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Archives: Mittwoch, 22. Juni 2022

Den ungeheuren Vorwurf des ukrainischen Botschafters Melnyk, dass sich die Ukrainer von den Deutschen nicht willkommen geheißen fühlen, hat nun Peter Sloterdijk entschieden öffentlich zurückgewiesen. Auch aus meinem Umfeld kann ich berichten, dass die aufgenommenen Ukrainer dankbar sind und sich aufgenommen fühlen.

Die französische Philosophin Barbara Cassin hat ein Buch zu diesem Thema vorgelegt. NOSTALGIE. Es beschäftigt sich mit der Frage: Wann sind wir wirklich Zuhause? Sie definiert Nostalgie mit den deutschen Wörtern „Heimweh“ und „Sehnsucht“. Heimweh ist der Wunsch zurückzukehren. Sehnsucht ist das Begehren, der Trieb, überall und nirgends zuhause zu sein. „Ein solcher Trieb kann Philosophie nur sein, wenn wir, die philosophieren, überall nicht zuhause sind. Überall zu Hause sein heißt: jederzeit und zumal im Ganzen sein.“ (Heidegger / S. 99)

Barbara Cassin schreibt über Hannah Arendt, dass trotz wechselnder Wohnorte in verschiedenen Ländern, Arendt immer auf die deutsche Sprache geachtet hat. Sie verstand sie als ihr Zuhause.

Das lesenswerte Buch endet mit der schon erwähnten Frage: „Wann sind wir wirklich zuhause? Wenn wir selbst, unsere Nächsten und unsere Sprache willkommen sind.“

 

2022 22 Juni

„The Sylt Loneliness Treatment“ (remix)

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Auf dem Weg zum nördlichsten Punkt des Landes stoppten mich, es ist nun auch schon länger her, ein paar Schafe auf dem holprigen Weg, die aber nichts am Fluss der Gedanken änderten. Ich liess ihnen alle Zeit der Welt und dachte über die Umstände des Suizids von Ulrich Wildgruber nach, dessen Leiche vor Ewigkeiten morgens am Strand von Westerland gefunden wurde. Ich hatte ihn, etliche Jahre zuvor, in dem Film „Die Hamburger Krankheit“ gesehen, in dem die BRD von einer todbringenden Seuche heimgesucht wurde. Am Vorabend war mir der Tod des Schauspielers zum ersten Mal durch den Kopf gegangen, als ich allein in einer Sauna am Meer war und später im Stockdunklen ins Wasser ging, aber nicht weit, aus Respekt vor den Buhnenresten. Schliesslich trotteten die Schafe dahin, wohin sie gehörten, auf ihre Weide, und ich fuhr weiter, schön langsam.

Das Radio blieb, während meiner Tage auf der Insel, weitgehend aus dem Spiel, aber in diesem Moment hatte ich das dringende Bedürfnis, irgendeinen alten, gut abgehangenen Song zu hören. Ich zappte mich durch die Sender, und, hey, da war er, ein „fucking golden oldie“, und ein altmodischer Schauer des Glücks durchfuhr mich. „Sunny Afternoon“. Wir haben das schon auf dem Schulhof gesungen. Ich sang die paar Zeilen lauthals mit, die mir besonders gern im Kopf rumschwirren. Und ich imitierte die absteigende Basslinie.

 

 

 

 

 

 

Selten habe ich in einer Radiostunde langsamer gesprochen, zumindest stellenweise. Das war die Zeit des ersten knallharten Lockdowns, und nachdem ich zuvor auf Lanzarote schon in den Mauern der Hotelanlage bleiben musste, besorgte ich mir nun über die Pressereferentin der Kieler Landesregierung (mir der ich bis heute Krimitipps austausche) eine Akkreditierung für eine Inselreportage. Unvergessen der kauzige Polizist, der in Hörnum jeden Fremden in Empfang nahm, bevor der Blaue Autozug bestiegen werdem konnte. Zu dem Zeitpunkt mussten auch alle Zweitwohnungsbesitzer Sylt verlassen. Als ich da einmal eine frende blonde Frau traf, auf einem Parkplatz, sie in ihrem Sportwagen, ich ein meinem Toyata, kurbelten wir die Scheiben runter, und wir wechselten Worte miteinander geradezu wie alte Freunde am Ende der Welt. 

