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Archives: Sonntag, 19. Juni 2022

So, endlich. Nach wochenlangem Abtauchen in Robert Fripps Schatztruhe „Exposures“ ist nun die Story fertig. Keineswegs zuende erzählt, aber lesefertig. In unserer Kolumne „Time Travel“.  Bis Ende August. Keine Besprechung im herkömmlichen Sinn. Eher das, was ich vor Jahren  zu Brian Enos Album „The Ship“ veranstaltete, mit  „Braveheart“ Ian. Wir nannten es damals „A review and a story“. Nur dass wir die Rahmengeschichte in eine ferne Zukunft verlegten. Hier geht es definitiv ans Ende der Siebziger,  an den Anfang der Achtziger Jahre. Safe Journey! (Uschi weiss, dass alle hier vorkommenden Personen real sind, zumindest die, die in Würzburg damals studierten. Und all dies wäre wohl nie so erzählt worden, hätte mein alter Weggefährte Uwe Z. nicht vor Wochen die erste King Crimson-Cd in den Player eingeschoben, auf dem Weg zum Blaubergsee, tief im nördlichen Bayerischen Wald.)

„Mai 1980. Wir waren im Hinterland angekommen,  und vom Hinterland fühlte ich mich von früh an angezogen. Gerne hohe Wellen, gerne wildes Grau, gerne grüne Wiesen, Auen, Almen. Der Name der Sehnsucht hatte vorzugsweise einem weiblichen Vornamen. Die  Brünette, die ich an einem Bach, nah des Dorfes, um einen Kuss bat, frech wie ich war, und die retournierte: „Macht ihr Landeier das so?“ „Ich bin kein Landei. Ich bin der letzte Romantiker  des Internationalen Studentenhauses zu Würzburg.“ „Guter Versuch, Schätzchen.“ Netter Korb. Hippie baggert Punk an – „es wird böse enden“. Ed und ich gingen nach zwei Gläsern Bier in einem „zünftigen“ Wirtshaus in die Scheune, und es gab dort eines dieser Konzerte, das ich nie vergessen würde: „Robert Fripp & The League of Gentlemen.“

 

 

Manchmal braucht es nur einen einzigen Ton, und schon ist man drin in der Erinnerung, in einem Moment aus längst vergangener Zeit. Man riecht, was man damals gerochen hat, spürt, was man damals gespürt hat, fühlt, was man damals gefühlt hat. Melancholie. Wehmut. Hoffnung? Mit dem ersten Tastenschlag von Keith Jarretts „The Melody At Night With You“ bin ich wieder da, in einem schwülen, verschwitzten Juniabend Anfang der Nullerjahre. Die Luft schmeckt salzig, über den Bildschirm flimmert Sebastian Schippers „Absolute Giganten“ auf Videokassette. Raus aus der Ära des deutschen Blödel- und Depressionskinos.  Ein Film über Freundschaft und Verlust, über das Ende der Kindheit auch. Da ist diese Szene, kurz vor Schluss: Frank Gierings Floyd erzählt während der stillen Fahrt im Ford Granada von der ersten Sache, an die er sich erinnern kann. Im Hintergrund läuft Sophias „Reprise / Cresdendo“, und auch das beginnt mit so einem alles entrückenden Tastenschlag. Ich fühlte mich in diesem Film zuhause, wie man sich nur in einem Film zuhause fühlen kann, der recht albern beginnt und dann nicht mehr vom Haken lässt. Und der mit dem anderen Frühwerk eines spannenden Regisseurs, „Y Tu Mama Tambien“, besonders eins gemeinsam hat: Musik, die einen Riss erhält. Schlüsseltöne. Impacts! (Eine gekürzte Fassung dieses Texts erschien vor zwei Jahren auf dem Blog, der Titel: „The breaking moment“.)

Rückblende 2016: 14 Hamburger Programmkinos zeigen einen Tag lang einen Film: „Absolute Giganten“ . Wäre ich in Hamburg aufgewachsen, hätte ich dort einige bekannte Gesichter gesehen. Die Lichtspieltheater (eines meiner zehn deutschen Lieblingswörter) waren rappelvoll, wen wundert’s. Nach so einem Film wäre man auch mit Wildfremden ins Gespräch gekommen. Und jetzt noch eine Ankündigung, bei der manche Insider des Blogs kurz zucken.

Rückblende 1975: In einer weiteren Folge dieser kleinen Reihe erinnere ich an Wim Wenders‘ „Falsche Bewegung“, das auf einem Drehbuch von einem gewissen Peter Handke basiert. (Ich ahne es, der Text wird mich 500 „follower“ kosten.) Der Film kam am 14. März 1975, meinem 20.  Geburtstag, ins Kino. Fürs Protokoll: Ich war schon immer der Meinung, dass Wenders einen der durchweg am wenigsten erotischen Blicke im Kino hat – ungeachtet der etwas gruseligen Erotisierung einer damals 14-jährigen Nastassja Kinski. Nun gut, wie wir heutzutage immer öfter zu sagen scheinen, es waren die 70er Jahre –  Fassbinders gesammelte Ödnis, Frau Trottas „bleierne Zeit“, etliche krachende Monster der Langeweile, hochgejubelt von leicht schwermütigen Filmkritikern – und doch für viele (von uns) ganz wunderbare Jahre.


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