste in ihrem Zimmer nicht mal das Schloss umgedreht werden. Es war Maltes erste Freundin, bei welcher der Sex so dazu gehörte wie Cat Stevens und die Beatles in mono auf dem Plattenteller. Ein langer Sommer, der tief Luft holte und eindampfte auf jene postkoitale Glücklichkeit, wenn er – danach – an der Haltestelle stand und sanft umrauscht auf den letzten Bus in den Süden der Stadt wartete. Malte war nicht sonderlich verliebt, aber Kirsten hatte es raus, ihre eigenen Orgasmus geschickt zu verzögern und ihm die „Squeeze“-Technik beizubringen. Malte fühlte sich wie in einem erotischen Trainingscamp, und das konnte ihm nur guttun – er bereitete sich vor, endlich das Mädel zu treffen, bei der „body and soul“ eins sein würden. Er würde ein gutes Quantum Erfahrung mitbringen, ein paar Kniffs, und nicht mehr der romantische Depp sein, der Luftlöcher in Lagerfeuer stiert und unter der Dusche Angie von den Stones singt. Der Sommer bewegte sich nur träge auf den September zu, und die Dinge schienen alltäglicher zu werden. Der Sex war zärtlich, mit einem Hauch von Versuch und Irrtum, und jeder konnte spüren, dass hier nichts auf Ewigkeit gepolt war. Das Ende hatte allerdings einen besonderen Dreh. Als Kisten in Berlin war, lernte sie einen weitaus erfahreneren jungen Mann kennen, und daheim im Ruhrgebiet, kündigte sie sich bei Malte telefonisch an, ungewöhnlich genug. Nicht mehr in der Poppelsdorfer Strasse, deren Namen Anlass für allerlei Heiterkeit war, sondern im Jugendzimmer von Malte, das noch Jahre zuvor als Kinderzimmer durchging. Wild things run fast, aber mit der Wendung, die dieser Abend nahm, hatte Malte nicht gerechnet. Es war noch nicht lange her, da las er bei spärlichem Nachtlicht Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“, und als es eines Nachts blitzte und donnerte und wilder Regen niederging, sah der junge Malte hinter den Ritzen der Jalouisen ein wildes Geflacker, das die Lithographien der Taschenbuchausgabe seltsam lebendig werden liess – ein schönes Staunen und Erschauern. Kirsten zeigte ihm ein Bild ihres neuen Freundes, und dass es nun vorbei sein mit ihrer Liebelei. Sie trug schwarze Stiefel, und überhaupt glänzte ihr Gesicht. So hatte er sie noch nie gesehen, ihre blonden Haare, brilliant gelockt, verströmten die Aura einer elektrisierten Wildnis, und Malte wurde durchflutet wie nie zuvor bei ihren abendlichen Stelldicheins. Er sank vor ihr nieder, und bat sie, ihn zu nehmen, er werde folgsam sein und ihr dienen. Wo immer diese Ergebenheitsbekundungen herkamen, sie kamen nicht aus einem Schulmädchenreport, nicht aus einem Artikel in der Bravo, nicht aus den seltsamen Launen der Geilheit. Sie kamen von einem tiefen inneren Ort, den ein Schriftsteller mal „das innere Afrika“ nannte. Kirsten schloss die Tür hinter sich und ging.

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4 Comments

  1. Sylvia vom S. Lesekreis:

    Was für eine luftig erzählte Sommergeschichte. Und wahrscheinlich ist Malte Michael :)

  2. Michael Engelbrecht:

    Es gibt ja sog. Schlüsselerlebnisse, die dir etwas ganz deutlich machen. Und das war so eine. Vom jungen Malte :)

  3. Sandra F.:

    Fabelhaft poetisch und alltäglich!

  4. Jörg R.:

    Gefällt mir …

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