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Archives: Kritik

„Pascal avait son gouffre, avec lui se mouvant.
— Hélas! tout est abîme, — action, désir, rêve,
Parole! Et sur mon poil qui tout droit se relève
Mainte fois de la Peur je sens passer le vent.“

(aus dem Gedicht „Le Gouffre“, von Charles Baudelaire)

 

1

 

Ich bin für einige Tage in einem kleinen Hotel nahe Lyon, wo ich u.a. alte Interviews vom Band transkribiere, Gespräche mit David Torn, Michael Naura und David Darling. Ausserdem gefällt es mir, in die französische Sprache einzutauchen und mit meinem alten Schulfranzösisch, einem dicken Wörterbuch (Deutsch-Französisch), und einer hilfreichen Hand, eine kleine Besprechung zu Brian Enos „The Ship“ zu schreiben. Für den französischen Text erhalte ich 1500 Euro. Einen kleinen Teil davon investiere ich in die Rückübersetzung ins Deutsche. (Und all das ist zu diesem Zeitpunkt bereits passiert. Mein besonderer Dank geht an Chantal Aubry, und den Redakteur einer französischen Zeitschrift.)

Solch herausragende Werke wie „The Ship“ ziehen normalerweise ein gespaltenes Echo nach sich, weil sich eine jüngere Generation eifriger Musikjournalisten gerne an Altmeistern reibt und abgrenzt, um einem neuen Ideal von „cool“ das Wort zu reden – und der Name „Brian Eno“ allein ein ganzes Arsenal einfältiger Klischees produziert, von „Godfather of Ambient“, bis „Professor Pop“.

Womöglich sind nun bald auch einige schnell dabei, das Konzept des „Konzeptalbums“ als antiquiert zu bezeichnen, und ein Werk, das es sich auf die verblichenen Fahnen geschrieben habe, vom Untergang der „Titanic“ und den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges inspiriert zu sein, wohl etwas grosspurig und mit „progambienter“ Attitüde auftrete, aufwallend und weihevoll.

 

2

 

Nun, meine Damen und Herren, das ist alles Mumpitz. Was Sie Ende April in Händen halten, wenn sie sich für die CD oder die Vinylausgabe von „The Ship“ entscheiden, ist nichts weiter als ein zukünftiger Klassiker, obwohl ich niemanden kenne, der vehementer gegen die Kanonisierung von Kunstwerken eintritt als Eno selbst. Doch steht „The Ship“ selbst in seiner umfangreichen Diskographie einzigartig da: noch nie wurde von ihm die Liedform so radikal dekonstruiert, so beiläufig von herkömmlichen Chorus- und Refrain-Strukturen befreit. Elektronische Klangsäulen, stabil und flüchtig, punktieren den leeren Raum. Zu Anfang. Eine archaische Szenerie, ein Weitwinkelblick ins Nirgendwo, anzusiedeln zwischen „Music  For Airports“ und „Lux“. 

Der Sänger (der insbesondere als Chronist laufender, unendlich trauriger Ereignisse in Erscheinung tritt) bewegt sich, in einer raren Balance aus stoischer Ruhe und Melancholie, in den Tieftonarealen seiner Stimme, mitunter umgeben von Stimmengetaumel, Nachrichtenfetzen, und anderen Bruchstücken angeschlagener, bald verendender Lautmeldungen.

Ein moderner griechischer Chor nach der Selbstauflösung, dem alle Kohärenz (und sowieso alle Götter) abhanden gekommen ist, der sich nur noch aus verstreuten Tonaufzeichnungen speist – ein Theater der Stimmen, ein Theater der Geister: „… and so the dismal work is done” / “the empty eyes, the end begun” / “there’s no-one rowing any more, abandoned far from any shore …“

In der zweiten Grosskomposition „Fickle Sun (i) ist Enos Gesang bewegter, er scheint sich in alte Traditionen britischer Folkmusik versenkt zu haben und „channelt“ Gesänge, deren Quellen bis ins tiefe Northumbria reichen könnten. Eno und ein „sea shanty“? Oft hat es ihn aufs offene Meer getrieben: „The Radio is silent / so are we“, hiess es einst in „Julie With …“

 

3

 

Aber zurück zu „Fickle Sun (i)“: das Tempo des Gesangs bleibt gemässigt, die emotionale Wucht unterschwellig. Für das Drama sorgt die komponierte Musik, die Landschaft ringsum um die Stimme, ringsums Stimmengewirr. Wenn Sie es noch nicht geahnt haben, werter Leser, handelt es sich bei „The Ship“ um ein zeitgenössisches Lamento. In manchen Passagen ist die Musik sternenlos und bibelschwarz.

Aber nicht alles ist immenser Raum, Totenstille und Verkündung: in „Fickle Sun (i)“ taucht plötzlich, wie aus dem Nichts (man hat schon vergessen, dass es dieses Instrument überhaupt gibt, ein Effekt von Amnesie in tiefer Trance), und nur für etliche Sekunden, eine elektrische Gitarre auf, mit schlicht verstörender Dissonanz: ein Hörer könnte da leicht aus dem imaginären Sessel fallen, als hätte ein Blitz in der Nähe eingeschlagen.

Im gleichen, siebzehn Minuten langen Stück (ich verrate die Stelle nicht) zieht sich die Stille einmal verdächtig zusammen (man möge sich daran erinnern, das Atmen nicht zu vergessen), um dann zu explodieren, in einem nach Blasinstrumenten klingenden Horrormotiv TA TAA TAAA TAA TAAA TAAA TAA, das, lautmalerisch in Buchstaben verwandelt, immer etwas lächerlich wirkt, in der Dunkelheit gehört (und bitte hören Sie das Album in gut verdunkelten Räumen!) eine beträchtliche Erschütterung auslöst, jenseits von Hollywoods Soundtrackschmieden. Eno, der Expressionist.

 

4

 

Nach diesem akustischen Stromstössen irrt der Lauschende durch einen Stimmen- und Gesangspark  irrlichternder Wortfetzen, gekrümmter Vokalisen und Gemurmel aus dem Off, der einem seine Ohren spitzenden Scott Walker ein Lächeln auf ansonsten ernste Gesichtszüge zaubern würde.

Es beginnt „Fickle Sun (ii)“, eine Gedichtrezitation, die alle falsche Erhabenheit meidet, und dessen weit ausholender Wortpool erst einmal durch den „Markov Chain Generator“ gejagt wurde: in diesem Zufallsgenerator werden diverse Textquellen wild verrührt (lassen Sie sich ruhig verwirren!) – eine ordnende Hand sorgt für die letzte Fassung. Die Kunst dieses Textes besteht darin, dass der Hörer aus jeder linearen Logik katapultiert wird, und abwechselnd einen zweiten und dritten Weg ums eigene Gehirn erprobt. Weh dem, der hier nach der Bedeutung fragt. Alle Semantik erschliesst sich unter der Haut.

In der Tradition vieler Alben des englischen Klangkünstlers ist das letzte Stück vor allem der sanften Entropie zugedacht, dem offenen Horizont, der unheimlichen Sehnsucht – meisterhaft, wie ein neuer Ohrwurm für die Jukebox ihres Vertrauens, interpretiert Brian Eno den alten Velvet Underground-Song „Set Me Free“ (aus der Feder von Lou Reed). Aber auch da geht es zu keinem Moment um eine allseitige Beruhigung und billige Katharsis – es bleiben ein doppelter Boden und eine Falltür.


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