 

 

 

 

Gestern fiel mir die neue HörZu in die Hände,  mit einer Coverstory über die Lieblingsinsel der Deutschen, und ich konnte an dem Luftbild so ungefähr erkennen, wo ich mich in jenen Tagen  rumgetrieben hatte. Was ich erlebte, war eine kleine Sylter „Gespenstergeschichte“, und alles, was ich erzähle, ist wirklich passiert. Aus Braderup machte ich Brederup, so what! Wenn man so seltsam allein über eine ansonsten hypertouristische Trauminsel stromert, werden manche Dinge von allein etwas dunkler, und in die Reportage des Aussen spielt immerzu das Innen hinein. Die Zeitzonen verschieben sich. Auch die Räume. (Eine kleine mp3-Aufzeichnung. Alles live, deshalb die kleinen Pausen, wenn etwas nicht gleich anspringt  wie es sollte, und ab und zu liess ich dem Reden freien Lauf, verliess die Notizen und das Skript. Dass es nachts Räume gibt, solche Stimmungen entstehen zu lassen, weg von den genormten Empfindsamkeitsstandards, rechne ich dem Deutschlandfunk hoch an.)

2022 22 Juni

Yunchan Lim – 18 years old

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magnificent understanding and presentation of the musical structure / wonderful rhythmic precision and intuition for timing / crystal clear transparency in voice leading /unpretentious, though ardent playing

 

I would not understand the world if this incredible talent did NOT graduate into the class of the very best pianists of all time.

 

 

 

 

Listening to Lim’s performances is a festival for the many aficionados of the music of Couperin, Bach, Mozart, Beethoven, Liszt, Chopin, Scriabin and Rachmaninov who write for this blog and stop in as readers and, of course, for lovers of heavenly piano playing. I welcome the fact that Russian (and Belarusian) artists are NOT excluded from participation in the Van Cliburn Competition 2022.

 

Consider the history of the Cliburn Competition. In 1958 Van Cliburn was the winner of the First International Tchaikovsky Competition, Moscow. At the height of the Cold War this was a sensation and there were those who saw it as a factor in easing tensions between the West and the Soviet Union. Since 1962 the Van Cliburn International Piano Competition has been held every four years in Fort Worth, Texas in his honour. A friend of mine (Benedikt Koehlen) was a participant in the Second Van Cliburn Competition in 1966. He got the 6th prize. The 1966 Gold Medal winner was Radu Lupu, who passed away in April this year. The 5th prize was dedicated to Rudolf Buchbinder at that time. I find it strange that the Cliburn Competition has dismissed extremely few Award Winners of world fame. Lupu & Buchbinder are almost the only ones.

„Daß das, was die Menschen vereint, wesenhafter ist als die von den engherzig machtgierigen, ein Blutbad nicht scheuenden Politikern aufgebauten Trennungsmauern, hatte der junge Amerikaner aus Texas schon in Moskau bei der Wiedergabe von Tschaikowskis b-moll-Konzert, der russischsten aller russischen Musik, bewiesen. […] In Riga stand man von 2 Uhr nachts an Schlange, um eine Konzertkarte zu erobern. ‚Dieser Künstler enthebt uns des Elends, bringt uns Licht und Freiheit‘, meldete ein Brief aus meiner Heimatstadt.“

(aus Zenta Mauriņa, Ein Botschafter guten Willens – Van Cliburn)

 

On 19 April 2022, World Federation of International Music Competitions decided with an overwhelming majority of member votes to exclude the International Tchaikovsky Competition from its membership with immediate effect due to „Russia´s brutal war and humanitarian atrocities in Ukraine“.

Until now a sentence like the following (to reduce contradictions in world history) was not to be found for me in the WWW:

On 19 April 2003, World Federation of International Music Competitions decided with an overwhelming majority of member votes, to exclude the International Cliburn Competition from its membership with immediate effect due to „US America’s brutal war in Iraq launched without an explicit mandate from the UN Security Council“.

One should not repay similar with similar.

 

 

DLF
Der Van Cliburn Klavierwettbewerb – Ein Ultramarathon des Virtuosen

In der Süddeutschen Zeitung wurde bis dato nicht vom International Van Cliburn Piano Competition 2022 berichtet. Naja, die Süddeutsche ist schließlich nur ein oberbayrisches Regionalblatt (meinte einst Obama).

 


GOLD MEDAL
Yunchan Lim – South Korea

SILVER MEDAL
Anna Geniushene – Russia

BRONZE MEDAL
Dmytro Choni – Ukraine

Where the 6 finalists came from:
2 Russia / 1 Ukraine / 1 Belarus / 1 USA / 1 South Korea


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